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Warum ist die Gondel krumm? Von Gondeln, Gondolieri und Frauen

Letztens in Venedig musste ich mir die Augen reiben und noch einmal hinsehen. Zu unglaublich schien mir, was ich sah. War das tatsächlich eine Frau, die die schlanke Gondel durch den schmalen Kanal manövrierte? Noch dazu eine ansehnliche junge Blondine? Das konnte ja nun nicht sein.

Denn jeder weiß, dass der Beruf des Gondoliere in Venedig von den starren Regeln jahrhundertealter Tradition bestimmt ist, über die die Innung mit unnachgiebiger Härte wacht. Etwa 425 Mitglieder hat diese altehrwürdige Gesellschaft. Und muss ich erwähnen, dass alle Mitglieder Männer sind? Sie sind Inhaber der begehrten Lizenzen, die sie dazu berechtigen, den Titel des „Gondoliere“ zu tragen und eine Gondel durch Venedig zu steuern. Die Zahl der Lizenzen ist streng limitiert, eine neue Lizenz kann man nur erwerben, wenn ein Gondoliere in Rente geht oder seine Lizenz aus sonstigen Gründen abgibt. Zuvor muss man eine Aufnahmeprüfung bestehen, eine anderthalbjährige Ausbildung absolvieren und anschließend die Fahrprüfung ablegen.

Dann kann es endlich losgehen. War es früher so, dass jeder Gondoliere seine eigene Gondel besaß, so werden heute auch oftmals Gondolieri von Gondelbesitzern zu Saisonzeiten angestellt. Die original venezianischen Gondeln werden von wenigen Betrieben in althergebrachter Weise gebaut. Dazu werden neun verschiedene Hölzer verwendet. Das Angebot einer süditalienischen Werft, Venedig mit billigeren Gondeln aus Plastik zu versorgen, wurde von der Stadt empört zurückgewiesen.

Der Name „Gondola“ bezeichtete ursprünglich ein flaches Boot, das für Fahrten auf seichten Gewässern verwendet wurde. So wurde schon das Boot, das den ersten Dogen Venedigs im Jahre 687 über die Wasser trug, genannt. Ob diese Gondola aber Ähnlichkeit mit den heutigen Gondeln hatte, wissen wir nicht. Ab dem 16. Jahrhundert avancierte die Gondel zum Statussymbol des reichen Venedigs. Etwa 10.000 Gondeln bevölkerten damals die Kanäle – heute sind es nur noch etwa 500. Und auch äußerlich unterschieden sich die Gondeln der damaligen Zeit gewaltig von den heutigen: Ein jeder wollte zeigen, was er hat und was er sich leisten kann, deshalb überschlugen sich die Venezianer im Auftrumpfen mit immer bunteren und immer prachtvoller geschmückten Gefährten. Das ging so lange, bis 1562 der Doge ein Machtwort sprach und den Gondeln einen einheitlichen schwarzen Anstrich verordnete – sehr zum Wohlgefallen des Klerus, dem das prunkvolle Gehabe der selbstbewussten Bewohner der Seerepublik missfiel. Die heute übliche Gondelkonstruktion gibt es übrigens erst seit den Achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts.

Der Bau des etwa 11 Meter langen und 1,5 m breiten Gefährts beansprucht an die 500 Arbeitsstunden. Wenn die 500 kg schwere neue Gondel bereit dazu ist, ins Wasser zu gleiten, kostet sie etwa 30.000 €. Sie ist krumm wie eine Banane, denn das Gewicht des hinten stehenden Gondoliere wird durch diese geschickte Technik ausgeglichen. Mit den Jahren im Wasser wird sie allerdings gerade, weshalb nach einigen Jahren eine Generalüberholung nötig wird und nach etwa 3 Jahrzehnten nur noch die Verschrottung - oder besser Verholzung - bleibt.

