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Opera Dolorosa: Zum Tode von Luciano Pavarotti
Wie kein anderer Tenor unserer Zeit hat er es verstanden, mit seinem unvergleichlichen Charisma die Opernszene zu erobern. Er war ihr Markenzeichen schlechthin, er war „Big P.“, der Goldene Tenor. Und wie kein anderer hat er es geschafft, auch ein breites Publikum jenseits des elitären Opernzirkels zu erobern. Das gelang ihm mit seinem Charme, dem Gespür für große Auftritte, vor allem aber auch, weil er nicht davor zurückschreckte, populäre Belcantoweisen wie „O Sole Mio“ oder „Volare“ zu intonieren. Auch scheute er es nicht, gemeinsam mit Popstars wie Stevie Wonder, Elton John, Sting, Zucchero oder Bon Jovi aufzutreten und mit seiner unvergleichlichen Stimme deren Musik zu schmeicheln.
Sein Meisterstück war das Hohe C, dass er keinesfalls nur so eben hinbekam, sondern glanzvoll herausposaunte, allein 1972 bei einem legendären Auftritt in der New Yorker Metropolitan Opera in einer einzigen Arie ganze neun Mal. Zu seinen besten Zeiten hielt er das Hohe C satte zehn Sekunden lang, reichte seine Tessitura mühelos bis zum Hohen Es. Keinem anderen Opernstar wurde so viel Begeisterung zuteil, keiner schaffte es, das Publikum zu einer derartigen bedingungslosen Hingabe zu singen. 1988 ließ das Publikum in der Deutschen Oper Berlin ihn erst nach 115 Vorhängen und 67 Minuten tosenden Applauses seiner Wege ziehen – kein Star hat etwas Derartiges jemals auch nur annähernd erreicht.
Luciano Pavarotti wurde als Sohn eines Bäckers am 12. Oktober 1935 in Modena geboren. Das Hobby seines Vaters war der Gesang, er wirkte als Tenor im Chor der Stadt mit, so dass es naheliegend war, dass der Sohn früh einen Bezug zur Musik hatte. Trotzdem wollte der junge Mann, der noch nicht an seine Berufung glaubte, einen sicheren Broterwerb haben und wurde Volksschullehrer. Er unterrichtete zwei Jahre lang, bis er seiner Leidenschaft nachgab und 1956 eine klassische Gesangsausbildung begann. Der Eleve unterzog sich dem Unterricht bei verschiedenen Lehrern, bis er bei Campogalliani die italienische Schule des „cantare sul fiato“, des Singens durch den Atem, perfektionierte. Bei dieser Technik wird „auf dem Atem“ gesungen, anstatt mithilfe der Atemluft den Ton herauszupressen. Während des sechsjährigen Studiums verdiente Pavarotti seine Brötchen als Versicherungsvertreter.
1961 gewann er einen Gesangswettbewerb in Reggio, der ihm die Rolle des Rodolfo in Puccinis La Bohème einbrachte, einen Auftritt, der im italienischen Fernsehen übertragen wurde und mit zahlreichen Einladungen in die Opernhäuser der Welt gelohnt wurde, denn seine sonore und natürliche Stimme begeisterte die Menschen. Er sang in Belgrad, in Amsterdam, in Barcelona, Paris und London. Nach einer gemeinsamen Arbeit mit Dame Joan Sutherland an der Miami Opera 1965 nahm die Belcanto-Spezialistin den jungen Tenor unter ihre Fittiche und ging mit ihm auf eine gefeierte Tournee durch Australien. Denn in ihm hatte die Diva einen Tenor gefunden, der der Virtuosität ihrer Koloraturen standhielt und auch körperlich neben der gewichtigen Sopranistin nicht unterging.
