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Pirates of the Mediterranean:

 

Die Sarazenen

Feuersignale! Die Dämmerung hat über der ligurischen Küste Einzug gehalten, eben noch schien es ein friedlicher Winterabend zu werden, und jetzt das!

Am südlichen Küstenhorizont leuchtet deutlich sichtbar das warnende Feuer im Sarazenenturm des Nachbarstädtchens. Geschrei erhebt sich, Hektik bricht unter den Männern im Sarazenenturm des kleinen Küstendorfes aus. Blitzschnell muss das eigene Feuer entfacht werden, müssen die Dorfbewohner gewarnt werden. Schreiend rennen sie durch die Gassen, raffen ein paar Habseligkeiten zusammen und versuchen, die schützenden Berge mit ihren Felsen, Höhlen und Wäldern zu erreichen. Doch für viele ist es zu spät. In Schebeken, schnittigen, wendigen und flinken Segelschiffen, brechen sie wie ein Blitzgewitter ein: Die Sarazenen. Buntgewandet, exotisch und wild stürmen sie säbelrasselnd durch die Gassen, und wen sie erwischen, den metzeln sie ohne großes Federlesen nieder.

Einen gigantischen Blutzoll forderten die Überfälle der Sarazenen, die seit dem 8. Jahrhundert ganz Italien terrorisierten. Immer wieder brachen die kriegerischen Muslime in das Land ein, plünderten, raubten und mordeten ohne Gnade. Nur wer bereit war, zum Islam überzutreten, hatte eine Chance, zu überleben und als Sklave nach Nordafrika verkauft zu werden. Hier war die ursprüngliche Heimat der Araber und Berber, die in den europäischen Mittelmeerländern als Sarazenen bekannt und gefürchtet wurden. Schnell hatte sich der neue islamische Glaube unter ihnen ausgebreitet und forderte weitere Expansion, Vernichtung oder Bekehrung der Ungläubigen. Neben Spanien eroberten die Sarazenen schon früh Sardinien, Korsika und Teile Südfrankreichs, von wo aus sie ihre Beutezüge nach Norditalien starteten. Durch die Poebene drangen sie bis in die Schweiz vor und verbreiteten überall Angst und Schrecken. Schweizer Ortsnamen wie Saratz erinnern noch heute an diese Zeit.

Die Sarazenen dehnten ihre Beutezüge weiter nach Süden aus, überfielen mehrmals Neapel, Sorrent und Rom. Hier plünderten und brandschatzten sie die außerhalb der Mauern gelegenen Grabeskirchen St. Peter und St. Paul, sodass der Papst sich gezwungen sah, den Vatikan befestigen zu lassen, um sich vor weiteren Übergriffen zu schützen.

827 begannen sie, Sizilien zu erobern, das bislang unter byzantinischer Herrschaft gestanden hatte. Im Laufe der nächsten Jahre gelang es ihnen, ganz Sizilien unter ihr Regime zu bringen. Sie siedelten Bauern an, denn das auf dem fruchtbaren Boden gedeihende Getreide war ein Exportschlager, der in Nordafrika heiß begehrt war. Sie bauten das Straßennetz Siziliens aus und verbesserten das Bewässerungssystem. Nun gediehen auch Baumwolle, Zuckerrohr und Papyrus, aus dem Meerwasser wurde Salz gewonnen und Seidenraupen lieferten kostbare Seide. Sizilien erlebte eine ungeahnte Blütezeit. Die Eroberer lebten in prächtigen Emirspalästen, arabisches Kunsthandwerk wie die Keramikherstellung breitete sich aus. Palermo expandierte auf geschätzte 300.000 Einwohner, mehr als alle deutschen Städte jener Zeit zusammen an Einwohnern aufbringen konnten.

Noch im gleichen Jahrhundert eroberten die Sarazenen Teile von Apulien, wo sie über viele Jahre sehr erfolgreich ansässig waren. Tarent, Bari und Brindisi wurden zu Emiraten.

