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Hundert Sprachen der Kinder: Die Reggio-Pädagogik - Feuilleton

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Hundert Sprachen der Kinder: Die Reggio-Pädagogik

Nach dem zweiten Weltkrieg entstand durch die Initiative von Eltern eine neue pädagogische Bewegung um die italienische Stadt Reggio Emilia herum, ausgehend von dem Dorf Villa Cella. Der Grundgedanke war es, aus den Trümmern und schlechten Erfahrungen der Vergangenheit aufzusteigen und die Kinder sich von einem völlig anderen Ansatz aus, nämlich einem humanistischen und demokratischen, entwickeln zu lassen. Und das stellte keine geringere Herausforderung dar, als die erzieherischen Methoden von Grund auf in Frage zu stellen.

Gerade in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden solche Fragen vielerorts aufgeworfen. Doch im Gegensatz zu anderen Konzepten, wie beispielsweise dem der antiautoritären Erziehung, hat sich die Reggio-Pädagogik bewährt und Anhänger in vielen Ländern gefunden.

Die Idee war es, Kinder nicht nur zur Betreuung in einen Kindergarten zu geben, sondern diesen Kindergarten gemeinsam mit allen Beteiligten zu leiten und möglichst viele kreative Impulse zuzulassen. Im Mittelpunkt all dessen stand von Beginn an das Kind, das nicht als dem Bild der Erwachsenen anzupassendes Wesen betrachtet wurde, sondern als frei und voller schöpferischer Impulse, die es zu fördern gilt. Das Kind ist in der Reggio-Pädagogik selbst aktiver Gestalter seiner Entwicklung.

Die nach der Reggio-Pädagogik arbeitenden Kindergärten stellen durch das Zusammenwirken vieler Menschen ein wichtiges sozio-kulturelles Zentrum in ihrem jeweiligen Viertel dar. Sie werden gemeinsam von Eltern und Erziehern geleitet. Eine Hierarchie im Kindergartenpersonal gibt es nicht. Die Eltern, aber auch andere Personen wie z.B. Nachbarn, werden bewusst aktiv in die Tätigkeiten des Kindergartens mit einbezogen und gestalten diese mit. Alle übernehmen gemeinsam die Verantwortung für das Aufwachsen der Kinder. Das Konzept wird in gemeinsamen Diskussionen ständig neu überdacht und gestaltet. In diese Diskussionen werden die Kinder selbstverständlich einbezogen.

Denn eine wichtige Grundlage ist das Vertrauen darein, dass die Kinder selbst wissen, womit sie sich beschäftigen müssen, um sich weiterzuentwickeln. Ausgehend von diesem Ansatz wird den Kindern Hilfe gegeben, um ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten entsprechend zu experimentieren und zu lernen. Es gibt in der Reggio-Pädagogik kein fertiges Modell, das von den Erziehern erlernt wird, vielmehr ist das Konzept in ständiger Bewegung und Veränderung, immer entsprechend der jeweiligen Situation und den beteiligten Personen.

