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Harlekin und Colombina: Die Commedia dell´Arte - Feuilleton

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Maurizio Cattelan: Kunstwerke, die Geschichten erzählen

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Harlekin und Colombina: Die Commedia dell´Arte

„SIE SIND WIEDER DA, SIE SIND WIEDER DA!!!!!“ Aufgeregt rufend stürmt das kleine Mädchen in die Küchenstube der kleinen Kate am Ortsrand, wo die Mutter in einem dampfenden Kessel rührt. Sie nimmt den Kessel vom Feuer, bindet die Schürze ab und rückt ihre Haube zurecht, dann folgt sie der Kleinen zum Marktplatz des Dorfes, auf dem ein paar bunte Wagen, gezogen von zotteligen kleinen Pferden gehalten haben. Eine Handvoll Italiener hat davor Platz genommen, plaudert lachend, trinkt Wein und isst Brot und Käse. Einer aber, ein stattlicher Mann mit buntem Kostüm und Halbmaske über dem weiß gepudertem Gesicht ruft laut und fröhlich den Menschen zu, die nach und nach aus ihren Häusern kommen, scherzend jongliert er bunte Kugeln und neckt die Umstehenden schalkhaft. Es ist kein alltägliches Ereignis, dass die Bewohner des kleinen Alpendorfes aus ihrem Alltag holt: Die Künstler einer Gruppe der Commedia dell´Arte machen auf ihrer Tour durch Norditalien und die Alpenländer hier Halt und garantieren einen vergnügten Abend mit einer lustigen Aufführung.

Seit dem 16. Jahrhundert hatten in Italien Jahrmarktskünstler damit begonnen, sich zu kleinen Schauspieltruppen zusammenzuschließen, die sich „Commedia dell´Arte“ nannten. „Commedia“ bezeichnete ein Theaterstück mit Happy End, „Arte“ bedeutet Kunst, aber auch Handwerk. So verstanden sich die Darsteller als professionelle Schauspieler, die ihr Publikum nach bestimmten, vorgegebenen Regeln unterhielten. Sie knüpften hierbei an die Tradition der altrömischen und der Renaissancekomödie an, die mit Spaßfiguren aus verschiedenen Regionen Italiens, Elementen des volkstümlichen Mundartspiels und Masken aus dem venezianischen Karneval verbunden wurden.

Die Gruppen den Commedia dell´Arte bestanden meist aus sechs Männern und sechs Frauen. Letzteres war innovativ, denn abgesehen von der Oper hatten Frauen bisher nicht im Theater spielen dürfen. Die Gruppen zogen zusammen durch das Land und teilten ihre Einkünfte. Jeder einzelne hatte seine feste Rolle, die er sein Leben lang spielte und dadurch zur Perfektion brachte.

Die einzelnen Rollen sind in drei Gruppen unterteilt: Es gibt zwei Liebende, die Innamorati, die die Kinder der sog. „Vecchi“ sind. Die „Innamorati“ sind außer den Frauen die einzigen Figuren der Commedia dell´Arte, die keine Maske tragen. Ihre Romanze wird von Vertretern der  beiden großen Gruppen gerahmt: den sogenannten „Zanni“ und den „Vecchi“. Alle Darsteller dieser beiden Gruppen tragen neben bestimmten, wieder erkennbaren Kostümen auch charakteristische Halbmasken. Hierdurch sind die Darsteller nicht auf starre Gesichtszüge festgelegt wie noch im Theater der Antike, als Vollmasken getragen wurden. Gleichzeitig sind sie aber stets ohne weiteres klar zu identifizieren.

Die „Zanni“ stellen Figuren aus der Unterschicht dar, die bäuerlicher Herkunft sind und als Diener, Knechte, Mägde oder Köchinnen arbeiten. Ihre berühmtesten Vertreter sind Brighella, der listig und verschlagen ist, Arlecchino, naiv, lustig und lebhaft, Pagliaccio, ein tollpatschiger, großspuriger Feigling, und Colombina, die warmherzig, kokett und mütterlich, aber auch selbstsicher und bestimmend ist.

