Zwischen Realität und Anspruch
– die Frau in Italien

Sie ist eine typisch italienische Mama, so wie man sie sich vorstellt. Wir wollen sie mal Amalia nennen, sie ist 56 Jahre alt, rundlich, gemütlich, und sie steht mit Leidenschaft in der Küche. Schon morgens bereitet sie den Pastateig, köchelt die Bolognese, hackt das Basilikum fürs Pesto, brät die Auberginenscheiben für die Parmigiana. Denn außer ihrem Mann Rodolfo wird auch Gilberto, ihr Sohn, zum Mittagessen nach Hause kommen, und beide bringen einen ordentlichen Hunger mit. Dann gibt es ein Menü mit drei Gängen, und zum Abend natürlich auch. Amalia arbeitet nicht, sie ist eine Hausfrau mit Leib und Seele.
Gilberto ist 32 Jahre alt, aber er ist unverheiratet und wohnt noch zu Hause. Er ist einer der vielen „bamboccioni“, der „Nesthocker“, nichts ungewöhnliches in Italien, wo die Hälfte der 18 bis 39jährigen noch mit den Eltern zusammen wohnt. Der Grund dafür ist vielfach Bequemlichkeit, aber auch finanzielle Probleme stecken dahinter, denn 60 % der arbeitslosen Italiener sind unter 30. Gilberto freilich hat andere Gründe, denn er arbeitet in der Stadtverwaltung und verdient ein leidliches Auskommen. Doch auf die regelmäßigen köstlichen Mahlzeiten, auf das gemachte Bett und den geordneten Haushalt möchte er nicht verzichten. Eine Frau hat er noch nicht gefunden. Jedenfalls keine, die ihm diesen Service bieten würde. Denn die jungen Italienerinnen sind gebildet und stellen andere Erwartungen an ihr Leben als noch ihre Mütter. Mehr als 40 % der Italienerinnen stehen heute im Erwerbsleben. Dass ist zwar weniger als im europäischen Durchschnitt, doch ist der Trend gerade bei den jungen Frauen nicht mehr aufzuhalten.
Gilbertos Schwester Aurelia ist vor zwei Jahren zu Hause ausgezogen. Sie ist jetzt 30 Jahre alt, und auch sie hätte das bequeme Elternhaus wohl kaum verlassen, wenn sie nicht mit ihrem langjährigen Freund Romano in einer anderen Stadt zusammengezogen wäre. Die beiden leben ohne Trauschein zusammen, ein Umstand, der im konservativen Italien noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Die althergebrachten Strukturen sitzen noch fest in den Köpfen und besonders im Süden Italiens fällt es den Menschen schwer, sich mit neuen Lebensweisen anzufreunden. Dazu trägt auch die Kirche bei, die die Frauen am liebsten eingebunden in die drei berühmten K – Kinder, Küche, Kirche – sieht und dies auch immer wieder predigt. Und im erzkatholischen Italien haben die Worte des Klerus noch immer entscheidendes Gewicht. So tut sich die Emanzipation auch noch deutlich schwer. Berufstätige, unabhängige Frauen werden mit Argwohn betrachtet, wer ohne Trauschein mit einem Partner zusammenlebt oder gar ein nichteheliches Kind hat, der hat einen schweren Stand.
Aurelia und ihr Partner haben noch keine Kinder. Das liegt daran, dass Aurelia berufstätig ist. Ihr Job als Journalistin macht ihr Spaß, obwohl sie weiß, dass sie rund 200 € weniger für Ihre Arbeit bekommt als ihre männlichen Kollegen. Dass Frauen spürbar weniger als Männer verdienen, ist in Italien üblich, trotzdem sind die meisten Frauen mit der Situation zufrieden. Würde Aurelia aber schwanger, so müsste sie Ihren Arbeitsplatz aufgeben. So steht es in ihrem Arbeitsvertrag, und auch das ist in Italien nicht ungewöhnlich. Außerdem wird die Zeit des Mutterschutzes nicht auf die Rente angerechnet. Wenn sie diese Probleme nicht hätte und ein Kind bekommen würde, so stünde sie gleich vor dem nächsten Problem: Wenn sie ihren Beruf weiter ausüben möchte, dann braucht sie eine Betreuung für ihr Kind. Die Oma ist zwar nicht berufstätig, aber sie wohnt weit weg. Das Klischee der italienischen Großfamilie, in der die Generationen sich gegenseitig unterstützen, ist vielerorts längst Geschichte. Der Staat baut aber noch immer auf die alten Muster und agiert gegenüber dem Privatleben der Bürger nach dem Motto, so wenig Staat wie möglich. Deshalb gibt es fast keine Krippenplätze in Italien und auch viel zu wenig Kindergartenplätze. Aurelia und ihr Partner müssten also das Geld für ein rumänisches oder ein philippinisches Kindermädchen aufbringen, was bei den hohen Miet- und Lebenshaltungskosten nicht zu bewerkstelligen ist. Kein Wunder also, dass Italien mit seiner Geburtenrate im europäischen Vergleich ganz unten rangiert.
Wenn man nun weiß, dass den jungen Italienerinnen ihre berufliche Unabhängigkeit vielfach wichtiger ist, als Kinder zu bekommen, dann schaut man sich natürlich um und fragt sich, wie die Karrieren der Frauen verlaufen. Der Prozentsatz der Studentinnen steigt beständig, und es sind vorwiegend Frauen, die innerhalb der Regelstudienzeit fertig werden. Frauen üben immer qualifiziertere Tätigkeiten aus, doch findet man sie selten in Führungspositionen. Nur etwa ein Zehntel der Abgeordneten ist weiblich. Auch in Italien wird deshalb über eine Frauenquote diskutiert, erstaunlicherweise sind es aber ausgerechnet Frauen selbst, die ihr Fortkommen boykottieren. So folgte die rechtspopulistische Lega Nord der verordneten Frauenquote bei einer Kommunalwahl, doch nach erfolgter Wahl traten alle gewählten Frauen geschlossen zurück um Männern Platz zu machen.
