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Italiens Antwort auf Elvis: Adriano Celentano - Feuilleton

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Italiens Antwort auf Elvis: Adriano Celentano

Wir wollen uns mit einem Mann befassen, dem gelungen ist, was sonst nur wenige schafften. Deshalb ist Adriano Celentano zu Recht einzureihen in die Liste der Interpreten der Leichten Muse, die zu den großen Klassikern dieses Genres gehören. Denn kaum einer kann von sich behaupten, dass mehrere Generationen, von Kindern bis zu alten Leuten, die gleiche Melodie im Kopf haben, wenn sie nur ein einziges Wort hören. Und viele haben es nachgesungen, von Peter Rubin bis zu den Toten Hosen stand auch Deutschland im verheißungsvollen Bann dieses Wortes: „Azzurro“!

Der raue Bursche mit der Reibeisenstimme und dem Knautschgesicht ist noch heute ein Riesenstar in Italien. Bei uns in Deutschland ist er das Symbol für den lebenslustigen, machohaften italienischen Tunichtgut, das Klischee des Italieners schlechthin. Er ist der liebenswerte, tollpatschige Junge von nebenan, der gar nichts kann, das aber zumindest unglaublich gut. Im Januar 2008 wurde er 70 Jahre alt, und er weiß seinen Ruhm und sein Charisma selbstbewusst zu einzusetzen. Seine beliebten Fernsehsendungen nutzt er immer wieder, um soziale und politische Missstände lautstark anzuklagen. Und Italien liebt ihn, auch wenn er sich hierbei zuweilen verrennt, wie Ende der 80er, als er sich verächtlich über Schwule äußerte. Neben derartiger Polemik erregte er Aufsehen, indem er minutenlang schweigend vor der Kamera stand, ungeachtet der wertvollen Sendezeit, die verstrich. Ein anderes Mal forderte er das Publikum allen Ernstes auf, umzuschalten. Kein Geringerer als Jesus sei sein Vorbild, verkündete er dem Publikum. Spektakulär war auch seine damalige Gage, man munkelte von 1 Milliarde Lire pro Sendung, was mehr als 500.000 € entsprechen würde.

Celentano ist ein Garant für unverfrorene Auftritte. Nicht umsonst hieß eine seiner Fernsehshows „Francamente me ne infischio“ – „Ehrlich, es ist mit piepegal“. Seine wütenden Anmerkungen zu Berlusconi versetzten 2005 ganz Italien in Aufruhr. Celentano hatte es gewagt, vor 15 Millionen Fernsehzuschauern dem Ministerpräsidenten und schwerreichen Medienmogul nichts Geringeres als die Abschaffung der Meinungsfreiheit und die Einführung einer Mediendiktatur vorzuwerfen. Berlusconi tobte, die italienische Öffentlichkeit blickte erstaunt auf Celentano: Der seichte Possenreißer war mit einem Schlag als Verfechter ernster politischer Anliegen ins Rampenlicht getreten. Und dies geschah vor dem Hintergrund, dass just drei bedeutende Fernsehleute gefeuert worden waren, weil sie durch kritische Berichterstattung das Missfallen Berlusconis erregt hatten. Ein Kräftemessen der Giganten – und selbst Berlusconi gelang es nicht, Italiens Ikone mundtot zu machen.

Das Leben Adriano Celentanos erinnert an das eines modernen Hans im Glück, der mindestens so glücklich, wirtschaftlich aber wesentlich erfolgreicher als sein Vorbild aus dem Märchen ist. Seine Eltern waren aus der bitteren Armut Apuliens in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Mailand gekommen, wo Adriano 1938 in der später von ihm besungenen Via Gluck geboren wurde. Er brach die Schule nach der 5. Klasse ab, begann eine Uhrmacherlehre und feierte bereits 1957 einen Riesenerfolg mit dem Sieg im ersten großen Schlagerwettbewerb Italiens im heimischen Mailand. Von nun an gab es kein Halten mehr: Bereits 1958 erhielt er seine erste Filmrolle und hatte ein Jahr später gar einen kurzen Auftritt in Fellinis „La Dolce Vita“, wo er sich selbst spielte. 1959 stürmte er an die Spitze der italienischen Charts und wird nun den 60er Jahren Italiens seinen Stempel aufdrücken.

