Tradition und Mystik: Von Weihnachten und Hexerei
Weihnachten in Italien hat auch ein bisschen mit Hexerei zu tun, denn hier gibt es eine Verbindung, von der wir Ihnen erzählen möchten.
Die Italiener feiern Weihnachten auf fröhliche Art. "Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi“, in etwa "Weihnachten zu Hause, Ostern wo du möchtest“: Hauptsache ist, Weihnachten mit der Familie zu verbringen. Jede italienische Region feiert mit unterschiedlichen, originellen Traditionen, dennoch gibt es klassische Elemente, die typisch sind für Weihnachten in Italien.
Alles begann damit, dass Papst Liberius (352-366) um 354 das Fest der Geburt Christi, das man bisher auf den 6. Januar datiert hatte, auf den 25. Dezember vorverlegte. Das war der mystische Tag der unbesiegbaren Sonne, den die Anhänger anderer Religionen in Rom feierten. Nun galt es, die traditionellen Lichtsymbole dieses Tages mit christlichen Elementen zu vermischen. Schon früh sollen Nachbildungen der Geburtshöhle in Bethlehem römische Kirchen geschmückt haben, und so kommt es, dass - wie der Weihnachtsbaum bei uns - in Italien die Krippe im Mittelpunkt des weihnachtlichen Geschehens steht.
Der Siegeszug der Krippe in italienische Weihnachtszimmer und später auch in andere Regionen Europas begann aber erst später. Die Legende sagt, dass der Heilige Franz von Assisi einen Mann namens Giovanni Vellita aus dem Dorf Greccio bat, eine Krippe anzufertigen. Der Heilige Franz hielt eine Messe vor dieser Krippenszene ab, die in allen, die sie erlebten, große Ehrfurcht hervorrief und die Krippe populär machte. Vom frühen 14. Jahrhundert an wurden Krippen überall in Italien gebräuchlich. Das älteste schriftliche Dokument, in dem es um die Herstellung einer Krippe geht, stammt aus dem Jahre 1384.
Die Krippe schmückt italienische Wohnzimmer schon zwei Wochen vor Weihnachten, die Figur vom Christuskind darf jedoch erst in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember –genau um Mitternacht - in die Krippe gelegt werden.
In den Wochen vor Weihnachten gibt es auch in Italien in fast jeder Stadt einen Weihnachtsmarkt – besonderes schön ist der in Rom: Die Piazza Navona glänzt schon zwei Wochen vor Weihnachten mit Tausenden von roten und goldenen Lichtern, die Kinder und Erwachsene zu dem gigantischen Weihnachtsbaum in der Mitte der Piazza führen. Musiker an jeder Ecke spielen und singen weihnachtliche Lieder, ganz auf italienisch-fröhliche Art. Verona schmückt seine Arena, in der zur Weihnachtszeit eine wundervolle Krippensammlung ausgestellt wird, mit einem gigantischen Kometen.
In Rom werden an Heiligabend Kanonenschüsse vom Castel St. Angelo abgefeuert, um den Beginn der Feiertage anzukündigen. Hiermit wird – nicht immer allzu ernst genommen - ein 24-stündiges Fasten eingeleitet, das mit dem großen Weihnachtsessen enden wird. Die feierliche Mitternachtsmesse, vom Papst selbst im Petersdom unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zelebriert, leitet den eigentlichen Weihnachtstag am 25.12. ein. Ein gigantisches Mittagsmahl im Kreise der Familie beherrscht diesen Feiertag. Es gibt kein traditionelles Weihnachtsgericht, doch die kulinarische Fantasie der Italiener drückt sich zu Weihnachten in einer Explosion von köstlichen Spezialitäten aus. Nach Aperitif und Vorspeisen kann man fast sicher sein, eine Art Pasta kosten zu können: Lasagne, Tortellini oder Orecchiette zum Beispiel, je nach Vorliebe des Kochs und der Region, in der die Familie lebt. Die Hauptspeise, meist ein Fleischgericht mit einer großen Auswahl an Gemüsen, wird von gutem Wein begleitet. Köstliche Kuchen wie Pandoro, Panettone und die süßen Torroni beenden überall in Italien zusammen mit Cafè und Grappa, vielleicht auch einem süßen Prosecco, das Weihnachtsessen, das sich über Stunden hingezogen hat und in der Regel mit dem schlechten Gewissen endet, mindestens ein paar Kilo schwerer zu sein.
Doch was ist mit den Geschenken? An Heiligabend präsentieren die Kinder ihren Eltern einen Weihnachtsbrief, in Schönschrift und auf verziertem Briefpapier, mit ihren besten Wünschen und dem Versprechen, brav zu sein. An Weihnachten selbst werden nur kleine Geschenke aus der „Urne des Schicksals“ gezogen. Erst am 6. Januar, dem Fest der Heiligen Drei Könige, findet der große Austausch von Geschenken statt. Gespannt warten die Kinder auf den Besuch der La Befana, die Geschenke für die guten und Strafe für die bösen Kinder bringt. Die wahren Wurzeln der Befana liegen in vorchristlicher Zeit, man übernahm den alten, heute längst vergessenen Mythos von einem Winterdämon und wob eine christliche Geschichte darum. Der Legende nach hielten die Heiligen Drei Könige auf ihrer Reise zum Christkind bei einer alten Frau an und baten sie um Essen und Schutz für die Nacht. Die alte Frau schlug ihre Bitte ab, weil sie zu sehr mit ihrer Hausarbeit beschäftigt war, und die Drei Weisen zogen weiter. Zwar bereute La Befana ihr ablehnendes Verhalten schnell – doch die Drei Weisen waren schon fort. Seit damals, so heißt es, wandert sie auf der Suche nach dem Christuskind durch die ganze Welt und hofft, es in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar zu finden. Sie wird auf verschiedene Arten beschrieben: Als eine Feenkönigin, als altes Weib, zumeist aber als eine Hexe. La Befana vien di notte - con le scarpe tutte rotte - col cappello alla romana - viva viva la Befana!