Als weiteres Gegengewicht zum Gondoliere ist am Bug der sogenannte „Ferro“ angebracht, ein schwerer Metallbeschlag, der oben in einer Art Horn endet und an die Kopfbedeckung der Dogen erinnert. Die linke Seite ist stärker gewölbt und höher als die rechte, wodurch der einseitige Vorwärtstrieb ausgeglichen wird. Denn die Gondel wird mit nur einem steuerbordseitigen Ruder bewegt, dem „Remo“. Das Ruder liegt in einer Holzgabel, der „Forcula“, die von nur zwei kleinen Spezialistenbetrieben hergestellt wird.

Im Manöver durch die teils sehr engen und winkeligen Fahrgassen nutzt der Gondoliere neben dem Ruder mitunter auch sein Bein, um sich von Mauern oder von anderen Fahrzeugen abzustoßen, und wenn es unter niedrigen Brücken hindurchgeht, dann verlagert er sein Gewicht und legt die Gondel auf Schlagseite. Gondelfahren ist ein mühsames und kräftezehrendes Geschäft, was den Gondolieri gern als Argument dafür dient, dass Frauen hierfür nicht geeignet sind.

Die wenigen Frauen, die bisher mit dem Beruf des Gondoliere liebäugelten, unterstellen den strohhuttragenden Machos im Seemannshemd aber noch ein anderes Motiv, warum sie Frauen in ihrem Berufsstand so vehement ablehnen: Der Beruf des Gondoliere ist ausgesprochen lukrativ. Eine etwa dreiviertelstündige Gondelfahrt ohne Gesang kostet zwischen 80 und 100 €. Während der Saison sind Tageseinnahmen von 500 € leicht zu erzielen, von denen, so wird gemunkelt, ein Großteil am italienischen Fiskus vorbeigeschleust wird.

Die Deutsche Alexandra Hai bemüht sich seit Jahren darum, in den Besitz einer der begehrten Lizenzen zu kommen. Mittlerweile ist sie fünfmal durch die Prüfung gefallen, was sie – neben ihrer Nervosität - darauf zurückführt, dass schon vorab unter der Hand festgelegt wird, wer eine der Zulassungen erhält. Trotzdem steuert Alexandra Hai eine Gondel durch Venedig, denn sie wurde von einer Hotelkette als Gondelführerin engagiert. Freilich darf sie sich nicht „Gondoliere“ nennen und ausschließlich Hotelgäste befördert. Das ist zwar auch ohne Gondelführerschein erlaubt, erregt jedoch den heftigsten Widerstand der Innung der Gondolieri. So jagen sie die Konkurrentin durch die Instanzen der Justiz, zuletzt entschied das Oberste Verwaltungsgericht von Venetien zu Gunsten der Frau. Der Streit ist damit jedoch nicht beendet, die Stadt Venedig hat weitere Instanzen angekündigt.

Aber die Frauen geben nicht auf. Die 24-jährige Giorgia Boscolo hat es geschafft: Sie hat die Aufnahmeprüfung bestanden und wurde als erste Frau der Geschichte zur Gondoliere ausgebildet. Schon als Kind begann sie, ihrem Vater nachzueifern, der ebenfalls Gondoliere ist. Nach Bestehen der Fahrprüfung und einem praktischen Jahr als Kopilotin darf sie seit August 2010 alleine Gondeln durch Venedig fahren. Zwar fehlt ihr noch die Lizenz für eine eigene Gondel, doch darf sie uneingeschränkt für ihre Kollegen einspringen. Die Zunft der Gondoliere beobachtet ihr Streben mit gemischten Gefühlen. Denn wenn auch Frauen in Italien laut Verfassung freie Berufswahl haben, so hüten doch gerade italienische Machos ihre Domänen aufs Strengste vor weiblicher Unterwanderung. Grund zum Unmut gibt gewiss auch die Tatsache, dass Boscolo im Handumdrehen zur gefragtesten Gondoliere Venedigs avancierte.

Bleibt zu hoffen, dass die Emanzipation auch weiterhin vor dem Canale Grande nicht halt macht. Denn ich finde, dass die blonde Gondoliera eine ganz besondere Attraktion für Venedig ist!

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