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Zerbrechliche Kunst: Muranoglas
Im Winterschlaf träumend wiegen sich die Gondeln auf den Kanälen von Venedig in diesen kalten, vorweihnachtlichen Tagen. Fast verlassen erscheint die Stadt verglichen mit den Besucherströmen der Sommertage und liegt nun wie verzaubert im Glanz ihres morbiden Charmes. Ruhe herrscht zwischen den Fassaden der Palazzi und über den Kanälen.
Doch nur wenige hundert Meter entfernt pulsiert auch jetzt das gläserne, industrielle Herz Venedigs: die Insel Murano mit ihren zahlreichen Glashütten. Aus feinstem Quarzsand, Kalk und Soda entstehen hier einzigartige Kunstwerke, die schon im 14. Jahrhundert als das bedeutendste und begehrteste Glas galten und bis nach Russland und China exportiert wurden.
Die kitschig-bunten Glastierchen und verschnörkelten Väschen, die an allen Ecken Venedigs den Souvenirjägern feilgeboten werden, haben die hohe Kunst der Glasbläser leider in Verruf gebracht. Auch die schwer behangenen Leuchter für das Kleinversailles daheim in Wanne-Eickel lassen kritische Geschmäcker die Nase rümpfen. Doch Murano ist weit mehr als das. Neben der Kitschproduktion gibt es viele Manufakturen auf der Insel, die kostbare Vasen, Gläser, Schalen und Lampen herstellen, entworfen von der Crème de la crème moderner Designer.
Schon in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kreierten Designer wie Fulvio Bianchoni, Gio Ponti und Carlo Scarpa Gefäße aus Muranoglas. Besonders Letzterer verstand es meisterhaft, die Schönheit des farbigen Glases in Szene zu setzen. Seine Schalen und Vasen für die Firma Venini werden in Museen ausgestellt und gelten als kostbare Kunstwerke. Als in den Sechzigern das italienische Design zu boomen begann, verhalfen seine Stars wie Ettore Sottsass und Alessandro Mendini dem Muranoglas zu Ansehen bei einer neuen Generation. Neben diesen hochpreisigen Kostbarkeiten werden aber auch erschwingliche, zeitgenössischem italienischen Design entsprechende Glasprodukte hergestellt, die das widerspiegeln, was das Muranoglas berühmt gemacht hat: die kunstvolle Kombination leuchtend-brillanter Farben.
Bereits seit Ende des 10. Jahrhunderts betrieb man die Glasherstellung in Venedig. Ursprünglich ist Glas ein Produkt der Natur: In der Gluthitze von Vulkanen entsteht bei schneller Abkühlung das schwarze vulkanische Glas, der Obsidian. Wann es erstmals gelang, Glas künstlich zu erzeugen, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich waren die Ägypter die Ersten, die vor 7.000 Jahren begannen, Glas herzustellen, was archäologische Funde beweisen. Vor 3.500 Jahren stellten sie bereits nicht mehr nur Glasschmuck, sondern auch gläserne Gefäße her. Um 50 v. Chr. erfanden phönizische Handwerker das Glasblasen, eine Technik, welche die Herstellung größerer Mengen in vielen verschiedenen Farben und Formen ermöglichte. Erstmals konnte nun auch durchsichtiges Glas hergestellt werden, was nur gelingt, wenn das Glas im Augenblick der Erstarrung nicht mit kühleren Fremdkörpern in Berührung kommt. Rasch verbreiteten sich Gegenstände aus Glas im Römischen Reich.
Als das Römische Reich im 4. Jahrhundert nach Christus zusammenbrach, war es zunächst aus mit der Glasproduktion. Erst Jahrhunderte später belebten venezianische Handwerker die römische Glasbläserkunst neu. Ein Dokument des Benediktinermönches Fiolario aus der Zeit um das Jahr 1000 belegt den Beginn der Glasproduktion in Venedig. Er selbst stellte kleine Glasfläschchen für den Hausgebrauch her. Durch den regen Handelsverkehr mit dem Osten gelang es Venedig rasch, die bereits vorhandenen Kenntnisse mit neuem Wissen auf höchstem Stand weiterzuentwickeln. Die Seefahrer der Serenissima brachten nämlich nicht nur Seidenstoffe und exotische Gewürze, sondern auch die besonderen Wissensschätze orientalischer und fernöstlicher Glaser. Mit der Entwicklung Venedigs zur bedeutenden internationalen Handelsstadt erfuhr auch die Glasproduktion einen enormen Aufschwung.
