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Magie und Farben: Der Giardino dei Tarocchi von Niki de Saint Phalle

Magisches Licht liegt über den Hügeln der Maremma. Silbrig glänzen die Olivenhaine. Die laue Luft duftet nach würzigen Kräutern. Hier ist das sagenumwobene Land der Etrusker, seit Menschengedenken begegneten sich hier Natur und Magie. Plötzlich erheben sich mitten aus der Stille der Landschaft riesige, bunt glitzernde bizarre Gebilde: die mystischen Figuren des Tarotgartens der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle.

"Im Jahre 1955 reiste ich mit meinem Mann, Harry Mathews, nach Barcelona. Als ich dort den herrlichen Parc Güell von Gaudi besuchte, begegnete ich meinem Lehrmeister und zugleich meinem Schicksal. Ich erbebte. Ich wusste, dass auch ich eines Tages einen Vergnügungspark bauen würde. Eine kleine Paradiesecke. Eine Begegnung zwischen Mensch und Natur."

24 Jahre später sollte sie beginnen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen. In mehr als 15jähriger Arbeit schuf sie zusammen mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Jean Tinguely den 'Giardino dei Tarocchi', einen zauberhaften Garten mit riesigen bunten Skulpturen inmitten von Olivenbäumen, Korkeichen und Kräutern. Der Park liegt auf einem Privatgrundstück südöstlich von Capalbio, einem kleinen Städtchen in der südwestlichen Toskana.

"Der Garten wurde viel größer, als ich anfangs vorhatte. Gleich nach dem Beginn der Arbeit wurde mir klar, dass das Unternehmen ein gefährliches Abenteuer werden würde, und dass ich auf dem Weg eine Menge Prüfungen zu bestehen hätte. Doch nichts konnte mich aufhalten. Ich war wie besessen."

Der Garten liegt an den Hängen der Maremma mit schönem Blick auf das entfernte tyrrhenische Meer. Mitten in einem lichten Wäldchen stehen die einzigartigen Skulpturen. Der Dialog zwischen Skulptur und Natur fasziniert und lädt den Betrachter zum träumen ein. Die Figuren, Installationen und Brunnen sind in reinbunten Farben gehalten und reflektieren in der Sonne das Licht. Sie stellen die Interpretation des Tarots durch die Künstlerin dar. Die einzelnen Motive wie Magier, Eremit, Turm, Stern, Tod oder Gehenkter erinnern an Fabelwesen. Über dem Ensemble thront die "Sphinx" genannte Herrscherin, die ganz im typischen Stil der Künstlerin riesige Brüste hat und ihr während der Bauphase als Wohnung und Besprechungsort diente. Der Stoff aus dem die Träume sind ist hier Beton, Polyester, Metall oder Plastik, die als Trägerstoffe dienen. Die bunten, reflektierenden Oberflächen sind in Mosaiktechnik mit Fliesen- und Spiegelscherben liebevoll gestaltet.

Auch ohne Kenntnis der Tarot-Karten fasziniert der Spaziergang durch den Skulpturengarten. Die unzähligen liebevollen und fantasiereichen Details, die poppigen Farben der Gebilde und ihre Einbettung in die Landschaft sind sehr beeindruckend. Hunderttausendfach reflektieren die Spiegel Fragmente der Natur, ein Ohr unter der Nase, ein Lächeln im Bauch. Es ist, als ob man ein Märchen beträte: Die dezente, komplizierte Magie und die orientalische Atmosphäre des Gartens schenken Kindern und Erwachsenen zahlreiche Tagträume. Niki de Saint Phalle hat hier ein wunderbares Pop-Art-Gesamtkunstwerk geschaffen.

Wer meint, dass die wunderschönen Figuren inzwischen etwas verwittert sein müssten, der täuscht sich. Alles ist in einem hervorragenden Zustand und glitzert und glänzt. Einzelne der begehbaren Figuren haben Treppen zu kleinen Aussichtspodesten mit Blick auf die Zauberwelt. Die "Spinx" ist mit einer kleinen Küche, Dusche und WC ausgestattet. Und der schöne, glitzernde Wohnraum ist so groß, dass die Künstlerin hier ohne weiteres mehrere Gäste empfangen konnte.

