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Hollywood am Tiber: Cinecittà
Lange Winterabende laden dazu ein, alte Filmklassiker wie Cleopatra, Ben Hur oder den Rosaroten Panther noch einmal anzuschauen. Diese großen Produktionen stammen aus dem Hollywood Europas, das hier unser Thema ist: die legendäre Cinecittà – Stadt des Kinos.
Cinecittà liegt in einem südlichen Vorort von Rom, etwa 9 Kilometer vom Zentrum entfernt. Hinter dicken Mauern, durch die nur ein abweisender und unscheinbarer Einlass führt, liegen gigantische Filmstudios, riesige Freiflächen mit Häuserfassaden, Plätzen, Monumenten aus Pappmache und Hallen mit imposanten Kulissen. Sie erzählen von einer bewegten und glamourösen Geschichte, denn hier entstanden einige der beeindruckendsten Monumentalschinken sowie anspruchsvollsten Klassiker der Filmgeschichte.
Im April 2007 feierte Cinecittà den 70. Geburtstag. Es waren die Faschisten, die Cinecittà aus der Taufe hoben. Mussolini trachtete danach, ein Vorzeigeobjekt zu schaffen, mit dem sich weltweit Eindruck schinden ließ und das Italien neben dem politischen Konkurrenten USA zu Glanz verhelfen würde. Ganz nebenbei sollte die komplette Produktion – vom Verfassen des Drehbuchs bis zum Vervielfältigen der Kopien - an einem Ort konzentriert werden, was dem Duce bessere Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten brachte. Cinecittà, das „Hollywood am Tiber“, wurde 1937 von ihm eingeweiht, die in den folgenden Jahren gedrehten seichten Kitschstreifen und Propagandafilme hatten jedoch wenig Erfolg. Das Kriegsende brachte eine kurze Auszeit für Cinecittà, als nach dem Einmarsch der Amerikaner die Studios als Flüchtlingslager genutzt wurden. Doch bereits kurz danach drehten die italienischen Regiestars wie Alessandro Blasetti, Luchino Visconti, Vittorio de Sica oder Roberto Rosselini hier ihre Filme. Damit begann die große Blütezeit der Cinecittà, die in den Fünfzigerjahren ihren Höhepunkt erreichte.
Inspiriert sind die Werke dieser Zeit vom Geist der Stadt Rom, von ihrer einzigartigen Geschichte, ihrem pulsierenden Leben und unvergleichlichen Flair. Sie war es, die auch amerikanische Regisseure in ihren Bann zog, und so entstand nun der Trend, Rom und seine Geschichte zum Star großer amerikanischer Kinowerke zu machen. Die Antike boomte auf der Leinwand, und um ihr Authentizität und Leben einzuhauchen, lag es nahe, die Filme dort zu drehen, wo die Antike ganz nahe war und man ihr auf jedem Spaziergang ganz selbstverständlich begegnete. Daneben überzeugten die römischen Studios mit ihrer technischen Avantgarde, der Kreativität und dem Talent der dort tätigen Menschen und den gegenüber den USA deutlich geringeren Produktionskosten, denn die damals populären Monumentalfilme waren für Hollywood schlicht zu teuer.
Auf Rom aufmerksam gemacht hatte die Amerikaner bereits 1953 William Wyler, der in Cinecittà seinen zauberhaften Klassiker „Ein Herz und eine Krone“ („Roman Holiday“) mit Audrey Hepburn und Gregory Peck drehte und später, im Jahre 1959, die Filmlegende „Ben Hur“ folgen ließ. In Cinecittà waren bombastische Kulissen entstanden, die die Zeit der Antike mit gewaltigen Bildern darzustellen erlaubten. Kein Wunder, dass diese sich dazu anboten, auch für weitere Werke aus der Boomzeit der Historienschinken genutzt zu werden. So entstanden in Cinecittà neben „Ben Hur“ auch „Quo Vadis“ und das Monumentalwerk „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, dem bis dahin teuersten Film aller Zeiten, der zwar seinerzeit an der Kasse floppte, letztendlich aber doch ein zeitloser Erfolg wurde.
Kein Weg führte mehr an Cinecittà vorbei, die großen Stars des amerikanischen Kinos gingen in diesen Jahren hier ein und aus. In den Drehpausen bevölkerten sie die römische Via Veneto und belebten sie mit Glanz und Glamour. Das Nachtleben blühte auf, es entstanden edle und edelste Geschäfte, um die Konsumwünsche der anspruchsvollen Gäste zu befriedigen. Die unvergleichliche Atmosphäre inspirierte einen jungen italienischen Filmschaffenden, der aus Rimini nach Rom gekommen war, um seiner Berufung zu folgen: Frederico Fellini.
