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Vielbegehrtes Ende der Welt: Apulien - Feuilleton

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Vielbegehrtes Ende der Welt: Apulien

Italiener aus dem Norden sprechen gerne herablassend vom „Ende der Welt“ oder schlicht „Afrika“, wenn die Rede auf Apulien kommt, den Absatz des Stiefels, ganz da unten im Süden. Ein unentwickeltes Land, unbedeutend und völlig uninteressant, so scheint es. Doch wie so oft trügt der Schein. Denn wer nach Apulien kommt, wird erstaunt sein von der Vielfalt der Kultur und der Landschaft, vom Stolz der Menschen, die dort leben, von der verführerischen Küche, von den Aromen, Farben und dem Zauber dieses Landstrichs.

Apulien ist gekennzeichnet von sehr milden Wintern und heißen Sommern. Es ragt als äußerste Bastion Italiens ins östliche Mittelmeer. Diese beiden Tatsachen haben sicherlich dazu beigetragen, dass Apulien durch die Geschichte hindurch von strategischer Bedeutung war und einen lebhaften Wechsel der herrschenden Völker erlebt hat. Und alle haben ihre Spuren hinterlassen und so das Land geprägt, beginnend mit dem Mann von Altamura, dessen 200.000 Jahre alte Knochen man in der gleichnamigen Grotte fand. Zahlreiche Megalithanlagen, besonders in der Region Lecce, zeugen von der lebhaften Steinzeit in Apulien.

Bereits um 1000 v. Chr. beginnt eine Einwanderungswelle durch die Daunier vom Balkan her. Nach einer griechischen Besiedlungsphase erobern um 300 v. Chr. die Römer das Land, die die Via Appia bis Brindisi verlängern, von wo aus Handel mit Griechenland und dem Orient getrieben wird. Latein wird Amtssprache, Römisches Recht wird zum Gesetz. Hier in Apulien ist es, wo Hannibal 216 v. Chr. den Römern eine vernichtende Niederlage zuführt.

Nach den Römern kommen die Ostgoten, nach ihnen die Byzantiner. Bis zur Jahrtausendwende wird Apulien zwischen den Machtansprüchen der Langobarden und der Byzantiner zerrieben. Seit dem 9. Jahrhundert kommen die muslimischen Sarazenen dazu, die Apulien zu einem Zentrum des Islam machen. Sie gründen Emirate und streiten mit Langobarden und Byzantinern um die Macht. Trotzdem blüht Apulien nach dem Jahr 1000 durch lebhaften Handel mit Dalmatien, Venedig und dem Orient mehr und mehr auf.

Und kurz darauf wird dem Gerangel am Südzipfel Italiens ein Ende gesetzt. Eine kleine Gruppe landloser Ritter aus der Normandie verirrt sich in die Region. Waren sie in ihrer Heimat das Prekariat gewesen, so ergreifen sie hier ihre Chance: Sie nutzen die Streitereien der anderen und schwingen sich kurzerhand selbst zu den Herrschern auf. Schon 1059 ist ganz Apulien normannisch.

Mit den beginnenden Kreuzzügen gewinnen die apulischen Häfen Barletta, Bari, Brindisi und Ótranto an Bedeutung. Geschickt nutzt man die bestehenden Verbindungen in den Orient. Matrosen aus Bari gelingt es, die Gebeine des hl. Nikolaus, des Bischofs von Myra in Kleinasien, in die Hände zu bekommen, sie bringen sie nach Hause mit und machen aus Bari einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Mittelalters.

Im 12. Jahrhundert wird Süditalien als normannisches Reich zu einem geschlossenen Staatsgebiet zusammengefasst, Hauptstadt ist Palermo. Der Staufer und deutsche Thronerbe Heinrich heiratet mit Konstanze die Erbin dieses Reichs. Zwar sterben beide kurz darauf, Erbe ist aber ihr Sohn Friedrich II, der das Normannenreich mit straffer Hand führt und seit 1215 auch deutscher Kaiser ist.

