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Himmlische Klänge: Stradivari - Feuilleton

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Himmlische Klänge: Stradivari

Wohl kein Name ist mit der Geige so verbunden, kaum ein Name auch Nicht-Musikern so geläufig wie der Name Stradivari, allein das Wort weckt Assoziationen an Wohlklang und Kostbarkeit unvergleichlichen Ausmaßes.

Antonio Stradivari lebte vermutlich von 1644 (über das genaue Geburtsjahr gibt es Unstimmigkeiten) bis 1737 und ist der berühmteste Geigenbauer aller Zeiten. Seinen Ruhm erlangte er durch die Weiterentwicklung des vermutlich von Gasparo da Salo entworfenen Instrumentes, mit der er die Anpassung an die Entwicklungen der damaligen Zeit vornahm. Denn die ehemals kleinen Räume, in denen musiziert wurde, wichen mehr und mehr großen Konzertsälen, und deren Anforderungen verlangten nach Instrumenten mit entsprechendem Klangvolumen. Zu Lebzeiten Stradivaris galten zunächst die Violinen von Nicolo Amati und Jacob Stainer als die besten. Zwar waren diese Instrumente klanglich ausgewogen, doch fehlte ihnen die Fähigkeit, auch in großen Hallen bis in den letzten Winkel deutlich hörbar zu sein. Die Geigen Amatis und Stainers gelten noch heute als wunderbare Instrumente für Kammermusik, doch eignen sie sich weniger für große Konzerte.

Stradivari hingegen gelang es, die Klangschönheit der Amatis und Stainers mit großer Tragfähigkeit des Klangs zu verbinden. Seine Geige klingt sauber, gleichmäßig und dynamisch mit einzigartigem Timbre, sie erzeugt einen warmen, seelenvollen Ton.

„Zu einer ‚Strad’ muss man sich emporarbeiten, ehe sie ihre kunstvolle Seele sprechen lässt", schrieb Yehudi Menuhin in seiner Autobiographie. „Sie ist der Meister, den nichts zufrieden stellt als fehlerloses Können: Denn jeder Makel lässt sie hörbar reagieren. Sie ist ein Wesen, das man nur durch den Sieg über sich selbst, durch genaueste Kontrolle, gewinnen kann."

Die Qualität dieser Instrumente ist bis heute unerreicht, und so erzielen echte Stradivaris auf Auktionen Preise in Millionenhöhe. Im April 2005 wurden für die „Lady-Tennant-Geige“ bei Christie´s in New York 1,53 Millionen Euro gezahlt. Heute ist es Usus, Spitzenvirtuosen der Geigenmusik Instrumente Stradivaris auf Lebenszeit zu leihen. Die meisten Originalinstrumente sind im Besitz von Großbanken. Die größte öffentlich zugängliche Sammlung gehört dem spanischen Königshaus und besteht aus zwei Violinen, zwei Celli und einer Viola.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Stradivari das Instrument ist, von dem die meisten Fälschungen existieren, und zwar bereits seit dem 19. Jahrhundert. So erreichte zum Beispiel der französische Meister Viullaume, dessen Fälschungen lange nicht aufgedeckt wurden, Ruhm als genialer Betrüger.

Stradivari, der zur Zeit seiner Reife ab ca. 1700 ein reicher und angesehener Mann war, führte seine Werkstatt im norditalienischen Cremona an der Piazza San Domenico gemeinsam mit zweien seiner insgesamt elf Kinder, die aus zwei Ehen hervorgegangen waren. Er selbst hatte sein Handwerk bei seinem berühmten Kollegen Amati erlernt.

Stradivari verwendete Ahorn-, Fichten und Weidenholz. Er vergrößerte das Format des Instrumentes und nahm Veränderungen an den F-Löchern vor. Er lackierte seine Instrumente mit bernsteinfarbener Firnis.

