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Lügen haben lange Nasen: Pinocchio - Feuilleton

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Lügen haben lange Nasen: Pinocchio

Die Holzfigur mit der langen Nase ist Italiens bekannteste Märchengestalt. Sie entstammt einem Kinderbuch, dass in der Tradition des deutschen Struwwelpeter (1847) und der englischen Alice im Wunderland (1883) entstand und die pädagogischen Zielsetzungen seiner Zeit in kindgerechter Form vermittelte. Das gelang so erfolgreich, dass Pinocchio auch bis zur heutigen Zeit aus kaum einer Kindheit wegzudenken ist.

Carlo Lorenzini wurde am 24. November 1826 in Florenz geboren, wo er 1890 auch starb. Er studierte Philosophie und Rhetorik, schrieb für Zeitungen und gab selbst ein satirisches Magazin heraus, das allerdings von der Regierung verboten wurde. Vielleicht deshalb wurde er selbst Mitglied der Regierung und engagierte sich dort für das Bildungswesen. Kinder, so fand er, seien leichter zu begeistern als Erwachsene, und so begann er, nebenbei Geschichten für Kinder zu schreiben. Nach dem Heimatort seiner Mutter in der Toskana nannte er sich nunmehr Carlo Collodi.

Er übersetzte Märchen und schrieb Schulbücher. Unterricht müsse Kindern Spaß machen, daher befand er, dass Schulbücher möglichst unterhaltsam sein müssten. So erfand er die Figur des Giannettino, die fortan die Schüler dieser Zeit in vielen Büchern wie „Die Reise durch Italien mit Giannettino“ oder „Die Grammatik von Giannettino“ durch die Schulzeit begleitete.

1881 schickte er einem befreundeten Redakteur der römischen Kinderzeitschrift „Giornale per i bambini“ eine Geschichte aus dem Leben einer Holzpuppe, die dieser veröffentlichte. Die Leser waren begeistert, und so schrieb er weitere Episoden, die bis 1883 sechsunddreißigmal als Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel „Le Avventure Di Pinocchio: Storia Di Un Burattino“ erschienen. Collodi kannte die Versuchungen, die er in seinen Geschichten beschrieb, denn er hatte Pinocchio erfunden, um seine Spielschulden abzubezahlen.

1883 kam schließlich das Buch „Pinocchios Abenteuer“ auf den Markt und wurde ein Riesenerfolg. 1905 wurde das Buch erstmals ins Deutsche übersetzt. Heute gehört das Werk neben der Bibel und dem Koran zu den meistgedruckten Büchern der Welt. In Italien ist es nach der Bibel das meistgelesene Buch. Über vierzig Mal wurde Pinocchio verfilmt, die bekanntesten Verfilmungen sind die von Walt Disney aus dem Jahre 1940, die von Luigi Comencini von 1971, die Steve Barrons von 1996, Roberto Benignis von 2002 und natürlich die Nippon Animation von Saito Hiroshi und Koshi Shigeo in 52 Folgen aus dem Jahre 1976. Otto Julius Bierbaum inspirierte die kleine Holzpuppe zu „Zäpfel Kerns Abenteuer“, Alexei Nikolajewitsch Tolstoi zu „Burattino oder das goldene Schlüsselchen“.

Es war einmal ein Holzscheit, der Gefühle zeigte und sprechen konnte wie ein kleines Kind. Ihn fand der Tischler Kirsch, wusste aber nicht, was er damit anfangen sollte. So schenkte er ihn seinem Freund, dem Tischlermeister Gepetto. Gepetto griff zu seinem Schnitzmesser und formte eine Holzpuppe aus dem Scheit, die er Pinocchio nannte. Pinocchio aber war wie ein richtiger kleiner Junge, nur aus Holz. So schickte Gepetto ihn zur Schule, damit er etwas Ordentliches lernen solle.

Doch war Pinocchio ein rechter Lausbub und sagte oftmals nicht die Wahrheit, um keinen Ärger zu bekommen. Wann immer er aber log, wuchs seine Nase ein Stück. Pinocchio wollte nicht zur Schule gehen, sondern trieb sich lieber herum. Dabei geriet er in viele Schwierigkeiten, weil er nicht auf das hörte, was Gepetto ihm aufgetragen hatte. Der Puppenspieler Feuerfresser hätte ihn um ein Haar gebraten, Räuber verfolgen ihn und hängen ihn an einen Baum, ein Bauer nahm ihn gefangen und zwang ihn, die Stelle seines Wachhundes zu übernehmen. Doch Pinocchio war ein Glückspilz, und es gelang ihm mit Hilfe der Fee mit den dunkelblauen Haaren immer wieder, zu entkommen.

Gepetto jedoch war vor Kummer über seinen verschwundenen Sohn verzweifelt und stach mit einem Boot in See, um Pinocchio zu suchen. Pinocchio eilte ihm nach zum Strand und sah noch, wie Gepetto von einer großen Welle erfasst wurde. Mutig stürzte er sich in die Fluten, um seinen Vater zu retten, erreichte ihn aber nicht und wurde erschöpft ans Ufer der Insel der fleißigen Bienen gespült. Hier traf er wieder die Fee, der er hoch und heilig versprach, von nun an artig zu sein und die Schule zu besuchen. Das schaffte er auch eine Zeitlang, doch dann ließ er sich von seinem Freund überreden, mit ihm ins Spielzeugland zu kommen. Hier durfte nämlich ein jeder tun, was immer er mochte.

