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Mummenschanz in der Lagune: Karneval in Venedig
Uralt sind die Bräuche, mit denen die Menschen dem Winter den Garaus zu machen versuchten. Aus all den alten Traditionen, mit denen die Geister des Winters vertrieben und der Frühling heraufbeschworen werden sollte, stachen die römischen Saturnalien hervor, die mit großen Maskeraden zu enden pflegten. Hieraus hat das Christentum den Karneval geformt, der als letztes ausgelassenes Fest die lange Fastenzeit bis zum Osterfest einleitet. Davon leitet sich auch der Name ab, denn „carne vale“ heißt so viel wie, „Tschüss, Fleisch“.
Das krasse Gegenteil des rheinischen Frohsinns ist im karnevalistischen Bereich der Carnevale di Venezia, der elegante und stille Mummenschanz in den Gassen Venedigs. Für diese Zeit wird die Realität gegen eine malerische Illusion ausgetauscht, der graue Alltag verschwindet hinter kostbaren Masken und edlen Kostümen. Zehn Tage vor Aschermittwoch beginnen die Umzüge und Schaustellungen der Maskierten, um die Lagunenstadt in eine gigantische Freilichtbühne zu verwandeln. Die morbide Stimmung der winterlichen Stadt, der malerische Anblick wunderschöner Masken, all dies schafft eine Atmosphäre von unvergleichlicher Melancholie.
Wer davon träumt, den Karneval in Venedig einmal selbst mitzuerleben, muss sich darüber im Klaren sein, dass er heute eine Massenveranstaltung ist, die zahllose Besucher aus aller Welt anzieht. Das kann so schlimm werden, dass die Polizei Einbahnregelungen für Fußgänger in den Gassen einführen muss. Auf manchen Plätzen und Brücken ist das Gedränge beängstigend dicht. Alle Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen sind zu dieser Zeit ausgebucht, die Restaurants sind überfüllt, auf den Vaporetti drängen sich so viele Menschen zusammen, dass man befürchten muss, sie könnten sinken, und die Schlange derer, die in den Markusdom möchten, reicht über den ganzen Markusplatz. Kurz, wer Venedig genießen möchte, der schaut sich besser Bilder vom Karneval an und reist zu einer anderen Zeit in diese Stadt. Auch dann ist der Karneval hier allgegenwärtig, denn die Geschäfte der Maskenbildner sind während des ganzen Jahres geöffnet. Hier lassen sich ihre kostbaren Produkte aus der Nähe betrachten und man kann in aller Ruhe in ihrer ganzen Pracht schwelgen. Masken und Kostüme sind Kunstwerke, aufwändig in mühevoller Handarbeit erstellt, und haben natürlich entsprechende Preise.
Die berühmteste Maske ist die „Bauta“. Eine weiße oder schwarze Maske, die „Larva“, wird mit schwarzem Schleier oder schwarzer Spitze und einem Dreispitzhut getragen. Da der untere Teil dieser Maske den Mund frei lässt beziehungsweise davon absteht, kann sie über lange Zeit getragen werden und erlaubt das Essen und Trinken. Zu dieser Maske trägt man einen schwarzen Umhang aus Samt oder Seide mit Kapuze. Diese „Maschera nobile“ macht alle Träger gleich. Als Anrede genügt ein schlichtes „Sior Maschera“.
Der Karneval Venedigs hat eine jahrhundertealte Tradition. Die älteste schriftliche Dokumentation stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Bürger der reichen Seerepublik Venedig, der Serenissima, feierten den Karneval mit Maskenbällen in den prunkvollen Palazzi der Stadt. Das Tragen der Masken war ab dem Stephanstag, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, bis zum Veilchendienstag erlaubt. Es war den Bürgern zeitweise auch gestattet, die Masken zu Banketten und Festen außerhalb des Karnevals zu tragen und mancher Bürger nutzte die Anonymität und den Zauber der Verkleidung, um sich Dingen hinzugeben, die er sich normalerweise nicht gestattet hätte. Kein Wunder, dass zum Beispiel Casanova ein begeisterter Fan des venezianischen Karnevals war.
