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Marco Polo: Schwindler oder Weltreisender? - Feuilleton

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Marco Polo - Schwindler oder Weltreisender?

Um das Jahr 1254 war Venedig eine blühende Republik. Reiche Handelsleute beherrschten die Stadt, deren prächtige Paläste über den Kanälen glänzten. In prunkvollen Gewändern glitten die selbstbewussten Venezianer auf ihren kostbar ausgestatteten Gondeln dahin. In diese Zeit hinein wurde Marco geboren, Sohn des reichen, hoch gebildeten und ehrenwerten Kaufmanns Nicolo Polo. Es waren die Seefahrt und der Handel mit Konstantinopel, die den Reichtum der Familie begründeten. Doch Konstantinopel kündigte 1260 die Verträge mit Venedig. Nun galt es, neue Handelswege zu erschließen, und so reiste Marcos Vater zusammen mit seinem Bruder Maffeo in das damals von Mongolen beherrschte Asien. Ursprünglich war wohl keine so extrem weite Reise geplant, doch einmal unterwegs, zog es die beiden Venezianer immer weiter bis sie schließlich China erreichten.

Der chinesische Großkhan Kublai (1215-1294), ein gebildeter, weltoffener und hochinteressierter Mann, war fasziniert vom Besuch der beiden von so weit her kommenden Fremden, die offensichtlich die ersten Europäer waren, die je China betraten. Er befragte sie eingehend über Europa und seine Sitten, über die Könige und die Rolle des Papstes. Sein geweckter Wissensdurst veranlasste ihn, die beiden Venezianer mit einer Botschaft an den Papst zurückzuschicken, in der er 100 gebildete und intelligente Christen einlud, nach China zu kommen und dort mit chinesischen Intellektuellen über Religion zu diskutieren. Wenn es ihnen gelingen sollte, den Großkhan zu überzeugen, so würde er mit all seinen Untertanen zum Christentum übertreten. Für die Rückreise stattete er die Polos mit einem Geleitschreiben aus, das in ein Goldtäfelchen graviert war und seine Untertanen verpflichtete, den Venezianern unterwegs Schutz und Hilfe zu gewähren.

1269 kehrten die Reisenden nach Hause zurück. Doch kein Papst konnte ihnen eine Antwort auf das Schreiben des Kaisers von China geben, denn der päpstliche Stuhl war wieder einmal verwaist. Erst 2 Jahre später, nach der Wahl Gregor X., ermunterte dieser die beiden Polos, eine neue Reise in den Orient anzutreten, doch konnte er ihnen nur zwei Mönche mitgeben.
Die Polos traten 1271 die Reise trotzdem an. Die fremde Welt im fernen Osten hatte sie fasziniert und verzaubert. Die neuen Möglichkeiten in jeder Beziehung, die sich daraus ergaben, waren zu verlockend, um zu widerstehen. Und diese Verlockung ergriff auch den 17jährigen Marco, dessen Mutter in der Zwischenzeit gestorben war und der sich Vater und Onkel anschloss.

Die beiden Mönche flüchteten bald, als sie die Gefahren der Reise durch die Asiatischen Steppen mit ihren wilden Horden - schließlich war der berüchtigte Dschingis-Khan noch nicht allzu lange tot - erkannten. Durch die Türkei, das Zweistromland, Afghanistan und Turkestan, über das Pamir-Gebirge und durch die Wüste Gobi führte die vierjährige Reise, deren Ziel Khanbalik, das heutige Peking, war. Immer wieder wurde die Reise wegen der Wetterverhältnisse oder auch wegen sich bietender Handelsmöglichkeiten unterbrochen. Als sie China 1275 schließlich erreichten, hatte Marco unterwegs die Sprachen des Mongolenreiches erlernt.

Schnell freundete er sich mit dem Großkhan, der sich in seiner legendären Sommerresidenz Xanadu aufhielt, an und erlangte dank seiner hervorragenden Sprachkenntnisse die Stelle eines Verwaltungsbeamten, während Vater und Onkel vielfältige Geschäfte betrieben. Die Polos ließen sich in China nieder. Zeitweilig soll Marco Polo sogar Statthalter der Provinz Kiagnan gewesen sein. Als Diplomat im Dienste des Khans lernte er auf seinen Dienstreisen das Reich und verschiedene Nachbarländer kennen.

