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Schlafender Dämon: Der Vesuv
Heute, wenn diese Zeilen entstehen, ist der 24. August 2005. Genau 1926 Jahre ist es her, dass eine gewaltige Katastrophe die antike Welt erschütterte, eine Katastrophe, die als eine der bekanntesten in die Geschichte eingehen sollte: ein verheerender Ausbruch des Vesuvs, dem die römischen Siedlungen Herculaneum, Pompeji und Stabiae zum Opfer fielen. Und so liegt es nahe, dass wir uns mit der Katastrophe und ihrem Verursacher beschäftigen.
Der Vesuv, dieser berüchtigte Vulkan bei Neapel, ist 1277 m hoch. Doch hier fangen die Schwierigkeiten schon an: Er ist mal 1277 m hoch, und mal wieder nicht, denn seine Höhe verändert sich bei jedem Ausbruch. Und wer nun meint, nun ja, er sei ja lange nicht mehr ausgebrochen, der täuscht sich: Die Jahrhunderte hindurch reihen sich die Ausbrüche wie Perlen an einer Kette und es scheint eine Frage der Zeit, wann der nächste bevorsteht und vor allem, mit welcher Wucht er den lieblichen und vermeintlich friedlich in der Sonne liegenden Golf von Neapel treffen wird.
Damals, im Jahre 79 n. Chr. traf der Ausbruch die Menschen völlig unvorbereitet. Hätte es schon die moderne Vulkanologie gegeben, so hätte man vorgewarnt sein können, denn bereits in den Jahren 63 und 65, unter der Herrschaft des Kaisers Nero, war es zu kleineren Ausbrüchen gekommen. Schon 62 hatte ein heftiges Erdbeben die Region erschüttert und Teile Pompejis zerstört. Und auch dem gewaltigen Ausbruch von 79 waren Beben vorausgegangen.
Dem Geschichtsschreiber Plinius der Jüngere, der von einem Boot aus Augenzeuge der Ereignisse wurde, verdanken wir die detaillierte Schilderung der Geschehnisse. Der 24. August 79 war ein sonniger Tag. Gegen 10 Uhr am Morgen hatten heftige Erdstöße die Region erschüttert, Dächer waren eingestürzt. Doch niemand fühlte sich gewarnt, denn Beben gehörten zum Alltag. Und dieser Alltag nahm auch am 24. August 79 seinen gewohnten Lauf, das Leben auf dem Forum und den Straßen erwachte, ein Tag wie jeder andere, zumindest bis zum Mittag. Dann explodierte mit einem gewaltigen Knall der Gipfel des Vesuvs, eine gigantische, pinienförmige schwarze Wolke trat hervor, die Ascheregen mit sich führte und in Sekundenschnelle kilometerhoch aufstieg. Lava ergoss sich Richtung Tal, durch den hohen Gasanteil floss sie rasend schnell. Dazu fegten pyroklastische Stürme mit bis zu 300 Stundenkilometern die Hänge hinab.
Herculaneum, näher als Pompeji am Vesuv gelegen, wurde von einem pyroklastischen Strom erfasst und schnell unter Schlammmassen begraben. Wer mit dem Schiff zu flüchten versuchte, wurde von einer Flutwelle zurück an Land geworfen. Derweil töteten die austretenden giftigen Phosphordämpfe viele Bewohner Pompejis, die trotz der Flucht vor dem Lavaregen auch in den Häusern keinen Schutz fanden. Sie versuchten, sich mit Kleidungsstücken und Kissen vor den niederprasselnden Gesteinsbrocken zu schützen, doch vergebens. Zwar führten die leichten Bimsstücke meist nicht zu schwereren Verletzungen, doch ihre schiere Menge begrub gnadenlos alles unter sich. Dächer stürzten ein, Türen und Fenster ließen sich nicht mehr öffnen.
Von den Todesqualen der Pompejianer zeugen die Gipsabgüsse der Bedauernswerten, die während der späteren Ausgrabungen entstanden, als man Gips in Hohlräume der Lava goss und so die erschütternden Zeugnisse des großen Sterbens von Pompeji sichtbar machte. Denn die schwarze Wolke hatte Pompeji unter einer 6 bis 7 Meter dicken Schicht aus Asche, Lavabrocken und Bimssteinen begraben und für Jahrhunderte von den Landkarten radiert.
