Kunst aus Erde: Terracotta
Bei der Liebe, beim Essen und beim Handwerk wird man nicht alt, sagt ein toskanisches Sprichwort. Über die Liebe der Toskaner müssen Sie sich schon selbst ein Urteil bilden, die Vorzüge der außergewöhnlich guten Küche der Toskana sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Mit einer der alten toskanischen Handwerkstraditionen wollen wir uns heute ein wenig näher beschäftigen: Terracotta – gebrannte Erde.
Lehm mit Wasser vermischt ergibt eine leicht formbare Masse. Was die Menschen in grauer Vorzeit veranlasst hat, diese mit Feuer zu verbinden und damit den Formen Festigkeit zu verleihen, wissen wir nicht, doch das Formen von Tongefäßen gehört sicherlich zu den ältesten handwerklichen Fähigkeiten der Menschheit. Einen besonderen Stil und unverwechselbare Identität haben hierbei die toskanischen Meister ihres Handwerks entwickelt.
Es gibt zwei bekannte Terracotta-Herstellungsgebiete in der Toskana: Die Region um Siena und das Dörfchen Impruneta in der Hügellandschaft des Chianti. Diese beiden Gebiete sind seit der Zeit der Etrusker für ihre Tonverarbeitung bekannt und aus dieser Region stammen bis heute handgefertigte, qualitativ hochwertige Terracotten. Die Zusammensetzung des Muttergesteins sowie verschiedene chemische und physikalische Vorgänge bringen unzählige Variation des natürlichen Tons hervor.
Der Unterschied der Tonqualitäten zwischen Siena- und Impruneta-Terracotta ist die weltweit einzigartige Zusammensetzung der Erde in der Impruneta-Region. Nur diese Erde besitzt die außergewöhnlich hohen Anteile an Mineralien, Aluminium-, Kupfer- und Eisenoxyden, die beim Brennen bei ca. 1000 Grad miteinander verschmelzen und den Terracotten dadurch ihre Langlebigkeit und hohe Frostresistenz geben. Impruneta, das kleine, auf Hügeln gelegene toskanische Dorf südlich von Florenz ist die berühmteste Terracotta-Metropole Italiens. Die Qualität der hier gefundenen Tonerde und die Kunstfertigkeit des traditionellen Töpferhandwerks waren schon im Mittelalter so berühmt, dass Baumeister Brunelleschi beim Bau des Domes von Florenz auf Ziegel aus Impruneta bestand. Die typisch rotgrau bis oliv-weiße, stets einzigartige Terracottafarbe ist genauso Markenzeichen der Impruneta-Terracotta wie der beim Brand oxydierte Schweißabdruck der Töpferhand. Die Handwerker erzeugen ihre Produkte mit Lehm, der mitunter sogar von den eigenen Grundstücken stammt. Die Palette reicht von kleinen, in Formen gebrannten Täfelchen bis zu kleinen oder lebensgroßen Statuen, über handgefertigte dekorative Tonwaren in allen Größen bis hin zu riesigen Pflanzenkübeln für den Garten oder Ölgefäßen. Zudem wird eine reiche Auswahl an Bodenfliesen und Dachziegeln hergestellt. Durch Sonne und Regen erhalten die Objekte eine Patina, die ihren Reiz noch erhöht.
Beimengungen wie mindere Tonsorten, Kalk, Barium o.ä. reduzieren sehr stark die Qualität und somit die Langlebigkeit. Bei sauberem Terracotta d´Impruneta oder di Siena liegt die Haltbarkeit nicht wie bei einfachen Terracotten bei 10-20 Jahren, sie bereiten vielmehr mehreren Generationen mediterrane Freude. Tausende der traditionellen Gefäße, die schon zur Zeit der Medici-Herrscher als Dekorations- und Vorratsbehälter genutzt wurden, sind in Italien noch heute im Gebrauch. Obwohl noch voll funktionsfähig, befinden sie sich zumeist allerdings eher an exponierter Stelle in Haus oder Garten zur Dekoration, denn Kennern und Sammlern gelten sie als solide Wertanlage.
Seriöse Manufakturen, die Siena- oder Impruneta-Ton verarbeiten und traditionell handwerklich produzieren, haben schon bei der Aufarbeitung des Tons ihr jeweils eigenes Geheimnis. Der Ton wird getrocknet, gemahlen und dann mit Wasser zu einem Brei gerührt - "sumpfen" nennt man das in der Fachsprache. In diesem Arbeitsgang liegt eine wesentliche Grundlage für die Qualität der Terracotten. Je länger, kräftiger und gründlicher die Tonmasse geknetet wird - wobei heute große Teigknetmaschinen diese Arbeit verrichten - um so elastischer und homogener wird der Ton und um so hervorragender seine Resistenz, die auf diese Weise produzierte Terracotten so wertvoll und langlebig macht.
