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Triumph der Farben: Majolika - Feuilleton

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Triumph der Farben: Majolika

Ob Sie Venedig besuchen oder Umbrien, die Amalfiküste bereisen oder Sizilien: Allerorts werden Ihnen bunt bemalte Fliesen und prächtig geschmücktes Töpfergut begegnen. Denn die Keramik hat eine große Tradition in Italien, ja, Italien ist maßgeblich an ihrer Wiederentdeckung in Europa beteiligt.

Schon im alten Ägypten waren Gefäße aus gebranntem und bemaltem Ton mit Bleiglasuren bekannt. Die Technik war auch den alten Griechen bekannt und wurde von den Römern übernommen. Doch mit dem Untergang des Römischen Reiches kam die kulturelle Entwicklung in Europa zunächst zum Stillstand. Auch die Kunst der Keramik geriet in Vergessenheit.

Doch schon seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. hatten sich orientalische Handwerker vornehmlich in Mesopotamien, dem heutigen Irak, auf die kunstvolle Herstellung von Keramik spezialisiert und es auf diesem Gebiet zu wahrer Meisterschaft gebracht. Sie waren die ersten, die echte Fayencen herstellten, also Tonwaren, die mit farbiger oder weißer Zinnglasur versehen sind. Der poröse Ton wird zunächst bei 900° C gebrannt, anschließend in das Glasurbad getaucht, woraufhin die Glasur bei etwa 1100° C in einem zweiten Brand aufgeschmolzen wird. Das Ergebnis ist ein fester, kratzbeständiger und wasserdichter Überzug. Bevor die Glasur eingebrannt wird, ist es möglich, die Oberfläche zu bemalen, beim Brennen verschmelzen Glasur und Farben dann zu einer festen Schicht. Bedingt durch die hohen Temperaturen ist die Farbpalette hierbei allerdings beschränkt. Eine zweite Methode bringt die Farben erst nach dem Glasieren auf und brennt sie dann bei geringerer Temperatur ein, was die Farbmöglichkeiten zwar ausweitet, die Haltbarkeit der Muster jedoch begrenzt.

Den arabisch-maurischen Eroberern ist es zu verdanken, dass die Keramik ihren zweiten Eroberungszug durch Europa beginnen konnte, denn sie brachten sie im 13. Jahrhundert mit sich nach Spanien. Über die Balearen entstand ein Handel mit Tonwaren nach Italien, und so ist die Bezeichnung „Maiolica“ für Steingut mit Zinnglasur im Altitalienischen der Name der Insel Mallorca. Auch der Begriff „Fayence“, mit dem die Franzosen später das gleiche Produkt benennen sollten, hat seine Wurzel in Italien: Er leitet sich von der Stadt Faenza in der Emilia-Romagna ab, in der im 15. und 16. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der italienischen Keramikerzeugung entstand. Hier gelang es erstmals den italienischen Herstellern, die Töpferwaren mit einer besonderen weißen zinnhaltigen Glasur zu überziehen und damit den schillernden Metallglanz und die Farbenpracht zu erreichen, die man von den arabischen Waren her kannte. Zur gleichen Zeit wurde in Europa das chinesische Porzellan, das unabhängig von der orientalischen Fayence entstanden war, bekannt. Italienische Majoliken imitierten und ersetzten das begehrte, aber schier unbezahlbare „Weiße Gold“ aus China.

Die anderen aufblühenden Keramikzentren Italiens in Pesaro, Urbino, Gubbio, Orvieto und Castel-Durante, also vornehmlich in Umbrien und der Emilia-Romagna, lernten schnell, auch ihrerseits die weiße Glasur zu verwenden. So kam es, dass der Ruhm italienischer Majolika sich im Europa des 16. Jahrhunderts weit verbreitete. Denn die opalisierend weiße Glasur machte es möglich, die bekannten Farben zu perfektionieren, ja, völlig neue Leuchtkraft und Nuancen zu entdecken. Ruhm erreichte beispielsweise Giorgio Andreoli mit der Erschaffung des Lüsterrots, einem Farbton von nie gekannter Auffälligkeit. Der Reiz dieser Möglichkeiten veranlasste Künstler, die Majoliken nicht nur mit Ornamenten, Wappen oder schlichten Figuren zu bemalen, sondern Werke bedeutender Maler wie Raffael auf Majolika zu kopieren oder eigene Malereien auf die Fayencen aufzubringen. Es entstanden die Bildteller, genannt Istoriati, geschmückt mit Darstellungen aus der antiken Mythologie, der Geschichte oder der Bibel. So entwickelte sich im Italien der Renaissance eine eigene Formensprache der Majoliken, die sich von ihren Vorgängern und den Porzellanen aus China deutlich unterschied.

Diese Blütezeit der künstlerischen Majoliken währte nicht lange, denn die hohe Nachfrage aus ganz Europa führte schnell zu einem Qualitätsverlust durch Massenproduktion, der die Herstellung von Luxusgütern unterlag. Zudem entstanden Keramikfabriken nun auch anderenorts in Europa, in Frankreich und besonders auch in den Niederlanden mit dem äußerst erfolgreichen Delft. Modern wurden von ostasiatischen Einflüssen geprägte blau-weiß Töne und bäuerliche Motive wie der Delfter Reiter.

In den Abruzzen und im Raum Neapel versuchte man um 1700, an die hohe Kunst der norditalienischen Hersteller anzuknüpfen, wovon beispielsweise die bunten Keramikkirchenkuppeln an der Amalfiküste zeugen, doch wurde die außergewöhnliche Schönheit und Kunstfertigkeit der alten Meisterstücke nicht mehr erreicht. Auf Sizilien entwickelte sich die Kunst einer volkstümlichen, farbenfrohen Keramik mit dem Mittelpunkt in der Keramikstadt Caltagirone, die sich mit einer prächtigen Keramiktreppe schmückt.

Hatte billiges englisches Steingut die hochwertigen Fayencen im Laufe der Zeit in Europa fast verdrängt, so besann man sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Italien der früheren Kunstfertigkeit und begann mit dem Kopieren alter Luxusstücke. Dem Töpfer Ginorie aus Doccia bei Florenz gelang es, den irisierenden Metallglanz der alten Meisterwerke aus Gubbio zu reproduzieren. Sehr populär wurde es, Bürgerstuben mit Figürchen und Statuetten aus Majolika zu schmücken. Außerdem fand die Majolika Anwendung bei der Produktion von Fliesen und Kacheln, beliebt wurden reichverzierte Zimmeröfen. Auch im deutschen Kaiserreich entstanden Majolika-Werkstätten und besonders in der Hauptstadt Berlin wurden U-Bahnhöfe, vornehme Läden und repräsentative Gebäude mit kostbarer Majolika ausgekachelt. Nach dieser erneuten Blüte während der Zeit des Jungendstils wurde die Majolika in der Nachkriegszeit von billiger Massenware abgelöst. Erst in letzter Zeit beginnt man sich der hohen Kunst der Majolika zu besinnen.

 

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