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Italiens Königin des Sommers: Gianna Nannini - Feuilleton

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Italiens Königin des Sommers: Gianna Nannini

Sie ist die engagierteste und erfolgreichste Musikerin der Pop- und Rockszene Italiens: Gianna Nannini. 2006 wurde sie Fünfzig, gleichzeitig feierte sie ihr dreißigjähriges Bühnenjubiläum, Grund genug, auf diese erfolgreichen Jahrzehnte zurückzublicken.

Gianna Nannini wurde am 14. Juni 1956 in Siena geboren. Ihre Eltern sind wohlhabende Bäcker und Konditoren, sie führen ein Traditionsunternehmen mit mehreren Verkaufsstellen. Doch weder Gianna noch ihr Bruder zeigten Ambitionen, in den Familienbetrieb einzusteigen. Ihr Bruder, Alessandro Nannini, machte Karriere als Rennfahrer und war in den 80er Jahren in der Formel 1 erfolgreich.

Gianna hingegen zog es schon früh zur Musik hin. Sie lernte Klavier am Konservatorium in Lucca, brach die Ausbildung aber 1974 ab und ging nach dem Abitur nach Mailand, wo sie Komposition studierte. Das Gitarrespiel hatte sie sich bereits selbst beigebracht. Durch regelmäßige Auftritte fasste sie Fuß in der Mailänder Szene und veröffentlichte 1976 ihr erstes Album mit dem Titel „Gianna Nannini“.

Zwei Jahre später entdeckte sie bei einem USA-Aufenthalt den Rock und krempelte ihren Stil um, der rauer und selbstbewusster wurde. Ihr erster großer Hit gelang ihr 1980 mit „America“. Der Song sorgte in Italien für einen Skandal, denn er thematisierte die Selbstbefriedigung. Auch in Deutschland, der Schweiz und in Österreich eroberte sie damit die Charts.

1981 schrieb sie den Soundtrack zum Film Sconcerto Rock von Luciano Mannuzzi, der von Bernando Bertolucci produziert wurde. Im gleichen Jahr begann die Zusammenarbeit mit ihrem Produzenten Peter Zumsteg, die 23 Jahre dauern sollte. Gianna Nannini hatte sich erfolgreich in der Musikszene etabliert.

Die Zusammenarbeit mit Conny Plank, der schon die Eurythmics, Ultravox und Kraftwerk erfolgreich produziert hatte, verhalf ihr 1982 mit „Latin Lover“ zu ihrem nächsten gossen Erfolg. In diesem Jahr fand auch das legendäre Konzert im Essener Rockpalast zusammen mit Kid Creole & the Coconuts und Little Steven statt. Weitere große Konzerte folgen im darauffolgenden Jahr, so zum Beispiel in München zusammen mit The Police.

Ihr 1984 erschienenes Album „Puzzle“ war das bis dahin erfolgreichste einer weiblichen Interpretin in Italien. Die Auskopplung „Fotoromanza“ hielt sich zwei Monate an der Spitze der italienischen Charts. Diese Erfolge übertraf sie noch mit „Profumo“ 1986 und “I Maschi E Gli Altri“ 1987, das mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren ihr bisher erfolgreichstes Album blieb.

1987 trat sie zusammen mit Sting und Jack Bruce im Hamburger Schauspielhaus mit Interpretationen von Liedern Bertolt Brechts und Kurt Weills auf und stellte einmal mehr ihre musikalische Vielseitigkeit unter Beweis. 1989 nahm sie mit „Un´ Estate Italiana“ die Hymne der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien auf. Alle Einnahmen daraus gingen an Amnesty International. Und noch 2006 war „Un´ Estate Italiana“ die Hymne, mit der die Italiener ihren WM-Sieg begeistert feierten.

1994 schloss Gianna Nannini nach nunmehr 18 Jahren ihr Philosophiestudium mit der Arbeit „Der Körper in der Stimme – die Beziehung zwischen Körper und Stimme aus der Sicht einer anthropologischen Musik“ mit der Note summa cum laude ab.

In der ersten Minute des Jahres 1995 huldigten alle italienischen Radiosender der Prima Donna mit der markanten kratzigen Stimme, indem sie gleichzeitig die Auskopplung „Meravigliosa Creatura“ aus dem noch nicht erschienenen Album „Dispetto“ spielen.

