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Ja, ja der Chianti-Wein... - Feuilleton

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Ja, ja der Chianti-Wein...

Es war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als mit der ersten großen Reisewelle die Sehnsucht nach Italien auch in die deutschen Wohnzimmer Einzug hielt. „Ja, der Chianti-Wein, der lädt uns alle ein“, dudelte es aus dem Volksempfänger, während Vati die bauchige, bastumwickelte Flasche entkorkte, aus der ein Getränk zweifelhafter Qualität, aber zumindest rot und alkoholhaltig, entfloss und der um den Nierentisch versammelten Familie ein Gefühl vom „Duft der großen weiten Welt“ vermittelte. Später dann, in den sechziger und siebziger Jahren, war die leere Chiantiflasche, in deren Hals man eine Tropfkerze gesteckt hatte, Schmuck fast jeder Wohngemeinschaft und fehlte auf kaum einer Sommerparty. Und immer noch hatte sie zuvor statt Wein eher ein „fiasco“ enthalten. Der Negativ-Appeal des Chianti-Weines erreichte seinen Höhepunkt, als in den späten siebziger Jahren immer mehr Weinbauern dazu übergingen, die bastumwickelten Flaschen durch eine billigere plastikumwickelte Flasche zu ersetzen. Die Panschereiskandale dieser Jahre taten ein Übriges. Nun war der letzte Charme des Chianti dahin, die Umsatzzahlen schmolzen.

Der Chianti war einen langen Weg gekommen. Er entstammt aus der gleichnamigen Region der Toskana, sein Name leitet sich vom etruskischen „Clante“ ab, dem Wort für Wasser. Die Weinkultur der Antike wurde im Mittelalter von Mönchen aufrecht erhalten. Die erste Erwähnung findet der Chianti-Wein im Jahre 1404 durch den Kaufmann Francesco Datini aus Prato. Cosimo III de Medici legte 1716 erste schriftliche Anleitungen über Gärmethoden und Mischverhältnisse fest und definierte das Chianti-Gebiet als geschützte Ursprungsbezeichnung. Sein Dekret legte die Grenzen fest und verbot, Weine aus anderen Bereichen „Chianti“ zu nennen. Seit dem 19. Jahrhundert begann man, verschiedene Geschmacksrichtungen zu kultivieren. Mitte des 19. Jahrhunderts legte Baron Bettino Bercasoli den Grundstein für den modernen Chianti, indem er eine Mischung aus den Traubensorten Sangiovese (75 % für Bouquet und Kraft) und Canaiolo Nero (15 % zur Milderung) sowie verschiedenen weißen Sorten erschuf, den ersten Chianti Classio. Jahrzehntelanges Experimentieren war dem vorausgegangen.

War dann Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Motto der Chianti-Winzer noch „Masse statt Klasse“ gewesen, so zwangen sie die steigenden Ansprüche der Weintrinker zum Umdenken. Seit den siebziger Jahren experimentierten die Önologen des Chianti-Gebietes mit neuen Methoden. Mit Erfolg: Gute Chianti-Weine genießen heute auch bei Weinkennern einen vorzüglichen Ruf.

Bereits 1967 wurde die DOC-Bezeichnung (Denominazione di Origine Controllata – kontrollierte Herkunfstbezeichnung) zu Qualitätskontrolle eingeführt. Hierbei wurde im Wesentlichen noch das alte Ricasoli-Rezept zu Grunde gelegt, der Ertrag blieb zunächst großzügig geregelt. 1984 wurde das DOCG-Gütesiegel (Denominazione di Origine Controllata e Garantita – kontrollierte und garantierte Herkunftsbezeichnung) eingeführt, was mit bedeutenderen Veränderungen verbunden war. Die zugelassene Menge weißer Trauben wurde reduziert, besonders aber wurde der Ertrag pro Hektar stark eingeschränkt. Das Mindestalter der Rebstöcke wurde auf fünf Jahre festgelegt. Der Mindestalkoholgehalt (12 %) sowie das früheste Verkaufsdatum eines Jahrgangs wurden festgeschrieben. Durch diese Maßnahmen ergaben sich bedeutende Qualitätsverbesserungen. Nun wurde auch der Barrique-Ausbau erlaubt, wodurch sich der herbe Stil des eher hellroten Chianti hin zu einem dunklen, tanninreichen und lagerfähigen Rotwein wandelte. Er hat ein intensives, mit der Alterung ins Granatrot neigendes Rubinrot und einen harmonischen, samtigen, trockenen, vollmundigen Geschmack.

