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Zwischen Genie und Wahnsinn: Gabriele d´Annunzio

Wie kaum jemand zu seiner Zeit hat er die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen, er war Dichter, Soldat, Flieger, leidenschaftlicher Sammler und Demagoge: Gabriele d´Annunzio. Er ist der Hauptvertreter der Neuromantik und Dekadenzdichtung Italiens und im Kreise seines exzentrischen Künstlerzirkels eines der eindringlichsten und schrillsten Phänomene der vorletzten Jahrhundertwende.

Gabriele d´Annunzio wird am 12. März 1863 in Pescara als Sohn eines wohlhabenden Landbesitzers geboren. Seine Mutter entstammt einer ländlichen Aristokratenfamilie, durch sie lernt er das kultivierte Milieu kennen. Seine Heimat in den Abruzzen ist eine von altertümlichen Riten und Aberglauben geprägte Region, in der der Mythos lebt. Der Vater, der als tyrannische Persönlichkeit geschildert wird, fördert die musischen Neigungen seines zarten und sensiblen Sohnes mit einer elitären Ausbildung. Von diesem Hintergrund geprägt zeigt d´Annunzio schon früh seine Neigung zur Poesie: Als 16-jähriger Schüler veröffentlicht er sein lyrisches Debüt „Primo vere“, welches Kritiker dazu veranlasst, ihn als den lang erwarteten neuen Dichter Italiens zu feiern. Seine schrille Persönlichkeit zeigt sich bereits jetzt, denn den Verkauf der zweiten Auflage fördert er dadurch, dass er das Gerücht in die Welt setzt, er sei bei einem Reitunfall tödlich verunglückt. Ihm ist die Selbstinszenierung in die Wiege gelegt, doch erweist er sich auch schon früh als geschickter Vertreter seiner wirtschaftlichen Interessen.

Mit seinem zweiten Gedichtband Canto Novo (1882) führt er die Romantik als neuen Stil in die Poesie Italiens ein. Die Gedichte preisen die Sinnlichkeit und sind von einer elitären Sprache geprägt, die die italienische Lyrik fortan beeinflussen wird.

Die Romane, Novellen, Gedichte und Dramen, die d´Annunzio während seines Lebens verfasst, sind voller Ästhetik, Dekadenz, Mysterien, Pathos, Heroentum, Tragik und spiegeln den Eindruck, den Nietzsche, Schopenhauer, Dostojewski, Tolstoj und Wagner auf ihn ausübten, wider. Er hat eine außergewöhnliche Begabung, Emotionen wortgewaltig und virtuos wiederzugeben. Ihn kennzeichnet eine unermüdliche Arbeitswut, die ihn wahrscheinlich zum produktivsten Lyriker und Schriftsteller der Geschichte werden lässt.

1883 heiratet d´Annunzio die Gräfin Maria Hardouin di Gallese, aus der Ehe gehen drei Kinder hervor. 1889 wird er zum Militärdienst verpflichtet und geht zum Kavallerieregiment in Alessandria. Als Erbe aus dieser Zeit behält er eine Malariaerkrankung, die ihn für den Rest seines Lebens begleitet.

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst verlässt er seine Frau. Er schmückt sich in der Folge gerne mit Geliebten, besonders sticht seine Affäre mit der weltberühmten Schauspielerin Eleonora Duse von 1897 bis 1903 hervor, die sein Werk stark beeinflusst und ihn zum Theater bringt. Beide schließen eine Art Pakt, um Italien ein nationales Theater nach dem Vorbild Wagners zu geben. Der Duse widmet d´Annunzios einige Stücke, unter anderem die Tragödie La Gioconda. Sein Roman Il Fuoco ist ein schonungsloser, autobiografischer Bericht über die Beziehung der beiden. Eleonora Duse wird die einzige Geliebte d´Annunzios bleiben, die nicht in Wahnsinn oder Elend endet.

Doch zu d´Annunzios Plattform der Selbstdarstellung gehört auch die politische Bühne. 1897 tritt er als Abgeordneter der Konservativen dem Parlament bei, um 1900 während einer hitzigen Debatte demonstrativ zu den Sozialisten zu wechseln. Er entwickelt sich weiter zum radikalen Nationalisten, Imperialisten und Wortführer der antidemokratischen Rechten.

Im Sommer 1909 landet der Dichter, der einen grellroten Fiorentina-Sportwagen fährt, als Verkehrsrowdy vor Gericht. Hier rechtfertigt er sein rüpelhaftes Verhalten damit, dass er nicht er selbst sei, würde er sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen und Verkehrsregeln halten.

Sein pompöser Lebensstil degeneriert mehr und mehr zu einem wüsten Spektakel, er gebärdet sich wie ein Renaissancefürst und umgibt sich schließlich mit 20 Dienern, 36 Hunden und 31 Pferden. Das bleibt nicht ohne Folgen, er muss Italien 1910 auf der Flucht vor seinen Gläubigern verlassen und verbringt fünf Jahre in Paris, wo er sich in entsprechenden Künstlerzirkeln umtreibt. Er arbeitet mit Giovanni Pastrone an dessen Film Cabiria und entwickelt mit diesem erstmals die bewegliche Kameraführung. Gemeinsam mit Claude Debussy schafft er das Mysterienspiel „Le Martyre“.