Pinocchio genoss das süße Nichtstun im Spielzeugland, bis plötzlich er und alle Kinder in Esel verwandelt wurden, die an einen Zirkus verkauft wurden. Hier geriet Pinocchio an einen Mann, der eine Trommel aus seiner Haut fertigen wollte. Um ihn zu töten, warf der Mann ihn ins Meer, wo die Fische sich über ihn hermachten und vom Esel nur noch die Holzfigur Pinocchio übrig blieb. Pinocchio trieb auf den Wellen, bis er von einem Hai verschluckt wurde, in dessen Bauch er aber seinen verloren geglaubten Vater Gepetto wieder fand. Mit gemeinsamer List entkamen sie aus dem Haibauch. Reuig versprach Pinocchio, von nun an brav und verantwortungsbewusst zu sein und zur Belohnung wurde er in einen richtigen Jungen aus Fleisch und Blut verwandelt.

Von der Odyssee durch die Wirrungen des Lebens kehrt Pinocchio geläutert zurück. Hier endet die Geschichte abrupt, denn wer interessiert sich schon für einen Musterknaben? Zahlreiche phantastische Figuren schmücken die Geschichte, sprechende Tiere, die Fee mit den blauen Haaren und letztlich Pinocchio selbst. Märchenhafte und komische Elemente fügen sich zu einer unterhaltsamen Abenteuergeschichte zusammen. Klar ist jedoch die pädagogische Intention des Werkes: Pinocchio ist das Kind, der unfertige Mensch, der Begegnungen macht mit dem Guten und dem Bösen, mit Schwarz und Weiß, und der lernen muss, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf der Insel der fleißigen Bienen versucht er, extrem fleißig zu sein, im Spielzeugland lässt er sich völlig gehen. Er begegnet dem Guten in Gestalt von Gepetto und der Fee, dem Bösen in zahlreichen Gestalten wie Feuerfresser oder dem Eselstöter. Wann immer er lügt, wird seine Nase länger, wodurch er natürlich auffällt und was ihn schließlich von der Lügerei abbringt. Die Botschaft an die kindliche Leserschaft ist klar: Lügen, Faulheit und Ungehorsam bringen nur Ärger ein. Sympathischerweise sind die Erziehungsleitbilder im Roman, also Gepetto und die Fee, aber nicht nur streng autoritär, sondern handeln mit Toleranz und verständnisvoller Nachsicht, wenn auch bestimmt. Gepetto übernimmt hier im Gegensatz zum Familienbild Freudscher Prägung als Vater die Rolle des Gütigen, immer Verzeihenden, die Fee steht als Mutter für Härte und, wenn auch liebevolle, Konsequenz.

Am Ende, wenn Pinocchio ehrlich, hilfsbereit und fleißig geworden ist, steht die Belohnung in Form der Menschwerdung – im richtigen Leben das Erwachsenwerden als verantwortungsvolles Mitglied der Gesellschaft. Es heißt, dass es Collodi schwer fiel, zu diesem Ende zu kommen, ihm jedoch schließlich keine andere Wahl blieb. Denn das Thema des Romans ist wie das so vieler anderer großer Kinderromane (Peter Pan, Heidi, Alice im Wunderland) das unvermeidliche Ende der Kindheit.

Die Metamorphose vom rohen Stück Natur in Form des Holzscheites zum zivilisierten Menschenkind erzählt Collodi in der Sprache des Surrealismus und der Groteske, teilweise makaber, teilweise sentimental. Collodi hat sich bei seiner Geschichte stark vom Volkstheater der Toskana inspirieren lassen. In der Toskana war es damals noch Tradition, sich Marionetten von verstorbenen Vorfahren, Nachbarn oder Freunden zu schnitzen. Doch hat Collodi als engagierter Mensch auch zahlreiche politische Anspielungen einfließen lassen. Vielleicht liegt es an diesen Hintergründen, dass sich das Buch über die Kinderlektüre hinaus zu einem Stück italienischer Nationalliteratur entwickelt hat und Pinocchio weltweit zum bekanntesten Kind der Toskana avancierte.

Der beschauliche Ort Collodi, zwischen Lucca und Pistoia im Norden der Toskana gelegen, hat dem Dichter ein Denkmal in Form des Pinocchioparks gesetzt. Hierbei handelt es sich keinesfalls um einen Vergnügungspark, vielmehr ist es eine mit Kunstwerken geschmückte Gartenanlage mit vielen Themen aus der Geschichte des Pinocchio, wie zum Beispiel dem großen Hai, durch dessen Maul man hier schreiten kann, um Gepetto in seinem Bauch zu besuchen. Der Park entstand in einem Zeitraum von mehr als dreißig Jahren zwischen 1956 und 1987. Künstler wie Emilio Greco und Venturino Venturi schufen Skulpturen für den Park, an dessen Gestaltung namhafte Architekten beteiligt waren. Zwischen üppiger Vegetation entdeckt der Besucher die Schauplätze des Romans, das große Puppentheater, das weiße Haus der Fee, das Spielzeugland, den Goldmünzenbaum, das Dorf Gepettos. Und trifft auf die bekannten Figuren: Kater und Fuchs, die sprechende Grille, die vier schwarzen Kaninchen, den grünen Fischer, Gepetto und die blaue Fee und selbstverständlich immer wieder Pinocchio selbst. Zahlreiche Veranstaltungen und ein großer Spielplatz runden die Attraktionen des Pinocchioparks ab.

Doch auch Gualdo, ein kleiner toskanischer Ort nahe der Küste in den Hügeln bei Massarosa, ehrt Pinocchio mit dem alljährlichen Pinocchiofest an einem Augustwochenende (2006 am 20./21.08.). Verkleidet als Figuren aus der Geschichte verwandeln die Bewohner des Dorfes die Gassen in eine einzige Pinocchio-Kulisse. Begleitet von Essen und Wein wird Pinocchio zwei Tage lang ausgelassen gefeiert.

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