Una vecchia amicizia –
Italien und der Wein

Für einen echten Italiener gehört Wein immer zu einer guten Mahlzeit. So dachte ich. Deshalb war ich umso mehr erstaunt, als meine italienischen Freunde im Restaurant ganz selbstverständlich Bier zu ihrer Pizza bestellten. Mein Weltbild geriet ins Wanken.
Wilde Weinreben lassen sich bis auf die Zeit vor 80 Millionen Jahren nachweisen. Wann genau der Mensch den Wert des Weines erkannte, weiß man nicht. Doch der gezielte Anbau wurde erst mit der Sesshaftigkeit möglich. Spätestens vor 8.000 Jahren begannen die alten Perser, die Sumer im heutigen Irak, Menschen in Georgien und in der heutigen Türkei mit dem Anbau von Reben. Vom fruchtbaren Halbmond breitete sich die Sitte langsam weiter aus und erreichte das alte Ägypten und das antike Griechenland. In dieser Zeit hing dem Wein
ein mythologischer Ruf an. Der Rausch war mit kultischen Bräuchen verbunden, mit Dionysos hatte der Wein gar seinen eigenen Gott. Die Griechen verfeinerten den Anbau und entwickelten verschiedene Weinsorten, die im Allgemeinen stark alkoholhaltig und lange gelagert waren. Deshalb war es im antiken Griechenland üblich, den Wein mit Wasser vermengt zu genießen.
Schon in vorrömischer Zeit war in Italien den Etruskern der Wein bekannt. Er galt ihnen als Symbol für Wohlstand und Lebensgenuss, sie handelten mit ihm, ob sie ihn jedoch anbauten oder aus wilden Rebstöcken herstellten, ist nicht überliefert. Die Römer, begeistert von allem Griechischen, sei es Philosophie, Bildung oder Kunst, übernahmen bereitwillig die Weinkultur der Griechen. Zunächst importierten sie die Weine aus Griechenland, rasch entwickelte sich jedoch die Kultivierung über Süditalien nach Norden und wurde später von
den Römern nach Frankreich und Spanien, an den Mittelrhein und an die Mosel gebracht.
Die Römer differenzierten sehr genau zwischen den unterschiedlichen Geschmacksrichtungen des Weines. Ihr Wein war sehr stark und lange gelagert. Oftmals erreichte die Lagerungszeit 30 Jahre, manche Weine waren erst nach zehnjähriger Lagerungszeit überhaupt genießbar. Um nicht den Überblick zu verlieren, wurden die Amphoren penibel nach Jahrgängen etikettiert. Pur war der Wein ungenießbar, also wurde er wie schon in Griechenland mit Wasser vermischt gereicht. Jeder Römer trank täglich den verdünnten Wein, ob Kind oder Erwachsener, auch Sklaven stand er zu, denn er galt als Grundnahrungsmittel. Feinere Kreise leisteten sich Sommeliers, die den Wein kunstvoll aus verschiedenen Sorten verschnitten, mit Honig zum beliebten Aperitif „mulsum“ vermischten, verschiedene Gewürze beimengten und die zugegebene Wassermenge – manchmal sogar Meerwasser – dosierten. Mit Honig, Pfeffer, Lorbeer, Datteln und Safran kräftig gewürzt wurde der Wein mehrfach aufgekocht und zu einem gehaltvollen Glühwein bereitet. An heißen Tagen leisteten sich vornehme Römer als besondere Erfrischung eisgekühlten Schneewein. Dazu wurde der Schnee in den winterlichen Bergen außerhalb Roms gesammelt, komprimiert und in großen Gruben, den Schneekellern, gelagert. An heißen Tagen wurde er dann, gut mit Stroh, Erde und Leintüchern isoliert, auf Eseln nach Rom gebracht und an die Schickeria geliefert. Andere konnten sich diesen Luxus nicht leisten, denn das Eis war weit teurer als der Wein.
In der dunklen Zeit nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches verfiel die Weinkultur. Pestilenz, Not und Zerstörung ließen keine Muße für den kunstvollen Anbau der Reben, wohlhabende Abnehmer erlesener Weine fehlten. Lediglich der Klerus besann sich in dieser Zeit auf den Anbau, denn der rituellen Verwendung des Weines während des Gottesdienstes maßen die frühen Christenpriester hohe
Bedeutung zu. Pries doch schon die Bibel den Wein im Buch der Psalmen als Mittel zur Lebensfreude, bei Salomo als Arznei oder, bei Jesus, als stetig, aber maßvoll zu genießendes Lebenswasser.