Die Zahl der Instrumente, die er in unablässiger Arbeit schuf, wird auf etwa 1.100 geschätzt, mehr als die Hälfte waren Violinen, der Rest Violen, Viloncelli und sonstige. Heute sind noch etwa 540 Violinen, 50 Viloncelli und 12 Violen erhalten.

Die ruhmreiche Periode der Werkstatt Stradivaris dauerte bis 1720, zu dieser Zeit war Antonio 76 Jahre alt, seine Söhne Francesco und Omobono ca. 50 bzw. 40 Jahre. Die Arbeiten der späteren Jahre gelten als nicht mehr so hochwertig wie die aus der Blüteperiode. Es gibt nicht viele Violinen, die als Werke der Söhne ausgewiesen sind, so dass vermutet wird, dass die Söhne die niederen Arbeiten in der Werkstatt ausführten. Sie starben einige Jahre nach dem Tod des Vaters am 18.12.1737, womit das Ende der Werkstatt Stradivari besiegelt war. Und schon kurze Zeit später wusste niemand mehr, warum die Instrumente Stradivaris eigentlich so gut klangen.

Viele Vermutungen kreisen um den Grund der Einzigartigkeit der Stradivari. Wissenschaftler haben die Violinen geröntgt und winzige Holzproben chemischen Analysen unterzogen, doch ohne Erfolg.

So wird die hervorragende Klagqualität einem verloren gegangenen Geheimnis der Lackierung zugeschrieben. Zahllose Bücher sind gefüllt mit den Debatten um den Cremoneser Geigenlack. Viele waren und sind fast besessen von der Suche nach der Rezeptur dieses Lackes, dem manchen Spekulationen nach Urin beigemengt worden sein soll - einem Mythos nach sogar ausschließlich der einer Jungfrau.

Möglich ist auch, dass Stradivari einen speziellen Porenfüller für das verwendete Holz benutzte, denn man fand eine geheimnisvolle Aschebeschichtung zwischen Holz und Lack. Diese sollte als Grundierung für die Politur dienen und das Holz vor Bakterien und Pilzen schützen, könnte jedoch nebenbei auch die Schwingfähigkeit des Holzes und somit die Brillanz des Tones verbessert haben.

Dann gibt es noch eine andere Idee: Stradivari soll seine Instrumente während einer Holzwurm-Epidemie in Norditalien mit dem Holzwurmmittel Borax geschützt haben. Das Borax kittete die Holzmoleküle fester zusammen und verbessert so den Klang der Geige.

Andere vermuten das Geheimnis des Instrumentes in seinen arithmetischen Proportionen wie der Abstimmung zwischen Decke, Boden und Luftraum.

Auch könnte das lange Wässern des verwendeten Holzes eine Rolle spielen. Das Monopol für den Holzhandel hatten zu Stradivaris Zeit die Venezianer, die Baumstämme dümpelten mitunter monatelang im Brackwasser der Lagune und nahmen dabei neben anderen Mineralien vor allem Salze auf. Zur Einzigartigkeit beigetragen haben kann aber auch eine spezielle Methode der späteren Trocknung. Manche Hypothesen gehen sogar so weit, in der verwendeten Holzsorte eine mittlerweile ausgestorbene Baumspezies zu vermuten. Und es kursiert ein Gerücht, dem zufolge Stradivari nur Holz von Bäumen verwendet hat, die kurz vor Neumond gefällt wurden.

Auch wird über das Klima der damaligen Zeit spekuliert. Eine kleine Eiszeit, das so genannte Maunder-Minimum von 1645 bis 1717, könnte durch langsameres und gleichmäßigeres Wachstum der Bäume zu besonderer Verdichtung des Holzes geführt haben, was es Antonio Stradivari ermöglicht hätte, auf einmaliges Material zurückzugreifen, um Instrumente mit einem nicht minder einmaligen Klang zu bauen.

Wie dem auch immer sei, vielleicht liegt das Geheimnis des Wohlklanges der Stradivari auch einfach darin, dass es nur wahre Meister ihres Fachs sind, die wir darauf spielen hören.

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