Zuvor noch debütierte er 1966 an der Mailänder Scala als Rodolfo, der sein Markenzeichen werden sollte. Seit 1967 hatte er einen Exklusivvertrag mit der Dekka und sollte seinem Plattenlabel zeit Lebens treu bleiben. 1968 stellte er sich auf der Bühne der Metropolitan Opera in New York vor, wo er vier Jahre später bei dem bereits erwähnten Auftritt mit Donizettis „La Fille du Régiment“ frenetischen Jubel mit der neun Hohe C erfordernden Arie „Ah mes amis, quel jour de fête“ erntete. In den Siebziger Jahren trat er erstmals bei den Salzburger Festspielen auf. Er hatte endgültig in die Riege der ganz großen Opernstars Einzug gehalten. Seine Karriere hatte er als leichter lyrischer Tenor begonnen, im Laufe der Jahre hatte sich seine Stimme aber hin zum Verismo entwickelt, der dramatischen Operngattung. Denn seine Ambitionen reichten über das Belcanto hinaus und ließen ihn hin zu den Paraderollen Verdis und Puccinis streben. Seine Stimme war von glasklarer Brillanz, voluminös, durchschlagend und offen, jedoch gleichzeitig versüßt mit lyrischem Schmelz. Pavarotti verstand es, bei der Klangerzeugung auf die entscheidenden Resonanzräume zu fokussieren und beherrschte gleichzeitig dank perfekter Atemtechnik das schwierige Legato. Seine Stimme hatte einen metallischen Kern und in der Höhe nicht die geringsten Schwierigkeiten. Und damit war er nach Meinung Herbert von Karajans der Größte, hielt dieser ihn doch für einen Jahrhunderttenor, begnadet mit einer Stimme, die es in hundert Jahren nur einmal gibt. Und wer, wenn nicht Karajan, wird das schon zu beurteilen gewusst haben!
Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Rom fand Pavarotti sich in den Caracalla-Thermen am Vorabend des Finalspiels zu einem Gipfelkonzert des Belcanto mit seinen Kollegen José Carreras und Placido Domingo zusammen, einer folgenschweren Koalition. Gemeinsam zogen sie fortan als „Die Drei Tenöre“ in einem nie dagewesenen Triumphzug rund um den Globus und konnten es sich erlauben, Eintrittspreise in schwindelerregender Höhe zu verlangen. Im Gegenzug sangen sie Tränen in die Augen von Millionen. Der Auftritt der Drei Tenöre am Vorabend des Finalspiels der Fußball-WM 1994 im Dodger Stadium von Los Angeles gilt als eines der weltweit meistgesehenen Klassikkonzerte.
Pavarottis wunderschöne Interpretation von Puccinis „Nessun Dorma“ wurde nicht nur der Hit der Fußball-WM 1990, es wurde der Opernkassenschlager schlechthin. Wie in weiser Voraussicht vom Komponisten auf die radiokompatible Länge von drei Minuten gebracht, schaffte Nessun Dorma es 1990 als einziges Klassikstück in den Top of the Pops an die Spitze der Britischen Charts, in die es nun, nach Pavarottis Tod, wieder Einzug gehalten hat. Nessun Dorma wurde zur Erkennungsmelodie Pavarottis, zum Synonym der Opernmusik, und das, obwohl der Kalaf aus Puccinis Turandot gar nicht für Pavarottis Stimme geschaffen ist, denn er ist ein Heldentenor, der seine Töne herausschleudert, wohingegen Pavarotti ein geschmeidiger, eleganter Lyriker ist.
Zusammen mit der göttlichen Maria Callas avancierte Luciano Pavarotti zum bestverkauften Klassikstar aller Zeiten. Er verkaufte doppelt so viele Platten wie Domingo und Carreras zusammen. Pavarottis Solokonzert im New Yorker Central Park 1993 war mit 500.000 Zuhörern das meistbesuchte Klassikkonzert aller Zeiten. Pavarotti war ein Superstar, der die Grenzen von Pop und Klassik überschritt. Unter den Puristen der Klassik brachte ihm das auch viel Kritik, Naserümpfen und Gespött ein. Der Star und sein Publikum ließen sich davon jedoch nicht beirren.
Er liebte den ganz großen Auftritt und genoss es, wenn die begeisterten Menschen ihm zu Füßen lagen. Seine Bühnenpräsenz war unbeschreiblich, auch ohne seine Stimme zu erheben war er der strahlende Mittelpunkt jedes Auftritts in der Menge. Weniger lag es ihm, den dargestellten Figuren schauspielerisch eine Seele einzuhauchen. „Ich bin doch nicht Laurence Olivier“, soll er einmal auf diesbezügliche Kritik hin gesagt haben. Seine Stärke waren komische Rollen, Pathos und Tragik lagen ihm hingegen nicht, weshalb ihm auch Verdis große tragische Gestalten wie Manrico oder Otello nicht lagen. Nach einem gescheiterten Versuch, auf Französisch zu singen, versagte er sich fremdsprachige Werke, sodass die Opernwelt ihn nie als Don José in Carmen oder als Held einer Wagneroper erleben durfte.