Die Hexe Befana kommt, wie auch Santa Claus, durch den Schornstein und ist deshalb schwarz von Ruß. Die Kinder hängen ihre Strümpfe in den Kamin oder stellen ihre Schuhe davor. Den guten Kindern bringt sie Geschenke, den weniger braven nur Asche und Kohle (die aber meist aus Schokolade bestehen, denn es gibt ja eigentlich nur gute Kinder...)
In Italien ist die Hexe - nach einem alten Titel der Priesterinnen der Juno - eine strega oder Janara. Gute Hexen haben in Italien also eine lange Tradition und erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Vielleicht liegt es daran, dass die fanatische Hexenverfolgung der Inquisition in Italien nicht ganz so ausgeprägt war wie in anderen Ländern, und trotz unzweifelhaft auch hier grauenvoller Geschehnisse hat in Ligurien die Hexerei seit dem Mittelalter überlebt.
Gruselige Geschichten erzählt man sich in Molini di Triora, wo im Spätherbst die Nebelschwaden manchmal tagelang an den Bergen kleben und man das korallenrote "corno"-Amulett trägt, um sich gegen das "malocchio", das böse Auge, zu schützen. Hier warnt der Aberglaube noch immer vor verhexten Häusern und davor, an Todestagen Geschäfte zu machen. Alle Läden schließen, wenn ein Mitglied der Dorfgemeinschaft das Zeitliche segnet. Denn das obere Argentina-Tal ist Hexenland. Eine gute halbe Stunde von der Küste der ligurischen Blumenriviera zwischen Imperia und San Remo entfernt pflegt man Tradition und Geschichtsbewusstsein. Die Kräuterweiber dieser Gegend nehmen für sich in Anspruch, weiße - also gute -Hexen zu sein. Sie kennen und praktizieren jahrhundertealte Geheimrezepte gegen Husten, Heiserkeit, Kreuzschmerzen, Liebeskummer und Impotenz. Hier und da heilen sie durch Handauflegen. Manche haben das zweite Gesicht und warnen vor Unbill.
Die berühmteste Vertreterin Ihrer Zunft ist Angela-Maria Zucchetto. Feurige Augen, schwarze, lange Locken, schwarze Tracht, so empfängt sie alle, die sich in ihren abenteuerlichen Hexenladen wagen. Ohne die freundliche Mittfünfzigerin wäre das Vale Argentina wahrscheinlich nur eins von vielen wildromantischen Tälern im ligurischen Hinterland. Angela-Maria ist dank der modernen Medien Italiens bekannteste Hexe - ein Begriff und im Tal selbst eine Institution. In ihrem mit allerlei Krimskrams, lokalen Spezereien, Distel- und Eichenzweigen voll gestopften Laden in Molini di Triora verkauft sie geheimnisvolle Rezepturen und die Erinnerung an die grausige Vergangenheit der Region.
Angela-Maria ist Nachfahrin des Mädchens Francescina Chioceto aus dem wenige Kilometer entfernten Triora. Zusammen mit 13 weiteren Frauen und Männern war Francescina 1588 der Hexerei angeklagt. Sie sollen sich regelmäßig am Sabbat versammelt haben, wo sie auf einem Besen reitend dem Teufel in Gestalt eines Bocks huldigten. Diese Zusammenkünfte fanden laut Überlieferung an der "Cabotina" am östlichen Ortsausgang von Triora statt. Ein anderer beliebter Treffpunkt war der Baggiara-Brunnen ("baggiara" heißt im ligurischen Dialekt Hexe). Als Waschplatz im Dorf nur von
Frauen frequentiert, war dieser Brunnen vor allem in der Fantasie der Männer der ideale Ort für finsteres Treiben. Für die damalige Republik Genua stellten die "Hexen" offenbar eine große Bedrohung dar. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die Inquisition von Genua in personam die beschwerliche, fast eine Woche dauernde Reise unternahm, um die Sache vor Ort zu klären. Man folterte die jungen Leute, eine der "Hexen" stürzte sich aus dem Fenster, die Übrigen wurden nach Genua gebracht und dort in den Kerkern einfach vergessen. Im Hexenmuseum von Triora leben die Gräueltaten in Form von Dokumenten, Bildertafeln und Streckbänken noch einmal auf.
Angela-Maria hat - abgesehen von solchen Erinnerungen an die verurteilte Ahnfrau - die Original-Rezepturen für diverse heilsame Speisen und Getränke geerbt und setzt beides seit 30 Jahren in ihrer "La Bottega di Angela-Maria" publikumswirksam in Szene. Ganz postmoderne Hexe im Zeichen der neuen Zeit stellt Angela-Maria sich und ihre Produkte auch im Internet vor. Als Renner hat sich die "Schneckenmilch" erwiesen, von der sie jedem Besucher ein Becherchen anbietet. Die "Latte di Lumaca", ein Likör auf Grappa-Basis, ist auch ein Tribut an die "Nationalspeise" der Gegend und das nachweisliche Lieblingsgetier der Hexen, dem man alljährlich im September mit einem großen Schneckenfest huldigt. Ob der Erfolg der "Schneckenmilch" nur am delikaten Geschmack liegt oder an der ihr zugeschriebenen positiven Wirkung auf die Gesundheit, vor allem aber auf die Liebeslust und –kraft, sei dahingestellt.
Von Almut Irmscher
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