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Mord, Intrigen und Gerüchte: Lucrezia Borgia - Feuilleton

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Mord, Intrigen und Gerüchte: Lucrezia Borgia

Nebel zieht über das sumpfige Brachland in der Poebene. Mit jedem Schritt scheint man tiefer zu sinken, ekelhaft hallen die klatschenden, matschenden Geräusche der Schritte in den Ohren wider. So weit das Auge reicht nur nutzloses Sumpfland. Wertlos, kein Vieh kann hier weiden, keine Ackerpflanze gedeihen. Inmitten dieser trostlosen Einöde steht eine zierliche, elegante Frau, begleitet von ihrem Gefolge, und schaut sich um. Sie ist Lucrezia Borgia, und sie hat wie immer eine gute Idee.

Wenige Frauen der Weltgeschichte haben Dichter und Geschichtenerzähler so inspiriert wie Lucrezia Borgia. Victor Hugo widmete ihr eine Tragödie, Gaetano Donizetti schuf daraus eine Oper, Christian Morgenstern schrieb ihr ein Gedicht und mindestens 8 Filme handeln von ihrem Leben. Lucrezia Borgia war eine außergewöhnlich schöne Frau, was zahlreiche zeitgenössische Darstellungen belegen. In Überlieferungen wird sie als graziös beschrieben, mit einem Gang, der wie schwebend wirkte, mit dichtem blondem Haar, das ihr bis zu den Knien reichte, mit haselnussbraunen Augen, die ständig ihre Farbnuancen änderten, mit hohem Busen und natürlicher Anmut. So entsprach Lucrezia voll und ganz dem Schönheitsideal der Renaissance.

Aber sie war auch eine sehr mächtige Frau. Da gibt sich die Phantasie zu gerne der Vorstellung von einer schönen Hexe hin, einer Giftmischerin, Intrigantin und zügellosen Nymphomanin. Und so wurde Lucrezia Borgia im Laufe der Jahrhunderte zum Inbegriff der skrupellosen, machthungrigen Femme fatale, die stets einen Giftring am Finger trug, um sich aller Widersacher rasch entledigen zu können, und die an ihrem Hofe wilde Orgien feierte. Nichts von all den üblen Geschichten, die um sie gewoben wurden, stimmt, und es ist an der Zeit, den Ruf dieser Frau wiederherzustellen, einer Frau, die für ihre Zeit wirklich bemerkenswert war.

Lucrezia wurde als nicht eheliche Tochter des spanischen Kardinals Rodrigo Borgia am 18. April 1480 in Rom geboren. Ihr Vater unterhielt über viele Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Mutter Vanozza, einer gut situierten Geschäftsfrau. Zusammen hatten sie außer Lucrezia noch drei Söhne. Dem Vater war es wichtig, Lucrezia gut zu verheiraten, und so arrangierte er schon für die Elfjährige die Ehe mit einem spanischen Adeligen, die allerdings zunächst nur auf dem Papier bestand. Als Rodrigo im darauffolgenden Jahr zum Papst ernannt wurde - er führte fortan den Namen Alexander VI - erschien ihm diese Ehe nicht mehr opportun, er löste sie kurzerhand auf und vermählte Lucrezia aus machtpolitischen Erwägungen mit dem Mailänder Giovanni Sforza.

Zwar war es in jenen Tagen nicht ungewöhnlich, dass Päpste Kinder hatten. Alexander war aber der erste Papst, der seine Kinder nach seiner Amtsberufung zum Kardinal gezeugt hatte, was natürlich nach den Regeln der Kirche ein Skandal war. Trotzdem bekannte sich Alexander zu seinen vier Kindern und setzte sie wohlüberlegt für seine Ränkeschmiede ein.

Und so kam es, dass er auch Sforza eines Tages nicht mehr für den richtigen Mann hielt. Monatelang führte er Verhandlungen, um ihn zur Einwilligung in die Annullierung der Ehe zu bewegen, und als Sforza sich als unbeugsam erwies, erklärte er sie einfach für null und nichtig mit der Begründung, Sforza sei impotent und habe daher die Ehe mit Lucrezia nie vollziehen können. Hierüber war Sforza aufs äußerste empört – verständlich, denn er war nun öffentlich bloßgestellt. So setzte er der einen Infamie eine andere entgegen und verbreitete, dass Alexander und seine Söhne Inzest mit Lucrezia betrieben, und um dies weiterhin ungehindert tun zu können, habe Alexander die Ehe annulliert. Hier wurde wohl der Grundstein für all die bösen Geschichten, die sich fortan um Lucrezia ranken sollten, gelegt.

