Maurizio Cattelan:
Kunstwerke, die Geschichten erzählen

Kein Kunstwerk hat mich mehr fasziniert und beschäftigt als ein einfacher weißer Tisch, und mit kindlicher Erwartung und Freude habe ich ihn immer wieder aufgesucht. Vielen Dank, Signore Cattelan, für Ihre hinreißende Idee! Und schade, dass man Ihr Kunstwerk wieder abgebaut hat. Ich vermisse es sehr.
Dieser Signore Cattelan, mit Vornamen Maurizio, ist ein italienischer Künstler. Er wurde 1960 in Padua geboren, ist 1993 nach New York gezogen und lebt und arbeitet teils dort, teils in Mailand. Ursprünglich befasste er sich damit, antifunktionale Designobjekte zu entwerfen, bis er sich der Kunstwelt zuwandte, die ihm letztendlich mehr zusagte. Mit seinen Kunstwerken erzählt
Cattelan Geschichten – und damit kommen wir auch gleich wieder zu seinem Tisch.
Ein simpler weißer Tisch als Kunstwerk? Also wirklich – diesen Typen ist alles zuzutrauen! Und man denkt gleich an den Spruch: Ist das Kunst, oder kann das weg?
Cattelans Tisch – weiße Kunststoffplatte, Beine aus Metall – nahm einen unauffälligen Platz ein an der Wand eines Ausstellungsraumes im obersten Stockwerk des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Viele Leute gingen achtlos an ihm vorüber. Ein Tisch, na wenn schon… Was da aber im Raum stand, war nur ein halber Tisch. Die andere Hälfte verschwand durch einen Schlitz im Mauerwerk.
Moment mal, das ist doch eine Außenmauer! Also müsste diese andere Hälfte… ja, irgendwie draußen in die Luft ragen. Spannend! Im Schlitz in der Mauer sind über der Tischplatte wenige Zentimeter Luft. Gerade genug, um einen Blick auf die andere Seite zu erlauben und dem Betrachter seine Annahme zu bestätigen. Aber nur, wenn er sich bückt und von einer der beiden Längsseiten schaut, die Augen knapp über der Tischplatte.
Und da erscheint etwas ganz Wunderbares im Blickfeld: ein Schokoladenkuchen mit Kerzen, eine Geburtstagstorte! Ganz allein steht sie dort draußen auf dem Tisch, von innen nur aus einem bestimmten Winkel durch eine wenige Zentimeter hohe Öffnung zu sehen. Und von außen gar nicht – es sein denn, man chartert einen Baukran oder Hubschrauber. Wer feiert hier Geburtstag,
und wer sind die Gäste?
Nur wenige von Cattelans Werken kommen so nett und harmlos daher wie dieser Tisch. Im Jahr 1999 gestaltete der Künstler eine Installation mit dem Titel „La Nona Ora – Die neunte Stunde“. Hier liegt eine Figur auf dem Boden, die Papst Johannes Paul II darstellt, wie er gerade von einem Meteoriten getroffen wird. Und 2001 stellte Cattelan „Him“ vor, eine unschuldig wirkende und fromm kniende Figur von Adolf Hitler. An Hitler-Zeiten erinnerten auch die drei Arme, die sich im MMK in Frankfurt schräg nach oben aus einer Wand
streckten. Sie waren so täuschend echt gestaltet, einschließlich feiner dunkler Härchen, dass man sie zu gerne berührt hätte.
Cattelans Skulpturen sind meist keine groß angelegten Installationen. Er hebt seine klar erkennbaren Figuren und Gegenstände aus ihrem üblichen Kontext und bettet sie in eine andere Situation ein. Mehr nicht – doch mit soviel Wirkung! Plötzlich steht eine Geschichte vor unseren Augen, ein Rätsel, eine unerhörte Provokation. Und ganz wichtig: es darf gelacht werden!
