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Hüte und Küsschen: Italien und die Schokolade - Feuilleton

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Hüte und Küsschen: Italien und die Schokolade

Auch die Italiener sind Leckermäuler: Berühmt sind vor allem die verführerischen, auf der Zunge zergehenden Spezialitäten aus Perugia und Turin.

Ihren Ursprung hat die Schokolade in Südamerika. Hier wurde Kakao getrunken, ein lebens- und kraftspendendes Getränk von großer Bedeutung. Kakaobohnen wurden als Zahlungsmittel verwendet. Aus dem 16. Jahrhundert ist eine Preisliste in Kakaobohnen überliefert, eine große Tomate kostete eine Kakaobohne, ein Truthahn 200 Kakaobohnen. Die spanischen Eroberer lernten die Schokolade von den Azteken kennen.

Als die Schokolade Europa erreichte, herrschten überall Glaubenskriege. Die Schokolade wurde zunächst nach Spanien gebracht, für ihre weitere Verbreitung waren die Beziehungen der Königs- und Fürstenhäuser Europas sowie der Klöster maßgeblich verantwortlich. Die politische Landkarte Europas war stetigen Änderungen unterworfen und Italien bestand aus vielen kleinen Herrschaftsgebieten, die keinen gemeinsamen Staat bildeten. Der südliche Teil Italiens gehörte zu dieser Zeit der spanischen Krone, und so war Süditalien die nächste Station beim Siegeszug der Schokolade über den europäischen Kontinent. Mönche, vor allem Jesuiten, waren es, die die Schokolade von hier aus in ganz Italien verbreiteten. Bereits 1644 war sie in ganz Italien bekannt, aus diesem Jahr blieb der Bericht eines römischen Arztes über ihre Wirkungen erhalten.

Erfindungsreich, wie die Italiener in allen kulinarischen Fragen sind, begannen sie, die spanische Schokolade schnell mit eigenen Rezepten zu verfeinern. Denn die spanische Schokolade basierte noch auf Rezepten der Maya und Azteken, sie war ein herbes und scharfes Gebräu und bestand aus Kakao und Gewürzen wie Ingwer und Pfefferschoten. In Italien begann ihr Weg zu einem süßen, aromatischen Getränk, das dem europäischen Geschmack weit mehr entsprach. So war es die Erfindung der Italiener, kräftige Duftstoffe wie Jasmin, Amber oder Vanille hinzuzufügen. Außerdem verarbeitete man die frischen Schalen von Zitronen und Limonen mit Schokolade. Das berühmteste Rezept dieser Zeit war das der Jasminschokolade, das sich im Besitz des Großherzogs der Toskana befand und streng geheim gehalten wurde.

Eine heikle Frage stellte sich jedoch in Bezug auf das von der katholischen Kirche vorgeschriebene Fasten: War die Schokolade nun ein Getränk oder eine Speise? Diese Frage war von entscheidender Bedeutung, wäre sie nämlich eine Speise, so hätte man sie während der vierzigtägigen Fastenzeit nicht zu sich nehmen dürfen. Es ist unvorstellbar, wie viele Personen sich zu dieser Frage äußerten und wie viele Thesen um dieses scheinbar profane Thema entwickelt wurden. Die Jesuiten, die von Anfang an einen schwunghaften Handel mit Schokolade betrieben hatten, argumentierten vehement, die Schokolade sei ein Getränk und somit erlaubt. Die Dominikaner dagegen, puritanisch und außerdem zu jener Zeit strikt gegen die Jesuiten eingestellt, erklärten die Schokolade für zu nahrhaft, um als Getränk gelten zu können. Sage und schreibe 7 Päpste mussten sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Zum Glück für alle Leckermäuler entschieden sämtliche Päpste zu Gunsten der Schokolade, dass sie ein Getränk sei.

