Zur Homepage
KatalogInfoServiceKontakt

Kampf um die Ehre: Der Palio von Siena - Feuilleton

Ferienhaus suchen  
 Feuilleton  
Regionsinformationen  
Fotoalbum  
Rezepte  
Objektnummer suchen
 
Feuilleton

Die Legende einer großen Liebe: Romeo und Julia

>> zum Artikel 

Rezepte

Arista alla Fiorentina - Schweinebraten nach Florentiner Art

>> zum Rezept 

Kampf um die Ehre: Der Palio von Siena

Staub wirbelt über die mittelalterliche Piazza, die sich in ein lebendiges Meer verwandelt hat, denn unzählige Menschen drängen sich dicht an dicht. Sie teilen eine Aufregung, die sie fast zu zerreißen droht, fiebrig flirrt unerträgliche Spannung zwischen den stolzen mittelalterlichen Palazzi. Aus dem Staub blitzen gelbe, rote, blaue, orange und weiße Farbtupfer, in atemberaubendem Galopp und fast schon schneller, als das Auge sie erfassen kann, legen sich 10 Pferde in eine enge Kurve. Eines wird zu nahe an die Tribüne gedrängt, in Sekundenbruchteilen entscheidet sein Reiter, abzuspringen, um nicht zwischen Pferdeleib und Holztribüne zerquetscht zu werden. Unbeirrt vom Verlust seines Jockeys prescht das Pferd, Hugo Sanches heißt es, weiter voran, hitzig getrieben im wilden, ungezähmten Rennen der 10 Pferde, mitten in der mittelalterlichen Stadt.

Palio ist der Name des Ereignisses, dass ganz Siena zweimal jährlich den Atem raubt. Das lateinische Wort „pallium“ bedeutet Tuch, und ein solches, den „Palio“ gilt es zu erobern: Der Sieger des populärsten Pferderennens Italiens erhält eine bunte Standarte mit einem Madonnenmotiv, das alljährlich von einem Künstler neu gestaltet wird. Nicht um materiellen Lohn geht es beim Palio. Es geht um nichts Geringeres als die Ehre eines Stadtteils, und kaum ein Außenstehender vermag sich vorzustellen, wie ernst es die Sienesen damit ist.

Das mittelalterliche Siena gehört zu den schönsten Orten Italiens, seine unversehrte historische Struktur lässt den Odem der Jahrhunderte zu ewiger Zeitlosigkeit verschmelzen. Seit jeher ist Siena in verschiedene Viertel aufgeteilt, die sogenannten „Contrade“. Seit dem 17. Jahrhundert sind insgesamt 17 Contrade festgelegt, jede davon schmückt sich mit einem eigenem Wappen und trägt einen blumigen Namen, so zum Beispiel die Contrada der Welle, des Adlers, des Panthers, der Muschel oder des Turms. Wer durch die Gassen der Altstadt schlendert, kann an zahlreichen Gebäuden die Zeichen der Contrade entdecken. Die Bürger der Contrade werden contradaioli genannt, und die Bedeutung der Identität, die die Contrada für den contradaiolo  hat, kann ein Nicht-Sienese kaum begreifen. Ein Sienese ist in erster Linie contradaiolo, erst in zweiter Linie Bürger der Stadt Siena.Die Zugehörigkeit zur Contrada beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod, alles was dazwischen liegt, findet immer unter dem Schirm der Contrada statt. Die Contrada bildet eine riesige Gemeinschaft, der Stadtteil wird zu einer Familie. So geschieht es, dass der Vorsteher einer Contrada während eines Festmahls einen alten Mann begrüßt, der längere Zeit krank war, und 2.000 Menschen heben ihr Glas auf seine Gesundheit. Der enge Zusammenhalt innerhalb der Contrade sorgt auch dafür, dass Siena eine extrem geringe Kriminalitätsrate hat, die Arbeitslosenquote liegt bei unter 2 Prozent.

Doch so eng der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Contrade, so erbittert sind die Konkurrenz, die Rivalität und die Feindseligkeit unter den verschiedenen Contrade. Seit dem Mittelalter entlädt sich dies in wechselnder Form im Wettkampf um den Palio. Da Maria die Schutzheilige Sienas ist, findet der Palio zu ihren Ehren zweimal jährlich statt, und zwar immer am 2. Juli, dem Tag der Heimsuchung Marias, und am 16. August, Mariä Himmelfahrt. Ganz Siena fiebert diesen beiden Tagen entgegen, denn in Siena gilt: Nach dem Palio ist vor dem Palio.

Austragungsort ist die muschelförmige Piazza del Campo, einer der schönsten und architekturhistorisch interessantesten Plätze der Welt. Ein etwa 300 Meter langer und 7,5 Meter breiter Rundkurs wird am äußeren Rand der Piazza für den Palio angelegt und mit einer festgestampften Schicht aus Sand und Tuff belegt.

Aufgrund der drangvollen Enge auf der Piazza ist die Teilnahme auf 10 Contrade begrenzt. Das sind immer die sieben, die im Vorjahr nicht teilnehmen konnten, und drei weitere, die ausgelost werden. Hierbei werden die beiden jährlichen Rennen unabhängig behandelt, wodurch es theoretisch möglich wird, dass eine Contrada beide Rennen eines Jahres gewinnt. Dieser Sensationserfolg stellt sich allerdings überaus selten ein, die letzten Male in den Jahren 1933 und 1997. Die beim Rennen eingesetzten Pferde sind nicht mehr wie früher stämmige Maremmapferde, sondern leichtfüßige Halbblüter. Auch reiten nicht mehr vorwiegend Jungs aus Siena, sondern bezahlte Jockeys, viele davon kommen aus Sardinien. Pferde und Reiter werden nach ausgeklügelten Systemen trainiert, das einstige Schicksalsrennen ist zu einem durchorganisierten Sportereignis geworden. Die Pferde werden bei Proberennen ausgewählt und den teilnehmenden Contrade vier Tage vor dem Ereignis durch Los zugeteilt. Die Contrade lassen ihre Pferde in ihren jeweiligen Kirchen segnen und bewachen sie Tag und Nacht bis zum großen Ereignis.

