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Mitten im Mittelmeer: Eine Reise entlang Italiens Westküste - Feuilleton

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Mitten im Mittelmeer: Eine Reise entlang Italiens Westküste

Sanft schwankt unser Boot in den Wellen. Es ist eine stille, laue Nacht, ruhig liegt das Mittelmeer unter einem überwältigenden Sternenhimmel. Und doch wäre es eigentlich eine dunkle Nacht, denn der Mond ist am schwarzen Glitzertuch des Himmels noch nicht aufgegangen. Aber dies ist eine magische Nacht, wir brauchen den Mond nicht, um sie zu erleuchten. Das Meer selbst leuchtet in dieser Nacht, durch die lichtlos ruhenden Wasser zieht sich ein leuchtend grünes Band, es strahlt auf, als seien die Nixen am Grunde erwacht und zögen nun in smaragd funkelnder Prozession unter der Meeresoberfläche in Richtung Westen, ein überirdisch glimmender Tanz der Märchenwesen in einer verzauberten Nacht.

Diese Nacht der Geheimnisse erlebte ich, als wir vor der Südostküste Sardiniens lagen. Ich hatte nicht schlafen können und war deshalb noch einmal an Deck gekommen, um die Sterne zu betrachten. Und während ich fasziniert das Meeresleuchten beobachtete, erinnerte ich mich an die Bootsfahrt entlang Italiens Westküste, die hinter uns lag.

Wir waren im lieblichen San Remo an der Blumenriviera Liguriens aufgebrochen. Nirgendwo sonst in Italien gibt es so viele Bootsanlegeplätze wie hier in Ligurien. Kleine, hübsche Sandbuchten ziehen sich zwischen den zahlreichen Häfen entlang, dahinter steigt steil das ursprüngliche Bergland der südlichen Alpenausläufer auf. Entlang der Hänge reiht sich Gewächshaus an Gewächshaus – nun weiß ich, warum man von der „Blumen“-Riviera spricht. Keineswegs schön – die monotonen Kästen kann man nicht unbedingt als Augenweide bezeichnen.

In historischem Fahrwasser reisen wir nach Genua, der Heimatstadt des Christoph Kolumbus, die lange Zeit eine mächtige Seerepublik war. Heute ist Genua eine moderne, nicht gerade pittoreske Großstadt. Deshalb halten wir uns nicht lange auf, unser nächstes Ziel ist der malerische Hafen von Portofino. Und wirklich – wir fühlen uns in ein Gemälde versetzt beim Anblick der hübschen bunten Häuschen, die sich um den kleinen Hafen scharen, in dem edle Luxusyachten Hinweise darauf geben, dass auch Besucher mit deutlich höherem Budget als wir diesen Ort zu schätzen wissen.

Weiter geht es nun an der Küste der berühmten Cinque Terre entlang. Die schroffe Küste, an die sich die fünf Ortschaften der Cinque Terre schmiegen, ist atemberaubend schön. Hinter jeder Klippe öffnen sich neue Postkartenmotive. Eine Welt für sich – ich verstehe jetzt, warum so viele Leute von den Cinque Terre schwärmen.

Im still und zauberhaft unter der Sonne ruhenden kleinen Hafen von Portovenere haben wir einen Café genossen und beobachtet, wie die Ausflugsboote mit den Touristen zur Rundfahrt um die Cinque Terre aufbrechen. Unser nächstes Ziel ist die Küste der Versilia in der nördlichen Toskana. Ab Carrara zieht sich ein schier unendlicher, breiter Sandstrand vor den hohen Gipfeln der Apuanischen Alpen entlang. Strahlend leuchten die erhabenen weißen Marmorfelsen vor dem azurfarbenen Himmel, ordentlich reihen sich die Liegestühle der zahlreichen Strandbäder darunter auf. An der ganzen Küstenlinie pulsiert der Strandurlaub, hier begegnen uns Forte dei Marmi oder Viareggio, Orte, die Sommerfrischlern aus aller Welt bekannt sind.

