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Von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft -

 

Eine Italienreise mit Hindernissen

Heute möchte ich von einer Italienreise erzählen, die schon 17 Jahre zurück liegt. Das ist eine lange Zeit, aber die Eindrücke dieser Reise sind noch so lebendig, als läge sie erst wenige Wochen zurück.

Damals war ich noch jung und reiste in Begleitung meines 6-jährigen Sohnes Leander. Noch prägender für die nachfolgenden Erlebnisse war es aber, dass ich weder über ein nennenswertes Reisebudget noch über ein verlässliches Vehikel verfügte: Ich reiste mit nur wenig Geld und einem uralten VW-Passat Kombi. Für den Notfall hatte ich einen Hundertmarkschein beim Reserverad versteckt, sollten wir ausgeraubt werden, dann hätten wir wenigstens noch Geld, um Diesel für die Heimfahrt zu kaufen (was damals noch deutlich günstiger war).

Um zu sparen, reisten wir mit einem Zweimannzelt und hatten uns für die Rundreise durch Italien im Voraus ein paar Campingplätze ausgeguckt. So brachen wir guten Mutes morgens in der Frühe in Norddeutschland auf, erstes Etappenziel: Adriaküste! Die Strecke zog sich dahin, wir erreichten unser Ziel erst am Abend gegen 10 Uhr. Mittlerweile war ich völlig abgekämpft, Leander hatte die letzten Stunden geschlafen, und auch ich wollte nichts sehnlicher, als mich hinlegen und meine Ruhe haben. Das Einchecken am Campingplatz verlief reibungslos und wir fanden unseren Platz auf sandigem Boden ganz hinten vor einer Hecke.

Doch leider war zwischenzeitlich ein Gewittersturm aufgezogen. Wilde Blitze zucken am Himmel und heftige, heiße Sturmböen rissen an allem, was nicht niet- und nagelfest war, ohne dass auch nur ein Tropfen Regen vom Himmel fiel. Tapfer stemmten wir uns gegen den Sturm, entfalteten unser Zelt und versuchten, irgendwie Herr über die flatternden Plastikteile zu werden. Doch kaum hatte ich mit äußerster Anstrengung einen Hering mit Seil im Boden befestigt, riss auch schon der Sturm das daran hängende Zeltgebilde in die Höhe und alle Mühe war vergebens.

Die Verzweiflung und Erschöpfung trieb mir schon die Tränen in die Augen, da kamen plötzlich, scheinbar aus dem Nirgendwo, fünf oder sechs kräftige Männer gelaufen, bewaffnet mit riesigen Heringen und kräftigen Seilen, gegen die meine Billig-Campingausrüstung wie blanker Hohn erschien. Sie riefen mir etwas auf Italienisch zu, was ich nicht verstand, nahmen mir das Zelt aus der Hand und schneller, als ich schauen konnte, stand unser Zelt – sturmfest vertaut! Ich war überwältigt vor Dankbarkeit, doch kam ich nicht dazu, meinem Dank Ausdruck zu verleihen, denn genauso schnell, wie sie erschienen waren, verschwanden unsere Retter wieder, ohne je wieder aufzutauchen. Auch ihre Heringe und Seile forderten sie nie zurück, sie waren wie ein guter Spuk in der Sturmnacht, wie die Robin Hoods, die zur Rettung der Verzweifelten aus dem Nichts erschienen und genau dorthin wieder verschwanden, schneller, als man überhaupt begriff, was geschah.

Nach dieser ersten Aufregung verbrachten wir ein paar ruhige Tage an der Adria, um dann in die Toskana weiterzureisen. Hier war es heiß und trocken. Nachdem wir unser Zelt – diesmal ohne Probleme, aufgebaut hatten und uns mit einer kalten Dusche erfrischt hatten, wollten wir nur noch ausruhen und saßen ermüdet mit einer Flasche Wasser vor unserem Zelt. Vielleicht 30 Meter von uns entfernt stand eine Holzhütte, auf deren Terrasse eine Gruppe von vielleicht 15 Italienerinnen und Italienern saß, sie aßen und tranken, dabei plapperten sie fröhlich durcheinander. Er dauerte nicht lange, und eine Delegation von zwei Italienern erschien vor unserem Zelt. Zwar verstand ich kein Italienisch, doch unmissverständlich forderten sie uns auf, zu ihnen herüberzukommen und mit ihnen zu essen. Ich lehnte höflich ab, doch sie waren beharrlich. Wenige Minuten später kamen zwei andere, sie brachten mir ein Glas Rotwein, etwas Brot und Käse, dann kamen zwei Frauen, und, lange Rede, kurzer Sinn, am Ende saßen Leander und ich mit an dem langen Tisch, ließen uns es gut gehen und hatten einen unglaublich lustigen Abend, denn was wir sprachlich nicht verstanden, machten wir alle miteinander durch wildes Gestikulieren wett. Selten in meinem Leben habe ich mich von völlig fremden Menschen so herzlich aufgenommen gefühlt.