Mit dem Ende des Mittelalters entwickelten die Venezianer immer phantasievollere und prächtigere Masken und Kostüme. Ein jeder Bürger der reichen Republik versuchte, den anderen zu übertreffen und somit seinen Wohlstand und erlesenen Geschmack zur Schau zu tragen. Die Masken verdeckten aber auch Klassenunterschiede und schafften Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Unerkannt bot sich Gelegenheit zu manchem Techtelmechtel und Liebesabenteuer, die Larven dienten verarmten Adeligen, um heimlich zu betteln, und Schuldnern als Schutz vor ihren Gläubigern. Die Kostüme reichten von Bauernmädchen und Fischern über orientalische Herrscher, Götter und Dämonen, Advokat, Teufel, Harlekin und Colombina bis hin zum Pestarzt, dem „Medico della Peste“, der als Schutz vor Ansteckung in einen langen schwarzen Umhang gehüllt ist und eine schnabelartige Maske trägt. In der Anonymität dieser Verkleidungen frönten die Venezianer aller Art Ausschweifungen, so schlichen Männer als Frauen verkleidet in Nonnenklöster oder gaben sich zügellosem Glücksspiel hin.
Das Fest wurde um aufsehenerregende Feuerwerke erweitert, junge Burschen wetteiferten im Bilden menschlicher Pyramiden und Gruppen von Maskierten tanzten orientalische Tänze. Am Campanile spielte ein Marionettentheater, ja, der Markusplatz wurde mit den Jahren immer mehr in einen Rummelplatz verwandelt, mit exotischen Tieren, Quacksalbern, Hellsehern, Tombolas, Artisten, Sängern nd Komikern. In der Mitte der feiernden Maskenträger strahlte die würdevolle Präsenz des Dogen und der Senatsherren.
Der Festrausch nahm immer krassere Züge an, zu einer aufregenden Stierjagd gesellten sich blutige Schaukämpfe zwischen Bären und Hunden. Beim „Engelsflug“ stieg ein Seiltänzer über ein Seil von einem Boot bis auf die Spitze des Campanile, warf Blumen über die Maskenträger und kletterte dann hinab auf die Tribüne des Dogen. All dies brachte die Stimmung in der Menge zum kochen, der Karneval gipfelte in einer wilden Orgie, zu deren Ende am Faschingsdienstag die Verkleideten mit Fackeln wie im Wahn durch die Gassen tobten, um dann in der Nacht symbolisch eine große Figur auf dem Markusplatz zu verbrennen. So sehr liebten die Venezianer ihren Karneval, dass sie ihn im frühen 18. Jahrhundert schon im Oktober offiziell wieder eröffneten.
Wen wundert es, dass ob dieser Exzesse der Karneval in Venedig immer wieder mal gesetzlich beschränkt wurde. Die Erlaubnis, Masken zu tragen, wurde eingeschränkt, in kirchlichen Stätten, in Spielhallen oder an Feiertagen waren sie verboten. Zuletzt war es Napoleon, dem es an Verständnis für die Anarchie des Treibens mangelte, der Karneval Venedigs wurde verboten und es dauerte bis 1980, um ihn wieder aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken und ihm neues Leben einzuhauchen.
Junge venezianische Künstler und Leute vom Theater waren es, die sich rund 200 Jahre nach Napoleons Machtwort auf die Traditionen ihrer Ahnen besannen und damit begannen, historische Masken nachzubauen. Auch die aus dem Karneval herrührende Theaterform der Commedia dell´ Arte wurde wiederbelebt. Ein Hintergedanke war es dabei, mehr Touristen in die Stadt zu locken, deren Bewohner immer öfter in bequemere Wohngegenden umsiedelten. Die verlassenen Palazzi waren dem Verfall preisgegeben und die Stadt war in Not, denn die Erhaltung der alten Palazzi verschlingt wahre Vermögen. Was den Karneval als Tourismusmagneten anbelangt, war die Idee jedenfalls ein genialer Marketing-Streich. Zurück zur Übersicht |