Es waren wirre Zeiten, denn statt sich gegen die immer wieder zu Beutezügen aufbrechenden Sarazenen zu verbünden, schlossen die Herrscher der unterschiedlichen Regionen und Städte Italiens oder anderer Länder wechselnde Bündnisse mit ihnen, um sich gegen ihre politischen Rivalen zu wehren. Doch auch untereinander waren die Sarazenen zerstritten. Es waren schließlich die Normannen, die den Sarazenen im 12. Jahrhundert Sizilien wieder entrissen. Eine Zeitlang lebten sie mit den unterworfenen Muslimen friedlich zusammen, doch als die Staufer mit Friedrich II die Macht übernahmen, hatte das ein Ende. Die Muslime, die konnten, wanderten aus, der Rest zog sich in die Berge zurück, um von dort aus den Aufstand gegen die neuen Herrscher zu proben. Zwar war Friedrich der arabischen Kultur nicht ungewogen, hatte er doch eine arabische Leibwache und geht doch auf ihn der prächtige, in Palermo gewebte Krönungsmantel mit arabischer Inschrift zurück, der zu den Reichsinsignien zählt und bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bei fast keiner Kaiserkrönung fehlte. Aber die ständige Bedrohung auf seiner Wahlheimatinsel war ihm zu viel. Um seine Ruhe zu haben, ließ er am Ende 30.000 Muslime deportieren und siedelte sie in Apulien an, wo eine letzte Blütezeit des Islam in Italien anbrach. Doch Apulien war schon immer ein begehrtes Ziel der verschiedensten Eroberer gewesen, sodass die Zeit der Sarazenen auch hier bald ein Ende nahm.

Überall in Italien findet man die Spuren der arabischen Freibeuter. Zahlreiche Bauwerke zeigen ihren architektonischen Einfluss, wie zum Beispiel der Markusdom in Venedig. Auf Sizilien bildete sich gar ein einzigartiger arabisch-byzantinisch-normannischer Stil, wie er sich beispielsweise in der Kirche San Giovanni in Palermo widerspiegelt. Der Normannenpalast in Palermo ist ein umgebauter Emirssitz und der Dom von Palermo war einst eine Moschee. Der Goldglanz der Mosaiken im Dom von Monreale oder am Dom von Amalfi erinnert an prachtvollen arabischen Prunk und die sanften Formen der sich an den Hängen hinaufziehenden Häuser von Küstenstädtchen wie Positano zeigen genauso arabischen Einfluss wie die Trulli Apuliens, die an die Zelte der Berber erinnern. Und die zahlreichen Sarazenentürme an den Küsten Italiens erinnern an das Frühwarnsystem, das vor 1.000 Jahren auf drohende Überfälle vorbereitete.

Doch wie steht es heute um die Moslems in Italien? Etwa 800.000 leben dort, verglichen mit Deutschland (ca. 4 Mio.) relativ wenige. Sie sind meist marokkanischer Herkunft, gefolgt von den Albanern, die zu geschätzten zwei Dritteln Moslems sind. Im streng katholischen Italien haben die Moslems keinen allzu leichten Stand, hinzu kommt, dass Italiens Ministerpräsident, nicht gerade für kluge Diplomatie bekannt, jüngst die islamische Welt als „minderwertig“ gegenüber dem christlichen Abendland bezeichnete. Der ihn und seine Genossen umschwirrende Populismus schürt zudem die Angst vor islamistischem Fundamentalismus. Es gibt eine Moschee in Palermo und eine in Rom, als aber im toskanischen Colle di Val d´Elsa eine Moschee mit Minarett gebaut werden sollte, legten Bürger einen Schweinekopf in die Baustelle, um sie zu entweihen. Auch in Italien ist der Weg zu gegenseitiger Toleranz ein steiniger.

Wenn aber in Palermo die Puppenspieler ihre berühmten Puppen hervorholen, dann werden sie wieder lebendig, die nicht unbedingt besseren alten Zeiten. Wild dreinblickende Sarazenen in bunten Kleidern und mit rasselnden Säbeln stürmen dann auf die Bühne und überfallen die Dorfbewohner, so wie es einst, vor 1.000 Jahren grausame Realität war. Heute ist es nur noch ein lustiges Puppenspiel, an dem sich die Zuschauer ergötzen.

von Almut Irmscher
© Sempre Italia GmbH

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