Vier Jahre später wurde das Projekt „Chianti 2000“ ins Leben gerufen, um Methoden für den optimalen Anbau zu erarbeiten. Bis 1995 durften nur ganz bestimmte Traubenmischungen für den Chianti verwendet werden, danach wurde auch die Unterstützung durch wenige andere Rebsorten, z.B. den früher reifenden Merlot, erlaubt.

Nur solche Chianti-Weine, die aus dem streng umrissenen Chiantigebiet zwischen Florenz und Siena stammen, dürfen sich Chianti Classico nennen. Andere Chianti-Weine aus der Toskana dürfen dies hingegen nicht, zudem muss bei ihnen auch das Gebiet aus dem sie stammen, nach der Bezeichnung „Chianti“ genannt werden. Diese Weine kommen mittlerweile aus einem ausgedehnten Gebiet, nach Norden über Greve, San Casciano bis Pistoia, nach Osten bis Arezzo, nach Süden bis weit über Siena nach Montalcino hinaus und nach Westen bis Pisa und fast bis an die tyrrhenische Küste. Offiziell ist das Chiantigebiet in sieben Zonen unterteilt: Das Chianti Classico zwischen den südlichen Vororten von Florenz, den Chianti-Bergen im Osten, Siena im Süden und den Tälern der Flüsse Pesa und Elsa im Westen, das Chianti Rufina um Pontassieve, das Chianti Colline Pisane um Pisa, das Chianti Montalbano um Carmignano, das Chianti Colli Fiorentini um Florenz, das Chianti Colli Senesi um Siena und das Chianti Aretini um Arezzo.

Rund 7.000 Winzer stellen heute in mehr als 100 Gemeinden der Toskana auf rund 24.000 Hektar Fläche Chianti-Weine her. Der Bereich des Chianti Classico umfasst davon 7.000 Hektar. Jährlich werden 100 Millionen Liter Chianti produziert, der Anteil des Chianti Classico beträgt etwa ein Viertel.

Eine 70 Kilometer lange Weinstraße, die „Via Chiantigiana“, führt durch die großartige Kulturlandschaft des Chianti Classico im Herzen der Toskana. Sie verbindet Florenz und Siena durch eine sehr waldreiche Region, denn nur ein Zehntel der Fläche wird für den Weinbau genutzt. Der Chianti Classico ist ein Hügelgebiet in einer Höhe zwischen 250 und 600 Metern mit einem milden Klima ohne übertriebene Temperaturschwankungen. Trutzige Burgen, alte Schlösser, Abteien und von hohen Stadtmauern geschützte Dörfer  prägen die Landschaft. Wie Perlen an der Kette liegen die berühmten Weinorte an der Straße, z.B. Castellina in Chianti, Greve oder Radda, und machen die Reise zu einer Wallfahrt für alle Weinfreunde.

Der schwarze Hahn auf dem Flaschenhals ist das Markenzeichen des Chianti Classico. Er gilt als das älteste Markenlabel der Geschichte, um seine Entstehung webt sich eine alte Legende: Die Bürger der Stadtstaaten Florenz und Siena, die seit Ewigkeiten verfeindet waren, wollten Anfang des 13. Jahrhunderts ihre ständigen Grenzstreitigkeiten endlich beenden. Welche Gebiete zukünftig unter wessen Hoheit liegen sollten, das sollte ein Wettkampf entscheiden. Mit dem ersten Hahnenschrei sollten morgens zwei Reiter aufbrechen – einer aus Florenz, einer aus Siena. Wo sie sich treffen würden, da sollte die endgültige Grenze verlaufen. Die Sienesen hatten einen weißen Hahn, der gut im Futter und deshalb fett und faul war und lange schlief. Die listigen Florentiner hingegen ließen ihren schwarzen Hahn vor dem Wettstreit tagelang hungern, so dass das verzweifelte Tier schon mitten in der Nacht zu krähen begann. Der Florentiner Reiter brach deshalb viel früher auf, die beiden Reiter trafen sich in Fonterutoli, nur 15 Kilometer vor Siena. Damit erhielt Florenz einen Großteil des Chiantigebietes. Seit dem war der der „Gallo Nero“, der schwarze Hahn auf goldenem Grund, das Symbol der „Lega militare del Chianti“, einem Militärbund der Chiantiregion. 1384 wurde er das Symbol des in Radda gegründeten weltweit ersten Konsortiums von Winzern. Mehr als 500 Jahre später, im Jahre 1925, griffen die Winzer des Chianti Classico auf das altehrwürdige Wappentier zurück, sodass es noch heute an den hungrigen Hahn erinnert, der den Florentinern zum Chianti verhalf.

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