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Il Colonnello e il Cavaliere –

 

Die Geschichte einer Männerfreundschaft

Hey – ein Zirkus ist nach Rom gekommen! Da steht ein großes, schwarzes Zelt im üppigen Garten der ehrwürdigen alten Villa. 30 edle Berberpferde werden gesattelt und geschmückt, dazwischen unglaublich viele schöne, junge Frauen mit grünen Büchern in den Händen, was geht hier vor?

Freakshow, Affentheater, man möchte den operettenhaften Auftritt belächeln, den zwei alte Männer inszenieren, die sich anscheinend gegenseitig an Glamour übertrumpfen wollen. Berlusconi - in Italien auch "il Cavaliere" genannt - und Gaddafi - genannt "il Colonnello" - verbindet eine tiefe, innige Männerfreundschaft. Das kann man gut verstehen, die Gemeinsamkeiten sind ja nicht zu übersehen. Sie preisen gegenseitig ihre Weisheit und überschlagen sich in wechselseitigen Beweihräucherungen. Das alles könnte ein bizarrer Witz sein, bliebe einem nicht angesichts der aktuellen Entwicklung in Libyen das Lachen im Halse stecken.

Als in Libyen Schüsse auf Demonstranten fielen, sagte Berlusconi, um eine Stellungnahme gebeten, er wolle Gaddafi „jetzt nicht stören“. Später, als der Aufstand in ein Massaker umschlug, sagte Gaddafi in einem Telefonat zu Berlusconi: „Libyen geht es gut. Es herrschen Sicherheit, Stabilität und eine nationale Einigkeit.“ Seither bleibt die italienische Regierung seltsam still, während alle Welt die Eskalation in Libyen verurteilt. Warum?

Die Gründe hierfür sind vielschichtig und nicht nur in der Freundschaft zweier gealterter Dandys, die jeden Realitätsbezug verloren zu haben scheinen, zu finden. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stand Libyen 40 Jahre lang unter italienischer Kolonialherrschaft, Hunderttausende Libyer verloren im Freiheitskampf ihr Leben. Als Gaddafi 1969 an die Macht kam, wies er alle Italiener aus Libyen aus. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren jahrzehntelang mehr als eisig.

Doch das änderte sich 2008. Die Sympathie zwischen Gaddafi und Berlusconi machte es möglich, dass ein gegenseitiges Abkommen unterzeichnet wurde, das beiden Partnern hohe Rendite sichern sollte. Italien verpflichtete sich, als Entschädigung für die Kolonialzeit über einen Zeitraum von 25 Jahren insgesamt 5 Milliarden Dollar an Libyen zu zahlen. Diese Entschädigungen sollen aber in Form von Investitionen fließen, und zwar in der Art, dass italienische Firmen davon profitieren. So soll Italien beispielsweise die von Gaddafi erträumte 1.700 km lange „Autobahn der Freundschaft“ durch das Wüstenland ziehen und Universitäten errichten.

Das Abkommen machte es aber darüber hinaus möglich, dass italienische Firmen in Libyen im großen Stil tätig werden konnten. Fiat baut LKWs in Libyen, ein italienischer Rüstungskonzern ist in Libyen aktiv und der Energieriese Eni fördert Unmengen von Öl in Libyen. Es wird gemunkelt, dass Berlusconi über eins seiner Medienunternehmen, das am libyschen Fernsehen beteiligt ist, kräftig mitverdient, doch wollen wir ihm natürlich keine Bereicherungsabsichten unterstellen.

Umgekehrt hat Libyen überall in Italien Milliarden investiert. Das Land ist an besagtem Rüstungskonzern beteiligt und an Fiat, an einem Subunternehmen der Telecom und mit einem Anteil von 7,5 % an Unicredit, der größten Bank Italiens, ein Umstand, der die Opposition auf den Plan rief und dazu beitrug, dass der Vorstandschef der Bank zurücktrat. Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, hält Libyen auch noch einen Anteil am Fußballfetisch Juventus Turin.

Italien und Libyen sind durch all das füreinander die wichtigsten Handelspartner geworden. Ein Viertel des in Italien verbrauchten Erdöls stammt aus Libyen. Kippt Libyen, so ist Italiens Wirtschaft schwer belastet.

Doch damit nicht genug. Die beiden Lebemänner schlossen noch in einem weiteren Bereich einen wichtigen Deal: Libyen versprach, fortan bei der Abwehr des Flüchtlingsstroms aus Afrika behilflich zu sein. Noch zwischen 2008 und 2009 waren 20.000 Menschen aus Schwarzafrika auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa, Italiens südlichster Bastion, gestrandet. Fortan schickte Gaddafi seine Wasserpolizei, fing die Flüchtlingsboote ab und schaffte sie zurück nach Libyen, 2010 erreichten deshalb nur noch wenige hundert Menschen das rettende Eiland. Italien war ein Riesenproblem los. Dass Libyen nie die Genfer Menschenrechtskonvention unterzeichnet hat und Amnesty International sagt, die Flüchtlinge würden in Libyen gefoltert, misshandelt oder verschwänden einfach, wollen wir mal großzügig unter den Tisch fallen lassen. Denn wie formulierte es Gaddafi so schön, hier seien Menschen, die „in den Wäldern lebten“ unterwegs, und die seien von Politik und von Menschenrechtsproblemen gar nicht tangiert. Deshalb forderte er von der EU jährlich 5 Milliarden € zur Unterstützung seines Feldzuges gegen die Boat People, denn sonst werde Europa „schon morgen zu einem zweiten Afrika“. Diese Forderung unterstütze auch Italien, fügte er hinzu, während Berlusconi stumm lächelnd neben ihm stand.

