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Morbide Monumente: Die Cestiuspyramide und der Cimitero Acattolico
Viele Dinge verbinden wir mit Italien: Sonne, Lachen, Lebensfreude – Espresso, Wein, Spaghetti – Kathedralen, Kunst und Oper… aber bestimmt nicht Pyramiden! Umso überraschter ist der Besucher Roms, wenn er aus Richtung Kolosseum kommend mit dem Bus zur Kirche Sankt Paul vor den Mauern fährt und plötzlich im Vorbeifahren eine stolze, weiße Pyramide erblickt! Zugegeben – sie ist nicht ganz so groß wie die des Cheops, aber doch immerhin beachtlich. Genau genommen hat sie ein Viertel der Höhe der Cheopspyramide: Sie ist 36,5 m hoch und hat eine Seitenlänge von 29,5 m. Sie ist mit weißem Carraramarmor verkleidet, der Überlieferung nach soll ihre Spitze einst vergoldet gewesen sein.
Die alten Römer hatten bekanntlich schon immer eine Vorliebe für pompöse Grabmale. Zeugen sind unter anderem das Mausoleum des Augustus, die Engelsburg, einst Grab des Kaisers Hadrian, oder das Grab der Caecilia Metella an der Via Appia Antica. Seit dem Besuch der Kaiserin Cleopatra im Jahre 46 v.Chr. begannen sich die Römer für alles Ägyptische zu interessieren. Nach dem Sieg des Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, über Antonius und Cleopatra wurde Ägypten zur römischen Provinz. Im ganzen Imperium brach eine ägyptische Modewelle aus, so begann man zum Beispiel, ägyptische Götter wie Isis zu verehren. Natürlich verbreiteten sich auch die Erzählungen von den alles Gesehene übertreffenden, gigantischen, schon 2000 Jahre alten Grabmalen am Nil. Und so lag es auf der Hand, dass einige wohlhabende Römer die Sitte für sich adaptierten und Pyramiden für ihre Grabruhe errichten ließen.
Wie alle Moden war die Zeit des Pyramidenbaus in Rom eine flüchtige Erscheinung, und von den Pyramiden, die in Rom entstanden, ist nur noch diese eine erhalten: Die Cestiuspyramide.
Man weiß nur wenig über Gaius Cestius Epulo. Die Pyramide trägt eine Inschrift, der zufolge er Praetor war, also oberster Gerichtsbeamter. Sein Beiname Epulo lässt darauf schließen, dass er zu den "septemviri" gehörte, einer Kommission, die verantwortlich für die Organisation religiöser Bankette (epulae) war. Einer seiner Erben war der berühmte Feldherr Agrippa, der 12 n.Chr. starb, also muss die Pyramide älter sein. Die Inschriften der Pyramide weisen auch darauf hin, dass ihre Bauzeit 330 Tage betrug. Man schätzt die Datierung dieser Bauzeit auf das zweite vorchristliche Jahrzehnt, um das Jahr 12 v.Chr.
Die Cestiuspyramide besteht aus einem Ziegelkern, der mit Marmor verkleidet wurde. Man betritt den Bau durch eine kleine Pforte an der Westseite und gelangt durch einen 10 Meter langen, ziegelverkleideten Gang in die Grabkammer. Sie ist aus massivem Gussmauerwerk und misst ca. 4 x 6 Meter.
Die Cestiuspyramide ist einer der ältesten datierbaren römischen Ziegelbauten. Bei ihrer Errichtung befand sie sich inmitten einer römischen Nekropole an der Via Ostiense. Kaiser Aurelian ließ sie im 3. Jh. in seine Aurelianische Stadtmauer integrieren. Von dieser Stadtbefestigung erhebt sich direkt neben der Pyramide noch die Porta Ostiense.
Im Mittelalter hielt man die Cestiuspyramide und eine weitere ähnliche Pyramide nahe der Engelsburg für die Gräber der sagenhaften Gründer Roms Romulus und Remus. Die Cestiuspyramide trug den Namen "Sepulcrum Remi". Ihre Schwesterpyramide bei der Engelsburg wurde im 16. Jh. abgebaut und als Baumaterial verwendet.
Johann Wolfgang von Goethe erwähnte die Cestiuspyramide am 10. November 1786 in einem Brief an Charlotte von Stein. Zu dieser Zeit gewann sie eine neue Bedeutung: Sie wurde zum Symbol für den nicht katholischen Friedhof, den "cimitero acattolico".
