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"Wenn bei Capri die rote Sonne..." Ein kleiner Rückblick auf die Geschichte der Italienreise
Wir geraten ins Schwärmen, wenn wir über Italien reden, über die Schönheit italienischer Landschaften, die Faszination italienischer Städte, das besondere Flair italienischen Lebens. Die einen zieht es in die südliche Sonne, die anderen schwärmen vom italienischen Wein, wie der andere von der Freundlichkeit der Menschen. Kurzum, es gibt unendlich viele Gründe, nach Italien zu reisen!
Doch wie entstand die Liebe der Reisenden zu Italien? Wohl kaum jemand denkt bei der Planung seines Italienurlaubs an Gräber. Und doch sind sie es, die die ersten Reisenden über die Alpen trieben. Die Gräber der Apostelfürsten Petrus und Paulus machten Rom vor allen anderen Orten zu einem geradezu magischen Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt.
Gläubig oder nicht - wer heute nach Rom kommt, ist überwältigt vom Genius Loci, dem die Kuppel Michelangelos gewissermaßen die Krone aufsetzt. Hier fühlt man sich dem Paradies und den Heiligen schon sehr nahe. Schließlich befindet man sich hier mitten im Zentrum der katholischen Macht. Wer nicht von selbst in religiöser Ehrfurcht erstarrt, den wissen die mit wichtiger Miene umherlaufenden Aufseher zu heiliger Erschütterung einzuschüchtern. Schon am Eingangsportal prüfen sie mit kritischem Blick den züchtigen Auftritt der Touristen: "This skirt is too short, Lady!"
Die Folge sind Scharen von Touristen, die nackte Knie und Schultern notdürftig mit Badetüchern bedecken, um doch noch in den Petersdom zu kommen. Die Sorge um die Sittsamkeit zieht sich wie eine Konstante durch die Geschichte der römischen Pilgerfahrt. Tatsächlich waren die mittelalterlichen Pilgerfahrten häufig nicht gerade das, was man sich unter seelischer Erbauung und Buße für begangene Sünden vorstellte. Es sei denn, man betrachtet das Nächtigen in überfüllten Pilgerherbergen und die Angst vor Überfällen auf Straßen, die von allerlei fahrendem Gesindel bevölkert waren, als Bußübung an sich.
Vor Ort erwartete den erschöpften Pilger, wenn er denn überhaupt unbeschadet sein Ziel erreicht hatte, erst recht ein strammes Programm: Sieben Kirchen mussten besucht werden, so schreibt es die Anleitung zum richtigen Pilgern für das heilige Jahr 1535 vor. Dafür erwarb man dann allerdings auch einen vollständigen Ablass, eine Art Direkt-Passierschein ins Paradies. Die Pilgerreise ist nach wie vor ein wichtiges Standbein des Italientourismus. Die Anziehungskraft der Stadt der Apostelfürsten ist immer noch enorm. Und mit dem Ausloben heiliger Jahre - im letzten Jahrtausend immerhin drei - arbeiten staatliche und vatikanische Tourismuswerbung Hand in Hand.
Ab dem 16. Jahrhundert gesellen sich zu den frommen Pilgern mehr und mehr Reisende, die zwar nicht religiöse Erbauung suchen, denen aber Italien nicht minder heilig ist: Die Bildungsreisenden besuchen die antiken Stätten mit einer Inbrunst und Verehrung, die den Gefühlen der frommen Pilger in nichts nachstehen. Italien ist für sie die Wiege der europäischen Kultur und Geistesgeschichte, seine Denkmäler der Inbegriff der Kunst. Maler reisen nach Italien, allen voran die Niederländer, um ihre Fertigkeiten an den Denkmälern der Antike zu schulen oder zumindest an dem, was von ihnen noch übrig ist. Seit dem Mittelalter wurden die antiken Denkmäler als Steinbrüche benutzt. Die Statuen, die im 17. Jahrhundert noch nicht den Flammen der römischen Kalköfen zum Opfer gefallen sind, werden eifrig studiert und kopiert. Fortan gehört Italien zum Pflichtprogramm für Maler, Musiker und Dichter.
Und natürlich kommt kein Bericht über den Italientourismus an seinem berühmtesten Vertreter vorbei. Immerhin schlagen Historiker vor, die Geschichte der Italienreise in drei Kapitel einzuteilen: vor Goethe, neben Goethe und nach Goethe.
