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Zu Gast bei der Wölfin –

 

Prostitution im Alten Rom

„La bambina – NO!!“ oder so ähnlich fauchte der Aufseher mit wichtiger Mine vor der unscheinbaren Türe in Pompeji. „Hier darfst du nicht rein“, verdeutlichte mein Vater beschwichtigend. Ich war 13 Jahre alt und zum ersten Mal in Pompeji. Weil ich mich aber schon seit zwei Jahren mit dem Erlernen der lateinischen Sprache herumplagte und mich daher leidlich oft mit der Antike hatte beschäftigen müssen, war ich fasziniert von diesem Besuch und – entgegen aller jugendlichen Null-Bock-Haltung gegen Unternehmungen der Eltern – hoch interessiert. Warum ich nun ausgerechnet hier nicht hinein dürfte, ärgerte mich. Ich wollte schließlich alles sehen! „Nun, äh…“, druckste meine Mutter herum. „Hier handelt es sich um ein Bordell“, dozierte mein Vater. „Darin gibt es Bilder, die für Kinder nicht geeignet sind, deshalb hast du keinen Zutritt“. Sprach´s und verschwand hinter der unscheinbaren Tür, während meine Mutter und ich – verdutzt - draußen auf dem Straßenpflaster zurückblieben.

Heute ist das kürzlich für 400 000 € restaurierte Lupanar des Africanus in Pompeji für jedermann zugänglich, trotz der teils recht deftigen und eindeutigen Darstellungen an den Wänden. Die Römer pflegten allgemein einen lockeren Umgang mit der Pornografie. Darstellungen von Sexspielen finden sich ganz selbstverständlich in den Schlafzimmern der Villen, die der gesellschaftlichen Crème Pompejis gehörten. Und weil Pompeji nach dem Ausbruch des Vesuv unter Bims und Asche fast zwei Jahrtausende lang konserviert blieb, während anderenorts die Pracht des Alten Rom zu Schutt und Asche zerfiel, finden wir hier noch wunderbar erhaltene römische Fresken. Es ist aber davon auszugehen, dass solche Bilder im ganzen römischen Reich verbreitet waren, wie auch die sogenannten Lupanare, die Bordelle, allerorts anzufinden waren.

Der Phallus galt den alten Römern nicht nur als sexuelles Symbol, sondern auch als schutzbringendes Amulett, das vor dem „Bösen Blick“ bewahren sollte. Deshalb – und nicht aus sexuellen Motiven - findet man ihn an den Eingängen zahlreicher Häuser. Er diente als Zierde an Nutzgegenständen, so fand man zwei Bronzefigürchen mit riesigen Phalli, die als Halterungen für Salzfässchen bei Tisch dienten. Figürchen mit erigiertem Glied, an dem ein Glöckchen befestigt war, sollten in Läden für gute Geschäfte sorgen. In Pompeji – und sicher auch anderenorts – diente er, ins Pflaster eingelassen und diesmal mit eindeutig sexuellem Hintergrund, als Wegweiser zum Lupanar.

An einer Straßenecke gelegen, hatte das Eros-Center Pompejis zwei Eingänge, die in einen Flur mit Zugang zu fünf kleinen, fensterlosen Kammern führten. Vermutlich wurde gleich hier im Voraus der fällige Sold an den Aufseher entrichtet. Bilder an den Wänden priesen die Vorzüge und speziellen Angebote der einzelnen Damen, sodass der Freier hier eine schnelle Wahl treffen konnte. In warmen Tönen gehalten zeigten die einfach gemalten Fresken verlockende erotische Szenen auf bequem gepolsterten Liegen, in mit Girlanden geschmückten Räumen räkeln sich verführerisch willige Schönheiten mit lasziven Gesten. Schillernde Erotik-Werbung, die mit der nüchternen Realität des Lupanars aber wohl eher wenig zu tun hatte.

Die Vollzugskammern nämlich waren wenig einladend: schmucklos, zwei Quadratmeter groß, ein gemauertes Bett an der einen Seite, auf das eine Matratze gelegt wurde, zum Flur hin mit einer Holztür oder auch nur einem Vorhang verschlossen, ansonsten klein, eng und ohne Frischluft – eine muffige, düstere und rußgeschwängerte Zelle ohne jede Bequemlichkeit, die zum Verweilen anregen könnte. Vom Flur führt eine Treppe, unter der sich eine Latrine befindet, in die erste Etage, wo fünf weitere, ein wenig größere, aber nicht minder schäbige Kammern die Kundschaft erwarteten. Vermutlich dienten in diesen die etwas kostspieligeren Damen. Alles in allem zeigt das Freudenhaus ein ziemlich trostloses Ambiente, es ist nicht gerade ein Luxuspuff. Und tatsächlich dienten Häuser wie das Lupanar in Pompeji der schnellen und vor allem auch billigen Triebabfuhr, Fließbandbefriedigung im Zehnminutentakt.

