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Italien für Extremisten: 99 Jahre Giro d'Italia - Feuilleton

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Italien für Extremisten: 99 Jahre Giro d'Italia

Der Mai ist die Zeit, in der die wärmende Sonne in Italien endgültig die Herrschaft übernimmt. Er ist aber auch die Zeit des berühmten Giro d´Italia. Seit dem 13. Mai 1909, also seit 99 Jahren, erobert er Jahr für Jahr die Herzen der Sportbegeisterten in Italien und darüber hinaus.

Der Giro d´Italia ist nach der Tour de France das berühmteste und sicherlich auch eines der strapaziösesten Radrennen der Welt. Und wenn auch nach der großen Blüte des Radsports in der Nachkriegszeit heutzutage der Fußball in Italien die größte Massenbegeisterung auslöst, so steht der Radsport doch noch immer in der Gunst der Italiener ganz oben auf der Skala. Fährt man durch Italien, so wird dies offensichtlich, denn überall begegnen einem Gruppen von Rennradfahrern, strampelnde Einzelkämpfer oder gemütlich dahinradelnde ältere Herrschaften. Nirgendwo sonst sind die Radsportler so allgegenwärtig wie in Italien, hier ist das Radfahren ganz offensichtlich Volkssport.

Als alles begann, war die Tour de France schon 5 Jahre alt. Von ihrem Erfolg inspiriert plante die italienische Zeitung Corriere delle Sera ein ähnliches Ereignis für Italien ins Leben zu rufen. Die Pläne sickerten jedoch zur damals noch kleinen und ganz jungen Konkurrentin Gazzetta dello Sport durch, und deren Redakteure kündigten kurzerhand im August 1908 vollmundig an, im Mai des darauffolgenden Jahres eine Radtour quer durch ganz Italien auszurichten. Die wagemutigen Veranstalter hatten Glück, sie konnten gerade noch rechtzeitig Sponsoren motivieren, bei der Finanzierung des gewagten Vorhabens zu helfen, und so startete der erste Giro d´Italia am 13. Mai 1909 mit 127 Teilnehmern in Mailand. Ihre Herausforderung bestand aus acht Etappen, die sich zu beachtlichen 2.448 Kilometern summierten, den italienischen Stiefel hinunter bis Neapel und wieder zurück nach Mailand. Der Sieger, Luigi Ganna, wurde damals nicht nach Zeit sondern nach einem komplizierten Punktesystem ermittelt. Er brauchte knappe 90 Stunden für die Strecke und schaffte damit immerhin eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 27,26 km/h. Sein Preisgeld betrug 5.325 Lire, fast die Entsprechung von 36 Monatsgehältern des Renndirektors zu jener Zeit, der sich mit 150 Lire im Monat bescheiden musste.

Dienten die Berge Italiens damals im Wesentlichen noch als Kulisse für die Rennstrecke, so sind die herausforderungsreichen Hochgebirgsstrecken wie das kurvenreiche Stilfserjoch, der Passo di Gavia oder der Mortriolo es heute, die die Entscheidung im Rennen bringen. Der Kurs setzt sich aus Flachetappen, in denen die Sprinter triumphieren, mittelschweren Etappen, den mörderischen Hochgebirgsstrecken sowie mehreren Einzelzeitfahrten zusammen.

Das Pendant zum Gelben Trikot der Tour de France ist die Maglia rosa, das rosafarbene Shirt, das der in der Einzelwertung führende Fahrer des Giro trägt. Das ist eine Hommage an die Gazzetta dello Sport, der auf rosafarbenem Papier gedruckt wird. Der Fahrer, der in der Bergwertung führt, trägt ein grünes Trikot, der Führende in der Punktewertung ein fliederfarbenes und seit 2007 der beste Jungprofi ein weißes. Neben dem Giro der männlichen Profifahrer gibt es noch den Giro d´Italia Femminile, das Rennen der Frauen, das im Juli stattfindet, und den Baby Giro, das Rennen der Nachwuchsfahrer, die das 26. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Mit jeweils fünf Gesamtsiegen sind bis heute drei Fahrer die Rekordhalter des Giro d´Italia: Alfredo Binda, der zwischen 1925 und 1933 fünfmal siegte, Fausto Coppi mit Siegen zwischen 1940 und 1953 und der legendäre Eddy Merckx mit seinen Siegen zwischen 1968 und 1974. Die Liste würde wohl von Alfredo Binda mit sechs Siegen angeführt werden, wenn ihm nicht im Jahre 1930 eine hohe Summe dafür gezahlt worden wäre, dass er nicht an den Start ging, um den anderen überhaupt eine Chance zu lassen. Die Veranstalter hatten befürchtet, dass der Giro durch die dauernden Siege Bindas langweilig werden könnte.