Zum Mythos Cinecittà trug er in der Folgezeit ganz wesentlich bei. Seit der Filmlegende „La Dolce Vita“, in der er die glamouröse Stimmung des Roms dieser Tage meisterhaft einfing, drehte er jeden seiner Filme hier. Die legendäre Szene, die Anita Ekberg im Treverbrunnen zeigt, entstand in einem Nachbau des Brunnens in Cinecittà. Fellini fühlte sich so eng mit Cinecittà verbunden, dass er hier sogar eine Wohnung bezog – mitten in der Filmstadt. In den 60er und 70er Jahren boomte das italienische Autorenkino und seine Stars Visconti, De Sica, Pasolini, Bertolucci, Zeffirelli, Antonioni und natürlich Fellini drehten ihre Meisterwerke in Cinecittà – wo sonst? Es entstanden „Roma“ mit Anna Magnani (über die wir in einem anderen Artikel berichtet haben), „Stadt der Frauen“, „Der Tod in Venedig“, „Satyricon“, „Mamma Roma“ und zahlreiche andere vielbeachtete Meisterwerke.
Neben diesen anspruchsvollen Filmen brachte Cinecittà seit den sechziger Jahren aber noch einen weiteren Boom hervor: Der Italowestern wurde modern. Sergio Leone war einer seiner Stars. Mit Filmen wie „Für ein paar Dollar mehr“ oder „Zwei glorreiche Halunken“ machte er Clint Eastwood bekannt. Sergio Leone war es auch, der später mit „Mein Name ist Nobody“ den Übergang vom sich noch ernst nehmenden Italowestern zum klamaukigen „Spaghettiwestern“ schuf. Dazwischen liegen unzählige “Ringo“-, „Django“- und „Sabata“-Filme.
Und heute? Wurde noch 1986 „Der Name der Rose“ teilweise in einem nachgebauten Kloster in Cinecittà gedreht, so schien spätestens seit den Neunzigerjahren der große Zauber vergangen. Am Rande des Bankrotts wurde Cinecittà 1997 privatisiert. Investitionen von mehr als 25 Millionen Euro für aufwändige Modernisierungen führten dazu, dass die Filmstadt in neuerer Zeit wieder Projekte gewinnen konnte. So entstanden hier Sandalenfilme wie Mel Gibsons „Passion Christi“ oder Ridley Scotts „Gladiator“. Scorsese filmte hier seine „Gangs of New York“. Doch werden die Studios heute auch für Fernsehshows genutzt, Halle 6 bewohnen die Insassen von „Big Brother“.
Für die britische Fernsehserie „Rom“, die bis dato teuerste Fernsehproduktion aller Zeiten, wurden in Cinecittà mit enormem Aufwand die größten Kulissen der Filmgeschichte erstellt. Im August 2007 wurden sie bei einem verheerenden Brand vernichtet, fast so, als wäre die legendäre Szene aus „Quo Vadis“ zu Leben erwacht, als der große Peter Ustinov in seiner Rolle als wahnsinniger Nero ausruft: „Rom brennt!“. Bei dem historischen großen Brand, der angeblich im Auftrag von Kaiser Nero gelegt worden war, brannte Rom 9 Tage lang und 10 von 14 Stadtteilen wurden vernichtet. Jetzt, 1943 Jahre später, wütete das Feuer auf einer Fläche von fast 4.000 Quadratmetern in den römischen Kulissen und die Flammen schossen bis zu 40 Meter in die Höhe. Es gelang den Löschtrupps aber, historische Kulissen aus Werken wie „Ben Hur“ oder Fellinis „Schiff der Träume“ vor den Flammen zu retten. Die Kulissen der Serie „Rom“ aber, die als weltweit größtes Filmset galten, sind Geschichte. Der zweite Teil der Serie war glücklicherweise schon abgedreht.
Bis heute entstanden in Cinecittà mehr als 3.000 Filme. 48 dieser Filme gelang es, mindestens einen Oscar zu gewinnen, 83 Filme erreichten Nominierungen. Ob es den Betreibern der Filmstadt gelingen wird, an die glanzvolle Vergangenheit anzuknüpfen, oder ob die Glorie ein für alle mal dahin ist, wird die Zukunft zeigen.
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