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Pracht und Rauch: Die Sixtinische Kapelle - Feuilleton

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Pracht und Rauch: Die Sixtinische Kapelle

Üppige nackte Leiber, pralle Hinterteile, wogende Brüste und männliche Glieder, so plastisch und farbintensiv, dass sie aus der Wand hervorzutreten scheinen, auf die sie gemalt sind. Erzürnt schüttelt der Mann in Schwarz den Kopf. Unglaubliche Blasphemie, und das hier, an einem der heiligsten Plätze der Welt, eine Ungeheuerlichkeit. Am liebsten würde er den Farbeimer greifen, den der starrköpfige alte Mann, der diese Obszönitäten schuf, hat stehen lassen, als er seinen Arbeitsplatz für heute verließ, und ihn gegen dieses babylonische Bild schleudern. Doch das gäbe Ärger mit Paul, seinem Chef, und der ist dummerweise dem alten Querkopf zugetan, sonst hätte er ihn nicht den Auftrag seines Vorgängers Clemens ausführen lassen, dieses scheußliche Bild zu malen und damit die köstlichen Bilder, die sich zuvor an dieser Stelle befanden, einfach zu überklecksen.

Der Mann in Schwarz heißt Biagio da Cesena und ist Zeremonienmeister. Sein Chef, Paul III, ist Papst und der alte Starrkopf, der das anstößige Bild gemalt hat, kein geringerer als Michelangelo Buonarotti, inzwischen 66 Jahre alt. Und das Bild, um das es geht, ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt, das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle.

Die Kapelle, heute Teil der Vatikanischen Museen, wurde im 15. Jahrhundert im Auftrag von Papst Sixtus IV erbaut, dem sie auch ihren Namen verdankt. Zur Ausschmückung ihrer Wände wurden die namhaftesten Künstler dieser Zeit herbeizitiert, die Szenen aus dem Leben von Moses und Jesus schufen Botticelli, Perugino, Ghirlandaio, Rosselli, d´Antonio und Signorelli. Die Decke der Kapelle wurde mit einem Sternenhimmel geschmückt.

Das jedenfalls reichte Papst Julius II nicht mehr. Er wünschte sich einen eindrucksvolleren Himmel, der weitere Gestalten aus der biblischen Geschichte zeigen sollte. Deshalb erteilte er im Jahre 1508 Michelangelo Buonarotti eben diesen Auftrag. Michelangelo war hiervon nicht begeistert. Sein Ruhm hatte sich auf seine Erfolge als Bildhauer begründet, und eigentlich war er nach Rom gekommen, um dort ein päpstliches Grabmal zu erschaffen. Als bedeutender Maler hatte er sich bisher nicht hervorgetan, und seine Widersacher verstanden es, gerade deshalb immer wieder Streit und Intrigen gegen ihn vom Zaun zu brechen. Denn der Papst bestand darauf, dass ihm Michelangelo seinen Wunsch erfüllte. Und Widersacher hatte Michelangelo in großer Zahl, war er doch als mürrisch und eigensinnig bekannt. Ja, es heißt sogar, dass es seine Widersacher waren, die den Papst dazu brachten, auf seinem Wunsch zu bestehen, denn sie wollten, dass Michelangelo sich mit einem weniger gelungenen Werk kräftig blamierte.

Dazu sollte es jedenfalls nicht kommen. Michelangelo holte sich ein paar Helfer aus Florenz und ging das gewaltige Werk an. Diese jedoch erfüllten ihre Aufgabe nicht zu seiner Zufriedenheit, sodass er sie kurzerhand hinauswarf und was sie bereits gemalt hatten wieder entfernte. Sodann machte er sich ganz allein daran, das Werk zu vollenden, was ihm in einem unvorstellbaren Kraftakt in 22 Monaten, die er auf dem Rücken auf einem Gerüst liegend malte, gelang. Seine Vorgehensweise hierbei war recht einfach: Er erstellte zuvor Schablonen, die er an der Decke befestigte, deren Umrisse er auf die Decke übertrug und anschließend ausmalte.

Er hatte den Papst überzeugen können, die Decke mit wesentlich mehr Gestalten zu bemalen und diese in eine gemalte Architektur einzubetten. So entstanden 115 überlebendgroße Gestalten, die Szenen aus der Genesis darstellen, begleiten von mythologischen Figuren wie den hellsichtigen Sybillen, die die Verbindung zur klassischen Antike herstellten, die zu dieser Zeit gerade wiederentdeckt worden war.

Zu den eindringlichsten und berühmtesten Darstellungen dieses Zyklus gehört die Erschaffung des Menschen, dem Gott durch eine ätherisch leichte Fingerspitzenberührung das Leben einhaucht. Michelangelos so lebendig wirkende Charaktere haben bis heute nichts von ihrem nachdrücklichen Zauber eingebüßt, und so richtet sich der Blick eines jeden der zahllosen Besucher, die sich durch die Kapelle schieben, automatisch nach oben, fasziniert von ihrer Pracht.