Nichtkatholiken durften nämlich nicht auf den Friedhöfen Roms bestattet werden. Für sie stellte man eine Gemeindewiese (Prati del Polopo Romano) zur Verfügung, auf der Schafe weideten. Zur Zeit des Kirchenstaates mussten die Toten nachts bestattet werden, die Anwesenheit eines Geistlichen, Grabreden oder Liturgien waren untersagt. In nächtlicher Stille wurden die Leichen herbeigeschafft, denn hier war der Platz der Ketzer, die zwar zu Lebzeiten in Rom geduldet oder gar geachtet wurden, im Tode aber vor die Stadttore hinaus verbannt wurden, um in ungeweihter Erde neben dem Grabmal eines Heiden zu vermodern. Die Särge, die sonst offen durch Rom getragen wurden, mussten verschlossen sein. Allein den Freunden des Toten war es gestattet, dem Sarg mit Fackeln zu folgen. Es gab weder Mauer noch Zaun, die die Ruhestätte abgegrenzt hätten. Lange war es untersagt, Grabmale zu errichten, Kreuze durften noch länger nicht errichtet werden und bis 1870 wurde jede Inschrift auf Grabsteinen der Prüfung durch eine päpstliche Kommission unterzogen.
Erst als der Freiheitskämpfer Garibaldi 1870 dem Kirchenstaat den Garaus machte und die Macht in Italien übernahm, begannen bessere Zeiten für den "cimitero acattolico". Garibaldi war Freimaurer und hatte nicht viel für die katholische Kirche übrig. Die Zwangsmaßnahmen wie nächtliche Bestattung usw. wurden aufgehoben. Zwischen 1870 und 1880 entstand eine Mauer, damit die Grabruhe nicht mehr gestört werde. Die Kapelle wurde 1898 erbaut, über dem Haupeingang die Inschrift "Resurrecturis" (Denen, die auferstehen werden) eingemeißelt.
Viele Besucher halten diesen Ort der Ruhe inmitten Roms für den schönsten und stimmungsvollsten Friedhof der Welt. Eine kleine Glocke will geläutet werden, begehrt man Einlass. Das Tor durchschreitend, betritt man eine andere Welt: Der brausende Verkehr der Via Ostiense verstummt hinter den Mauern, es öffnet sich ein anmutiger Landschaftsgarten. Zwischen Zypressen, Lorbeer, Myrthe, Buchsbaum, Rosen und Efeu liegen idyllisch die Gräber, von anrührenden Grabmalen geschmückt, im Hintergrund erhebt sich die Cestiuspyramide in ihrer Erhabenheit und lässt dem Besucher die ungeheure Dimension geschichtlicher Zeiten bewusst werden.
Fast 4.000 Menschen liegen hier begraben, die meisten davon Deutsche und Engländer. Der erste, dessen Namen man kennt, war ein Student aus Oxford namens Langton. Er wurde 1738 bestattet, von früheren Begräbnissen gibt es keine Überlieferungen. Zu den berühmtesten Bestatteten gehören die englischen Dichter John Keats und Percy Bysshe Shelly. Shelley war wegen seiner liberalen Ansichten bezüglich Meinungs- und Religionsfreiheit ins Exil verbannt worden und lebte hier in regem Kontakt mit einem anderen Exilengländer, Lord Byron. Keats kam 1820 nach Rom, bereits an Schwindsucht leidend. Als man seinen Grabplatz auf dem "cimitero acattolico" gefunden hatte und ihm davon berichtete, soll er glücklich lächelnd kommentiert haben: "Ich fühle schon die Blumen über mir wachsen". Der schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger fand hier seine letzte Ruhestätte, ebenso die Schriftstellerin Malvida von Meysenburg, der Architekt Gottfried Semper, Erbauer der berühmten Semperoper in Dresden, und der neunjährige Knabe Wilhelm, Sohn Wilhelm von Humboldts. Und ein weiterer Sohn eines berühmten Vaters wurde hier bestattet: August von Goethe, Johann Wolfgangs einziger Sohn. 1830 war er zu einer Italienreise aufgebrochen, um es seinem Vater gleichzutun, der selbst mehr als 40 Jahre zuvor Italien bereist hatte. Eigentlich war er schon bei Reiseantritt schwer krank, jedoch versprach er sich Genesung durch südländische Inspiration. Er starb 1830 in Rom und vollendete damit, was sein Vater in den Römischen Elegien geschrieben hatte: "O, wie fühl ich in Rom mich so froh! Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, Cestius´ Mal vorbei, leise zum Orkus hinab."
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