Friedrich II rückt Apulien ins Zentrum seines großen Reichs. Er fördert Kunst und Wissenschaft und baut neue Städte. Seine Residenz ist ein prachtvoller Palast in Foggia, der Jahrhunderte später einem Erdbeben zum Opfer fällt. Gegen Ende seines Lebens lässt Friedrich das berühmte Castel del Monte bei Andria errichten, die „Krone Apuliens“. Friedrich pflegt engen freundschaftlichen Kontakt zu muslimischen Gelehrten und hat eine sarazenische Leibwache, was vielen seiner christlichen Zeitgenossen extrem missfällt. Er besiedelt die apulische Stadt Lucera mit unterworfenen Sarazenen und findet in diesen seine treusten Anhänger. Mit Friedrichs Tod 1250 beginnt der Niedergang Apuliens.

Das Ende der Kreuzzüge und die zunehmende Bedeutung Venedigs lassen die apulischen Häfen verblassen.  Das französische Geschlecht der Anjou, das zunächst auch auf Sizilien herrscht, erhält Apulien vom Papst als Lehen. Mit der „Sizilianischen Vesper“ von 1282 werden sie von der Insel vertrieben, wo ein Spanier aus dem Hause Aragon sie ablöst. Fortan streiten Franzosen und Spanier sich auf apulischem Boden um die Macht. Bis die Spanier 1503 schließlich die Herrschaft erlangen ist die Bevölkerung zerrieben worden und verarmt.

Apulien wird von Neapel aus durch einen spanischen Vizekönig verwaltet. Das Land wird mit hohen Steuern überzogen und verwahrlost ansonsten. Daran ändert auch, dass die spanische Krone dem Hause Habsburg zufällt, nichts. Zur gleichen Zeit wachsen die Eroberungen der osmanischen Türken auf dem Balkan. Immer wieder greifen sie auch den Süden Italiens an, die Küsten Apuliens werden extrem unsicher und die Bevölkerung zieht sich weiter ins Landesinnere zurück. Auch berberische Seeräuber werden zur Plage, von dieser Zeit zeugen die zahlreichen Befestigungsanlagen und Wehrtürme an Apuliens Küsten.

Nachdem die spanische Linie des Hauses Habsburg 1700 erlischt, fällt Apulien an dessen österreichische Linie. Doch schon 1748 erlischt auch diese Linie und Apulien fällt an die spanischen Bourbonen, die auch Neapel und Sizilien beherrschen und deren Hoheitsgebiet als „Königreich beider Sizilien“ bezeichnet wird.

Doch dann kommen die französische Revolution und in ihrer Folge Napoleon, dessen Truppen, wie könnte es anders sein, auch Apulien erobern. Erstmals seit langem dürfen während dieser Zeit auch Apulier in der Politik mitreden, französische Reformideen fördern die Entwicklung Apuliens.

Nach Napoleon stellt der Wiener Kongress 1815 die europäischen Kleinstaaten wieder her und wieder herrschen die Bourbonen in Apulien. Die Zeit des „Risorgimento“ beginnt, der Befreiungsbewegung mit dem Ziel der nationalen Einheit Italiens, deren Kämpfe viele Apulier das Leben kosten. Den Truppen Garibaldis gelingt es schließlich 1860, die Bourbonen zu besiegen. Die Feudalherrschaft ist zu Ende, Italien vereint sich unter Vittorio Emanuele zum Königreich - zunächst mit der Hauptstadt Florenz- und Apulien wird italienische Region.

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges arbeitet das junge Königreich intensiv an der Modernisierung seiner Regionen. In Apulien werden Sümpfe trockengelegt, Straßen gebaut, die Landwirtschaft lebt auf, die Städte erblühen. Die beiden Weltkriege und die Herrschaft Mussolinis bringen diese Entwicklung zum Erstarren. Erst seit den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bringen Reformen neues Leben in die Region.

Wenn man die abenteuerliche Geschichte Apuliens hört, ist es nicht mehr verwunderlich, das dieses Land so vielfältig ist, haben doch die verschiedensten Völker des Okzidents und des Orients hier ihre Spuren hinterlassen.

Zu den berühmtesten Wahrzeichen Apuliens gehört das bereits erwähnte, achteckige Castel del Monte Friedrichs II. Doch bietet Apulien noch weit mehr: die Kathedrale San Nicola von Trani, einen weißen romanischen Dom, der gleich neben dem blauen Meer in den Himmel ragt, die Altstadt von Lecce, ein barockes Gesamtkunstwerk, Ostuni, eine weiße Stadt auf drei Hügeln, die aus einem orientalischen Märchen entsprungen scheint, die 1000 Jahre alten Höhlenkirchen von Gravina mit byzantinischen Fresken oder Ótranto, die östlichste Stadt Italiens mit dem riesigen mittelalterlichen Mosaikboden des Priesters Pantaleone.