Dass diese Pracht heute so farbenfroh erstrahlt, verdankt sie der aufwändigen Restaurierung, die vor 10 Jahren abgeschlossen wurde. Jahrhundertelang hatte man geglaubt, Michelangelo habe gedeckte Farben verwendet oder absichtlich seine Werke mit einem nebelhaft-grauen Schleier überzogen, um sie entrückter wirken zu lassen. Doch das war falsch. Tatsächlich hatte der Ruß der Jahrhunderte die ursprünglich sehr kräftigen Farben verblassen lassen. Die Restaurierung war schwierig, denn nicht nur musste genau darauf geachtet werden, wie stark die Verrußung an der jeweiligen Stelle war und das Lösungsmittel entsprechend angemischt werden, auch mussten die Schäden, die versuchte Reinigungen und Restaurierungen vergangener Zeiten angerichtet hatten, dabei möglichst behoben werden. So war es eine Zeitlang üblich gewesen, die Gemälde mit Retsina, dem griechischen Harzwein, abzureiben. Eindringendes Regenwasser, Kerzenschmauch und Ruß hatten ihr Übriges getan.

Und Kerzenschmauch und Ruß entstanden nicht nur bei der üblichen Nutzung der Kapelle. Die Sixtinische Kapelle ist seit dem 19. Jahrhundert Ort des Konklaves. Hierher ziehen sich die Kardinäle zurück, wenn ein neuer Papst gewählt werden muss, und am Ende eines Wahlganges zeigt aus der Kapelle aufsteigender Ruß an, ob die Wahl erfolgreich verlaufen ist. Schwarzer Ruß, erzeugt durch ölgetränktes, nasses Stroh und keinesfalls durch Weinkorken, wie Lästermäuler behaupten, zeigt den Misserfolg an, weißer Rauch, erzeugt durch trockenes Stroh, verkündet den Gläubigen, dass sie einen neuen Papst haben. Und die Sixtinische Kapelle ist der Ort, an dem der Auserkorene von seinem Erfolg erfährt und seinen Auftrag annimmt.

Doch kehren wir noch einmal zurück ins 16. Jahrhundert. 20 Jahre nachdem Michelangelo mit seinen Deckenfresken einen triumphalen Erfolg erzielt hatte, war Clemens VII Papst in Rom. Und auch er gedachte, der prächtigen Kapelle seinen Stempel aufzudrücken. Weil nun aber alles bereits bemalt war, beschied er kurzerhand, dass die Bilder über dem Altar durch ein neues, gigantisches Altargemälde zu ersetzen seien, eine Darstellung des Jüngsten Gerichts.

Und wer könnte dazu geeigneter sein als der bereits zuvor so erfolgreiche Michelangelo Buonarotti? Sieben Jahre brauchte dieser, um das 200 m² große Kolossalbild fertigzustellen. Es zeigt mehr als 390 Figuren um den in der Mitte schwebenden Jesus, der über Wohl und Wehe der zu Richtenden entscheidet. Hierbei war Michelangelo nicht zimperlich: Er zeigt die menschlichen Körper in ihrer nackten Blöße, ein Umstand, der für viel Ärger unter dem prüden Klerus sorgte. Tatsächlich wurden nach dem Tod Michelangelos die Geschlechtsteile teilweise schamhaft übermalt, was später aber wieder entfernt wurde. Papst Clemens erlebte die Fertigstellung des Werkes nicht mehr, er starb nach der Auftragserteilung. Sein Nachfolger wurde Papst Paul III.

Mit dem Übermalen hätte der Mann in Schwarz sicher am Liebsten gleich begonnen. Ärgerlich schweift sein Blick noch einmal über das schamlose Bild, ehe er die Kapelle verlässt. Sich selbst hat er in dieses Bild gemalt, der eitle Michelangelo, als Gesicht der Haut des Märtyrers, die der zu Füßen Jesu sitzende, bei lebendigem Leib gehäutete Bartholomäus hält. Und weiter unten…da bleibt sein Blick dem dämonischen Totenrichter Minos hängen, der mit grünlich hassverzerrter Grimasse mitleidlos die armen Sünder quält. Starr vor Schreck klappt dem Mann in Schwarz der Unterkiefer herunter – dieser boshafte Teufel von Michelangelo! Er hat dem Totenrichter die Züge des Zeremonienmeisters Biagio da Cesena verliehen – das ist seine Rache für dessen ständige Anfeindungen. Und alle darauffolgenden Jahrhunderte hindurch werden Gläubige, Kardinäle, frisch gebackene Päpste und Kunstbeflissene Biagio da Cesena als Dämon sehen, wie er die armen Sünder quält, ohne jede Barmherzigkeit, ohne jedes Mitgefühl, ein böser Dämon für alle Zeit.

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