Wie schnell aber bleibt einem das Lachen im Hals stecken und weicht einem Gefühl von Beklemmung. Da sieht man auf einem Ausstellungsplakat ein Stoffhündchen mit Knopfaugen und niedlichen Schlappohren. Es liegt auf einer Eisenbahnschiene, und die Perspektive ist die des herannahenden Zuges… Der Tod lauert bei Cattelan immer in nächster Nähe – oder er ist schon da, wie bei dem lebensmüden Eichhörnchen, das mit einer Pistole Selbstmord begangen hat.
In Mailand provozierte Cattelan einmal einen Skandal. Im ältesten Baum der Stadt hängte er drei lebensecht wirkende Kinderfiguren am Hals auf. Das empörte einen Mailänder Bürger so sehr, dass er die Figuren kurzerhand abschnitt. Der Streit, ob damit ein Kunstwerk zerstört oder die öffentliche Ordnung wiederhergestellt wurde, währte wochenlang.
Cattelan selber schien dieser Übergriff nicht sonderlich zu stören, trug das Aufsehen doch weiter zu seinem Ruhm bei. Nur Tage nach der Kunstattacke fand eines von seinen älteren Kunstwerken, ein ausgestopftes, schwebend aufgehängtes Pferd mit dem Titel „Die Ballade von Trotsky“, für 2,1 Millionen Dollar einen neuen Besitzer – zugegebenermaßen nicht zum Profit des Künstlers, der das Werk bereits Jahre vorher für 5.000 Dollar verkauft hatte.
Als ihm das Millionengeschäft zu Ohren kam, wird er sich gebogen haben vor Lachen, denn Cattelan ist vor allem ein Hofnarr, der sich wundert, wenn man ihm auf den Leim geht. Er selber bezeichnet sich gar nicht als Künstler; der Aufenthalt im schillernden Grenzbereich zwischen Kunst und Wirklichkeit ist ihm viel lieber. Es kann durchaus passieren, dass er einen Freund zu einem
Interview schickt, der sich dann für ihn selber ausgibt. Und der Genarrte ist der, der die Kunstszene und ihre Protagonisten ach so ernst nimmt.
Die ganz banale Wirklichkeit bietet Cattelan einen unerschöpflichen Fundus an Ideen. Der Plan für ein Kunstwerk kann innerhalb einer Minute Gestalt annehmen. Mit der eigentlichen Arbeit, dem Ausstopfen oder Formen, beauftragt Cattelan dann jemand anders. „Ich mache eigentlich gar nichts“, sagt er, „außer dass ich ständig esse – in diesem Fall Bilder und Informationen. Das Ganze ist ein Verdauungsprozess, ich weiß nur nicht, wovon.“ Und manchmal klaut er auch Ideen, wie die Gerüchteküche und erzürnte Weggefährtinnen behaupten. Jedenfalls hat Cattelan es
auf seine Weise geschafft, an die Spitze der internationalen Kunstszene aufzusteigen.
Anders als so mancher andere Gegenwartskünstler erlaubt Cattelan uns einen eigenen Zugang zu seiner Kunst. Wir können uns mit seinen Werken beschäftigen, ohne die Experten bzw. den Ausstellungskatalog zu Rate ziehen zu müssen. Cattelan selber behauptet, er wisse nicht, was seine Werke bedeuten. Wunderbar, dann dürfen wir selber Theorien aufstellen und Geschichten erfinden. In einem Interview sagte der Künstler: „Manche meiner Arbeiten könnte ich ewig betrachten, nach 15 Jahren faszinieren sie mich noch immer. (…) Ich mag Werke, die dich verrückt machen und dir keine Lösung anbieten.“
Und genauso ging es mir mit seinem Tisch. Ich musste ihn immer wieder anschauen und untersuchen, weil er sich jeder endgültigen Interpretation entzog. Und beim ersten Mal, als ich das Museum verließ, schaute ich nach, ob der Tisch denn auch wirklich oben aus der Außenmauer ragte, oder ob das Ganze nur ein Trick war. Die Tischhälfte aber schwebte wie erwartet hoch oben über der Braubachstraße. Einen Steinwurf nur vom Frankfurter Römerberg, aber gänzlich unbeachtet von den Touristen.
Da haben sie was verpasst.
von Gunhild Hexamer
© Gunhild Hexamer




