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Tempel zwischen Gräsern und Wind: Paestum
Nun wollen wir Sie in die Welt des Zaubers der Vergangenheit entführen. Das Ziel unserer Reise heißt Paestum. Hier, in der wildromantischen, unter Naturschutz stehenden Landschaft des Cilento, ruhen die stummen Zeugen einstiger Größe.
Vor 2.600 Jahren beherrschten die Griechen den östlichen Mittelmeerraum. Auf ihren Eroberungszügen waren sie bis nach Italien vorgedrungen und hatten mit Sybaris eine bedeutende Siedlung auf der adriatischen Seite des Stiefels gegründet, die für ihren Wohlstand und ihren genießerischen Lebensstil bekannt war. Die Bewohner dieser Stadt waren es, die um das Jahr 600 v. Chr. zu Ehren des Meeresgottes die Siedlung Poseidonia in der weiten Bucht am Selefluss auf der westlichen Seite des Stiefels, südlich des heutigen Salerno, gründeten.
Wegen ihrer günstigen geographischen Lage entwickelte sich die neue Kolonie sehr schnell. Bedeutende Handelswege kreuzten sich hier. Den so errungenen Reichtum setzten die Bewohner standesbewusst um: Sie bauten drei gewaltige, einst prächtig geschmückte Tempel. Dieses mächtige Heiligtum brachte der Stadt schon im Altertum schnell großen Ruhm ein, und es verbreitete sich die Legende, dass die Stadt von Jason und den Argonauten gegründet worden sei.
Als Rom zur Großmacht in der Region aufstieg, verbündeten sich die Bewohner Poseidonias mit den neuen Herren und nannten ihre Stadt von nun an Paestum. Sie hatten sich verpflichtet, Rom bei Gefahren mit Schiffen und Matrosen beizustehen, was sie z.B. im Kampf gegen Hannibal taten. Im Gegenzug erhielten sie das Münzrecht und wichtige Handelsprivilegien. Für eine gewisse Zeit hielt die Blüte Paestums an. Es entstanden viele neue Gebäude, ein Forum mit herrlichem Säulengang, die Thermen, ein Amphitheater, der Friedenstempel und das Gymnasium.
Doch dann kam der Wandel. Der stets auf Expansion bedachte Schiffsbau hatte zur Rodung der großen Wälder der Umgebung geführt, wodurch die Flüsse immer öfter über ihre Ufer traten, sodass die Ebene von Paestum sich allmählich in eine Sumpflandschaft verwandelt hatte. Hier jedoch gedieh der Malariaerreger hervorragend, was viele Bewohner in die Flucht schlug. Erschwerend kam hinzu, dass Rom den Handel mit dem Orient forcierte, was die Bedeutung der Handelsstädte auf der adriatischen Seite stärkte. Paestum verlor den Anschluss an die großen Handelswege. Im 9. Jahrhundert n. Chr. kamen noch die vernichtenden Angriffe der Sarazenen hinzu, die schließlich dazu führten, dass die verödet in der Sumpfebene liegenden steinernen Zeugen einstiger Größe in Vergessenheit gerieten. Jahrhundertelang sprach niemand mehr von Paestum, obwohl seine prächtigen Tempel sich schweigend und trutzig aus der dichten Vegetation erhoben und auch vom Meer aus sichtbar waren.
Erst etwa 900 Jahre später wurde die Stadt von den Bourbonen wiederentdeckt, als sie um 1750 eine Straße durch das Gebiet bauten und auf Ruinen stießen. Die bedeutenden Schriftsteller und Dichter der Zeit trugen zum neuen Ruhm Paestums bei, indem sie die Stadt in ihren Schriften schilderten, unter ihnen Goethe, Shelley, Canova und Piranesi. Der dorische Stil der Tempel Paestums beeinflusste die gesamte neoklassizistische Architektur in Europa wie auch in Amerika. Doch noch bis 1950 blieben die meisten Gebäude der Ruinenstadt unentdeckt.