Niki de Saint Phalle, 1930 in Paris geboren, war eine sozial engagierte Künstlerin und lebte bis zu ihrem Tod am 21.05.2002 in San Diego, Kalifornien. Mitte der 60er hatte die Künstlerin mit ihrer poetischen Suche rundum die Weiblichkeit begonnen, mit runden Formen und fröhlichen Farben. Hierin zeigte sich ihre Freude über die wieder gewonnene Freiheit nach der Scheidung von ihrem ersten Mann. Auch ihren Tarotgarten kann als einziges großes Monument für die Freiheit ansehen, der Unterschied zwischen Mann und Frau verschwindet und die weichen Formen der "Arcani maggiori" werden von den schwarzen "unnützen Mechanismen" von Jean Tinguely vervollständigt. Jean Tinguely, ihr 1991 verstorbener zweiter Lebensgefährte, und zahlreiche Helferinnen und Helfer unterstützen Niki de Saint Phalle bei der Umsetzung ihrer Ideen im Giardino di Tarot. Nachdem sie zunächst 22 Bildsymbole zu den Tarotkarten skizzierte, begann sie im April 1980 in einem kleinen Steinbruch in südlicher Lage zum Meer die Arbeit an den ersten Skulpturen für den Tarotgarten, Magier und Hohepriesterin. Manche Elemente wurden zu teils großen und bewohnbaren Häusern, andere zu großen Skulpturen, die im Garten vereinzelt angeordnet sind. Auf den umliegenden Bauernhöfen wurden Hilfskräfte angeheuert, die an dem Projekt mitarbeiteten. 1982 kreierte Niki de Saint Phalle ein Parfum, aus dessen Einnahmen sie den Tarotgarten finanzierte.

Im Mai 1998 wurde der Garten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zuvor mussten Interessierte immer erst vor Ort anfragen. Langsam beginnt die Besucherlawine zu rollen, die wachsende Anzahl von Reisebussen auf dem staubigen Parkplatz vor dem Garten zeugt davon. Doch die Stimmung ist noch annähernd familiär geblieben. Die Besucherinnen und Besucher werden respektiert und freundlich behandelt. Der Eintritt ist mit ca. 10 Euro nicht gerade günstig, doch lohnt sich die Ausgabe schon, möchte man sich in der unvergleichlichen Umgebung der Tarotfiguren verzaubern lassen. Der Tarotgarten gehört sicher zu den Highlights eines Besuches in der südlichen Toskana.

"Ich fühlte, dass der Bau dieses Gartens mein Schicksal sein würde, wie groß auch die Schwierigkeiten wären. In der Spielkarte der Kaiserin richtete ich meine Wohnung ein. Ich lebte und schlief im Inneren der Mutter. Die Kaiserin wurde zum Zentrum des Gartens.
Sie war der Ort wo ich mit der Arbeitsequipe zusammentraf, wo wir gemeinsam Kaffee tranken, wo ich aß und die Modelle für die anderen Karten schuf. Ich lebte allein in der Sphinx; das ist der Übername, den wir der Kaiserin gaben. Die völlige Hingabe an die Arbeit war die einzig mögliche Weise, den Garten zu bauen."

Man erreicht den Park von Orbetello aus über die Via Aurelia (Ausfahrt Pescia Fiorentina) in der Nähe des alten "Räubernestes" Capalbio in der südlichen Toskana. Man fährt in Richtung Pescia Fiorentine, die zweite Einfahrt auf der linken Seite nach der Via Aurelia führt auf den Parkplatz des Gartens. Der Weg ist nicht ausgeschildert. Aber bereits von der Via Aurelia aus kann man einige Turmspitzen des Gartens sehen.

Adresse: Giardino dei Tarocchi, Pescia Fiorentina, Capalbio, Provincia de Grossetto (58100), Tel +39 564 89 51 22, Fax +39 564 89 50 93

Öffnungszeiten: (Bitte erkundigen Sie sich sicherheitshalber noch einmal beim Giardino, da Änderungen möglich sind)
Mitte Mai bis Ende Oktober täglich 14:30 - 19:30 Uhr
Jeden ersten Samstag im Monat ist der Eintritt frei, Kinder unter 7 Jahren zahlen keinen Eintritt. Von November -Mitte Mai ist der Park nur an jedem ersten Samstag im Monat von 9:00 - 13:00 geöffnet.

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