Schon eine Woche vor dem Ereignis ist die Aufregung in den Gassen Sienas fast mit Händen zu greifen, doch die offiziellen Feierlichkeiten beginnen erst drei Tage vor dem Rennen. Die Einwohner kleiden sich in den Farben ihrer Contrada, Musik, Gesang und Festbankette reihen sich aneinander.

Die letzte Generalprobe findet am Morgen des Renntages statt. Am Spätnachmittag füllt sich dann der Platz, etwa 50.000 Zuschauer drängen sich eng in seiner Mitte, um dem Spektakel beizuwohnen. Ein eindrucksvoller Festzug eröffnet das Ereignis: Standartenschwingend ziehen die einzelnen Contrade mit ihren Rennpferden, Jockeys, Reitknechten und einem Paradepferd in ihren bunten, historischen Kostümen ein, gefolgt von Fahnenschwingern und einem von vier weißen Ochsen gezogenen Triumphwagen, der an eine Schlacht gegen Florenz im Jahre 1260 erinnert. Gestartet wird an einer Startleine, die jeweilige Position bestimmt das Los. Wenn das 10. Pferd in Position gegangen ist, erfolgt der Start, doch wegen der Hochspannung, der Unruhe und der Enge kommt es meist erst zu einigen Fehlstarts. „Aquila!“ schreit der Startleiter, und ohrenbetäubender Lärm erschüttert die Piazza, die zuvor in angespannter Stille verharrte, das Rennen geht los.

Dreimal muss die Piazza del Campo umrundet werden. Die Pferde werden ohne Sattel geritten, geschmückt nur mit den Farben der jeweiligen Contrada. Fast alles ist erlaubt: Die Jockeys führen Ochsenziemer mit sich, mit denen sie ihre Kontrahenten und deren Pferde schlagen dürfen. Der Palio ist ein brutales Rennen.

Seit 1975 sollen 37 Pferde beim Palio zu Tode gekommen sein. Immer wieder geschieht es, dass bei dem mörderischen Tempo ein Pferd in den engen Kurven verletzt wird, gegen die Begrenzung stößt oder stürzt. Deshalb protestieren Tierschützer seit Jahrzehnten heftig gegen den Palio. Die Stadt hat als Reaktion die Sicherheitsvorkehrungen erhöht, die gefährliche San-Martino-Kurve gepolstert und den Belag verbessert. Doch nicht nur die Pferde sind in Gefahr, auch über Reiter und Publikum schwebt ständige Gefahr, denn es ist auch schon vorgekommen, dass ein Pferd aus der Bahn und ins Publikum hinein gerast ist. Doch ist es wohl auch dieser Nervenkitzel, der den besonderen Reiz des Palio ausmacht.

Deutlich weniger als zwei Minuten dauert das Spektakel, dann ist es schon wieder vorbei, noch ehe sich der Staub gesenkt hat. Gewonnen hat das Pferd, das nach der dritten Runde als erstes die Ziellinie passiert – egal, ob mit oder ohne Reiter. Lediglich die Farben seiner Contrada darf es nicht verlieren. Ist ein Pferd ohne Reiter Sieger geworden, so nimmt es traditionell beim abendlichen Festbankett am Kopf der Tafel teil.

Die siegreiche Contrada erhält den Palio und die Ehre, die Begeisterung schlägt sich in tagelangen Festen Bahn. Als die Contrada Torre nach 44 Jahren erstmals wieder einen Palio gewann, feierte sie 44 Tage lang. Schmach erleidet traditionell die zweitplazierte Contrada, zweiter zu sein gilt als schlimmer, als einer der letzten zu sein.

90 Sekunden, ein paar Atemzüge nur, doch manchem Beobachter steht der Atem still. Das Pferd des blauen Reiters, das in Führung liegt, verletzt sich in einer Kurve einen Fuß, hinkt kurz, doch stürmt dann weiter voran. Es ist dicht gefolgt vom orangenen Reiter der „Käuzchen“-Contrada, beide geben ihre letzten Kräfte, als die Ziellinie naht. Doch neben ihnen zieht Hugo Sanches vorbei, das reiterlose Pferd der „Einhorn“- Contrada. Unbeirrt und zielsicher, kraftvoll überlegen nimmt es als erstes das Ziel. Die „Einhorn“- Contrada ist außer sich. Tausende stürmen auf die Rennbahn und feiern Hugo Sanches, Sienas neuen Helden. Die weiß-orangen Fahnen der „Einhorn“- Contrada wirbeln durch die Luft, Jubel und Geschrei verdichten sich zur Hymne der Contrada, die bis zum Morgen durch Sienas Gassen schallen wird.

Zurück zur Übersicht

(c) Sempre Italia. Alle Rechte vorbehalten Ferienhaus, Ferienhäuser, Ferienwohnung, Ferienanlage, Hotel, FeWo
Rechtliche Hinweise Datenschutz Sitemap Impressum