Heute erwartet den Besucher gleich hinter den kilometerlangen Sandstränden des Cilento in der mittlerweile trocken gelegten Ebene am lichterfüllten Golf von Salerno ein einzigartiges archäologisches Ausflugsziel: die magischen Ruinen von Paestum. Die Mauern und Tempel gehören zu den besterhaltensten Zeugen aus griechisch-römischer Zeit überhaupt. Die gewaltigen, 5 km langen Stadtmauern, 15 Meter hoch und zwischen 5 und 7 Metern breit, besitzen vier Tore, jeweils nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und zeugen von der ehemaligen Größe der Stadt.
Hinter diesen Mauern betritt der Besucher eine andere Welt. In der stillen Landschaft schreitet er über die gepflasterte Via Sacra. An ihren Seiten liegen die Reste vieler Wohnhäuser, öffentlicher Bäder und kleiner Läden, unbekannter kleiner Tempel und des Forums, vornehmer Bürgerhäuser und des Amphitheaters. Zwischen Pinien, Zypressen und Gräsern erreicht er schließlich die drei stummen Giganten, von einer sanften vom nahen Meer herüberwehenden Brise umspielt: nebeneinander thronen die herrlichen dorischen Tempel.
Die so genannte „Basilika“ ist der älteste Tempel der Gruppe und wurde um 550 v. Chr. erbaut. Sie war der Göttin Hera gewidmet. Von Osten nach Westen ausgerichtet, hatte der Tempel einst eine reiche Verzierung, was Reste von Statuen und Reliefs bezeugen, die heute im Museum von Paestum zu sehen sind. Der Name „Basilika“ ist jedoch auf einen Irrtum aus dem 18. Jh. zurückzuführen, als man fälschlicherweise annahm, dieser Tempel sei einst ein öffentliches Gebäude gewesen.
Auch der gut erhaltene so genannte „Poseidontempel“, etwa 100 Jahre jünger, war einst wohl der Göttin Hera gewidmet, manchen neuen Theorien zufolge aber vielleicht auch dem Apollon oder gar dem Zeus. Die Säulen an seiner Vorder- und Hinterfront tragen noch immer den griechischen Giebel. Mit etwas Fantasie kann man sich die auf der doppelten Säulenreihe aufliegende Dachkonstruktion aus Holz vorstellen, die mit Tonziegeln bedeckt war. Sie umschloss einen hohen, dunklen Raum, der von Fackeln erleuchtet wurde. Der eigentliche Altar befand sich außerhalb des Tempels, dessen Betreten nur der Priesterschaft gestattet war. Der Poseidontempel gilt als der besterhaltenste und schönste dorische Tempel außerhalb Griechenlands.
Der um das Jahr 500 an der höchsten Stelle errichtete so genannte „Cerestempel“ schließlich war wohl der Göttin Athene gewidmet. An seiner West- und Ostseite sind die Reste des besonders hohen Giebels zu sehen, eine Besonderheit, die weltweit kein anderer griechischer Tempel aufweist. Mit dem Niedergang der Bedeutung Paestums wurden Teile dieses Tempels in eine christliche Kirche verwandelt und als solche bis ins 9. Jahrhundert hinein genutzt.
Paestum ist zwar mittlerweile bekannt und wird auch viel besucht. Und doch hat man in den weitläufigen Ausgrabungsstätten alle Gelegenheit, die Spuren der Vergangenheit in beschaulicher Stille auf sich wirken zu lassen, denn von dem großen Gedränge, was z.B. Pompeji beherrscht, ist Paestum bisher weitgehend verschont geblieben. Und so genießt man hier das Wechselspiel der Lichter und Farben zwischen den Tempeln, den Bergen des Cilento auf der einen und dem weiten Horizont des Meeres auf der anderen Seite.
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