Es war ein Samstagabend gewesen, und am nächsten Nachmittag verließen meine neuen Freunde den Campingplatz, um zurück nach Florenz zu fahren, wo sie am nächsten Tag wieder arbeiten mussten. Leander und ich entspannten ein paar Tage lang am Pool, unternahmen einen Ausflug nach Florenz und einen ins zauberhafte Siena. Am Abend danach trank ich einen köstlichen Vino auf der weinberankten Terrasse einer kleinen Trattoria im Dorf. Während Leander spielte, lehnte ich mich entspannt zurück und genoss den aufdämmernden Abend. Schon erhoben die Zikaden ihren bezirzenden Gesang, schon erstrahlten die ersten Sterne am Firmament. Fast hätte ich die Zeit vergessen, so herrlich war der Abend, doch am nächsten Morgen wollten wir in der Frühe zum Gardasee weiterfahren, also wurde es Zeit, sich ins Zelt zurückzuziehen. Ich zahlte die Rechnung und hielt Ausschau nach Leander. Er schien nicht in der Nähe zu sein. Naja, vielleicht war er ja schon zum Zelt zurückgegangen, das war nicht weit. Aber auch dort war er nicht. Langsam fühlte ich so etwas wie eine leichte Panik in mir aufsteigen.

Ich eilte zurück zur Trattoria. Kein Leander, weit und breit nicht. Der Wirt der Trattoria sprach Englisch, aufgeregt schilderte ich ihm mein Problem. Er rief seine Leute zusammen, und sofort stoben sie in alle Richtungen auseinander, auf der Suche nach Leander. Ich lief hinter dem Wirt her ins Dorf, in den Fenstern und Türen erschienen Menschen, denen er etwas zurief, und im Hast-du-nicht-gesehen waren die Gassen voller Leute, das Dorf schwirrte wie ein Ameisenhaufen, alle suchten nach Leander!

Es dauerte nicht sehr lange, da kam eine Gruppe unter Führung einer fülligen Italienerin auf mich zugelaufen, „Signora, Signora!!“, rief sie aufgeregt und bedeutete mir, ihr zu folgen. Wir erreichten das andere Ende des Dorfes, und dort saß auf der Terrasse eines kleinen Ristorante mein Leander in aller Seelenruhe und verspeiste einen Teller Gnocchi, während eine lächelnde Frau ihm Cola einschüttete und dabei über das Haar strich.

Was war geschehen? Nun, beim Spielen hatte er ein niedliches kleines Kätzchen gesehen, das er streicheln wollte. Das Kätzchen aber huschte davon, er hinterdrein, so lange, bis er die Orientierung verloren hatte. Den Lichtern folgend erreichte er das Dorf just am anderen Ende, wo die Wirtin des Ristorante den verstörten Jungen auflas. Sie verstand nicht, was er sagte, aber als Italienerin war ihr klar, dass er erst mal eine ordentliche Mahlzeit brauchte, um seine Nerven zu beruhigen, danach konnte man weitersehen. Diese pragmatische Ruhe hatte sich sehr schnell auf Leander übertragen, wie ich sah.

Ohne weitere Probleme erreichten wir am nächsten Tag den schönen Gardasee, wo wir erst einmal ausruhten. Nur ein einziges Mal wurde die friedliche Stimmung der nächsten Tage getrübt: Ich hatte einen großen Topf mit frisch geschnittenen Tomaten für eine leckere Spaghettisauce auf unserem Campingkocher vor dem Zelt aufgesetzt, als plötzlich ein heftiger Platzregen einsetzte. Ich wusste nicht, was tun, denn ich hatte nicht einmal einen Deckel, aber der Italiener im Nachbarzelt reagierte blitzschnell: Er spannte eine große Plane zwischen zwei Olivenbäumen und unserem Zelt, und schon war unsere Tomatensauce im Trockenen und damit gerettet!

Ich wollte jedoch auf keinen Fall die Heimreise antreten, ohne dem märchenhaften Venedig einen Besuch abgestattet zu haben. Vom Gardasee aus sind das nur 150 km, eine Strecke, die sich locker bewältigen lässt. Weil Venedig tagsüber vor Touristen aus allen Nähten platzt und am Abend viel schöner ist, brachen wir erst am Nachmittag zu unserem Ausflug auf. Wir parkten das Auto im großen Parkhaus an der Piazzale Roma und fuhren mit dem Vaporetto zur Piazza San Marco. Hier genossen wir die unvergleichliche Stimmung in einem Café, wir leisteten uns eine kleine Flasche Wasser und einen Viertelliter Wein und zahlten dafür knappe 50.000 Lire, umgerechnet etwa 25 Euro. Das war ein mittlerer Schock, doch ließen wir uns davon nicht beirren, schlenderten durch die abendlichen Gassen und nahmen all die Eindrücke auf, die das Venedig jenseits der Touristenströme so großzügig verschenkt.

Gegen halb 11 abends waren wir wieder am Parkhaus. Aus mir unbegreiflichen Gründen dürfte um diese Zeit nur noch jeweils eine Person ins Parkhaus gehen, Leander musste also notgedrungen unten beim Pförtner auf mich warten.