Er begeistert sich für die Idee des Ersten Weltkrieges, in dem er die große Zukunftschance der lateinischen Rasse sieht, und wirbt energisch für den Beitritt Italiens zum Krieg. Er will den Kampf der lateinischen Länder gegen die „barbarischen“ Germanen: „Die neue Welt kann nur auf den Trümmern des Germanentums entstehen“. Mit dem Eintritt Italiens in den Krieg erhält er die Möglichkeit, nach Italien zurück zu kehren. In Rom begeistert er die Massen und tritt dann selbst in die Armee ein, wo er sich durch tollkühne Aktionen hervortut. Er fliegt mit einem klapprigen Doppeldecker nach Triest, wo er antiösterreichische Flugblätter abwirft. Bei einer Notwasserung verliert er sein rechtes Auge. Am 9. August 1918 initiiert er eine Flugblattaktion des italienischen Bombengeschwaders über Wien. Als Kriegsberichterstatter von der Front schafft er es, Tod und Verwüstung zum Kriegskult zu stilisieren.

Enttäuscht von der als schnöde empfundenen Behandlung Italiens in den Versailler Verträgen entwickelt er das Schlagwort vom „verstümmelten Sieg“, denn Italien muss auf die Vorherrschaft an der Adria verzichten. Er besetzt am 12. September 1919 mit einer Freischärlertruppe handstreichartig das dalmatinische Fiume (heute Rijeka) und behauptet sich über ein Jahr lang als Kommandant der Stadt, bis Rom nach Abschluss des Rapallo-Vertrages zwischen Italien und Jugoslawien seinen Abzug fordert. Zwar glaubt d´Annunzio nicht an die Ernsthaftigkeit dieses Verlangens, wird aber eines Besseren belehrt, als die Regierung in Rom am Heiligabend 1920 den Regierungspalast durch das Schlachtschiff Andrea Doria bombardieren lässt. D´Annunzio gibt auf.

Während dieser Jahre ist sein dichterischer Ruhm ins Kultische gewachsen. D´Annunzio propagiert den Übermenschen, zu dem er sich selbst stilisiert, er erhebt sich zum direkten Erben Wagners. Die Eckpfeiler seiner Philosophie sind die Verachtung der Massenseele und die Glorifizierung des Heroen, die Bewahrung der lateinischen Kultur, die Ästhetisierung des Daseins auf dem Weg in eine glänzende Zukunft. Kein Wunder, dass diese Geisteshaltung eine Männerfreundschaft wachsen lässt: Benito Mussolini wird zum Duzfreund des von ihm hochgeschätzten, schillernden Dichters, gemeinsam agitieren sie für eine Machtübernahme der Faschisten.

Doch d´Annunzio ist ausgebrannt. Seine Abhängigkeit von der Fliegerdroge Kokain, die er spätestens seit dem Weltkrieg hat, ruiniert ihn zunehmend körperlich. Enttäuscht zieht er sich in eine Villa bei Gardone Riviera am Gardasee zurück, in der er die Stilisierung seines Lebens inszeniert. Das Anwesen tauft er „Il Vittoriale degli Italiani“.

Er lässt sich vom faschistischen Staat feiern und finanzieren. Manisch sammelt er Erinnerungsstücke, er baut eine Bibliothek mit 33.000 Bänden auf. Mit einer wahren Ausstattungsarie an Innendekorationen macht er die Villa zur Kultstätte. Ihren riesigen Park gestaltet er zum musealen Themenpark. So lässt er das Flugzeug aufstellen, mit dem er über Wien war, das Schlachtschiff „Puglia“, dass er sich von der Marine schenken lässt, sowie ein Torpedoboot. Er errichtet ein Amphitheater mit Blick über den Gardasee und stattet ein Kriegsmuseum aus. Der Direktor des Monumentalkomplexes, der heute Museum ist, sagt, dass er über acht Millionen Ausstellungsstücke archiviert hat.

Weihnachten 1923 vermacht d´Annunzio mit großer theatralischer Geste das Vittoriale dem italienischen Staat und Volk. Am 15. März 1924 wird d´Annunzio auf Vorschlag Mussolinis von König Vittorio Emanuele III mit dem Titel eines „Fürsten von Nevoso“ geadelt. Mussolini erklärt das Vittoriale zum Nationaldenkmal.

Der Dichterfürst jedoch führt sein extravagantes Leben umgeben von illustrer Gesellschaft im Vittoriale fort. Geplagt von Malaria und Kokainsucht altert er. Am 1. März 1938 stirbt er, am Schreibtisch in seiner Villa sitzend, an einer Gehirnblutung. Er wird im Mausoleum auf dem „Heldenhügel“ des Vittoriale beigesetzt, zusammen mit Sarkophagen der Legionäre von Fiume.

Das Vittoriale am Gardasee zählt heute zu den meistbesuchten Museen Italiens.

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