Erst drei Tage später kam die Sonne wieder zum Vorschein und erleuchtete ein Bild der Verwüstung. Eine prosperierende Region war komplett ausgelöscht worden.
Doch unbeirrt kamen die Menschen zurück an die fruchtbaren Hänge des furchtbaren Riesen. Schon im Jahre 202 erfolgte der nächste Ausbruch, gefolgt von etlichen weiteren. Im Dezember 1631 starben etwa 4.000 Menschen, als eine Eruption fast alle Orte am Fuß des Berges zerstörte. Die Lava drohte sich einen Weg nach Norden in Richtung Neapel zu bahnen. Im gleichen Jahrhundert sollten noch 4 weitere Ausbrüche folgen, denen sich im 18. Jahrhundert eine ständige Aktivität anschloss. Selbst der berühmte Italienreisende Johann Wolfgang von Goethe bekam die Macht des Vulkans 1787 zu spüren, als ihm ein Ausbruch den Reiseweg abschnitt. Unbeirrt erklomm er trotzdem den tätigen Vesuv.
Im 19. Jahrhundert entstand das Observatorium, das schon wenige Jahre später fast von einem Ausbruch zerstört wurde. Die großen Eruptionen vom April 1872 sind die ersten, die von frühen Fotografen festgehalten wurden. 1906 erfolgte ein Ausbruch, der den Berg 200 Meter niedriger zurückließ. Der letzte große Ausbruch im März 1944 sprengte den heutigen Krater frei, der zuvor von einem begehbaren Lavadeckel verschlossen war. Die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano wurden vollständig zerstört. Auch die durch das Volkslied „funiculi, funicula“ berühmt gewordene neue Seilbahn an den Hängen des Vesuvs fiel damals der Lava zum Opfer.
Seit dem ruht der Vesuv. Er zählt zu den meist erforschten und berühmtesten Vulkanen der Erde, stets beobachtet von den wachsamen Vulkanologen des Observatoriums, das sich in 608 m Höhe befindet. Sein heutiger Krater hat einen Durchmesser von 700 m und ist ca. 200 m tief. In Wirklichkeit besteht er aus zwei Vulkanen, dem Monte Somma und dem Monte Vesuvio. Er ist ein so genannter Schichtvulkan, das bedeutet, dass er aus einer Wechselfolge von Lava und Lockermaterial aufgebaut ist, wobei ständig Magma von unten nach oben drückt und dem Vulkan einen kegelartigen Habitus verleiht. Durch Einsturz von Hohlräumen kann es zu kesselförmigen Vertiefungen kommen, in denen neue Vulkane entstehen. Der Vulkantypus des Vesuvs gilt als einer der gefährlichsten.
Je länger die Ruhe anhält, desto wahrscheinlicher wird ein gewaltiger Ausbruch. Umso genauer beobachten die Wissenschaftler das Geschehen. Vor kurzem entdeckten sie in 8 Kilometern Tiefe eine 400 Quadratkilometer große Magmakammer. Der Schlot des Vesuvs ist von einem riesigen Pfropfen aus kalter Lava verschlossen, jedoch drängt das glühende Magma zusammen mit heißen Gasen nach oben und übt Druck auf diesen Pfropfen aus. Was geschieht, wenn der Pfropfen gesprengt wird, wagt man sich kaum vorzustellen.
Das Aufsteigen des Magmas wird aber von kleineren Erdbeben begleitet, die als Vorzeichen eines Ausbruchs gelten. Auch die Gase, die das Magma begleiten, können Aufschlüsse über einen bevorstehenden Ausbruch geben, weshalb die austretenden Gase am Vesuv ständig gemessen werden. Wärmebildkameras erstellen von einem Satelliten aus stündlich Hitzeprofile des Vulkans, Sensoren messen jede noch so kleine Bodenbewegung und funken die Daten zum Observatorium. Mit all diesen Daten hoffen die Vulkanologen, den nächsten Ausbruch rechtzeitig vorhersagen zu können. Doch trotz aller Frühwarnsysteme bleibt der Erfolg ungewiss.