Eine wichtige Methode zum Umsetzen dieser Idee sind Projekte. Diese Projekte entstehen aus dem Interesse der Kinder an einem bestimmten Thema und können in ihrer Form und Dauer völlig unterschiedlich sein. Die einzelnen Themen ergeben sich aus dem kindlichen Alltag und können sich mit allen möglichen Dingen beschäftigen, beispielsweise warum Kinder Milch trinken, wie Papier hergestellt wird, warum Schnee fällt oder warum ein Kind krank ist oder traurig und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind unerschöpflich, denn auch die Fantasie der Kinder und ihre Fragen sind unerschöpflich. Die Idee der Projekte ist es aber nicht, den Kindern ihre Fragen zu beantworten, vielmehr sollen sie Unterstützung bekommen, um zu lernen, ihre Fragen selbst zu beantworten, indem sie sich aktiv damit auseinandersetzen. Die Reggio-Pädagogik versteht die Kinder als Forscher, die ihre Umwelt entdecken wollen. Auf diese Art finden die Kinder früh zu ihrer Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit und lernen es vor allem, ihre Fähigkeiten konstruktiv einzusetzen. Sie lernen es, durch Nachdenken, Ausprobieren, Entwickeln und Überprüfen von Thesen und gemeinsames Handeln Wissen selbst zu erlangen, Frustrationen hinzunehmen und sich an Erfolgen zu freuen. Besonders wichtig ist hierbei die soziale Komponente, da die Ergebnisse von der Gruppe gemeinsam erzielt werden. Grundsätzlich bleibt den Kindern die Teilnahme an einem Projekt aber je nach Interesse freigestellt, so kann es sich mitunter auch ergeben, dass einzelne Kinder während des Projektes aussteigen, hinzukommen oder dass ein Kind allein ein Projekt durchführt. Dabei können die Kinder sich soviel Zeit nehmen, wie sie benötigen und wollen. Das Geheimnis des Erfolgs liegt darin, dass die Projekte auf echtem Interesse der Kinder beruhen.

Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, sie dabei zu begleiten und Impulse zu geben, nicht aber, die Projekte zu leiten. An dieser Leitlinie orientiert sich auch das Konzept der Erzieher, sie haben keine anleitende Funktion sondern sollen die Kinder aus einer Atmosphäre des Vertrauens heraus unterstützen, ihnen zuhören, sie aktiv begleiten und ihnen Impulse und Ressourcen geben, um ihre selbstgesteckten Ziele zu bewältigen. Die Erzieher sind quasi Assistenten der Kinder. Oft werden sie von Künstlern in ihrer Arbeit unterstützt, immer sind auch die Eltern mit einbezogen. Gestaltet aber wird die Aktivität von den Kindern.

Die Ergebnisse der Projekte werden dokumentiert und meist auf großen Tafeln zusammengetragen, den so genannten „Sprechenden Wänden“. Diese Dokumentationen nehmen einen weiteren wichtigen Platz in der Reggio-Pädagogik ein, sie sollen den Kindern die Struktur des Projektprozesses vermitteln und Gelegenheit bieten, das Ganze in inhaltlicher Zusammenfassung nachzuvollziehen, sich zu erinnern, Rückmeldungen zu erfahren und letztlich Erfolge zu erleben. Die Dokumentation des Projekts bleibt als Ergebnis der Aktivitäten der Kinder bestehen.

Neben den Projekten bestimmen Spiele, besonders Rollenspiele, Bauspiele und Experimentierspiel, den Alltag im Reggio-Kindergarten. Großen Stellenwert haben alle gemeinschaftlichen Unternehmungen wie Ausflüge und Feste, aber auch regelmäßige Gemeinschaftsaktionen wie der Sitzkreis oder gemeinsame Mahlzeiten. All diese Tätigkeiten greifen natürlich auch ineinander über, so ergeben sich Themen für Projekte ganz natürlich auf Ausflügen, bei Spielen oder beim Mittagessen.

Dem offenen, dynamischen Konzept, das ständigen Änderungen unterworfen ist, sollen auch die Räumlichkeiten des Kindergartens Rechnung tragen, die einer Werkstatt entsprechen und die Möglichkeit bieten sollen, den jeweiligen Gegebenheiten angepasst zu werden. Denn die gesteckten Ziele bezüglich Wahrnehmung, Experimentieren, Kreativität und Kommunikation benötigen den architektonischen Rahmen, der dies auch möglich macht. Es gibt Refugien zum Zurückziehen und Platz zum Herumtoben. Spiegel in den verschiedensten Formen sollen den Kindern helfen, ihren eigenen Körper kennen zu lernen, gleichzeitig werden sie angeregt, durch Verkleiden andere Rollen auszuprobieren. Statt fertigem Spielzeug werden den Kindern Materialien angeboten, aus denen sie selbst etwas herstellen können, mit dem sie spielen und unterschiedliche Dinge formen können. Gleichzeitig bringen sie Gegenstände von zu Hause mit, um ihren eigenen, persönlichen Bezug zum Kindergarten zu festigen.