Weiter im Süden, vor der Landschaft der Maremma, ist der Strand ursprünglicher, gerahmt von der wilden Macchia der Naturschutzgebiete dieser Region. Ganz im Süden der Toskana erreichen wir die mondäne Halbinsel des Monte Argentario, dessen bunte Unterwasserwelt zu den interessantesten Italiens gehört.

Nun beginnt die Küste von Latium. Auch hier fallen uns breite Sandstrände auf, dazu einige imposante mittelalterliche Ortschaften am Meer. Doch als wir auf der Höhe von Rom, ungefähr bei Fumicino, an den Strand gehen, sind wir enttäuscht. Im Gegensatz zu den gepflegten Stränden der Versilia wirkt es hier sehr schmuddelig. Vielleicht sind wir auch einfach zu nahe an der großen Stadt und einem ihrer Flughäfen, vielleicht ist auch unsere Stimmung getrübt, weil wir einen regnerischen Tag erwischt haben.

Wir setzen daher die Fahrt fort und erreichen – nun wieder bei strahlendem Sonnenschein – den Golf von Neapel. Mächtig thront der Vesuv über der Metropole, duftend blüht der Oleander, Himmel und Meer liegen im Wettstreit, wer von ihnen blauer strahlt – vedere Napoli e poi morire – Neapel sehen und sterben!

Hoch über steilen Klippen liegt Sorrent und schaut auf diese Kulisse hinab, die wie eine gigantische Opernbühne wirkt. Zu Füßen der Klippen erstreckt sich weiter Sandstrand, am Abend glitzern rundum Lichter und spiegeln sich im Meer, so weit das Auge reicht – sind wir im Paradies angekommen?

Nein, es kommt noch besser. Das wunderschöne Capri träumt mitten im blauen Wasser vor sich hin und öffnet das Tor zur Amalfiküste. Die Amalfiküste ist vielleicht die schönste Küste, die ich je gesehen habe. Sie ähnelt den Cinque Terre, ist aber weitläufiger und noch bizarrer. Zwischen ihren schroffen Felsen schmiegen sich entzückende Ortschaften an die Hänge, kleine Häuschen in Pastelltönen, die fast maurisch anmuten. Kein Wunder, denn die wilden Sarazenen haben hier in früherer Zeit ihr Siegel hinterlassen. Das reizende Positano ist voll von hinreißenden kleinen Modeläden und ich kann nicht umhin, mir einen bunten Schal zu kaufen, der mich auf der Weiterfahrt flatternd begleiten wird. Blickt man von einem erhabenen Punkt auf die steil abfallende Amalfiküste hinunter, so ergreift dieser majestätische Anblick Besitz von allen Sinnen. Hier schrieb Ibsen sein "Peer Gynt" und Richard Wagner komponierte den "Parsifal", kein Wunder!

Zwischen den Klippen liegen immer wieder verträumte kleine Buchten mit Sandstrand, fast fühlt man sich gezwungen, hinabzusteigen und ein erfrischendes Bad im tiefblau strahlenden Meer zu nehmen. Hier gibt es so viel zu entdecken, dass uns unsere Reise viel zu kurz erscheint.

Noch sprachlos von all den Eindrücken erreichen wir südlich von Salerno die ersten Ausläufer des Cilento. Auch hier werden wir wieder überrascht: Vor den kargen Hängen erstrecken sich prächtige weite Sandstrände, die kleinen Fischerdörfer strotzen geradezu vor Ursprünglichkeit, die Schandmale des Massentourismus sind hier vergessen, man meint, in einer anderen, ruhigeren Zeit angekommen zu sein. Die Küste ist geprägt von rauen Felsen, durchlöchert von Höhlen, und dazwischen immer wieder diese weiten, weißen Sandstrände und smaragdstrahlendes, glasklares Wasser, wieder haben wir ein neues Paradies entdeckt! Erhaben reckt sich der berühmte Fels von Palinuro aus der Küstenlinie heraus, so, als wolle er uns die Zunge herausstrecken – ätsch, wie schön es hier ist, das habt ihr gar nicht gewusst!