Und die rechzeitige Warnung wäre nötig, denn die Region um Neapel gehört zu den am dichtesten besiedelten Vulkangebieten der Erde. Hier leben heute drei Millionen Menschen. Allein 500.000 davon wohnen in der so genannten „roten Zone“, in der pyroklastische Stürme alles Leben auslöschen würden.
10 Kilometer ist der Vesuv von Pompeji entfernt, 12 Kilometer trennen ihn vom Zentrum Neapels. Die Millionenstadt, eingekreist vom Vesuv auf der einen und den Campi Flegrei, den „Brennenden Feldern“ auf der anderen Seite, ist einer der gefährlichsten Orte der Welt. Je länger der Vulkan ruht, desto mehr sammelt er seine Kräfte und desto heftiger wird der nächste Ausbruch.
Doch die Bewohner der fruchtbaren Landschaft, der der Lavaboden drei Ernten im Jahr beschert, scheinen die Bedrohung mit der sprichwörtlichen italienischen Gelassenheit hinzunehmen. An einer Evakuierungsübung, die vor einiger Zeit stattfand, nahm fast niemand teil. Die Pläne zum Evakuieren der Region gehen allerdings auch von einer utopischen Vorwarnzeit von zwei Wochen aus. Tatsächlich ist es noch nie gelungen, einen Vulkanausbruch so zeitig vorherzusagen.
„Vesuvia“ heißt daher der aktuelle Plan der italienischen Regierung, ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „via“ – „weg“ und Vesuv, welches das Vorhaben bezeichnet, die Menschen fort vom Vesuv zu führen. 150.000 Menschen sollen in den nächsten 15 Jahren umgesiedelt werden, Prämien von 30.000 € pro Familie sollen zum Wegzug motivieren. Doch der Erfolg bleibt aus, im Gegenteil, allein in den letzten 20 Jahren entstanden in der „roten Zone“ schätzungsweise 50.000 illegal gebaute, neue Häuser. Allein die Evakuierung der „roten Zone“ wird sieben Tage dauern.
Doch wenn der Vulkan ausbricht, ist es zu spät. In etwa sechs Minuten, so schätzt man, wird die Lava vom Kraterrand aus das Meer erreicht haben. Da bleibt keine Zeit zur Flucht.
So tanzen wir auf dem Vulkan und huldigen ihm mit einem Besuch. Die Straße an seinem Hang hinauf führt durch liebliche Weingärten und bewaldete Täler. In 1.000 Metern Höhe erwartet uns ein Parkplatz mit überquellenden Souvenirständen, wo wir glitzernde Ketten aus vulkanischem Glas und Putten aus Bims erwerben können. Ein steiler Schotterweg führt nach oben zum Krater. Erschöpft oben angekommen, erwartet uns ein Kassenhäuschen: Der Eintritt kostet ca. 5 €. Wehe dem, der sein Portemonnaie unten im Auto gelassen hat…
Der Blick auf die Küste an klaren Tagen ist überwältigend. Am Rand des mächtigen Schlotes steigen mitunter vereinzelte dünne Rauchfähnchen auf. Hoffen wir, dass die Vulkanologen ihre Gehälter auch wirklich verdienen. Wie heißt es doch so schön: „Napoli vedere e poi morire“ – Neapel sehen und sterben. Heute jedoch nicht. Denn:
Erloschen ist der Riese endlich,
gelassen bietet er sich dar
und ist nun gar nicht mehr erkenntlich
als Unheilbringer, der er war.
Er, der friedlich und von Reben
umrankt dem blauen Meer entsteigt,
hat einst mit Donnern und mit Beben
den Menschen seine Macht gezeigt.
Lava goss er aus in Mengen,
Asche regnete zu Tal,
alles Leben an den Hängen
endete in Tod und Qual.
Zischend schluckten Meereswogen
Lavaglut im Feuerschein,
Wasser hat sie aufgesogen,
lass nun ewig Frieden sein.
(Dr. Carl Irmscher)
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