Auch wenn einzelne Persönlichkeiten wie besonders der 1994 gestorbene Loris Malaguzzi, der lange Jahre als Koordinator der mittlerweile 33 Einrichtungen in Reggio Emilia tätig war und prägend gewirkt hat, für die Reggio-Pädagogik eine besondere Rolle spielen, so unterscheidet sie sich doch von anderen Konzepten wie Pestalozzi oder Montessori dadurch, dass es keine bindende, von einem Gründer geschaffene Vorgabe gibt. Vielmehr ist die Reggio-Pädagogik in ständiger Bewegung, gestaltet von den Menschen, die gerade miteinander zu tun haben, ihren Persönlichkeiten, ihrer Lebenssituation und ihrem Umfeld. Die fortwährende Veränderung, das Ausprobieren von neuem, die immer neue Diskussion und das damit verbundene Überdenken des jeweiligen Konzeptes ist es, was ihre Besonderheit ausmacht. Es ist eine experimentelle Pädagogik, die durch den laufenden Austausch von Theorie und Praxis immer wieder aufs Neue entwickelt wird.

Dieses Konzept kann nur mit vereinten Kräften umgesetzt werden und ein wesentliches Ziel sind die Stärkung der Gemeinsamkeit und das Erlernen von gemeinschaftlichem Handeln von Klein auf. Dabei wird großer Wert auf die Individualität des einzelnen Kindes gelegt, die kultiviert und gefördert werden soll. Die Brücke, die es zu bauen gilt, ist die zwischen dieser Individualität und dem Gefüge der sozialen Gemeinschaft. Durch das Zusammenspiel all dessen sollen Demokratie, Solidarität und soziale Gerechtigkeit als wesentliche Lebensziele einer in sich selbst gefestigten und starken Persönlichkeit verinnerlicht werden. Die beständige Erweiterung der Wahrnehmung, das beständige Forschen und Experimentieren soll dabei die Kreativität weitest möglich entwickeln.

In Deutschland arbeitet z.B. die Kindergalerie Sonnensegel in Brandenburg nach den Prinzipien der Reggio-Pädagigik, von ihrem Leiter, Herrn Armin Schubert, stammt die Anregung zu diesem Artikel.

Unseren Exkurs in die Pädagogik schließen wir mit einem Gedicht von Loris Malaguzzi:

"Die Hundert gibt es doch
Das Kind besteht aus Hundert
Hat hundert Sprachen
hundert Hände
hundert Gedanken
hundert Weisen zu denken, zu spielen und zu sprechen.
Das Kind hat hundert Sprachen und hundert und hundert.
Neunundneunzig davon aber werden ihm gestohlen
weil Schule und Kultur
ihm den Kopf vom Körper trennen.
Hundert - immer hundert Arten
zu hören, zu staunen und zu lieben.
Hundert heitere Arten
zu singen und zu begreifen
hundert Welten zu entdecken
hundert Welten frei zu erfinden
hundert Welten zu träumen.
Sie sagen ihm:
Ohne Hände zu denken
ohne Kopf zu schaffen
zuzuhören und nicht zu sprechen.
Ohne Heiterkeit zu verstehen,
zu lieben und zu staunen
nur an Ostern und an Weihnachten.
Sie sagen ihm:
Die Welt zu entdecken, die schon entdeckt ist.
Neunundneunzig von hundert werden ihm gestohlen. Sie sagen ihm:
Spiel und Arbeit
Wirklichkeit und Phantasie
Wissenschaft und Imagination
Himmel und Erde
Vernunft und Traum
seien Sachen, die nicht zusammen passen.
Sie sagen ihm kurz und bündig,
dass es keine Hundert gäbe.
Das Kind aber sagt:
Und ob es die Hundert gibt".

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