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Mysterium im Süden: Das Grab im Busento
Eine dunkle Legende soll sich in finsterer Zeit zugetragen haben: die mysteriösen Bestattung König Alarichs im Fluß Busento, bei Cosenza in Kalabrien. Doch schauen wir zunächst einmal, was davor geschah. Gegen Ende des 4. Jh. n. Chr. war das römische Reich geschwächt. 395 kam es zur Spaltung in das westliche und das östliche Reich. Im gleichen Jahr wurde ein Mann König, der die Hauptrolle in unserer heutigen Geschichte spielt: Alarich, König der Goten.
Die Goten stammten ursprünglich aus dem südlichen Skandinavien. Kurz nach Christi Geburt verließen sie ihre Heimat und begannen eine Wanderung, die im Wesentlichen nie zu Ende ging. Die Gründe für die Auswanderung waren vor allem Überbevölkerung und die daraus resultierende Hungersnot.
Um 370 wurde auf einer Insel im Donaudelta der Knabe Alarich geboren. Zu dieser Zeit herrschte Theodosius in Rom, der später wegen seiner guten Beziehungen zu den Goten den Beinahmen „Gotenfreund“ erhielt. Doch auch seine guten Beziehungen konnten nicht verhindern, dass 391 ein Aufstand angezettelt wurde. Der Grund der Rebellion waren die hohen Verluste an Soldaten, die die Goten während ihrer Kämpfe für den Kaiser Theodosius bezahlen mussten. Anführer der Rebellion war ein junger Mann, der zur schillerndsten Persönlichkeit der Goten aufsteigen sollte: Alarich.
Als Theodosius 395 starb, kam es unter seinen Söhnen Arkadius und Honorius zur Spaltung des römischen Reiches. Die Goten verließen das römische Heer und marschierten Richtung Konstantinopel. 15 Jahre lang zogen sie plündernd über den Balkan, schlossen Verträge, die wieder gebrochen wurden, erhielten von den Römern Landzuweisungen, die wieder annulliert wurden. Das Ganze spiegelt die desolaten Verhältnisse im untergehenden römischen Reich wider. Als Honorius 408 im Westreich eine Jagd auf alle Menschen „barbarischer“ Abstammung begann, erkannte Alarich seine Chance und bot sich als Retter der Verfolgten an.
Dreimal zog er vor Rom, um eine Einigung mit dem Kaiser zu erzielen. Beim dritten Zug schließlich verloren die Goten die Geduld. Am 24. August 410 drangen sie in die Stadt ein, plünderten und verwüsteten Rom drei Tage lang und schleppten unermessliche Reichtümer davon, darunter das legendäre Jerusalemer Tempelgold. Die Schwester des Kaisers, Galla Placidia, wurde als Geisel genommen.
Von dieser verheerenden Niederlage sollte sich das römische Westreich nie wieder erholen.
Doch lange konnte der Gotenführer sich seines Erfolges nicht erfreuen. Auf dem Weg nach Sizilien, von wo aus die Goten nach Nordafrika ziehen wollten, starb er, 40 Jahre alt, noch vor Einbruch des Winters bei Cosenza in Süditalien.
Die Gräber der verstorbenen Führer von Völkern auf der Wanderschaft sind besonders gefährdet. Wenn das Volk weiterzieht und das Grab zurückbleibt, ist niemand mehr da, der für Schutz vor Plünderung sorgen kann. Deshalb sannen diese Völker auf besondere Taktiken, um die Gräber ihrer Fürsten zu schützen. Die Methode der Grablegung, die der Überlieferung nach bei Alarich Anwendung fand, ist auch von anderen Orten Europas aus dieser Zeit bekannt.
Jordanes, ein Historiker aus dem 6. Jh., hat die Bestattung des Alarich überliefert. Danach sollen die Goten den kleinen Fluss Busento umgeleitet haben und das Grab im Flussbett ausgehoben haben. In diesem Grab bestatteten sie Alarich zusammen mit den in Rom geraubten Schätzen – oder zumindest Teilen davon. Danach lenkten sie den Fluss zurück in sein ursprüngliches Bett – das Grab war unter den Wasserfluten perfekt verborgen. Seit dem 18. Jh. haben Archäologen und Glücksritter immer wieder das Flussbett am Fuß der Altstadt von Cosenza durchsucht. Aber hätten die Goten das Grab direkt unter den Augen der Bewohner angelegt? Um es dauerhaft vor Räubern zu schützen, müssen die Goten einen einsamen Platz gewählt haben. Davon jedenfalls sind zwei Schatzsucher aus Cosenza überzeugt. Sie glauben, dass sie die genaue Stelle des Alarichgrabes kennen.
Natale und Francesco Bosco durchsuchen seit Jahren die Schluchten am Oberlauf des Busento. In einem Berghang über dem Wasserlauf haben sie den Eingang zu einer Höhle entdeckt. Der alte Name des Areals lautet "Rigardi" - ein gotisches Wort. Es bedeutet: "Behandle diesen Ort mit Respekt". Könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass der Regent in der Grotte bestattet liegt? Die Höhlenwände weisen Spuren menschlicher Bearbeitung auf. Ebenso deutlich ist ein primitiver Altar erkennbar - eine Hinterlassenschaft der Westgoten? Natale Bosco ist noch auf andere Indizien für das verschollene Grab gestoßen. Er sagt: „Die Westgoten haben meiner Meinung nach im Inneren der Höhle einen Schacht in die Tiefe getrieben, dort Alarich samt seiner Schätze bestattet und anschließend mit einer enormen Menge Geröll aus dem Busento bedeckt. Also nicht unter dem Fluss, wie der antike Chronist schreibt, sondern unter dem Geröll des Flusses ist Alarich bestattet worden. Der Höhlenboden besteht aus Kiesel und nicht aus erodiertem Stein, der ganz fein wäre. Die Kiesel wurden, wie ich glaube, von den Goten hier herauf geschafft." Die Hobbyarchäologen versuchen, eine Grabungsgenehmigung von den Behörden zu erhalten. Die Geschichte könnte also noch ein spektakuläres Ende nehmen, wenn das Grab und Geschmeide aus dem legendären Hort der Westgoten ans Tageslicht kämen.
Doch zumindest die Irrfahrt des Jerusalemer Tempelgoldes endete nicht in der westgotischen Königsgruft. Die wertvolle Fracht zog mit dem heimatlosen Volk weiter. Alarich war ohne leiblichen Nachfolger gestorben. Sein Schwager Athaulf wurde Gotenkönig. Unter ihm gaben die Goten den waghalsigen Plan, nach Nordafrika überzusetzen, auf und marschierten durch Italien bis nach Südfrankreich, wo sie ein Königreich gründeten, das sich fast 100 Jahre lang behaupten konnte. Hier verscholl der Schatz des Salomon.
Doch Generationen von Schülern ist das Grab im Busento vor allem durch die romantische Ballade August Graf von Platens bekannt, mit der wir diesen Bericht schließen wollen:
Das Grab im Busento
Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder.
Aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wider.
Und den Fluss hinauf, hinunter zieh´n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.
Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben,
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben.
Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette.
Um die Strömung abzuleiten gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.
Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.
Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen.
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.
Und es sang ein Chor von Männern "Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!"
Sangen´s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere.
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!
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