Hatten die Glashütten bislang verteilt überall in der Stadt gelegen, so wurden sie nach dem großen Brand von 1291 auf die Insel Murano verlegt. Angeblich sollte diese Maßnahme dem Brandschutz dienen, wahrscheinlicher aber ist, dass damit der sich mehr und mehr verbreitenden Werksspionage vorgebeugt werden sollte. Denn die Geheimnisse der Glasherstellung wurden eifersüchtig gehütet. Die Glasbläser genossen einige besondere Privilegien, jedoch war es ihnen bei Todesstrafe untersagt, die Lagune je zu verlassen, um zu gewährleisten, dass sie ihr Wissen niemals ausplauderten. Wagte ein Glasbläser sich dennoch davon, so wurde er gnadenlos vom venezianischen Geheimdienst gejagt. Das generationenalte Wissen wurde stets nur vom Vater an den Sohn weitergegeben. Denn man befürchtete, dass eine Verbreitung der einzigartigen Kunst in der Welt ihren Wert gemindert hätte. Das bunte Glas aus Murano galt als begehrter Luxusartikel von exklusiver Güte. In den Adelshäusern Europas gehörte es zum selbstverständlichen guten Ton, mit venezianischer Glaskunst vom pompösen Armleuchter bis zum filigranen Trinkglas ausgestattet zu sein.
Im 16. Jahrhundert lebten und arbeiteten 30.000 Menschen auf Murano. Erst Ende des 17. Jahrhunderts brachen böhmische Glashütten das Monopol Venedigs in der Herstellung hochwertiger Glasprodukte. Mit der Machtübernahme der Franzosen war die Glanzzeit der Republik Venedig zu Ende gegangen. Die einst so blühende Glasmanufaktur drohte auszusterben.
Doch mit dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Tourismus begann ein neuer Aufschwung. Die damals noch aus den privilegierten Kreisen stammenden Reisenden nahmen gerne kostbare Glaswaren als Erinnerung an die einzigartige Stadt mit nach Hause und belebten so die alte Tradition der Glasbläserei. Die alten Namen wie Seguso, Barovier oder Tosi finden sich noch heute in den Hütten von Murano. Die kleine Insel beherbergt noch immer fast 100 Glashütten mit etwa 6000 Beschäftigten.
Die Glasbläserei ist ein präzises Handwerk, aufgeteilt in zahlreiche komplizierte Arbeitsschritte. Bevor ein neu designtes Objekt in die Produktion gehen kann, müssen die ästhetischen und funktionellen Anforderungen des Designers mit den praktischen Notwendigkeiten des Handwerkers in Übereinstimmung gebracht werden. In vielen Arbeitsgängen werden die Stücke vorbereitet, die im 1000°C heißen Ofen geschmolzen werden. Stets sind die Glasbläser in Gruppen organisiert: Um den Meister schart sich eine Reihe von Gehilfen, die ihm die Glasstücke zur Weiterverarbeitung aus dem Ofen reichen und dafür nur Sekundenbruchteile zur Verfügung haben, wenn der richtige Schmelzgrad erreicht ist. Der Meister bläst durch ein Eisenrohr Luft in den rotglühenden Klumpen, durch geschickte Drehbewegungen nimmt das Glas Gestalt an. Immer wieder muss es neu erhitzt werden. Je nach den Erfordernissen des geplanten Stückes werden verschiedene Lagen von Glas übereinander geschichtet oder Dekorationen angebracht.
Typisch für Murano ist das Geflecht der „murrine“: Dünne, verschiedenfarbige Glasstäbchen werden zu Stäben von ein bis zwei Zentimetern Durchmesser verschmolzen und abgekühlt, bis sie gehärtet, aber noch elastisch sind. Scheibchenweise werden sie in runde Blättchen zerschnitten, die das typische Rosettenmuster aufweisen und zur Verzierung erneut aufgeschmolzen werden. In einem langsamen Prozess erkalten die fertigen Stücke im Kühlraum – auch das ist eine Wissenschaft für sich.
Die Resultate sprechen für sich: Muranoglas ist Glas auf höchstem Niveau, und zwar sowohl was die Qualität, Reinheit der Struktur, die Stabilität, den Glanz und die Transparenz der Farben angeht. Zurück zur Übersicht |