Seit 1993 hatte sie Kontakt mit Greenpeace. Am 4. Juli 1995 kettete sie sich gemeinsam mit anderen Aktivisten auf dem Balkon der französischen Botschaft in Rom an, um gegen die französischen Atomexperimente im Pazifik zu protestieren. Im gleichen Jahr trat sie in Turin zusammen mit 16 Mönchen aus Tibet auf.

Es folgte das Album „Cuore“ 1998 mit ihren persönlichsten Liedern. Die Jahrtausendwende feierte sie mit einem Lifekonzert vor einer halben Million Menschen in Turin. 2000 lieferte sie den Soundtrack zu Enzo d´Alòs Verfilmung von Michael Endes Momo. Mit „Aria“ setzte sie nun vermehrt auf elektronische Klänge. Diesen Song sang sie erstmals auch auf Deutsch, den deutschsprachigen Text lieferte Xavier Naidoo. Sie marschierte inkognito beim Friedenszug von Perugia nach Assisi nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit, sie engagierte sich im Protest gegen die Beteiligung Italiens am Irakkrieg. Ihr Bühnenjubiläum feierte sie 2006 mit dem Album „Grazie“, das zehn kraftvolle und emotionale Popsongs enthält.

Ihre von explosiver Energie beherrschten Bühnenauftritte sind sicherlich die Höhepunkte und die ihr persönlich wichtigsten Eckpunkte ihrer Karriere. Mit ihrem nicht zu bremsenden Temperament spielte sie sich live in die Herzen von Millionen Konzertbesuchern. Doch in ihr Engagement für politische Fragen, die ihr wichtig sind, investierte und investiert sie stets nicht minder viel Energie. Zunächst war es ihre Wut über die sexuelle Bigotterie und Heuchelei des Italiens der Spätsiebziger, die sich in der Musik der bekennenden Bisexuellen manifestierte. Sie wurde zur Rebellin und thematisierte durch die Jahrzehnte immer wieder politische Fragen.

Die Konflikte, die ihre radikalen persönlichen Entscheidungen hervorriefen – der Bruch mit den Idealen des Elternhauses, ihr aggressives Bekenntnis zu ihrer Sexualität, ihre oft schwierigen persönlichen Beziehungen, ihr Engagement und ihr schonungsloser künstlerischer Einsatz –, betäubte sie in den frühen Jahren mit Alkohol und Amphetaminen. Ein paar Mal brach sie deshalb auf der Bühne zusammen. Mit zunehmendem Alter hat sie sich davon befreien können. Ihre Therapie, so sagt sie, sei das Singen. Auch ihre Rebellion ist mit den Jahren sanfter geworden, der raue Ton weicher. Die Manie, sich sexuell zu definieren, gehe zu Ende, sagt sie weiter. Und auch die Abrechnung mit ihrem Vater auf dem Album „Grazie“, die mit „mein ewiger Diktator“ beginnt, endet weich und versöhnlich mit „Bleib bei mir, liebes Papilein, mir wird so kalt in der Welt ohne dich.“

Zu den gastronomischen Wurzeln ihrer Familie hat sie inzwischen auch zurückgefunden, denn sie lässt auf dem Sieneser Weingut ihrer Familie, das ihr Bruder nach dem Ende seiner Rennfahrerkarriere bewirtschaftet, ihren eigenen Wein produzieren.

Die Nonkonformistin hat es im Laufe der Jahre zu einem einzigartigen und unverwechselbaren Stil gebracht. Ihr Rock wurzelt auf traditioneller italienischer Volksmusik, deren barocke Verschnörkelung sie verkürzt und minimalisiert hat. Angloamerikanische Vorbilder haben Einfluss auf ihre Musik gehabt, doch hat sie sich davon auch wieder gelöst. Ihre rauchige, archaische Stimme, die schon als „etruskisch“ bezeichnet wurde, ist ihr unverkennbares Markenzeichen. Gianna Nannini ist zu Recht die bisher erfolgreichste Rock- und Popmusikerin Italiens.

Doch die Familie Nannini ist auch mit einem anderen Produkt zu Ruhm gelangt, mit dem Panforte di Siena. Dieser jahrhundertealte Gewürzkuchen wird schon lange von der Zuckerbäckerfamilie Nannini hergestellt und erfolgreich in alle Welt verkauft.

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