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König des Valpolicella: Der Amarone - Feuilleton

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König des Valpolicella: Der Amarone

Zwischen Verona und dem Gardasee liegt das Anbaugebiet des Valpolicella, das sich nach Osten bis zum Soavegebiet, nach Westen bis zum Bardolinogebiet erstreckt.

Unbestrittener König dieser Region ist der Amarone. Er ist farbintensiv, tief dunkelrot mit schwarzen Reflexen in der Farbe, trocken und hat einen unverwechselbaren, leichten Oxydationsgeschmack und große Komplexität. Die Frucht ist gut präsentiert, unterlegt mit Noten von Schokolade und Gewürzen. Der Abgang ist von angenehmer Bitterkeit. Das Geheimnis des Amarone ist die bis zu vier Monate dauernde Trocknung der ausgewählten Trauben auf Holzrosten nach der Ernte im Oktober. Dabei verlieren sie fast die Hälfte ihres Wasseranteils. Im Januar oder Februar werden sie gepresst, die Gärung im Stahl dauert rund eineinhalb Monate. Mindestens zwei Jahre lässt man dem Wein dann Zeit für die Gärung in Eichenfässern, nochmals eineinhalb für die Flaschenreife.

Wie so oft prägte der Zufall die Entdeckung dieser Köstlichkeit, die eines der überraschendsten önologischen Phänomene der letzten Jahrzehnte ist. Seine Geburt verdankt er einem zerstreuten Kellermeister, der ein Fass mit Recioto, dem klassischen aus getrockneten Trauben gewonnen süßen Dessertwein, vergaß. Es kam zur vollständigen Vergärung der Zucker, wodurch der Wein an Weichheit einbüßte und - für den damaligen Geschmack - als "bitter" ("amaro" heißt bitter) und somit ungenießbar empfunden wurde. Doch entweder ein göttlicher Funke oder geniale Weitsichtigkeit erweckte in den Winzern und zukünftigen "Weinaristokraten" das Bewusstsein, dass sie hier mitnichten ein verdorbenes Produkt, sondern einen komplexen, mit unglaublicher Duft- und Aromenfülle ausstaffierten Wein vor sich hatten, der auch Langlebigkeit versprach: Das für Dessertweine typische zuckrig-fruchtige Geschmacksbild war den Charakteristiken eines imposanten, majestätischen Gewächses gewichen.

Obwohl in den achtziger Jahren nur herzliche wenige an eine wirkliche Chance für den Amarone glauben mochten, konnte dieser einen steilen Aufstieg innerhalb der Rangliste italienischer Kreszenzen feiern: Mit einer Produktion von mehr als 5 Millionen Flaschen, die zu 80% in Europa und auf den internationalen Märkten abgesetzt werden, gilt der Amarone mittlerweile als Paradewein der italienischen Önologie und veranlasste den Journalisten S. Butchkiss in einem am 26. Juni 1998 in der South China Morning Post veröffentlichen Artikel zur Feststellung: "Wenn Sie Ihre bisherigen Erfahrungen mit italienischen Weinen glauben machten, sie seien eckig oder charakterlos oder allzu leichtgewichtig, wird Sie der Amarone vom Gegenteil überzeugen".

Der Amarone zählt zweifelsohne zu den besten Weinen Italiens. Zum vollen Verständnis seiner Besonderheit muss man jene drei Faktoren analysieren, die außer zur Qualität auch zum Individualcharakter und hohen Stellenwert des Amarone beitragen: Das geoklimatische Milieu, die Traubensorte und die kunstvolle Pflege durch die Menschen in Weinberg und Keller.

Das klassische Valpolicella-Anbaugebiet ist historisch für die Güte seiner Weine bekannt. Im 5. Jh. beschrieb der Minister des Gotenkönigs Theoderich der Große (in der dt. Heldensage Dietrich von Bern genannt) einen "Acinatico" genannten und aus teilrosinierten Trauben im Valpolicella (dessen Name ursprünglich "Land der zahlreichen Keller" bedeutete) erzeugten Wein - ohne Zweifel ein Vorvater des Recioto und des Amarone.

Das Policella-Tal weist differenzierte natürliche morphologische und geologische Charakteristiken auf: im Norden gebirgig, im zentralen Abschnitt hügelig und im Süden Hochebenen. Die Böden der nördlichen Ausläufer der Lessini-Berge, die das Tal abschirmen, genießen den günstigen Einfluss des nahen Gardasees, der durch das milde Klima wesentlich zur önologischen Berufung der Zone beiträgt.