Allerdings halten wir es lieber mit einem modernen Reiseführer für Eilige, wo unter der Rubrik "bedeutende Touristen" zu lesen ist: "Es ist einfacher, diejenigen internationalen Geistesgrößen aufzuzählen, die Rom fernblieben, als die, die Rom besuchten." Shakespeare, zum Beispiel, war nie in Rom. Edgar Allan Poe auch nicht. Alle anderen waren dort. Allen voran Engländer, Niederländer und Deutsche. Ein deutscher Künstler, der nicht wenigstens eine gewisse Zeit in Italien verbracht hat, war spätestens seit dem 17. Jahrhundert kein deutscher Künstler. Außer ihrer vom Geist Arkadiens inspirierten Kunst hat uns die neurömische Künstlerszene auch ein Stück Lifestyle hinterlassen: Das Caffè Greco in der Via Condottoni war und ist der Treffpunkt der internationalen Geisteswelt - heutzutage allerdings gemischt mit gewöhnlichen, vor allem japanischen Touristen. In der Hoffnung, vielleicht auf einen Schauspieler, Künstler oder zumindest einen bekannten Journalisten zu treffen, verbringt so mancher Romreisende Stunde um Stunde bei seinem Espresso - und tröstet sich gegebenenfalls mit dem Gedanken, dass just auf seinem Stuhl ganz sicher Mozart oder Goethe gesessen haben.
Die Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts - Musiker, Maler und Literaten - prägten auch unsere heutige Vorstellung von dem "Land, wo die Zitronen blüh'n". Die Sehnsucht nach unberührter Landschaft, gleißender Sonne und den Farben des Südens wurde im 19. Jahrhundert vorbereitet. Im Jahr 1826 fanden zwei deutsche Maler den Inbegriff ihres "Arkadien", als sie auf Capri die "Blaue Grotte" entdeckten. Die Romantiker, für die Blau die Farbe des Himmels und des Göttlichen schlechthin war, müssen sich am Ziel all ihrer Träume gefühlt haben. Blau ist bis heute die Farbe der Italiensehnsucht, und dass blau auf Italienisch "azzurro" heißt, weiß spätestens seit Adriano Celentanos Hit 1968 jedes Kind. Das 20. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Reisens! Und Italien zum Reiseland Nummer 1 der Deutschen! Doch noch sollten zwei Weltkriege die Reiselust trüben...
Vor dem 1. Weltkrieg waren es nur wenige Privilegierte, die nach Italien reisten, obwohl das Reisen mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes vergleichsweise komfortabel geworden war. Orte mit Eisenbahnanschluss stellten auf ihren Plakaten alles dar, was sie an touristischer Attraktion zu bieten hatten. Besonders schick war allerdings eine Schiffsreise entlang der Riviera.
Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde Italien zum Feindesland, der Tourismus aus Deutschland kam weitgehend zum Erliegen. Doch kaum waren die wirtschaftlich schwierigsten Jahre bis zur Währungskrise von 1923 überstanden, stieg die Zahl der deutschen Italienreisenden schnell wieder an. Die italienische Fremdenverkehrsstatistik verzeichnet für das Jahr 1925 bereits 450.000 deutsche Reisende. Noch immer ist eine Italienreise etwas für die höheren Einkommensschichten. Das - so wurde zumindest behauptet - wollte die Freizeitbewegung des Naziregimes ändern: "Kraft durch Freude" hieß die Parole, unter der die deutsche Arbeiterschaft das ebenfalls faschistische Italien bereiste. Aber dann kam der Krieg... Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert wurde das Reisen unmöglich.
Einer gab der Italiensehnsucht einer ganzen Kriegsnation seine Stimme: Mitten im Krieg komponierte Gerhard Winkler seine berühmten "Capri-Fischer". Zunächst noch mit ausdrücklicher Genehmigung der nationalsozialistischen Kulturwächter. Mitten in der Produktion schloss Italien Waffenstillstand mit den Alliierten. Und der Rundfunk hatte plötzlich kein Interesse mehr an Capri. Das Lied durfte nicht gesendet werden. Als dann nach Kriegsende Rudi Schuricke im Jahr 1946 mit einer neuen Auflage der Capri-Fischer über den Äther ging, hörten ihm Tausende von Deutschen sehnsuchtsvoll zu.
Das Lied hatte mit der Realität eines italienischen Fischers genauso wenig zu tun, wie mit der Lebenssituation der Menschen in den Kriegstrümmern - wer dachte 1946 an Urlaub? Es ging um das nackte Überleben. Doch träumen kostet bekanntlich nichts und das Lied wurde einer der ersten Hits der Nachkriegszeit.
Und dann kam das "Wirtschaftswunder". Zu Beginn der 50er Jahre stieg der Lebensstandard in Deutschland kontinuierlich an und eröffnete den Deutschen viel schneller als erwartet die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer Reiseträume: Italien wurde das beliebteste Auslandsreiseziel der Westdeutschen. Endlich träumte man nicht mehr vom Lago Maggiore, sondern am Lago Maggiore.