Die Italienerin steckt in einer Zwickmühle. Einerseits möchte sie sich emanzipieren und ein selbstbestimmtes Leben führen. Andererseits verbreiten die Medien seit Jahren in Italien ein chauvinistisches Frauenbild. Denn die bedeutenden Medien Italiens gehören Silvio Berlusconi, dessen bizarres Frauenbild ja dank seiner öffentlichkeitswirksamen Privatpartys und ungenierten Macho-Sprüche wohlbekannt ist. Und so sieht der italienische Fernsehzuschauer ältliche, faltenreiche Moderatoren im Maßanzug, um die sich lächelnd blutjunge, langbeinige, devote Schönheiten scharen, deren wesentlicher Beitrag zu Sendung darin besteht, möglichst wenig bekleidet zu sein. Diese Stripclub-Ästhetik zieht sich programmatisch durch das gesamte italienische Fernsehen, so fallen selbst in die Jahre gekommene seriöse Nachrichtenmoderatorinnen durch stark vergrößerte Brüste und grotesk aufgespritzte Lippen auf. Das Frauenbild, dass hier propagiert wird, sitzt dank beständiger Wiederholung tief in den Köpfen: Sie muss hübsch aussehen und ein Dummchen sein. Da hilft es wenig, wenn Intellektuelle dagegen aufbegehren und damit argumentieren, dass auch der Mann durch dieses Frauenbild zum hirnlosen, triebgesteuerten Blödmann degradiert wird.
Sehr eindrucksvolle und erschreckende Bilder zu diesem Thema liefert der 25-Minuten-Film "Il corpore delle donne - der Körper der Frauen" von Lorella Zanardo und Marco Maldi
Auch die wenigen Frauen, die in Italien eine politische Karriere erreichen, spiegeln gerne das Sexhäschenbild der Italiener. Wer erinnert sich nicht an Ilona Staller, die sich den Künstlernamen „Cicciolina“ – zu vergleichen mit „Schnuckelchen“ – gab und als Pornodarstellerin Karriere machte. Im Anschluss an diese Berufslaufbahn saß sie fünf Jahre lang im römischen Parlament. Und ganz in dieser Tradition machte Berlusconi eine Frau ausgerechnet zu seiner Gleichstellungsbeauftragten, die vorher als Nacktmodel posiert hatte und im Fernsehen ihren Rock weit genug nach oben gleiten ließ, damit man sehen konnte, dass sie darunter nichts trug. Selbst seriöse Frauen scheinen vor der Allmacht dieses Frauenbildes zu kapitulieren: Die ehemalige Parlamentspräsidentin Irene Pivetti, die stets durch geradlinigen Konservatismus und strenge Kleidung auffiel, die gegen Sex vor der Ehe und Abtreibungen wetterte, moderiert heute in knappem Lederoutfit eine Schönheits-OP-Show…
Zwischen der Mama in der Küche, über viele Jahrzehnte das unumstrittene, von allen respektierte Familienoberhaupt, dem sich selbst der gestrenge Papa letztendlich beugte, und dem sexy Mäuschen im Fernsehen, zwischen Heiliger und Hure, fällt es den Italienerinnen schwer, den Weg zu einem modernen Frauenbild zu finden. Denn hierzu bedarf es auch einer Veränderung der italienischen Männer, deren Macho-Gehabe die Gesellschaft noch immer prägt. Zwar sind Männer und Frauen formal gleichgestellt. Seit 1963 dürfen Frauen im öffentlichen Dienst tätig sein, seit 1968 werden Ehebrecherinnen nicht mehr zu Haftstrafen verurteilt. Seit 1970 kann man sich in Italien scheiden lassen, seit 1978 ist die Abtreibung mit Fristenregelung erlaubt, seit 1996 gilt eine Vergewaltigung als Vergehen gegen die Frau und nicht mehr lediglich als eines gegen die öffentliche Moral. Frauen, die den Vornamen „Maria“ tragen, dürfen allerdings in Italien nicht als Prostituierte tätig werden… Seit den 90ger Jahren gibt es in Italien eine staatliche Gleichstellungspolitik, Gender Mainstreaming ist aber in der öffentlichen Diskussion noch immer kein Thema.
Kehren wir noch einmal zurück zu Amalia, Rodolfo und Gilberto. Nach dem Abendessen blättert Rodolfo noch im „Corriere della Sera“. Ein Artikel beschäftigt sich mit den „bamboccioni“, den Nesthockern. Minister Brunetta, der einräumt, selbst erst mit 30 das Elternhaus verlassen zu haben, hat den Vorschlag gemacht, erwachsenen Kindern, die zu Hause ausziehen, eine monatliche Prämie von 200 bis 500 € zu zahlen. Natürlich hat der italienische Staat hierfür kein Geld, deshalb sollen zur Finanzierung kurzerhand die Renten gekürzt werden. Rodolfo schüttelt den Kopf, erreicht er doch selbst im nächsten Jahr das Rentenalter. Weniger Geld? Nein, dann behält er lieber seinen Sohn im Kinderzimmer!
von Almut Irmscher
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