Helle Sandbuchten zwischen schroffen Felsformationen und glasklarem Wasser prägen auch das Bild der Küste Kalabriens, die wir nun erreichen. Schon Odysseus kreuzte in diesen Gewässern, wieder fühlen wir uns in die Vergangenheit versetzt.

Wir erreichen Sizilien. Weite Strände erstrecken sich um die Insel, ursprünglich und vor wildem Hinterland. Im Norden, vor Patti, ankern wir und sitzen nachts bei einem feurigen sizilianischen Rotwein an Deck. Am Horizont leuchtet der Feuerschein der Vulkane der Liparischen Inseln. Wieder so eine Nacht, die in ihrer Romantik fast unwirklich erscheint.

Das Kap vor Palermo soll Goethe das schönste der Welt genannt haben. Bei aller Liebe, ich kann die Meinung des großen Meisters hier nicht teilen. Mehr gefällt mir die wildromantische Küstenlandschaft des Naturparks von Zingaro östlich von Castellammare. Und völlig begeistert bin ich wieder, als ich hoch über Erice am Kastell stehe und auf die weite, bergige Küstenlandschaft hinunterblicke.

In Selinunt, weiter unten im Süden Siziliens, weht ein lauer Wind vom Meer über den weiten Strand bis in die Ruinen der griechischen Stadt. Eine denkwürdige, stille Stimmung herrscht hier, wieder muss ich an Odysseus denken, fast erwarte ich, dass er um die nächste Ecke kommt. Schöne weite Strände ziehen sich entlang der Südküste Siziliens, bis wir bei Portopalo den einsamen südlichsten Zipfel der Insel erreichen, ein Hauch Sahara, ein Hauch von Afrika liegt in der Luft. Nun wenden wir uns wieder Richtung Norden, vorbei an Syrakus und Catania, bis im Westen der erhabene Ätna den Horizont beherrscht und Taormina blumenumrankt dem Meer entsteigt, in dessen griechischem Theater die nächste Postkartenidylle auf uns wartet. Hier, in einer Höhle an den Hängen des Ätna, soll Polyphem gelebt haben, der Zyklop, den Odysseus blendete, und die Felsen, die vor der Küste im Meer liegen, das will die Legende wissen, sind keine geringeren als die, die der wütende Zyklop dem davonsegelnden Seefahrer hinterhergeschmissen hat.

Wir quetschen uns durch die Meerenge von Messina und nehmen, vorbei an den Liparischen Inseln, deren Leuchten wir schon gesehen haben, Kurs auf die Südküste Sardiniens.

Sardinien ist die Endstation unserer Küstenfahrt. Die Strände Sardiniens gehören zu den schönsten, die ich gesehen habe – fast puderig feiner, strahlend heller Sand leuchtet blendend unter der Sonne, die hier vermutlich nahezu immer scheint. Und das Wasser ist so klar und erstrahlt in hellen Smaragd-, Türkis- und Azurtönen, dass man sich in die Karibik versetzt fühlt. Heute wurden wir, als wir durch das offene Meer in Richtung Torre delle Stelle, dem „Turm der Sterne“ fuhren, eine zeitlang von Delfinen begleitet.

Nun werde ich doch müde, während das Meeresleuchten langsam verblasst. Natürlich weiß ich, dass keine Nixe mit mystischem Zauber das Meer zum Leuchten gebracht hat. Es ist auch nicht das Werk von Jim Knopf, der das Meeresleuchten repariert hat um das Reich der Meerjungfrauen und Meermänner zu erhellen. Es war die Fähre, die aus Neapel kommend in Richtung Cagliari vorbeigefahren ist. Dabei hat sie eine bestimmte Art von Mikroorganismen aufgewirbelt, eine zum Plankton gehörende Art, die bei Berührung luminesziert. Aber das Leuchten ist atemberaubend schön, deshalb verdränge ich die profane Erklärung und trage den Zauber dieser Nacht der Geheimnisse mit in meine Träume, Träume von den unvergleichlichen Küsten Italiens.

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