Pavarotti machte sich für die Förderung von Musiktalenten stark und initiierte einen jährlich stattfindenden internationalen Gesangswettbewerb. Er engagierte sich für Flüchtlinge und ließ die Einnahmen aus seinen „Pavarotti & Friends“- Konzerten und Aufnahmen mit bekannten Popstars internationalen Hilfsorganisationen zugute kommen. In Anerkennung seines Engagements erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und wurde von Kofi Annan zum Sonderbotschafter der Vereinten Nationen für Frieden ernannt.
1999 feierte Pavarotti sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Allein an der New Yorker Met, die seine zweite Heimat geworden war, ist er insgesamt knapp vierhundert Mal aufgetreten. Über all die Jahre hinweg hatte seine Stimme ihre jungendliche Frische und unglaubliche Strahlkraft bewahrt. Erst in den letzten Jahren verlor sie allmählich an Leichtigkeit. An Leichtigkeit hatte auch Pavarotti selbst, der in seiner Jugend ein guter Fußballer mit athletischer Figur gewesen war, in diesen Jahrzehnten massiv eingebüßt. In großen Opernhäusern mit entsprechenden Distanzen zwischen Bühne und Garderobe bewegte der Dreizentnermann sich backstage immer öfter mit einem Elektrowagen, um sich für die Bühne zu schonen. Dieser Wagen wurde scherzhaft „Pavamobil“ genannt. Sein Schwergewicht machte es ihm zuletzt unmöglich, Opernauftritte körperlich durchzustehen und führte sogar so weit, dass er Konzerte im Sitzen absolvieren musste.
2002 hat Luciano Pavarotti seine 34 Jahre jüngere Sekretärin Nicoletta Mantovani geheiratet, mit der er schon seit 1992 liiert war. Pavarotti war im Jahr 2000 von seiner ersten Frau Adua geschieden worden, mit der er drei Töchter hat. Aus seiner zweiten Ehe gingen Zwillinge hervor, von denen einer jedoch bei der Geburt starb, ein Umstand, den Pavarotti nie verwunden hat.
2004 beschloss er, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen und startete zu einer großen Abschiedstournee. Während dieser Tournee wurde 2006 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, sodass er sie abbrach. Trotz einer sofortigen Operation und anschließender Chemotherapie hat diese Erkrankung zu seinem Tod am 6. September 2007 geführt. Sein nahendes Ende trug der Meister, so scheint es, mit Gelassenheit. Einem Journalisten sagte er: „Ich habe wirklich alles gehabt im Leben. Wenn man mir alles wieder wegnimmt, werden Gott und ich quitt sein. Also ist alles bestens.“ Er starb zu Hause in Modena im Alter von 71 Jahren. Pavarottis letzter öffentlicher Auftritt war bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin im Februar 2006 gewesen, wo er letztmals Milliarden Menschen mit „Nessun Dorma“ verzauberte.
Bis zum 8. September nahmen rund 100.000 Menschen am offenen Sarg Abschied, in dem der Jahrhundertsänger im Dom von Modena aufgebahrt war. Die Trauermesse wurde am 8. September weltweit übertragen und durch Auftritte berühmter Kollegen wie Andrea Bocelli geadelt. Höhepunkt war ein Video, das Pavarotti im Duett mit seinem Vater zeigte und erklingen ließ. Pavarotti wurde im Grab seiner Eltern in Montale Rangone beigesetzt.
Und sicherlich können wir alle uns Pavarottis Worten anschließen, wenn er sagte: „Penso che una vita per la musica sia una vita spesa bene ed è a questo che mi sono dedicato“ – Ich denke, dass ein Leben, dass der Musik gewidmet ist, ein gut verbrachtes Leben ist, und dem habe ich mich gewidmet. Zurück zur Übersicht |