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Steig, Gedanke: Giuseppe Verdi - Feuilleton

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Steig, Gedanke: Giuseppe Verdi

Grauer Herbstnebel senkt sich über ein verschlafenes Dorf in der italienischen Poebene. Es ist das Jahr 1822. Gegen die einsetzende Dämmerung leuchten vereinzelte Öllampen an. Ein paar Feldarbeiter und Bauern sind nach getanem Tageswerk noch auf ein Glas Wein in die bescheidene Dorfschänke gekommen, wo ein kleiner Bub hingebungsvoll auf einem alten, verstimmten Spinnett eine Melodie intoniert, die er erst gestern bei vorbeiziehenden Musikanten aufgeschnappt hat.

Neun Jahre vorher, im Oktober 1813, war der Kleine hier im Dorf Le Roncole bei Busseto zur Welt gekommen. Seine Heimat stand unter der Besatzung napoleonischer Truppen, weshalb sein Name im Geburtsregister französisch als Joseph Fortunin François Verdi eingetragen wurde. Der Ärger über die Fremdbestimmung der Heimat, während seiner Kindheit sicherlich oft Thema unter den Gästen in der elterlichen Schänke, sollte das Leben des Jungen später maßgeblich prägen. Soziale Gerechtigkeit und humanitäre Ideale sowie die tiefe Überzeugung, dass diese Ziele politisch nur durch eine starke Einheit und die Freiheit des italienischen Volkes erreichbar seien, dies war die Lebensphilosophie des Giuseppe Verdi.

Wenn er auch später immer betonte, dass er aus einfachsten Verhältnissen stammte und sich selbst als „Bauer aus Roncole“ bezeichnete, so gehörten seine Eltern als Kleinbauern und Besitzer einer Schankstube doch nicht dem untersten gesellschaftlichen Stande an. Schon sein Vater hatte das Talent des Jungen erkannt und ließ ihn früh von einem Organisten unterrichten. Im wohlhabenden Kaufmann Antonio Barezzi fand er dann einen Mäzen, der dafür sorgte, dass er mit 10 Jahren das Gymnasium in Busseto besuchen konnte und fortan eine fundierte Ausbildung erhielt. Nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, machte Barezzi sich für die Aufnahme seines Zöglings am Konservatorium in Mailand stark, ein Vorhaben, dass jedoch scheiterte, denn Giuseppe wurde abgelehnt, angeblich, weil er bereits zu alt sei, hinter vorgehaltener Hand wurde jedoch sein allzu vorwitziger Vortrag auf dem Klavier als wahrer Grund für die Ablehnung benannt.

Barezzi aber glaubte an den jungen Verdi und bezahlte ihm fortan Privatunterricht bei Vincenzo Lavigna. Im Jahre 1836 wurde Verdi Musikdirektor in Busseto und heiratete Barezzis Tochter Margherita. 1838 ging das Paar nach Mailand, wo Verdi im darauffolgenden Jahr mit seiner ersten Oper Oberto einen so beachtlichen Erfolg erzielte, dass er einen Vertrag für drei weitere Opern erhielt.

Er konnte es sich freilich noch nicht erlauben, die Themen und Inhalte seiner Opern selbst zu bestimmen. So erhielt er als nächstes den Auftrag, eine komische Oper zu schreiben. Während er mit diesem Werk befasst war, erkrankte seine erst wenige Monate alte Tochter an einem rätselhaften Leiden, das sie binnen weniger Tage dahinraffte. Kurz darauf starb sein kleiner Sohn und bald danach auch seine junge Frau – seine gesamte Familie war innerhalb weniger Monate ausgelöscht worden. Diese traumatischen Schicksalsschläge mögen verantwortlich dafür sein, dass man Verdis Charakter später oft als harsch und mürrisch bezeichnete. Sicherlich waren sie jedoch maßgelbliche Ursache dafür, dass Verdi seine komische Oper gründlich misslang. Der Misserfolg war niederschmetternd, Verdi kündigte seinen Vertrag auf und zog sich völlig zurück. Mit dem Komponieren hatte er abgeschlossen.

Vielleicht wären seine großen Werke deshalb nie entstanden, wäre es nicht dem Direktor der Mailänder Scala durch seine Beharrlichkeit gelungen, Verdi 1842 doch noch zu einer weiteren Oper zu überreden. Es heißt, dass Verdi, als er von ihm das Libretto zu „Nabucodonosor“ erhalten hatte, dies zu Hause entnervt auf den Boden schleuderte, wobei das Textblatt mit dem Vers „Va pensiero, sull´ali dorate“ – „Steig, Gedanke, auf goldenen Flügeln“ – herausfiel und Verdi in seinen Bann zog. Hieraus sollte sein berühmtester Chor entstehen, der Gefangenenchor, eingebettet in seinen ersten Welterfolg: die Oper Nabucco.

Zu dieser Zeit war Italien zerteilt in zahllose Fürstentümer und Einzelstaaten, die oft auch unter ausländischer Hoheit standen. Überall erhoben sich in Italien Stimmen gegen die Fremdherrschaft und die Zersplitterung des Landes, das Risorgimento, die Volksbewegung für einen freien Nationalstaat lebte auf. Verdi, ein glühender Anhänger dieser Bewegung, wurde mit seiner populären Musik einer ihrer Helden, ja, sein Name skandierte gar zum Schlachtruf: Man rief „Viva V.E.R.D.I.“, wobei sein Name ein Bekenntnis zu der in vielen Einzelstaaten streng verbotenen Bewegung des Risorgimeno war, stand er doch für „Vittorio Emanuele Re d´Italia“ – Vittorio Emanuele – König von Italien.