Im Landesinneren Apuliens liegen fruchtbare grüne Ebenen, die sich mit karstigen Landschaften abwechseln. Nirgendwo findet man so alte Olivenbäume wie hier, und nirgendwo so viele: Knapp 30 % aller Olivenhaine Italiens liegen in Apulien. Die uralten Bäume werden teilweise mit Steinpfeilern gestützt. Olivenöl aus Apulien gehört zu dem besten überhaupt.

Apuliens Küsten werden vom ionischen und vom adriatischen Meer umspült und sind mit 800 Kilometern die längsten Italiens. Dank 300 Sonnentagen pro Jahr genießen sie auch mit die längste Badesaison. Langeweile kommt an diesen Küsten nicht auf: Bizarre Felsformationen und Grotten wechseln mit kleinen Buchten und langen Sandstränden ab. Und weil Apulien vom Tourismus noch nicht gar so sehr erobert wurde, findet man hier auch noch Ursprünglichkeit, ja, sogar Einsamkeit.

Fisch ist dominant in Apuliens Küche, dazu frisches Gemüse und wenn Fleisch, dann in erster Linie Lamm. Da hervorragender Hartweizen in Apulien gedeiht, gibt es daraus hergestellte Spezialitäten wie die frisch zubereiteten Orecchiette-Nudeln. Hartweizenbrot zählt zu den Spezialitäten, aber auch Brot in ungewöhnlicher Kringelform, das zweimal gebacken wird und oft Fenchel oder Weißwein enthält. Begleitet wird das Brot von Mozzarellaspezialitäten wie Burrate, die mit Butterrahm gefüllt ist. Zum Dessert gibt es unglaublich süße Nachspeisen, was wohl auf orientalische Einflüsse zurückzuführen ist, und wunderbar frisches Obst. Und jede Mahlzeit wird mit hervorragendem lokalem Wein abgerundet. Apulien gilt als eines der wichtigsten Weinanbaugebiete Italiens, das überwiegend gehaltvolle Rotweine aus Primitivo-, Negroamaro- und Sangiovesetrauben produziert.

Doch was wäre Apulien ohne seine Trulli? Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es diese charakteristischen Bauten. Die meisten findet man im zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörenden Alberobello im Valle d´Itria, das ganze Tal ist angefüllt mit Zwergenhäuschen. Die Trulli gehören zu Apulien wie der Eifelturm zu Paris.

Trulli sind rund gebaut und laufen spitz wie eine Zipfelmütze zu. Sie sind weiß, ihr Dach ist meist dunkel. Die eigenwillige Bauweise kommt vermutlich ursprünglich aus dem Orient. An einen Haupttrullo schmiegt sich eine unterschiedliche Zahl von Nebentrulli, je nach Bedarf kann so das Haus beliebig erweitert werden. Die Zugänge der einzelnen Häuschen liegen dabei meistens außen. In der Mitte eines Trullo liegt die Feuerstelle, in kleinen Alkoven befinden sich die Schlafplätze. Erbaut ist der Trullo aus zwei Schichten von Steinen, deren mittlerer Hohlraum mit Erde oder Stroh aufgefüllt ist. Mörtel findet keine Verwendung, daher sind die Häuschen recht reparaturanfällig. Um Wasserschäden gering zu halten, wird das Wasser an den Dächern in schmalen Kanälen aufgefangen, was den Vorteil hat, dass man es gleichzeitig in Zisternen als Wasservorrat sammeln kann. Die Mauern sind bis zu zwei Meter dick und erst in neuerer Zeit gibt es Fenster. Auf den runden Steindächern werden seit Generationen große mysteriöse Zeichen angebracht, deren Ursprung und Bedeutung allerdings niemand mehr kennt. Der Bau von Trulli ist eine handwerkliche Tradition, deren Ausführung bis heute nur wenigen Spezialisten, den Trullari, vorbehalten ist. Ein gut gebauter Trullo ist im Winter angenehm warm, im Sommer hingegen erfrischend kühl.

Wenn Sie mehr visuelle Eindrücke haben möchten, dann schauen Sie in unser Fotoalbum Apulien.

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