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Juwel im Herzen Italiens: Assisi - Feuilleton

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Juwel im Herzen Italiens: Assisi

Mitten in Umbrien, dem grünen Herzen Italiens, erhebt sich aus der schier endlosen Weite einer Ebene mit akkuraten Äckern, kleinen Gehöften und verschlafenen Dörfern imposant und mächtig der Monte Subasio. Hier, an den Hängen dieses beeindruckenden Berges, saß einst ein einsamer Mann in bescheidener Kutte und blickte hinab auf die Welt unter ihm, und es muss ihm erschienen sein, als sei er ein Vogel, der seine Schwingen öffnet und auf die Welt hinabschaut, die mit einem Mal so enorm groß wirkt, so weit und grenzenlos, wohingegen er selbst so klein und unbedeutend ist.

Es mag sein, dass es dieses wahrhaft beeindruckende Panorama war, dass den berühmtesten Sohn der Stadt, die an den Hängen dieses Berges liegt, zu seinen Gedanken über das einfache Leben und zur Gründung eines Bettelordens inspiriert hat: Franz von Assisi ist untrennbar mit der Stadt verbunden und für viele Besucher bis zum heutigen Tag ein wichtiger Grund, den Ort zu besuchen.

Doch schon die Römer wussten den Blick über das Tal, der auch strategisch wichtige Vorteile mit sich brachte, zu schätzen. Sie waren es, die die alte umbrische Siedlung ausbauten und terrassenförmig an den Hängen des Monte Subasio anlegten. Hier fand man auch Bronzen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, und es liegt die Vermutung nahe, dass dieser eindrucksvolle Platz schon seit langem die Menschen in seinen Bann gezogen hatte.

Zum Bauen wurde seit jeher der rosa-weiße Stein des Berges verwendet, und er ist es, der bis heute das Stadtbild prägt. Diesem hellen Stein verdankt die Stadt ihr lichtes Bild, den Glanz selbst in den verwinkelsten Gässchen und die eindringlichen Stimmungen in der Beleuchtung verschiedener Tageszeiten. Nach der Zerstörung durch die Ostgoten im Jahre 545 entstand während des Mittelalters das bis heute vollständig erhaltene, von modernem Bauen verschonte Stadtbild, das Assisi zu einem der schönsten Orte Italiens macht.

Still und verschlafen thront Assisi über der Ebene, umgeben von den üppigen Wäldern, die den Monte Subasio bedecken. An Ölbaumplantagen schließt sich dichter Hochwald mit Eichen, schwarzen Hainbuchen, Ahornen und Steineichen an, über die Gipfel ziehen sich weite Hochwiesen. Schon seit der Römerzeit wurde das Holz dieser Wälder genutzt, eine am Berg entspringende Quelle versorgte den Ort mit Wasser. Heute ist hier ein Naturpark, in dem die wenigen wildlebenden Tiere geschützt werden, in erster Linie Goldadler, Steinhühner und Wölfe.

Diese beinahe undurchdringlich erscheinenden Wälder überblickt man, wenn man den höchsten Punkt des Ortes erklommen hat. Hier liegt eine alte Burg, die Rocca Maggiore. Wer es bis hierher geschafft hat und den Aufstieg zu einem ihrer Türme dennoch nicht scheut, wird mit spektakulären Aussichten über die Ebene, die Valle Umbra, belohnt. Von der Burg aus zieht sich die erhaltene römische Stadtmauer bis hinunter zu einem Amphitheater, ebenfalls aus römischer Zeit. Auch ein Minervatempel am zentralen Platz, der Piazza del Comune, zeugt mit seinen gut erhaltenen Säulen von der römischen Geschichte. Hier begegnen sich Einheimische und Besucher in den Straßencafés bei einem Espresso oder einem Glas Wein, hier ist die entspannte Mitte des öffentlichen Lebens der Stadt. In den gepflegten Straßen und Gässchen, die von dort abzweigen und sich durch den malerischen Ort ziehen, sind die Schrecken den großen Erdbebens von 1997 vergessen, das mehrere Menschenleben forderte und das Dach der Basilika San Francesco zum Einsturz brachte. Längst sind die Spuren der Verwüstung beseitigt, hat der Ort zu seinem anmutigen Charme zurückgefunden.

Doch mit der verträumten Stille Assisis ist es aus, wenn die Hauptsaison beginnt und erst recht, wenn katholische Feiertage anstehen. Zu tausenden strömen dann die Besucher in die Stadt, Pilger auf den Spuren des Heiligen Franz, unter die sich Kunstbeflissene mischen, die die Schätze der Stadt besichtigen möchten.

Zahlreiche Kirchen schmücken das Stadtbild Assisis, doch die bedeutendste ist die Doppelkirche San Francesco, die aus der Ebene betrachtet mit ihren Arkadenreihen an den Potala-Palast in Lhasa erinnert. Im 13. Jahrhundert erbaut birgt die zum Weltkulturerbe zählende Kathedrale neben dem Grab des heiligen Franziskus prächtige Fresken der bedeutendsten Künstler dieser Zeit: Giotto, Cimabue, Lorenzetti zählen zu den Meistern, die auf farbenfrohen Bildern den leseunkundigen Gläubigen Szenen aus dem Neuen Testament und Stationen aus dem Leben des Franziskus veranschaulichten.

Franziskus (ca. 1181 – 1226) war der Sohn wohlhabender Kaufleute, sein Elternhaus steht noch heute und zieht fromme Bewunderer an. Seine geplante Militärkarriere schmiss er nach einer schweren Krankheit, die ihn in einer Kriegsgefangenschaft ereilte, hin und entsagte seinem reichen Erbe. Die Legende erzählt, dass er sich vor aller Augen seiner Kleider entledigte und nackt aus der Stadt hinauslief, um die nächsten Jahre als Einsiedler in den Wäldern zu hausen. Die Berufung zur Armut und zum Wohltätigen war seine Lebensmaxime, die ihn um 1210 zur Gründung des Franziskanerordens veranlasste. Als Wanderprediger zog er durch Südeuropa und erlangte mit seinen von Sanftmut geprägten Reden eine große Popularität. Demut allem Lebendigen gegenüber, Respekt vor der Schöpfung und ihren Kreaturen war der Inhalt seiner Predigten. Schon zu seinen Lebzeiten entstanden zahlreiche Franziskanerklöster in Europa, die in Konkurrenz zu den weltlicher und intellektueller geprägten Dominikanerklöstern standen. Bereits zwei Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen, der Papst selbst legte den Grundstein zu der Basilika, die über seinem Grab in Assisi errichtet wurde. Assisi war als bedeutende christliche Walfahrtsstätte geboren.

Und ein wenig lassen sich die Gedanken des Franziskus vielleicht nachvollziehen, wenn man von einer Terrasse des Ortes auf die Ebene schaut, die sich tief unter dem Betrachter erstreckt, fast, als blicke man aus einem Flugzeug auf sie hinab. Wenn die Besucherströme sich verzogen haben und die Stille in den Ort zurückkehrt, ist die majestätische Erhabenheit wieder spürbar, die diesem einzigartigen Platz zu Eigen ist.

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