Im 19. Jahrhundert wurden dann schließlich die heute gängigen Schokoladenvariationen entwickelt, es gelang, sie in fester Form anzubieten und preiswerte Massenproduktionen von Tafelschokolade und Kakaopulver eroberten den Markt.

Die Italiener bevorzugen Schokolade in kleinen, mundgerechten Größen. Ihre beliebtesten Zutaten sind Haselnüsse, Kastanien, Mandeln und Honig. 1907 wurde in Perugia die Firma Perugina gegründet, und seit 1922 werden hier die berühmtesten Pralinen Italiens hergestellt, die Baci (das heißt "Küsse"). In einer Hülle aus Schmelzschokolade befindet sich eine Creme auf Basis von Kakao und Haselnüssen, in der sich eine ganze Haselnuss versteckt. Zum Siegeszug dieser Praline trug das geniale Marketing bei, denn auf das Einwickelpapier wurden sentimentale Sprüche gedruckt, sodass die verliebten Italiener mit ihrer tiefen Neigung zur Romantik sie zum Lieblingsgeschenk für die Angebetete erkoren.

Und weil Perugia sich im Laufe der Jahre zu einer Schokoladen-Hauptstadt Italiens entwickelte, lag es nahe, dass ein weiteres Marketinggenie daher kam und vor 12 Jahren die Schokoladenmesse „Eurochocolate“ ins Leben rief, eine Idee, der sicherlich die Förderung des Tourismus zu Grunde lag. Seit dem lockt diese Messe jedes Jahr im Oktober zigtausende einkaufslustiger Besucher nach Perugia. An mehr als hundert Ständen, die in der ganzen Altstadt verteilt sind, wird Schokolade aus aller Welt angeboten. Banketts, Verkostungen, Vorführungen von Schokoladenmeistern, Ausstellungen, Lesungen, musikalische Darbietungen und viel bewunderte Skulpturen aus Schokolade runden das Programm ab. Sogar Schönheits- und Körperpflege kommen in speziellen Beautyfarmen auf ihre Kosten, wo Cremes, Masken, Aromabäder und vieles mehr im Zeichen der Schokolade angeboten werden. Und natürlich werden auch die medizinischen Aspekte gewürdigt, denn Schokolade soll nicht nur Energie spenden, sondern auch verdauungsfördernd sein, insbesondere aber genießt sie einen Ruf als Aphrodisiakum.

Den ersten Platz in der Schokoladenproduktion Italiens teil sich Perugia jedoch mit Turin, das besonders für seine Nougatspezialitäten bekannt ist. Die erste italienische Lizenz für die Eröffnung einer bottega di cioccolateria (Schokoladengeschäft) wurde im 17. Jahrhundert hier in Turin erteilt. Die Schokoladenmeister Turins waren es, die auf die Idee kamen, der Kakaomasse piemontesische Haselnüsse beizufügen. Allerdings ist diese Idee darauf zurückzuführen, dass aus der Not eine Tugend gemacht werden musste, denn aufgrund einer neapolitanischen Blockade konnten die piemontesischen Schokoladenmeister sich nicht mit genügend Kakao für ihre Produktion eindecken. So verlängerten sie den Kakao mit den heimischen und wesentlich günstigeren Haselnüssen.

Diese Teigmasse verarbeiteten sie zu Pralinen, die den Namen gianduiotti erhielten. Ihre Form erinnert nämlich an den Dreispitz-Hut der Turiner Maske Gianduia, die den Bauern mit groben Manieren, spitzer Zunge und großem Herzen karikiert. Die 1826 gegründete Firma Caffarel-Prochet stellt den gianduiotto seit 1865 in unveränderter Form her.

Turin ist im Piemont das Zentrum der Schokoladenherstellung, doch gibt es hier noch andere kleine Zentren wie zum Beispiel Cherasco, das für die herben Mandelpralinen baci di Cherasco bekannt ist, und wo man in vielen Geschäften an die sechzig verschiedene Pralinensorten erwerben kann.

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