Den „Zanni“ gegenüber stehen die „Vecchi“. Sie symbolisieren die herrschende Klasse, sie sind reich und gebildet und halten sich für etwas Besseres, was sie den „Zanni“ stets zu demonstrieren bemüht sind. Natürlich macht sie das nicht gerade zu Publikumslieblingen. Die berühmtesten „Vecchi“ sind der Pantalone, ein alter, kränklicher, schwerreicher, geiziger und weibstoller venezianischer Kaufmann, sowie der von ihm abgrundtief gehasste Dottore, ein hohle Phrasen schwatzender, trinkfreudiger Gelehrter aus Bologna.

Der Regisseur tat nicht mehr, als eine kurze Rahmenhandlung und ein Ende vorzugeben. Alles, was auf dem Weg dorthin geschah, wurde von den Darstellern improvisiert. Hierbei würzten sie ihre Darstellung mit allerhand Späßen, Gesten, akrobatischen Tricks und Kunststücken, die die einzelnen Darsteller sorgfältig einstudiert hatten. Im Wesentlichen ging es in den Geschichten immer darum, dass zwei Liebende nicht zusammenkommen konnten, weil die beiden „Vecchi“ dies nicht zuließen. Nach zahlreichen Intrigen, Irrungen und Wirrungen wurden diese Hindernisse aber beseitigt und endeten mit dem Happy End für die Liebenden. Die immer wieder aus dem Stegreif neu dargestellte Variante dieses Themas ist das Prinzip der Commedia dell´Arte.

Dass es keine vorgegebenen Texte gab, ermöglichte es den Künstlern, spontan auf Besonderheiten der Örtlichkeit, aktuelle Skandale oder politische Situationen einzugehen. Die Commedia dell´Arte verband Gesellschaftskritik mit Parteinahme für die untersten Schichten. Da dies unvorhersehbar geschah, hatte die Zensur keine Möglichkeit, verhindernd einzugreifen und die Gruppen der Commedia dell´Arte entwickelten sich zu einer Art anarchistischem Sprachrohr des Volkes. Das – verbunden mit derben Späßen, ausgefeilten artistischen Darbietungen, prächtigen Kostümen, vorhersehbaren Charakteren und volksnahen Handlungen, die immer den Erwartungen entsprechen – machte die Commedia dell´Arte äußerst populär. Umherziehende Künstler brachten sie von Italien aus ins übrige Europa, wo sie nicht minder große Beliebtheit genoss. Mit den Jahrhunderten verkam sie dabei aber mehr und mehr zum bloßen Klamauk.

Die Klarheit der einzelnen Rollen floss in das sich weiterentwickelnde Theater ein. Molière und Shakespeare ließen sich von den charakteristischen Typen inspirieren. Das Lustspiel im deutschsprachigen Raum war von der Commedia dell´Arte beeinflusst und im Paris des 18. Jahrhunderts entwickelte sich aus ihr in der Comédie-Italienne ein lebhaftes Jahrmarktstheater. Die Pantomime ist nichts als eine Weiterentwicklung der Commedia dell´Arte mit ihren oft übertriebenen Gesten. Der „Hanswurst“ ist genauso ihr Enkel wie das Kasperle oder die berühmten Clownfiguren wie der Weißclown Pierrot, der Harlekin und der Dumme August. Bis heute finden sich Anleihen an die Commedia dell´Arte in Filmen wie zum Beispiel den klassischen Cowboyepen mit ihren klischeehaften Helden und Schurken und ihren naiven Schönheiten oder auch in Seifenopern wie „Dallas“.

Und so scharen sich die Dorfbewohner im Halbkreis um die Schauspieler und lachen und grölen, als Pagliaccio mal wieder kein Fettnäpfchen auslässt, während Colombina geschickt den alten Pantalone umgarnt und der Dottore den Pagliaccio zu belehren versucht, während hinter deren Rücken die Liebenden ihr Stelldichein haben. Zumindest für diesen Abend haben die Dorfbewohner ihre Alltagssorgen vergessen.

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