1292, nach 17 Jahren in China, entschlossen die Polos sich, nach Venedig zurückzukehren. Der Großkhan, der sie schweren Herzens entließ, beauftragte sie, eine mongolische Prinzessin mit nach Persien zu nehmen, die dort mit einem König verheiratet werden sollte. Die Reise, diesmal auf dem Seeweg, führte die Venezianer über Sumatra, Vorderindien, Ceylon, Armenien und Persien.

Man vermag es sich heute kaum vorzustellen, welchen Eindruck die Begegnung mit so vielen exotischen und märchenhaften Kulturen auf die Europäer gemacht haben muss. Nach 24 Jahren kehrten die drei Polos mit großen Reichtümern aus der Ferne nach Venedig zurück. Die Totgeglaubten wurden mit einem überschwänglichen Festessen begrüßt.

Fortan lebten die Polos wieder als geachtete und vermögende Bürger der Republik. Doch 1298, als er mit einer venezianischen Galeere an einer Seeschlacht zwischen den Flotten Venedigs und Genuas teilnahm, geriet Marco in Gefangenschaft. Zwei Jahre musste er in einem genuesischen Kerker verbringen. Sein Mitgefangener Rustichello da Pisa, ein Berufsschriftsteller, half ihm, seine Geschichte zu Papier zu bringen und so entstand sein Reisebericht "Il Milione", der das Bild Chinas in Europa für Jahrhunderte prägen sollte. 1477 wurde Marco Polos Reisebericht ins Deutsche übersetzt ("Das Buch der Wunder"). Bis ins 16. Jh. beherrschte er die geografischen Vorstellungen in Europa. Der faszinierende Bericht beschenkte Europa erstmals mit ziemlich genauen Informationen über die Länder des fernen Ostens. Denn ein Großteil des geographischen Wissens der Antike war im Mittelalter verloren gegangen oder wurde nicht beachtet. Zwar bezog man Gewürze, Seide und andere Waren aus China und Indien, jedoch nur über arabische Zwischenhändler. Niemand in Europa ahnte etwas von der chinesischen Hochkultur und ihren Leistungen, bis 1240 das mongolische Reitervolk, das zunächst unter Dschingis-Khan China erobert hatte, unter Bautu-Khan bis nach Österreich vordrang und ein deutsch-polnisches Heer besiegte. Dann allerdings stoppten innere Machtkämpfe den Vormarsch der Mongolen.

Kublai-Khan, ein Enkel Dschingis-Khans, wurde 1259 Großkhan, also 26 Jahre vor der Ankunft Marco Polos. Er verlegte die Hauptstadt nach Peking und regierte ein Reich, das fast ganz Asien umfasste. Dieses Reich stand zur Ankunft Marco Polos auf dem Gipfel seiner Macht und in voller kultureller Blüte. Die immense räumliche Ausdehnung des Reiches hatte Marco besonders beeindruckt, und die starken Unterschiede zwischen den Provinzen im Norden und jenen im Süden mit ihren überbevölkerten Großstädten. Als Kaufmannssohn widmete er dem Wirtschaftsleben in China seine besondere Aufmerksamkeit, und er staunte über die unendliche Kette der Dörfer und die große Zahl bedeutender Städte. Er bewunderte Hang-tschou (Hangzhou), das "chinesische Venedig", das in der Tat auf einer Lagune erbaut war und laut Marco von 100 Kanälen durchzogen und durch 12.000 Brücken verbunden war. Für ihn war es "bei weitem die glanzvollste Stadt der Welt", die "1.600.000 häusliche Herde" zähle und deren "Stadtumfang hundert Meilen" messe. In ihrem Hafen, so Polo, lagen 15.000 Schiffe, unter ihnen die großen Kursschiffe des chinesischen Meeres. Der rege Handelsverkehr brachte Hand-tschou jährlich 14.700 Säcke Gold an Zöllen ein. Die Währung jedoch war rein rechnerisch, und Polo und alle Europäer, die später seinen Bericht lasen, staunten über das damals hier noch unbekannte Papiergeld. Die kleineren Geldscheine waren aus Maulbeerbaumholz-Papier, die höheren Geldwerte aus Seide hergestellt, und alle trugen Unterschrift und Siegel des verantwortlichen Beamten.