Das lang ersehnte "Dolce far niente", das süße Nichtstun, wird mit einem Male greifbar. Bereits im Jahr 1955 verzeichnet die italienische Fremdenverkehrsstatistik mehr als 2 Millionen deutsche Urlauber. Die meisten kamen mit dem eigenen Auto - immerhin neben der Auslandsreise selbst die wichtigste Errungenschaft des deutschen Wirtschaftswunders, das natürlich vor Ort auch eifrig fotografiert wurde! Besonders beliebt war das Campen, nicht nur für den kleinen Geldbeutel, sondern auch, weil man mit Zelt oder Wohnwagen mobil war. Deutsche Wohnwagenbauer bewarben ihre schicken nierenförmigen Modelle mit dem schiefen Turm von Pisa.
Die einen wollten so viel wie möglich sehen, für die anderen ging es um Sommer, Sonne, Strand und Meer. Nach Goethe, Antike und Kultur: Modenschau in Rimini! Stunde um Stunde aalt man sich in der Sonne - knackige Urlaubsbräune gehört zum Schönheitsideal der Zeit, und beweist zu Hause, dass man sich eine Auslandsreise leisten kann. Reiseführer hatten in den fünfziger Jahren nicht nur die Aufgabe, Sehenswürdigkeiten zu beschreiben: Dem auslandsunerfahrenen deutschen Touristen standen sie auch in Fragen des italienischen Alltags zur Seite: Ein Baedeker von 1955: "Spaghetti 'trinkt' man, das heißt, man saugt sie ein. Die Dinger sind entsetzlich lang - aber bitte, legen Sie das Messer weg! Wir wollen nicht auffallen. Nehmen wir die Gabel steil in die rechte Hand, senken sie ins Gewirr, drehen sie ein paar Mal um ihre Achse und führen die Beute zum Mund. Es ist ganz einfach."
Mit deutscher Gründlichkeit wird die Reise in den Süden festgehalten: Zu Hause im grauen Norden werden liebevoll Fotoalben geklebt, Fotos, Eintrittskarten und Restaurantrechnungen zu Kunstwerken der Erinnerung an das Dolce Vita arrangiert. Das waren noch Zeiten - später erfand der deutsche Urlauber den Diaabend! Alles für die Lieben daheim und als Erinnerungsstück an die schönste Zeit des Jahres! Millefiori-Schälchen, Plastikgondeln aus Venedig, bunt bemalte Eselskarren aus Sizilien. Die Produzenten von Gipsfiguren kennen keine Schmerzgrenze und machen auch vor Michelangelo nicht halt. Kein deutscher Partykeller ohne bastumwickelte Weinflaschen als Kerzenständer! Die Riviera wird systematisch für den Massentourismus erschlossen. In Marina di Massa am Golf von Genua gibt es 1950 noch kein einziges Fremdenbett, 1961 sind es bereits 7.000. Bald gehören auch in Italien überfüllte Strände zum Bild des touristischen Alltags. Übrigens nicht nur in Italien - wir alle kennen die Mallorca-Bilder der 60er Jahre und die Hotelburgen, die nach und nach die schönsten Sandstrände Europas verschandelten.
Die Kritik daran lässt nicht lange auf sich warten: Die 68er Generation, die sich frustriert auf Landgüter in der Toskana zurückzog, um hier ökologischen Landbau zu betreiben, ist maßgeblich beteiligt an der Kritik am modernen Massentourismus. In den Alpen folgt eine Lawinenkatastrophe der anderen und lässt Zweifel aufkommen an der Praxis der touristischen Erschließung um jeden Preis. Vor allem den der Lebensqualität für die Bereisten, die Einheimischen. Sie leben zwar vielerorts vom Tourismus, haben aber auch dessen radikale soziale und ökologische Folgen zu tragen. Der Begriff "Tourist" wird fast zum Schimpfwort. In Zukunft sind Touristen im Zweifel immer die anderen: Japaner zum Beispiel. Oder sind Sie etwa Tourist in Italien?
Anfang der 80er Jahre wird das Schlagwort vom "sanften Tourismus" geprägt. Nachhaltigkeit wird gefordert. Umwelt- und sozialverträglich soll das Reisen sein. Dass das möglich ist, zeigen viele junge Reiseveranstalter: Fairer Umgang mit den Reisenden, den Menschen und der Umwelt im Reiseland ist ihre oberste Maxime. 1996 wird Sempre Italia gegründet. Das Angebot individueller Feriendomizile entspricht dem Bedürfnis vieler Italienfans, die längst der unpersönlichen Massenabfertigung überdrüssig sind. Das erfordert viel persönlichen Einsatz, denn das Angebot wird ständig kontrolliert und erweitert. Zurück zur Übersicht |