Die eingeschränkte Verwendung des Weines änderte sich mit dem Übergang zum Hochmittelalter. Durch die aufblühende höfische Kultur wurde der Wein wiederentdeckt, überall entstanden neue Weingärten. Wo der Weinbau nicht möglich war, galt er als wertvolles Importgut. Wo er hingegen gedieh, da wurde er von allen Bevölkerungsschichten täglich getrunken, für arme Leute gab es billigen Tresterwein aus der zweiten Pressung der Trauben, oft mit Wasser und Essig gestreckt. Noch war es wichtig, einfach viel Wein zu produzieren. Der Anspruch an Qualität entwickelte sich erst später. Auch wenn die Italiener es nicht gerne hören, es waren die Franzosen, deren Weine ab dem 17. Jahrhundert berühmt wurden. Ihnen gelangen geniale Schachzüge wie der des Benediktinermönchs Pierre Pérignon, genannt Dom, der ein Verfahren der Flaschengärung entwickelte, mit dem sich feine Bläschen in den Wein zaubern ließen. Champagner wurde ein triumphaler Exportschlager, während die italienische Weinkultur noch im Tiefschlaf lag.
Und – das ist jetzt peinlich – es war ausgerechnet ein Engländer, der den ersten italienischen Erfolgswein schuf. Um den Wein auf dem Weg nach Britannien haltbar zu machen, versetzte John Woodhouse ihn mit reinem Alkohol. Er hatte zuvor Erfahrungen mit Portwein und Sherry gesammelt und kreierte nun auf Sizilien den Marsala, der ein Bestseller wurde.
Im 19. Jahrhundert schließlich, während der Einigungszeit Italiens, blühte die italienische Weinkultur auf. Wirkliche Qualität entwickelte sich nach dem zweiten Weltkrieg mit Einführung der Gesetze über die kontrollierte Ursprungsbezeichnung D.O.C. und D.O.C.G. Heute prägen tausende kleiner Winzerbetriebe das önologische Panorama Italiens und
produzieren Weine, die Liebhaber in aller Welt begeistern.
Und so gehörte in Italien traditionell das Glas Wein zum Mittagsmahl wie auch zum Abendessen selbstverständlich hinzu. Denn Italien ist Weinanbaugebiet und wir haben ja gelernt, dass in den Weinanbaugebieten seit jeher täglich Wein konsumiert wird. Üblicherweise wird jedoch außerhalb der Mahlzeiten kein Wein getrunken und Frauen trinken deutlich weniger als Männer – bis zu 66 Liter jährlich tranken junge Italienerinnen 2009, junge deutsche Frauen hingegen brachten es auf 200 Liter (immerhin noch weniger als ihre britischen Altersgenossinnen).
Insgesamt steigt der Alkoholkonsum auch in Italien gerade bei der Jugend. Alkoholische Getränke werden nicht mehr, wie früher, nur zu den Mahlzeiten genossen. Die Verwaltung der Stadt Rom sah sich so gezwungen, den abendlichen Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen zu verbieten, der Bürgermeister von Ravenna schüttete symbolträchtig einen Eimer Wein in den Gully, denn das dortige Verbot des Weinkonsums am Strand aus Flaschen führte dazu, dass Wein nun wie am Ballermann in Eimern verkauft wird.
Doch alles in allem ist der Weinverzehr in Italien auf dem Rückmarsch. Bier ist eben einfach billiger, vor allem in der Gastronomie. An die 70 % der Italiener, die älter als 65 Jahre sind, trinken täglich Wein, aber nur noch 13 % der 16- bis 35-jährigen. Zwar wird das erste Glas Wein in Italien immer noch mit 11 oder 12 Jahren getrunken – in Deutschland hingegen erst mit 14 oder 15. Doch verliert der Wein in Italien seine Bedeutung als Grundnahrungsmittel. Das mag – abgesehen vom Preis - daran liegen, dass auch in Italien die klassische Familie in Auflösung begriffen ist und die traditionellen gemeinsamen Mahlzeiten immer seltener stattfinden. Italien hat außerdem im europäischen Vergleich die höchste Jugendarbeitslosigkeit, und Wein ist nun einmal teuer. Vor allem Weine im Mittelpreissegment leiden unter Absatzschwierigkeiten. Während sich betuchte Italiener gerne einen erlesenen Tropfen leisten, ist die Hälfte der Bevölkerung nicht dazu bereit, mehr als 3 € pro Flasche zu zahlen. Und ein anständiges Bier ist allemal besser als ein schlechter Wein. Deshalb trinken viele Italiener heute ganz selbstverständlich zum Essen „ una birra“.
von Almut Irmscher
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