Es sind die Hochgebirgsstrecken des Giro, die mit für die spektakulärsten Geschichten des dopingskandalgebeutelten Radsports sorgen. Mag auch der ein oder andere Fahrer nachgeholfen haben, so sind dennoch die Leistungen unvergesslich, die angesichts halsbrecherischer Gipfelstürme erbracht wurden. Da der Giro früh im Jahr stattfindet, kämpfen die Männer auf den Bergen oftmals noch gegen Schnee und Eis und leisten dabei schier Unglaubliches. Unvergessen ist zum Beispiel Marco Pantani, der 1994 die Herzen der Radsportfans eroberte, indem er scheinbar mühelos den Mortirolo bewältigte, der mit seiner zwölfprozentigen Steigung auf einem fünf Kilometer langen Teilstück als der schwerste Anstieg der Alpen gilt. Obwohl er nach einem Dopingskandal und seinem frühen Tod nach einer Überdosis Kokain im Jahre 2004 tragisch endete, gilt er, der von seinen Fans wegen seines Kopftuchs den Beinamen „Kleiner Pirat“ erhielt, als einer der Helden des Giro d´Italia. Seit 2005 schmückt sein Denkmal seinen Heimatort Cesenatico an der Adriaküste. Vielleicht ist seine tragische Geschichte, die von gefährlichen Unfällen und schweren Rückschlägen bis zu beispiellosen Triumphen der Selbstüberwindung reicht, symptomatisch für die unmenschlichen Anforderungen, die der Radsport an die Besten seiner Zunft stellt.

Diese extremen Anforderungen sind es auch, die den Giro in den letzten Jahren ein wenig leiden ließen. Denn viele der Teams zogen ihre Teilnahme deswegen zurück. Zur Vorbereitung auf die Tour de France war der Giro zu anspruchsvoll geworden, denn die Dolomitenpässe und die schweren Zeitfahrten laugten die Fahrer zu sehr aus. Deshalb dominierten die italienischen Teams in den vergangenen Jahren.

Am 10. Mai 2008 wird es wieder so weit sein: In Palermo startet dieses Mal der Giro d´Italia mit einem 28,5 km langen Mannschaftszeitfahren. In 21 Etappen geht es dann über insgesamt 3423,8 Kilometer quer durch Italien bis nach Mailand, wo der diesjährige Giro am 1. Juni enden wird. An der Strecke liegen Cefalù und Catania, Potenza und Tivoli, San Vicenzo und Pesaro, Modena und Verona, Marmolada, Locarno, Monte Pora und Tirano. Dabei werden der Schlussanstieg der Alpe di Pampeago, der nach 7,65 km bei 9,8 % Steigung in einer Passage mit 16 % gipfelt, der Passo Fedaia mit 13,35 km bei 7,9 %, der Kronplatz mit 10,3 km bei 9,6 % mit Abschnitten, die 20 % Steigung aufweisen, der Passo Gavia mit 12 km bei 8,6 % sowie der berüchtigte Mortirolo mit 12,8 km bei durchschnittlichen 10,3 % zu bewältigen sein.

Welch ungeheure Anstrengung die Teilnehmer dabei auf sich nehmen, zeigt sich allein in ihrem Kalorienverbrauch, der bei 10.000 bis 15.000 Kilokalorien am Tag liegen kann. Diese Menge lässt sich kaum zusammenkochen, geschweige denn essen.

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