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Showdown im Wüstenstaub: Der Italowestern
Staubig, trostlos und verlassen liegt die einsame Bahnstation in der dürren, vor Trockenheit flimmernden Landschaft. Bedrohlich nähern sich drei düstere Männer in langen Staubmänteln. Schnaufend und stampfend fährt ein Zug ein. Als er wieder abfährt, tönt schwermütig eine Mundharmonika von der anderen Seite der Geleise. Schüsse fallen, alle Männer sinken getroffen zu Boden. Stille senkt sich wieder über die Szene.
Gewalt und brutale Schießereien sind ein Schlüsselpunkt des sogenannten Italowesterns, von seinen Verächtern auch spöttisch Spaghettiwestern geschimpft. In dieser direkten Klarheit war im Wilden Westen zuvor nie geschossen worden, nie fielen die Männer so reihenweise, nie wurden so rohe Gewaltszenen dargestellt. Heute mögen diese Szenen harmloser wirken, weil man sich an die Darstellung von Gewalt gewöhnt hat, in den 60er Jahren jedoch waren sie innovativ und provokant. Sie beeinflussten maßgeblich die Regisseure späterer Actionfilme.
Nach den großen Erfolgen in den 50er Jahren war es in den 60ern zunehmend stiller um den italienischen Film geworden. So kam es, dass italienische Produzenten nach einer Lösung suchten, um ihren Werken wieder neues Leben einzuhauchen und die Kassen wieder klingeln zu lassen. In Westdeutschland hatten gerade die Winnetoufilme für Furore gesorgt, da bot es sich nachgerade an, auf den Erfolgszug aufzuspringen. Doch sollte sich das Produkt von seinem amerikanischen Vorbild spürbar unterscheiden.
Der amerikanische Western hatte die Helden verherrlicht. Die Protagonisten waren in klares Schwarz und Weiß aufgeteilt, und immer siegte der Gute. Diese amerikanischen Heimatfilme der 40er und 50er Jahre waren kräftig in den Schleimtopf des vaterländischen Glanz und Gloria getaucht und mit feierlichem Pathos überpudert worden. Die an Selbstbewusstsein erstarkenden Amerikaner zeichneten sich ein verklärtes Geschichtsbild, in dem die Vernichtungskriege gegen die unzivilisierten, aggressiven und nichtswerten Indianer als wohlverdient und somit unausweichlich dargestellt wurden, und in denen am Ende der edle Held alle übelgesinnten Schurken besiegt hatte. Zurück blieb ein hochanständiges, altruistisch und edel gesinntes Amerika.
Betrachtet man einen Italowestern, so wird einem ein anderer Held begegnen. Der Held des Western made in Italy hat zwei Seiten, er vereint gute und schlechte Charakterzüge. Seine Motive sind stets eigennützig, er handelt aus Rache oder aus Geldgier. Er ist ein Antiheld, und er agiert vor schmutzig-staubiger Kulisse. Indianer sind nicht mehr die Feinde per definitionem, denn für die Italiener bestand keine Veranlassung zu einer derartigen Darstellung. So können sie zu gleichwertigen Partnern werden, wie das Indianermädchen in Black Killer mit Klaus Kinski aus dem Jahre 1971. Doch verlieren sie im Italowestern an Bedeutung. Die Außenszenen wurden zu großen Teilen in Andalusien gedreht, wo die Landschaft der im Südwesten der USA stark ähnelt. Und so bot es sich an, spanische Statisten einzusetzen, was erklärt, dass im Italowestern die Mexikaner so eine herausragende Rolle spielen. Statt strahlendes Heroentum feierlich auszuleuchten zeigt der Italowestern soziale Missstände, Ungerechtigkeiten und grau überstaubtes Elend.
Eine stilistische Besonderheit des Italowesterns hat der große Sergio Leone zur Perfektion entwickelt: Die Dehnung der Spannung fast bis zur Unerträglichkeit in den schlüsselhaften Showdown-Szenen, erreicht durch den markanten Einsatz extremer Nahaufnahmen. Da füllt die Leinwand ein einziges, stechendes Augenpaar, da greift die Hand in Großaufnahme langsam an den Revolvergürtel, da stehen die ausgetretenen Stiefel im Staub der Straße. Diese Technik bezeichnet man heute als „Italienische Einstellung“.
Doch was wäre der Italowestern ohne seine unvergleichliche Musik? Ennio Morricone schuf einen völlig neuen Stil der Filmmusik, der sich dramatisch von den orchestralen Tracks der amerikanischen Western unterschied. In seine experimentellen Arrangements baute er Peitschenknalle, Pfiffe, Schreie oder Glocken ein, er bediente sich unüblicher Instrumente von der E-Gitarre bis zur Blockflöte. Seine genialen Soundtracks zu den großen Klassikern „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Zwei glorreiche Halunken“ schrieben Musikgeschichte.
Im Italowestern gibt es so gut wie keine Filmserien, Bezüge auf frühere Werke finden nicht statt. Fälschlicherweise entstand in Deutschland der Eindruck, es handle sich um Fortsetzungen, wenn Filmtitel schlicht an frühere Erfolge anknüpfend umbenannt wurden, um das Publikum an die Kasse zu locken. Ein hervorstechendes Beispiel hierfür sind die zahlreichen Django-Filme. Der Klassiker von Sergio Corbucci mit Franco Nero in der Hauptrolle erfuhr nur ein einziges Mal eine Fortsetzung, und zwar erst 1987.
Aufgrund des großen Erfolges der Italowestern, der 1964 mit „Per un pugno di dollari“ – „Für eine Handvoll Dollar“ seinen Auftakt nahm und Clint Eastwood und Sergio Leone über Nacht zu Weltstars machte, entstanden in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zahllose derartige Filme, die meisten davon billig produziert und schlecht. Doch entsprossen dem Genre auch große Meisterwerke, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben, allen voran „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“, „Zwei glorreiche Halunken“ und natürlich „Django“.
Die Darsteller der Italowestern waren oftmals Amerikaner, darunter illustre Namen wie Henry Fonda, Charles Bronson, Clint Eastwood, Yul Brynner und Eli Wallach. Zu den wenigen Frauen, die Auftritte in dieser Männerwelt genossen, zählt Claudia Cardinale.
Mit den Jahren erfuhr der Italowestern eine auch in anderen Filmgenres üblicherweise einsetzende Metamorphose, der Ernst der ersten Jahre wich zunehmend dem Komödiantischen und frischte die Erfolge seit den 70ger Jahren wieder auf. Vor allem die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill sind hier zu erwähnen, meist klamaukige, schrille Klamotten. Dem charismatischen Terence Hill gelangen jedoch auch bedeutende Einzelerfolge, insbesondere im „Nobody“, dem er eine melancholische Tiefe einzuhauchen vermochte. Hieran versuchte er mit „Lucky Luke“ 1991 anzuknüpfen, womit er und das ganze Genre jedoch scheiterten, die Zeit des Italowestern war vorüber, das Ende erreicht.
Und so reiten auf der Leinwand zwei Männer schweigend in die glühende Wüste hinaus. Der eine, durch eine üble Verletzung entkräftet, sinkt sterbend auf den Hals seines Pferdes. Der andere reitet weiter gen Horizont, nimmt den Toten mit auf seinem ziellosen Weg, unbeirrt seinem Schicksal folgend, während an der Station, die er weit hinter sich gelassen hat, der Zug einfährt, schnaufend und stampfend. Zurück zur Übersicht |