Der übliche Preis für einen einfachen Beischlaf betrug 2 Asse, das entsprach dem Gegenwert eines halben Liters Wein oder zweier Brote. Natürlich waren die Preise je nach Art und Umfang des Services und Begehrtheit der Prostituierten gestaffelt, eine Dame, die en vogue war, konnte so auch schnell mal 23 Asse kosten. Doch bei den allgemeinen Dumpingpreisen war es sogar Sklaven möglich, sich ab und an von ihrem Taschengeld einen Bordellbesuch zu leisten. Höhergestellte Persönlichkeiten leisteten sich Kurtisanen und kostspielige Callgirls oder sie vergnügten sich mit ihren Sklaven, aber sie machten einen Bogen um die öffentlichen Bordelle. Das taten sie nicht aus moralischen Gründen sondern allenfalls aus elitärem Dünkel. Denn die Prostitution war im alten Rom gesellschaftlich akzeptiert, es galt als normal, ein Bordell aufzusuchen und keinesfalls als peinlich, beim Bordellbesuch gesehen zu werden. Ehebruch war strafbar, doch der Verkehr mit einer Dirne galt nicht als solcher. Für römische Jünglinge galt außerdem zumindest der einmalige Bordellbesuch als selbstverständlicher Teil der Erziehung.

Dirnen gab es genug im alten Rom, ein Überangebot, das die Billigpreise erklärt. Im Gewerbe arbeiteten Mädchen und Frauen aus den niedersten Ständen, aber natürlich auch etliche Sklavinnen, die von ihren Herren zum Dienst gezwungen wurden und die der Mädchenhandel aus den eroberten Provinzen in nicht abreißendem Strom ständig nachlieferte. Zur Kaiserzeit gab es in der Stadt Rom 46 offiziell registrierte Bordelle. „Hic habitat felicitas“ – „Hier wohnt das Glück“ war der Slogan des Metiers. Außerdem gab es in zahlreichen Kneipen und Absteigen Separées, in denen Huren für kleines Geld verfügbar waren. Manche Prostituierte arbeiteten auch in Frisörläden oder Bädern, andere wiederum gingen auf den Straßenstrich und verschwanden mit ihren Kunden in Stundenhotels. Weil Reinlichkeit im Alten Rom hoch geschrieben wurde, achteten auch die Prostituierten sehr auf ihre Sauberkeit, wobei sich aber nur diejenigen, die ihren Diensten in Nebenräumen von Bädern nachgingen, nach jedem Akt waschen konnten, alle anderen erst nach der Arbeit. Die Prostituierten schminkten sich grell, dufteten sich verschwenderisch mit billigem Parfum ein, kleideten sich in schrillen Farben, die Tunika oft kurz, durchscheinend oder auch barbusig getragen. Sie achteten auf ihren Haarputz und trugen gerne blonde Perücken, denn es galt: Blondinen bevorzugt! Weil Frauen ohne Schamhaar gefragt waren, epilierten sich viele, eine unangenehme Sache, denn die Enthaarung wurde mithilfe von Kalklauge oder arsenhaltigem Orpiment durchgeführt. So aufgeputzt saßen sie vor ihrer Kammer oder flanierten aufreizend in den einschlägig bekannten Straßen des Rotlichtmilieus, das freilich damals noch nicht mit roten Lichtern auf sich aufmerksam machte, sondern mit Öllampen in Form eines erigierten Penis.  

Über männliche Prostitution hingegen ist recht wenig bekannt. Es soll in Rom eine Straße gegeben haben, in der sich männliche Prostituierte und Lustknaben aufhielten, auch dienten wohl öffentliche Bäder zur Anbahnung schwuler Geschäftsbeziehungen. Ein einschlägiges Viertel lag auch bei den Matrosenkneipen am Tiberufer.

„Lupa“ hieß etwa so viel wie „Nutte“, doch bedeutete das Wort „lupa“ auch Wölfin. Vor diesem Aspekt leuchtet die alte Sage, nach der die Gründer Roms, Romulus und Remus, von einer Wölfin aufgezogen wurden, in ganz neuem Licht…

Wie unser kleiner Exkurs zeigt, hat sich das Gewerbe über die Jahrtausende hinweg nicht allzu sehr verändert. Das Lupinar gilt als einer der Publikumsmagnete Pompejis. Die obszönen Fresken des Lupinars werden schon lange auch vor jugendlichen Besuchern nicht mehr versteckt. Ins Geheimkabinett des Nationalmuseums Neapel, das die delikatesten Fundstücke aus Pompeji enthält, dürfen Jugendliche unter 14 Jahren aber noch immer nicht hinein. Welche Obszönitäten mag es wohl bergen?

von Almut Irmscher
© Sempre Italia GmbH

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