Nach „Una Festa Sui Prati“ landete er 1968 den großen Coup mit dem Schlager „Azzurro“ aus der Feder Paolo Contes. Das Lied und sein Interpret wurden schlagartig weltbekannt – Italien hat seit dem eine zweite Nationalhymne.

Die Lieder, die Adriano Celentano in den 70er Jahren folgen ließ, haben mitunter kritische Anklänge an politische oder soziale Themen, seine Filme sind im Wesentlichen Klamotten, deren Charme aber in einer gewissen Portion Anarchie liegt. Mit seiner Frau Claudia Mori gewann er 1970 das Schlagerfestival von San Remo mit „Chi Non Lavora Non Fa L´Amore“. Es folgten Hits wie „Yuppi Du“ aus dem gleichnamigen Film von 1975, oder „Svalutation“ von 1976.

In den 80er Jahren war sein Wirken geprägt von der Zusammenarbeit mit der schönen Schauspielerin Ornella Muti. Die Klamaukfilme der beiden wurden in Italien große Kassenerfolge. Dabei sind die Storys und Gags eher seicht bis dümmlich, und wie schmerzhaft peinlich die deutsche Synchronisation den geneigten Zuschauer quält mag man an der Übersetzung des Filmtitels eines der erfolgreichsten Werke dieser Schaffensperiode ermessen: „Innamorato Pazzo“ – der deutsche Titel ließ Schlimmes befürchten: „Gib dem Affen Zucker“. Trotzdem war dieser Film 1981 auch in Deutschland ein gigantischer Erfolg.

Nach den bereits erwähnten skandalträchtigen Fernsehauftritten Celentanos in den 80ern widmete er sich ernsteren Themen, spielte Theater, schrieb Bücher und Gedichte, um gegen Ende des Jahrtausends mit großem Erfolg die italienischen Charts zurückzuerobern. Er hatte es geschafft, Mina, die sagenumwobene Göttin des italienischen Schlagers, zu einer gemeinsamen Studioaufnahme zu überreden. Die Diva, die seit 1978 jeden Auftritt verweigert hatte, zog sich anschließend wieder zurück, Celentano jedoch blieb.

Sein Erfolg setzte sich bis in sein persönliches Jubiläumsjahr 2008 ungemindert fort und gipfelte in seinem triumphalen Auftritt bei der Biennale am venezianischen Lido, wo er sein komplett restauriertes Werk „Yuppi Du“ vorstellte. Bis dato hat er allein in Italien 120 Millionen Platten verkauft, 200 Millionen sind es weltweit. Die Einschaltquoten seiner Fernsehsendung „PolitRock“ haben teilweise die der italienischen Nationalmannschaft übertroffen. Was immer er thematisiert, was immer er singt, schreibt oder sagt, es scheint ganz Italien zu interessieren – nach wie vor. Und mit Sicherheit wird sein „Azzurro“ noch manche Generation begleiten:

Azzurro, il pomeriggio é troppo azzurro e lungo, per me.
Mi accorgo di non avere piu risorse senza di te,
e allora io quasi quasi prendo il treno e vengo, vengo da te,
ma il treno dei desideri nei miei pensieri all'incontrario va.

Blau, der Nachmittag ist zu blau und zu lang für mich.
Ich merke, dass ich nicht mehr viele Reserven habe, ohne dich,
und dann nehme ich beinahe den Zug und komme, komme zu dir,
aber der Zug der Wünsche fährt nach meinen Befürchtungen in die verkehrte Richtung.

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