Polo beschrieb seine Reisen durch die verschiedenen Gebiete Asiens und schilderte den staunenden Europäern Landschaften, die sich damals niemand auszumalen vermochte. So sagt er über die Wüste Gobi: "Diese Wüste ist so groß, dass man ein Jahr bräuchte, um von einem Ende zum anderen zu gelangen, und an ihrer schmalsten Stelle braucht man dazu noch einen Monat. Sie besteht gänzlich aus Bergen, Sand und Tälern. Es gibt dort nichts Essbares." Reisende, die die Wüste mit einer Karawane durchquerten, wurden vor "Visionen" und "Geisterstimmen" gewarnt.

Polos Beschreibungen reichen von Armenien bis Korea, von der Mongolei bis Sibirien oder Südindien. Er schreibt von Quilion an der südwestlichen Malabarküste, wo es so heiß sei, dass man in jedem x-beliebigen Fluss Eier kochen könne. Er beschreibt das wegen seiner Piraten berüchtigte Gujarat. Als Gesandter des Khans hat er anscheinend Burma besucht, er beschreibt eine viermonatige Reise zu der Provinz Bengalen. Polo ist voll des Lobes für die Leistungen Kublai-Khans. Doch überraschenderweise werden bei all diesen detaillierten Beschreibungen der Städte und Länder Asiens die Große Chinesische Mauer, die chinesische Teekultur, das Schießpulver, die chinesische Schrift oder die in China seit langem bekannten Drucktechniken mit keiner Silbe erwähnt. Das mag ein Grund dafür sein, dass bis heute auch unter Wissenschaftern spekuliert wird, der Bericht könne eine gigantische Lüge sein, zusammengestellt aus Erzählungen und Märchen, die Polo im nahen Osten aufgeschnappt hat. Man findet durchaus Anzeichen romantischer Ausschmückung in seinem Werk, und seine Geschichten über Zauberer, die in der Umgebung des Khan-Palastes das Wetter nach Wunsch verändern konnten, sind wohl kaum glaubwürdig. Doch Polos Aufmerksamkeit gilt in erster Linie Themen wie Religion, Handel, Naturkunde, Schiffskonstruktion, kaum dagegen Musik, Kunst oder Literatur. Vielleicht hat er ja in der Fülle dessen, was er zu erzählen hatte, manche Dinge einfach zu erwähnen vergessen.

Die Skepsis seiner Zeitgenossen mag sich dadurch erklären lassen, dass die Europäer einfach nicht an die Existenz einer solchen Hochkultur glauben wollten: Venedig war eine stolze Stadt von hohem kulturellen Niveau. Vielleicht ärgerte man sich einfach über die Nachrichten aus einem entlegenen Land, das ein fortschrittliches Kommunikations-, Feuerschutz- und Verkehrssystem und eine komfortable Wasserversorgung hatte und wo sogar die Armen noch einen menschenwürdigen Lebensstandard hatten. Doch egal, ob selbst erlebt oder nicht: Die Veränderungen, die Polos Bericht bewirkte, sollten bis weit in den europäischen Alltag reichen. Außer dem Papiergeld brachte er uns wundersame schwarze Steine, die Feuer erzeugten - die Kohle. Er berichtete von der Akupunktur, vom Feuerwerk, vom Asbest, jenem sonderbaren Stoff, der nicht brennt, und vom Petroleum, das das Gegenteil tut. Das Postsystem Kublai-Khans veränderte den europäischen Briefverkehr. Das Speiseeis, in der Antike auch in Europa hoch geschätzt, doch dann vergessen, trat seinen Siegeszug erneut an. Nur eine Sache hat Marco Polo uns entgegen allen anders lautenden Gerüchten nicht mitgebracht: Die Nudel kannte man schon lange in Europa.

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