Nabucco schildert das Freiheitsstreben der in babylonischer Gefangenschaft lebenden Juden und sprach damit den Mailändern, die unter österreichischer Herrschaft standen, aus der Seele. Innerhalb von nur vier Monaten wurde Nabucco an der Skala 57mal aufgeführt. Es folgte eine zehnjährige Periode regen Schaffens für Verdi, die in der „Trilogia populare“ Anfang der 50ger Jahre des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand: Mit Rigoletto, Il Trovatore und La Traviata entstanden drei seiner Hauptwerke, in denen er das Schicksal einzelner Menschen vor dem Hintergrund sozialer Ungerechtigkeiten in den Mittelpunkt stellt. Charakterisierung und Dramatik rückten erstmals in den Mittelpunkt der Oper, der musikalische Ausdruck ist Mittel zu deren Zweck und nicht alleiniger Selbstzweck, wie er es in der Tradition des Belcanto gewesen war.

Im Gegensatz zu seinem großen Antipode, dem ebenfalls 1813 geborenen Richard Wagner, der kolossale mystische Themen in den Mittelpunkt seiner Opern stellt, bleibt Verdi stets dem menschlichen Einzelschicksal verbunden. Die Vorlagen für seine Libretti, in die er oft selbst eingreift und in denen er selbst das Versmaß korrigiert, liefern daher die großen Dramatiker wie Shakespeare, Schiller, Lord Byron, Victor Hugo. Dominiert bei Wagner die Vehemenz des Orchesters, so herrschen bei Verdi die Melodie und das harmonische Klangbild der menschlichen Stimmen vor.

Seit 1847 war Verdi mit der Sängerin Giuseppina Strepponi verbandelt und zog bald mit ihr zusammen auf sein neu erworbenes Landgut Sant’ Agata bei Le Roncole. Diese Verbindung galt als ungeheuer skandalös, denn die beiden heirateten erst 1859, zudem hatte die Strepponi mehrere öffentliche Affären und drei nicht eheliche Kinder. Doch sie war es, die Verdis oft schwierige Stimmungen ertrug und ihn als ruhender, haltgebender Pol durch sein Leben begleitete.

Nach der Vereinigung Italiens im Jahre 1861 übernahm Verdi die Funktion eines Abgeordneten im neu gegründeten Parlament, die er jedoch schnell wieder aufgab, da er frustriert feststellen musste, dass sich die von ihm erhofften sozialen Verbesserungen nicht einstellten. Stattdessen widmete er sich nun ganz seiner musikalischen Berufung und arbeitete für die Opernhäuser von Paris, London und St. Petersburg. Seine mittlerweile erheblichen Einnahmen investierte er in sein Landgut, außerdem gründete er ein Altenheim für Musiker in Mailand, das er später als sein bedeutendstes Lebenswerk bezeichnen sollte.

Nachdem 1869 das Opernhaus von Kairo mit dem Rigoletto glanzvoll eingeweiht worden war, beauftragte der ägyptische Vizekönig Verdi mit einer Oper, die in dem Land am Nil spielen sollte. Es entstand Aida, die in der folgenden Saison zur Uraufführung kam, jedoch nicht, wie vielfach behauptet, zur Einweihung des Suezkanals. Aida, ein rund um in sich geschlossenes und durchkomponiertes Werk, wurde ein gigantischer Erfolg. Verdi war endgültig ein Superstar.

Fortan komponierte er nicht länger mit der gleichen Geschwindigkeit wie zuvor. Sein Alterswerk besteht aus wenigen musikalisch reifen Opern, in denen der musische Gesamtfluss mehr im Mittelpunkt steht als die einzelne Arie. Interessanterweise ist sein letztes Werk, das er 1893 im Alter von fast 80 Jahren zur Uraufführung brachte, wieder eine komische Oper – Falstaff, inspiriert von Shakespeares Lustigen Weibern von Windsor, gilt vielen Opernkennern als die bedeutendste komische Oper überhaupt.

Am 21. Januar 1901 starb Verdi vier Jahre nach seiner Frau an den Folgen eines Schlaganfalls. Er wurde in Mailand in der Kapelle des von ihm gegründeten Altenheimes, dem er den größten Teil seines Vermögens hinterließ, beigesetzt, begleitet von einem gewaltigen Chor, der dirigiert von Arturo Toscanini den Gefangenenchor aus Nabucco sang. Ein langes Leben voller Höhen und Tiefen war in wohlverdientem Ruhm und Reichtum zu Ende gegangen, die Opernwelt für immer geprägt von einem ihrer bedeutendsten Titanen.

Auch der Kaufmann Barezzi war an jenem nebeligen Herbstabend im Jahre 1822 unter den Gästen der kleinen Dorfschänke gewesen. Während die anderen durcheinander plauderten und die Gläser auffüllten, lauschte er der Melodie, die der neunjährige Junge auf dem Spinett erklingen ließ. Hätte nicht Barezzi Gefallen an dem kleinen Giuseppe gefunden und ihn fortan gefördert, wer weiß? Wer mag sich die Welt der Oper vorstellen ohne Nabucco, ohne La Traviata, Rigoletto, Aida? Oft sind es die zufälligen, kleinen Episoden, die über wichtige Weichenstellungen entscheiden. So mag es sein, dass gerade dieser trübe Herbstabend vor fast 200 Jahren ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Musik gewesen ist.

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