So geht das Gerücht, Lucrezia habe in den Monaten, in denen ihr Vater sich um die Annullierung der Ehe bemühte, einen Liebhaber gehabt. Denn offensichtlich war sie schwanger, als ihre Ehe wegen Nichtvollzugs annulliert wurde. Perotto, der Bote des Papstes, bekannte sich zur Vaterschaft, doch ließ sich der Verdacht, Lucrezias Bruder Cesare sei der Vater, nie ganz beseitigen. Es heißt, Lucrezia habe während der Schwangerschaft Rom verlassen und das Kind, einen Jungen, der den Namen Giovanni erhielt, heimlich in einem Konvent geboren. Zwei päpstliche Bullen ergingen wegen dieses Kindes, eine davon besagt, Giovanni sei der Sohn Caesares aus einer heimlichen Affäre, die andere im Widerspruch dazu bezeichnet Giovanni als Sohn Alexanders. Es gibt keinerlei Beweise für die Mutterschaft Lucrezias, welcher Abstammung Giovanni wirklich war, wird für immer im Dunkeln bleiben. Doch fest steht wohl, dass er ein Borgia war, er wurde Herzog von Camerino und lebte später offiziell als Halbbruder Lucrezias an deren Hof in Ferrara.

Lucrezias privates Glück entwickelte sich zunächst weiterhin wenig prosperierend. Ihr Vater beschloss nach der Annullierung der Ehe mit Sforza eine weitere Ehe für sie und vermählte sie mit Alfonso, dem Herzog von Bisceglia, Sohn des Königs von Neapel. Obwohl die Ehe arrangiert war, scheint sich das Paar geliebt zu haben. Sie bekamen einen Sohn, der jedoch nur 12 Jahre alt wurde. Und Lucrezias Vater überlegte es sich wieder einmal anders, er verbündete sich mit dem französischen König, der dummerweise ein Feind Alfonsos war. Alfonso wurde auf offener Straße überfallen und niedergestochen, überlebte aber schwer verletzt. Natürlich lag es auf der Hand, dass er seinen Schwiegervater als Ränkeschmied des Überfalls verdächtigte. Dessen Sohn Cesare, Lucretias Bruder, sei der Täter gewesen, so vermutete Alfonso. Denn das Verhältnis zu seinem Schwager war nie besonders gut gewesen, der eitle Cesare, der nach einer Syphilisinfektion von Narben entstellt war, hasste den gut aussehenden Alfonso. Zudem war Cesare wohl eifersüchtig, denn sein Verhältnis zu seiner Schwester galt als besonders innig und herzlich. Alfonso veranlasste seine Männer, mit Pfeilen auf Cesare zu schießen, der ihn daraufhin erwürgen ließ. Vorbei war das Eheglück.

All diese Tragödien hatte Lucrezia erleben müssen, dabei war sie erst 21 Jahre alt. Es war an der Zeit, dass ihr Glück sich wenden sollte, und das tat es durch die Eheschließung mit dem vier Jahre älteren Alfonso I. d´Este, dem Herzog von Ferrara, Modena und Reggio. Gemeinsam residierte das Paar am Hof von Ferrara, den Lucrezia zu einem der bedeutendsten und glanzvollsten Kulturzentren ihrer Zeit formte.

Lucrezia nämlich war eine gebildete Frau, die sich gerne mit herausragenden Denkern und Künstlern umgab. Zu diesem Kreis gehörten Schriftsteller wie Pietro Bembo oder Ludovico Ariosto, Autor des größten Epos der Renaissance, „Orlando Furioso“, Humanisten wie Gian Giorgio Trissino und Ercole Strozzi und der junge, aufstrebende Maler Tizian. Lucrezia als strahlender Mittelpunkt dieser Gesellschaft wurde als charmant, hochintelligent, kunstsinnig, diplomatisch geschickt, lebenslustig, optimistisch und fröhlich geschildert. Außerdem war sie geschäftstüchtig und verstand es, durch kluge Spekulationen ihr Vermögen zu mehren.

Während der 18jährigen Blütezeit des Hofes von Ferrara pflegten beide, Alfonso und Lucrezia, mehrere außereheliche Beziehungen, wovon erhaltene Briefe zeugen. Lucrezia gebar noch 8 Kinder und erlitt einige Fehlgeburten. Die Geburt ihrer letzten Tochter wurde ihr zum Verhängnis, sie starb nur wenige Stunden danach im Juni 1519, nur 39 Jahre alt. Auch das Kind lebte nicht mehr lange. Dennoch findet sich Lucrezia Borgia in der Ahnentafel fast aller europäischen Königsfamilien, sie ist Vorfahrin von P.G.T. Beauregard, General im amerikanischen Bürgerkrieg, und von der Schauspielerin Brooke Shields.

Doch kehren wir zurück in das Sumpfland der Poebene, das wir am Anfang unserer Geschichte betrachtet haben. Die zündende Idee der Fürstin war es, das Land durch geschickt angelegte Gräben und Kanäle trockenzulegen. Und so erwarb sie den scheinbar nutzlosen Grund für einen Apfel und ein Ei, ließ Gräben ziehen und nutzte ihre 20.000 Hektar als Weideland, zum Anbau von Getreide, Flachs, Bohnen und Wein. Auf diese Art erwirtschaftete sie riesige Gewinne, die schöne Lucrezia hatte sich als clevere Geschäftsfrau erwiesen.

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