Recioto und Amarone weden exklusiv aus einer Cuvée lokaler Traubenvarietäten (Corvina, Molinara und Rondinella) erzeugt, da jede einzelne ihre sortentypischen Vorzüge und ihren Individualcharakter vermittelt.

Corvina Veronese, die im Veneto meistbewunderte Rotweintraube (bereits 1627 anerkennend von Alessandro Peccana beschrieben), wird für Recioto und Amarone mitunter fast reinsortig vinifiziert, da durch das Antrocknen die Qualitätsmerkmale besonders zur Geltung zu kommen scheinen.

Die ebenfalls fundamentale Rondinella trägt Farbintensität, Körper und Säure bei.
Die sekundäre Komponente Molinara ist für ihre fruchtigen und delikaten Nuancen bekannt.

Die aus antikem Wissen und feiner Beobachtungsgabe entwickelte Winzerfähigkeit zeigt sich als erstes bei der Wahl der Weinlage. Die Trauben für den Recioto stammen meist aus südwestlichen Ausrichtungen, die ausgeprägte Zuckerkonzentrationen begünstigen; für den Amarone fällt die Lagenwahl hingegen auf östliche Ausrichtungen, wo durch die langsamere Beerenreife eine bessere Balance aller Komponenten erzielt wird.

Sowohl Amarone als auch Recioto fordern eine langwierige Verarbeitung, die sich über verschiedene Etappen erstreckt: Antrocknen der Trauben, Kelterung und Fermentation. Die Trauben für den Amarone werden etwa ein oder zwei Wochen vor denen des "normalen Valpolicella" gelesen. Sie müssen absolut trocken sein, da sonst die Gefahr der Schimmelbildung besteht. Unmittelbar nach der Lese werden die Trauben auf "Plateaux" und danach auf "arelle" (Gitter) in gut durchlüftete Trockenräume gebracht. Außer Fachtüchtigkeit braucht es nun auch die Gunst der Götter, denn der Erfolg hängt letztlich vom Wetter ab, das von der Ernte bis zum Januar kühl und trocken bleiben sollte. Nach 20-30 Tagen werden die Trauben umgedreht und gesäubert. Insgesamt dauert die Antrocknungsphase bis zu vier Monate, während der die enzymatischen Verbindungen eine wunderbare chemische Kettenreaktion auslösen. In den ersten Wochen des neuen Jahrs wird gekeltert und die Gärung in besonders kaltem Ambiente eingeleitet.

Die Evaporation führt zu einem Gewichtsverlust von ca. 45%. In der Endphase steigert sich der Zuckergehalt um 25-30%, die Gesamtsäurewerte sinken, während die Weinsteinsäure nur geringfügig gemindert wird, schrumpft der Apfelsäureanteil um ca. 70%. Die ausgeprägte Zunahme der Glyzerinkomponente erklärt den weichen Charakter des Weins.

Die Trauben werden "in rot" bei langer Maischestandzeit vinifiziert, der Wein muss mindestens 14 Volumenprozent entwickeln. Danach muss der Amarone vor der Freigabe für den Handel obligatorisch mindestens zwei Jahre in kleinen Eichenfässchen oder Barriques verfeinert werden - Topweine werden weitaus länger abgelagert. Das Endergebnis ist ein majestätischer Wein, in dem Grazie, Virilität und Charakterstärke in perfekter Harmonie verschmelzen. Er ist verblüffend üppig, mit konzentriertem Aroma und samtiger Struktur, vor allem aber besticht der edle Bitterton.

Eine Randbemerkung für die Verbraucher: Wenn Sie bedenken, dass man aus 100 kg frisch geernteten Trauben normalerweise 70-75 Liter Wein gewinnt, während sich die Ausbeute für den Amarone auf das Verhältnis von 100 kg zu 20-25 Liter reduziert, wird verständlich, weshalb eine Flasche Amarone mindestens drei- bis viermal so viel kostet wie ein "normaler" Wein.

Den Amarone sollte man eher als Krönung eines Mahls statt als bloßen Tischwein genießen. Bei der Lagerung im Weinkeller wird er über die Jahre immer besser, bei den gelungensten Arten ist seine Höchstform nach 15 bis 20 Jahren erreicht. Bei der Lagerung kann sich mit der Zeit ein natürliches Depot bilden. Es ist empfehlenswert, den Amarone zwei bis drei Stunden vor dem Servieren zu dekantieren. Er wird mit Zimmertemperatur serviert. Hochgelobt wurden die Jahrgänge 1995, 1997 und 1998.

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