Nicht nur die italienische Opposition, auch Berlusconis Koalitionspartner beäugen den zunehmenden Einfluss Libyens auf Italien mit großer Skepsis. Als Berlusconi seinen Kumpel gar im Plenarsaal des Senats eine Rede halten lassen wollte, da ging es den Abgeordneten dann doch zu weit.

Doch Gaddafi scheint seinen Freund ganz gut im Griff zu haben. Seit Unterzeichnung des Abkommens hat er Berlusconi etliche Male mit großem Tamtam besucht. Grundsätzlich kommt er immer zu spät und lässt Berlusconi mindestens eine Stunde auf ihn warten. Diese Machtdemonstration scheint Berlusconi nicht zu irritieren, bezeichnete er doch Gaddafi als „Mann von tiefer Weisheit“, von dem er viel gelernt habe. Seine Bewunderung für den Diktator ging so weit, dass er sich eines Besseren besann, als er bei einem Besuch Gaddafis im Jahr 2009 diesen eigentlich nicht vom Flughafen hatte abholen wollen. Dann, so konterte Gaddafi auf diese Mitteilung – bereits im Anflug auf Rom –, ließe er sein Flugzeug eben wieder abdrehen und flöge zurück nach Tripolis. Flugs änderte sich Berlusconi reumütig seine Pläne und begrüßte seinen Freund gleich nach der Landung persönlich mit Küsschen und Umarmung.

Doch diesmal hatte Gaddafi außer seiner aus 40 jungen, hübschen Frauen bestehenden Leibwache eine weitere Überraschung für seinen italienischen Kumpel bereit: Am Jackett seiner Operettenuniform prangte zwischen Troddeln, Kordeln, bunten Abzeichen und Orden das Foto eines weißgewandeten Mannes in Ketten, umgeben von italienischen Kolonialoffizieren. Es war ein Held des libyschen Widerstandes, der von der Kolonialmacht Italien hingerichtet wurde, den er sich da an die Brust gepappt hatte. Berlusconi sah großzügig über die Provokation hinweg.

Zu spaßig sind ja auch die Treffen, wenn Hammelfleisch und Couscous im prunkvollen Rahmen serviert werden. Natürlich sind immer schöne Frauen dabei. So lädt Berlusconi einmal die von der „Bild“-Zeitung als „schönste Ministerin der Welt“ gelobhudelte Gleichstellungsbeauftragte seiner Regierung, ein ehemaliges Nacktmodel, zum Abendessen mit Gaddafi. Und ein anderes Mal inszeniert er ein spektakuläres Treffen zwischen 700 Italienerinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur mit Gaddafi – andere Männer sind nicht zugelassen.

Stets schlägt Gaddafi sein berühmtes Beduinenzelt auf, wenn er in Rom residiert, so auch bei seinem letzten Besuch im August 2010 anlässlich der Feier des 2. Jahrestages des gemeinsamen Abkommens. Besorgte Stimmen, Italien würde als Bühne für ein Kasperletheater missbraucht, tut Berlusconi mit der Feststellung ab, hier handle es sich um „Folklore“. 30 eigens aus Libyen eingeflogene edle Berberpferde treten zur Parade an, Höhepunkt der Veranstaltung sind aber die 200 Hostessen, die Gaddafi gebucht hat. Ihnen erklärt er die Vorzüge des Islam und fordert sie zum Übertritt auf. Jeder schenkt er einen Koran und sein „Grünes Buch“, ein Pamphlet mit dem Titel „Handbuch der Revolution“. Und zum guten Schluss versichert er den jungen Frauen, dass ihre Geschlechtsgenossinnen in Libyen weit mehr respektiert würden als in Italien. Honi soit qui mal y pense.

Die Feierlichkeiten enden mit einem großen Bankett mit 800 geladenen Gästen. Aus Rücksicht darauf, dass Ramadan ist und für Mohammedaner somit eigentlich nicht die Zeit zum Feiern, beginnt das Festmenü erst nach Sonnenuntergang. Nach zwei Tagen ist der Spuk vorbei, das Zelt wird abgebrochen, Gaddafi und sein Hofstaat entschweben gen Libyen. Zum glücklicherweise letzten Mal.

von Almut Irmscher im Februar 2011
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