Das Auto stand ganz oben auf dem Dach des Parkhauses. Ich fand es ohne Schwierigkeiten, setzte mich hinein, drehte den Zündschlüssel um, und? – nichts. Kein Ton, nicht mal das röchelnde Schnarren des Anlassers bei ersterbender Batterie. Der Verzweiflung nahe stieg ich wieder aus und sah mich um. Dunkle, schweigende Einsamkeit umgab mich. Ein Heer schlafender Autos, kein lebendes Wesen weit und breit.

Doch noch während ich über meinen nächsten Schritt nachgrübelte, öffnete sich die Aufzugtür und ein Herr im Anzug trat heraus. Zügig wendete er sich in Richtung seines Autos, aber ich witterte meine Chance und lief, laut “Hallo“ rufend hinter ihm her. Sichtlich irritiert drehte er sich um und musterte mich verwirrt und zunächst abweisend. Ich will ja gar nicht darüber nachdenken, was er meinte, dass ich von ihm wollte…

Schnell aber hellte sich seine Mine auf. Er schien messerscharf zu erkennen, dass hier eine Frau in Not seiner Hilfe bedurfte! So folgte er mir zu meinem Auto und probierte es selbst: Der Anlasser gab keinen noch so müden Ton von sich… Aber der Mann war Pragmatiker: Gemeinsam wuchteten wir das Auto aus der Parktasche auf die Fahrbahn, wo sich eine Rampe befand. Er schwang sich ins Auto, das die Rampe hinabrollte, ließ die Kupplung kommen und im Nullkommanichts schnurrte der Motor!

Ich hätte ihm vor Dankbarkeit um den Hals fallen können, doch er winkte mir nur freundlich zu und verschwand nun endgültig in Richtung seines eigenen Autos. Erleichtert las ich Leander am Parkhauseingang auf und wir machten uns auf den Rückweg zum Gardasee.

Aber ich war besonders schlau, nun wollte ich es wissen. An der Gardesana, der um den Gardasee herumführenden Straße, geht es kurz vor dem kleinen Ort Cisano ein langes Stück beständig abwärts. „Weißt du was“, sagte ich zu Leander, „jetzt machen wir den Motor aus und probieren, ob er wieder angeht. Wenn nicht, dann lassen wir das Auto einfach die Straße runterrollen, und dann kriegen wir es schon wieder an.“ Leander sah mich mit ungläubig aufgerissenen Augen an und wollte mir gerade Einhalt gebieten, da war es schon zu spät, der Motor war aus. Ich drehte den Zündschlüssel: welche Überraschung, nichts…

Ha, nicht verzagen! Also legte ich den Gang ein, löste die Handbremse, der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich ließ die Kupplung kommen, der Wagen wurde langsamer, ich trat wieder die Kupplung, ließ sie wieder kommen, das Tal kam immer näher, der Motor rührte sich nicht. Angstschweiß stand mir auf der Stirn, zu spät, zu spät, schon rollten wir gemächlich aus und standen schließlich unter einer schummrigen Straßenleuchte, mitten im schlafenden Dorf Cisano. Mittlerweile war es halb eins in der Nacht.

Doch noch bevor sich die Verzweiflung meiner ermächtigen konnte, geschah es: Aus allen Ecken kamen, wie von Zauberhand, Menschen gelaufen! Ehe ich wusste, wie mir geschah, drückten und schoben sie an meinem Auto, das sich in immer schnellere Fahrt versetzte, und ohne mein unverhofftes Glück in Frage zu stellen, legte ich wieder den Gang ein – versehentlich den dritten – und noch bevor ich den nächsten Gedanken heraufziehen lassen konnte, da schnurrte der Motor vor sich hin, wir fuhren! – was für ein Glücksgefühl – und unsere Retter standen auf der Fahrbahn und winkten ausgelassen hinter uns her!

Ja, klar. Später wurde ich viel ausgelacht wegen dieser Geschichte. Denn unbedarft, wie ich war, hatte ich beim Versuch, das abwärtsrollende Auto in Betrieb zu setzen, den ersten Gang eingelegt, das konnte ja nicht klappen. Der Campingplatzbesitzer schickte mich übrigens am nächsten Morgen zu einem Freund, der eine Werkstatt hatte. Der setzte unsere alte Mühle für 10.000 Lire (ca. 5 Euro) wieder in Gang: Am Anlasser war eine Halterungsschraube verloren gegangen…

Dies war meine erste Reise nach Italien gewesen, aber ganz bestimmt nicht meine letzte! Gerne erzähle ich die Geschichten von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Italiener, und gerne denke ich an die vielen positiven Erfahrungen, zu denen sie mir in all dem Wirrwarr verholfen haben, zurück. Trotz allem bin ich froh, dass ich meine Italienurlaube heutzutage in der Bequemlichkeit eines gemütlichen Ferienhauses verbringen kann!

von Almut Irmscher
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