Während kleine Gefäße auf der Töpferscheibe gearbeitet werden, ist die heute praktizierte Herstellungsmethode für große Gefäße die so genannte Gipsform-Methode. Eine Gipsform ist das Negativ der Gefäße, in die der Ton von Hand eingepresst wird. Nach 1-2 Tagen ist der Ton soweit abgebunden, dass die Korsage entfernt werden kann. Nun beginnt die Feinarbeit: Mittels spezieller Modellierwerkzeuge werden alle Konturen, Ornamente und Oberflächen nachgearbeitet und sorgfältig geebnet.
Ein weiterer wichtiger Produktionsablauf ist der Trocknungprozess. Bediente man sich früher der toskanischen Sonne, verwendet man heute moderne und präzise Trocknungsverfahren: In eigens temperierten Räumen verbleiben die Gefäße 15 Tage bei ca. 25°C und genau regulierter Luftfeuchtigkeit.
Der Brand ist die nächste Stufe. In großvolumigen Brennöfen werden die sorgfältig von Hand eingestapelten Gefäße ca. 48 Stunden bei knapp unter 1000° C gebrannt. Bei diesem Vorgang kommt es in der Tonmasse zur Verschmelzung der hohen Anteile an Eisenoxyden, Kupfer, Aluminium und den Mineralien, die diesen Terracotten aus der Toskana ihren unverwechselbaren Charakter geben.
Die Platten für Terracotta-Böden werden von Hand in einen Holzrahmen gedrückt und glatt gestrichen. Sie trocknen ca. 30 Tage an der Luft und werden anschließend eine Woche im Holzfeuer gebacken. Daher ist jeder Tonboden ein Unikat und hat seine eigene Ausstrahlung. Er ist ein Klassiker der Wohnkultur und baubiologisch wertvoll, denn er ist natürlich, atmungsfähig, lebendig und warm. Er bricht den Schall angenehm und reguliert auf natürliche Weise die Raumluftfeuchtigkeit. Tonböden brennen nicht und entwickeln im Brandfall keine schädigenden Gase. Verschleiß kennt dieses Material nicht.
Die Nutzungsdauer ist enorm – auch ein Cottoboden kann Generationen überdauern. Allerdings ist er nicht ganz einfach zu pflegen: Fettspritzer und Ähnliches nimmt er übel. Flecken lassen sich mit Essigsäure entfernen, danach muss der Boden aber wieder richtig eingepflegt werden. Es gibt spezielle Cottoreiniger, die gleichzeitig auch einer weiteren Fleckenbildung vorbeugen. Der mit Öl versiegelte Boden darf nur mit Schmierseife gereinigt werden.
Nun noch ein paar Vorschläge für eine schöne Tischdekoration mit Terracotta:
Die Speisen werden auf Blumenuntersetzern aus Terracotta serviert. Eine dekorative Lösung, die gleichzeit sehr preiswert ist. Die Außenränder werden mit Kleister und Sand behandelt um die Wirkung noch zu verstärken. Wenn Sie Blumenuntersetzer und Blumentöpfe im Wechsel und in verschiedenen Größen (mit dem größten Untersetzer/Blumentopf anfangen) aufeinanderstapeln, erhalten Sie eine tolle Etagere. Obst und Gemüse läßt sich darin effektvoll arrangieren. Der Tisch lässt sich zusätzlich folgendermaßen hübsch dekorieren: Terracotta-Übertöpfe zunächst wasserdicht mit Folie auslegen. Anschließend mit gewässerter Frischblumen-Steckmasse (gibt es im Gartenmarkt) bis zur Wasserkante füllen. Dann Rispen von grünen Tomaten über den Topfrand legen (kleine rote Tomaten machen sich aber auch sehr hübsch), am Topf hinunterhängen lassen, mit Bindidraht-Haken (gibt es beim Floristen) fixieren. Einige Salbeiblätter bündeln und in die Steckmassen-Oberfläche einstecken. Dazu noch Thymianzweigchen stecken. In die Steckmasse ein Einsteckloch bohren, ein Basilikumsträußchen hineinstecken und dessen Blätter vorsichtig in die Zwischenräume der Tomatenrispe ziehen. Einzelne Tomaten auf Holzstäbchen spießen, Holzstäbchen kürzen und in die Steckmasse arbeiten. Tischdecke farblich passend auswählen, zwei bis drei Tomaten-Terracotta-Töpfchen in die Tischmitte dekorieren. Die Teller mit Cocktail-Tomaten-Spießen schmücken.
Von Almut Irmscher
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