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Poesie der Träume: Alessi - Feuilleton

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Poesie der Träume: Alessi

Italien ist bekannt für viele schöne Dinge, Kunst und Kultur, Landschaften und kulinarische Köstlichkeiten. Doch auch in der Avantgarde des Designs genießt Italien Weltruhm. Deshalb wollen wir uns hier mit einer Firma beschäftigen, die mit ihren extravaganten Produkten seit vielen Jahrzehnten Furore macht: Alessi.

Haushaltsgegenstände von Alessi können stets mehr als ihrem reinen Zweck dienen. Ja, es scheint sogar oft, dass sich der Zweck dem Design unterordnen muss. Und doch reden wir über so profane Dinge wie WC-Duftspüler oder Eierbecher.

Die Familie Alessi stammt aus der Gegend von Cusio am Ortasee. Schon seit mehr als hundert Jahren haben sich hier Manufakturen von Haushaltsgegenständen etabliert, und so war es nahe liegend, dass Giovanni Alessi sich 1921 in ebendieser Branche selbständig machte. Er begann mit in Handarbeit erstellten Dingen rund um Tisch und Haus aus Nickel, Kupfer oder Messing. Da er großen Wert auf die Qualität legte, stellte sich rasch der Erfolg ein.

Sein Sohn Carlo trat der Manufaktur bei, nachdem er eine Ausbildung zum Industriedesigner in Novara abgeschlossen hatte. Und so lag es auf der Hand, dass er das Design zum Schwerpunkt der Philosophie Alessis machte. In den Dreißiger und Vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schuf er die Archetypen des italienischen Designs in Kaffee- und Teegeschirr. Als er in den Fünfziger Jahren die Firma schließlich von seinem Vater übernahm, gab er das eigene Designen auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Alessi die Massenproduktion auf. Man hatte erkannt, dass die Zukunft in Produkten aus Edelstahl liegen würde. Als Experte für dieses Material war Carlos Bruder Ettore 1945 mit in die Firma eingetreten. Er war es, der seit 1955 begann, bekannte und avantgardistische Designer für Alessi zu beauftragen.

1970 trat schließlich der Enkel Alberto, heute Chef des Edelimperiums, ins Unternehmen ein. Seine ausgefallenen Visionen führten dazu, dass Massenprodukte zu Kunstgegenständen wurden. Heute liegt die Produktion in Crusinallo am Ortasee. Die Palette reicht von verspielten Stylingprodukten bis zu Neuauflagen von Designklassikern des Bauhauses. 500 Mitarbeiter erwirtschaften einen Jahresumsatz von 108,5 Millionen Euro, die Produkte werden in 70 Länder exportiert, Hauptabnehmer ist Deutschland.

Schon der Großvater Alberto Alessis mütterlicherseits, Signor Bialetti, hatte einen Haushaltsgegenstand erfunden, der im heutigen Italien unentbehrlich ist: den Espressobereiter zum Schrauben. Alberto Alessi jedoch lässt designen und scheint dabei eine glückliche Hand zu haben. Mehr als 200 Designer waren schon für Alessi tätig, darunter in der Branche so klangvolle Namen wie Ettore Sotsass, Achille Castiglioni, Michael Graves, Ron Arad, Philippe Starck oder Marc Newson. Es entstanden so bekannte Objekte wie die Wasserkessel von Michael Graves (1985) oder die in ihrer Funktion heftig umstrittene Zitronenpresse von Philippe Starck (1989). Und Salvador Dalì plante, eine ganze Galerie unnützer Gegenstände für Alessi zu entwerfen.

In einem Interview mit Amelie Znidaric (Schaufenster) vom 16.09.2005 sagte Alberto Alessi auf die Frage, ob er nicht viel von der Formel „Die Form folgt der Funktion“ halte: „Da kann ich nur den 1998 verstorbenen Designer und Künstler Bruno Munari zitieren. Es ist uns Menschen nicht gegeben, eine neue Form zu entwerfen, die perfekt eine gegebene Funktion erfüllt. Zwischen den beiden wird immer eine Lücke bleiben, und diese Lücke ist der Raum, in dem sich Designer bewegen. Manchmal sind sie näher an der Funktion und manchmal näher an der Form. Munari sagte außerdem, dass er nur ein einziges Objekt kenne, dessen Form sich perfekt der Funktion anpasse: das Ei. Aber das, schränkte er wiederum ein, sei zum einen nicht von Menschenhand geschaffen. Und zum anderen sei es eigentlich ein Werk des Arsches.“

Und so sieht er seine Aufgabe darin, profanen Gegenständen einen neuen Ausdruck zu geben. Wenn hierbei bewusst die Funktion der Form geopfert wird, so betrachtet er dies als eine künstlerische Aussage. Und die führt zu Ergebnissen wie der bereits angesprochenen Zitronenpresse oder gar dem würfelförmigen Kochtopf von Aldo Rossi, „La Cubica“.

Der Erfolg gibt ihm Recht. So gilt Alessi heute als beste Schmiede für erstklassiges Design. Und andere Unternehmen, die gutes Design für ihre Produkte suchen, wenden sich an Alessi, so Siemens, wenn ein neues Telefon gefragt ist, oder auch Fiat, die 2004 ihren von Alessi aufgepeppten Panda vorstellten. Das in ungewöhnlichem schwarz-weiß gehaltene Auto wurde von Alessi-Designer Stefano Giovanni vor allem im Innenraum auf Vordermann gebracht, wo typische Alessi-Ästhetik herrscht: poppige Formen und Farben, froschgrüne Sitze, große Tasten und Hebel.

Philippe Stark bezeichnete Alessi als einen „marchant de bonheur“, einen „Händler mit Glück“. Und so sieht Alessandro Alessi sich nicht als Hersteller funktioneller Gegenstände, sondern als Verkäufer von Amüsement, von der „Poesie der Träume“ aus seinem Forschungslabor im Bereich der angewandten Kunst. „Erst wenn wir kein jährliches Fiasko mit eigenen Entwürfen mehr erreichen, wissen wir, dass wir ins seichte Allerlei abgedriftet sind“, sagt er. So ist der Eierbecher plötzlich nicht mehr weiß, sondern grün und hat Augen, Salz- und Pfefferstreuer umarmen sich innig und auch der Haushund hat Teil am Spaß, wenn ihm sein neuer Napf präsentiert wird.

Kein Lebensbereich des Alltags ist zu obskur, um nicht von Alessi aufgefrischt zu werden. Und dieses Credo macht nicht einmal vor dem stillen Örtchen Halt: So erlangte die Klobürste „Merdolino“ Kultstatus, so entstand jüngst im Auftrag der Firma Henkel der WC-Duftspüler „Blue Star“, das profane Edelteil soll die Kunst selbst in die Toilettenschüssel hinein Einzug halten lassen.

 

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