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Methusalem der Bäume: Die Kastanie der hundert Pferde - Feuilleton

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Methusalem der Bäume: Die Kastanie der hundert Pferde

Schwer und bedrohlich ballen sich düstre Wolken an den dunklen Hängen des mächtigen Ätna zusammen, wo eben noch sanfte Sonnenstrahlen durch das Grün der Wälder auf eine prächtige Jagdgesellschaft fielen. Es ist die junge Königin Johanna, die mit 100 Reitern unterwegs ist, ihrem adeligen Gefolge und der Dienerschaft. Schon zucken erste Blitze, grollt unheilschwangerer Donner vom Berg herab. Furchtsam blickt die junge Königin sich um, erste Tropfen fallen bleiern vom Himmel. Da erblickt sie ein gewaltiges grünes Dach, einen Baum wie eine trutzige Burg, wie ein göttliches Mysterium. Sie gibt ihrem Schimmel die Sporen und treibt ihn unter das wundersame Astgewölbe, und ihre 100 Gefolgsleute finden mit ihr dort Schutz vor dem gewaltigen Gewitterregen, der nun um sie hereinbricht.

So will es eine alte sizilianische Legende wissen, und sie erzählt von einem Naturwunder, dass seinen Namen der romantischen kleinen Geschichte um die Königin Johanna verdankt: dem Kastanienbaum der hundert Pferde, Il Castagno dei cento Cavalli. Im Wald von Carpineto, nahe der kleinen Ortschaft Sant´Alfio an den fruchtbaren, tieferen östlichen Ausläufern des Ätna in 550 Metern Höhe, steht die gewaltige Edelkastanie, die vielfach als ältester Baum Europas angesehen wird. Experten schätzen ihr Alter auf zwischen 2.000 und 4.000 Jahre, eine präzisere Datierung ist leider nicht möglich.

Einst hatte der Baum einen gewaltigen Stamm, der in einer Erwähnung von 1780 mit 57,9 Metern Umfang angegeben wird. Aufgrund dessen führt das Guiness-Buch der Rekorde ihn als größten Baum der Welt auf. Heute stimmt das jedoch so nicht mehr, denn bei einem Brand im Jahre 1923 wurde der Hauptstamm weitgehend vernichtet. Der Baum stützt sich heute auf drei einzelne Stämme, deren mächtigster einen Umfang von 22 Metern aufweist. Die beiden anderen Stämme messen 13 und 20 Meter im Umfang, die Höhe des Baumes beträgt 22 Meter. Gerüchte vermuten übrigens als Brandursache die Rache der Einwohner des Ortes Giarre, denn Sant´Alfio war bis dato Teil dieses Ortes gewesen und hatte gerade seine Unabhängigkeit erlangt.

Nun streiten sich die Experten darüber, ob die drei verbliebenen Stämme tatsächlich Teile eines einzigen Baumes sind oder vielleicht doch drei verschiedene Bäume. Hier war kaum Einigung zu erzielen, und deshalb veranlasste der italienische Fernsehsender RAI Uno eine genetische Untersuchung. Das Ergebnis spricht dafür, dass es sich tatsächlich um nur einen Baum handelt, was aber nicht verhindern konnte, dass sich die Experten weiter streiten.

Letztlich spielt es keine Rolle, denn wer jemals unter dem gewaltigen Baum gestanden hat, seine knorrigen Zweige betrachtet hat und den Wind mit seinen unzählbaren Blättern hat spielen sehen, der ist fasziniert von diesem prächtigen Zeugen der Jahrhunderte und verzaubert von seinem mystischen Bann. So ist es kein Wunder, dass er  über die Jahrhunderte Poeten und Schriftsteller inspiriert hat. Die erste Erwähnung findet er 1636 bei Don Pietro Carrera, der ihn als imposanten Baum bezeichnet, unter dem 30 Pferde beherbergt werden könnten. Guiseppe Recupero berichtet gute 100 Jahre später von einer geheimnisvollen Hütte im Inneren des Baumes, die er allerdings bei einem Besuch einige Jahre später verfallen vorfand. Die Hütte jedoch hat es gegeben, denn man sieht sie auf der ältesten Abbildung des Baumes, einem Gemälde des Reisenden Jean-Pierre Houël aus dem Jahr 1787, welches einen guten Eindruck vom Aussehen des Baumes vor dem Brand von 1923 vermittelt.

Schon früh erkannten die Bewohner der Gegend den besonderen Wert dieses Schatzes in ihrem Wald. Bereits am 21. August 1745 stellte daher ein Tribunal den Baum und den unweit davon stehenden „Kastanienbaum des Schiffes“, der etwa 1.000 Jahre alt ist, unter Naturschutz, weltweit vermutlich einer der allerersten Protektionen dieser Art. Die Wälder waren jedoch im Besitz eines sizilianischen Adelshauses. Dieses nutze die prächtigen Bäume gerne für ausgelassene Festbankette unter den mächtigen Blätterdächern. Übermütig wurde dabei in den Ästen herumgeklettert, Zweige wurden gebrochen und Rindenstücke abgepult. Im Jahre 1965 griff die italienische Regierung dagegen durch. Mit einem Schlag der Staatsgewalt wurden die Bäume enteignet und sind seither Naturdenkmal. Die Umweltschutzbehörden führen Untersuchungen und Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der beiden Bäume durch.

Ob aber jemals eine Königin Johanna mit ihrem Gefolge Schutz unter dem Baum, der seinen Namen der Legende verdankt, gefunden hat, wird für immer im unergründlichen Dunkel des Mittelalters verborgen bleiben. Man ist sich nicht einmal einig, um welche Johanna es sich dabei gehandelt haben soll. Spekuliert wird über Johanna von Aragón, die aber vermutlich niemals auf Sizilien war, Johanna I. von Anjou, einer machtbesessenen Frau mit bizarrer Lebensgeschichte, die im Septemer 1356 nach der Eroberung Siziliens in Messina einzog, und schließlich Johanna II. von Anjou, die besonders für ihr freizügiges Liebesleben berüchtigt war. Vielleicht war sie es, die die Nacht mit einem ihrer Liebhaber unter dem gewaltigen grünen Dach verbrachte, während um sie herum der Gewittersturm tobte und das Schnauben von 100 Pferden sich mit den leisen Liebesseufzern vermischte.

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