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Forza, Forza Italia!: Italien und der Fußball - Feuilleton

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Forza, Forza Italia!: Italien und der Fußball

Für die Italiener ist calcio – Fußball – von immenser emotionaler Bedeutung – weit mehr als zum Beispiel für die Deutschen, auch wenn die fiebernde Faszination, mit der hierzulande auf den Fußball reagiert wird, hieran vielleicht zunächst zweifeln lässt. Die nationale Identifikation, die die Italiener in ihre Fußballnationalmannschaft projizieren, ist jedoch eine andere – ihr Herz, ihr Stolz und ihre Würde stehen und fallen mit ihr. Sehr anschaulich verdeutlicht die Journalistin Franca Magnani diese Haltung in einem Artikel anlässlich der unglücklichen Niederlage der Italiener gegen Argentinien bei der WM 1990, wo sie die desolate Stimmung der gedemütigten Nation schildert. Stumm geworden sind die Menschen in ihrer Verzweiflung erstarrt und können erst am nächsten Morgen langsam beginnen, ihre Tragödie in Gesprächen aufzuarbeiten (nachzulesen in ihrem Buch „Mein Italien“).

Wenn auch England als die Heimat des Fußballs gilt, so waren vergleichbare Ballspiele doch auch in Frankreich und Italien schon lange bekannt. Bereits im 15. Jahrhundert spielte man in Florenz den „calcio storico“, ein Ballspiel mit recht rauen Sitten. Eine zeitgenössische Schilderung überliefert, dass die Teamgenossen des Spielers, der in Ballbesitz war, durch entsprechende Maßnahmen den Weg freihielten, sah der Spieler sich jedoch einer Übermacht des Gegners gegenüber, so wurde ihm empfohlen, den Ball durch einen kräftigen Tritt in Sicherheit zu befördern. Der Ball bestand aus mit Stroh gefülltem Leder, als Tore dienten Kirchenportale, Haustüren oder Brückenbögen. Es wurde so hart gespielt, dass es Tote und Verletzte gab. Als Florenz am 17. Februar 1550 von Karl V angegriffen wurde, schossen die Florentiner mit den Füßen Bälle auf die feindlichen Soldaten.

300 Jahre lang spielte man Fußball in Italien in der geschilderten Form, seit 1740 wurden Regeln niedergeschrieben und die rüden Sitten mehr und mehr eingedämpft. Der italienische Fußballverband wurde 1898 als einer der ersten weltweit gegründet. Nun eröffneten sich die Möglichkeiten, das schon lange populäre Spiel zu professionalisieren und der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen.

Obwohl den Spielern zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts offiziell noch keine Gehälter ausgezahlt wurden, flossen unter der Hand größere Summen, um gute Spieler an ihren Verein zu binden. 1926 wurde der Profispielerstatus eingeführt. Im gleichen Jahr entstand in Bologna eine große Arena, Florenz stellte 1932 sein futuristisches Stadion fertig.

Die Faschisten unter Mussolini wussten die Popularität des Sports für ihre Zwecke zu nutzen und organisierten staatlich finanzierte Fahrten zu Auswärtsspielen der Mannschaften, die mit demagogischen Einlagen gespickt wurden. In dieser Zeit begann der italienische Fußball, international sehr erfolgreich zu sein.1934 und 1938 gewann die Nationalmannschaft den Weltmeistertitel und 1936 die Olympiade.

Italien war jedoch auch das Land mit dem ersten großen Bestechungsskandal, eine Tradition, die offensichtlich nicht auszurotten ist, wie der jüngste Aufruhr um Juventus Turin zeigt. Bei der WM-Qualifikation 1934 hatte der italienische Verband den griechischen bestochen und so ein Rückspiel verhindert, bei der WM selbst ließen einige fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen Manipulation vermuten.

Der kommerzielle Erfolg des italienischen Fußballs begann 1946, als die öffentliche Fußballwette „Totocalcio“ eingeführt wurde. Die hierdurch fließenden Gelder ermöglichten es den Vereinen, die besten europäischen und südamerikanischen Spieler einzukaufen. Viele deutsche Spieler nutzten diese Möglichkeit, denn in Deutschland wurde der Beruf des Profifußballers erst mit Gründung der Bundesliga 1963 eingeführt. Diese Spieler mussten allerdings damals noch damit rechnen, im eigenen Land geächtet und nicht mehr in die deutsche Nationalmannschaft berufen zu werden. So wird es verständlich, dass Uwe Seeler 1961 in allen Medien als guter Deutscher hoch gelobt wurde, weil er ein Millionenangebot plus Villa von Inter Mailand ablehnte.

Zwischen 1966 und 1980 erlaubte der italienische Verband das Anwerben ausländischer Spieler nicht mehr, als diese Regelung fiel, wanderten deutsche Spitzenspieler reihenweise zu den gut betuchten italienischen Clubs ab.

Es gibt zwei gesamtitalienische Profiligen, die Serie A und die Serie B. Serie A stellt die höchste Spielklasse mit 20 Vereinen, die um die italienische Meisterschaft antreten, dar. Am Saisonende steigen die jeweils letzten drei Mannschaften in die Serie B ab. Spielzeit ist von Anfang September bis Ende Mai mit einer kurzen Winterpause, es finden je ein Hin- und ein Rückspiel statt.

Die Serie B besteht aus 22 Vereinen, von denen pro Saison drei Mannschaften in die Serie A aufsteigen. Vier Mannschaften steigen ab in die Serie C, die ebenfalls Profiliga ist, aber in fünf regionale Divisionen sowie die Serie C1 und die untergeordnete Serie C2 unterteilt ist. Die höchste Amateurklasse Italiens ist die Serie D mit neun lokalen Unterabteilungen, darunter folgen zahlreiche kleine lokale Kreisligen. Im gesamten Amateurbereich Italiens sind ca. 16.000 Vereine mit rund 1,2 Millionen erwachsenen männlichen Mitgliedern organisiert. Außerdem spielen etwa 11.000 Italienerinnen und eine Million Jugendliche und Kinder als Amateure.

Die beiden nationalen Pokalwettkämpfe um die Supercoppa Italiana und die Coppa Italia tragen die Serie A und B sowie die Serie C1 und C2 jeweils unter sich aus.

Die blau-weißen Trikots der italienischen Nationalmannschaft gehen historisch auf die Farben der Savoyer, der Herrscherfamilie des Königreichs Piemont-Sardinien, zurück. Dreimal erlangten die Italiener den Weltmeistertitel, nach 1934 und 1938 noch einmal im Jahre 1982. Legendär war die Abwehrreihe dieser Mannschaft um Gaetano Scirea, den begnadeten Torwart Dino Zoff (der damals schon 40 Jahre alt war) und den Torjäger Paolo Rossi, der Brasilien mit drei Treffern aus dem Turnier schoss.

Doch danach wurde die italienische Mannschaft vom Pech verfolgt. 1990, 1994 und 1998 schied sie durch Elfmeterschießen aus. Im Finale der EM 2000 gegen Frankreich verlor sie erst durch ein Golden Goal in der Nachspielzeit. Auch bei der WM 2002 verlor sie gegen Südkorea durch ein Golden Goal. Bei diesem Spiel hatte der Schiedsrichter den italienischen Star Francesco Totti aus zweifelhaften Gründen des Platzes verwiesen und den Italienern ihr eigenes Golden Goal ungerechtfertigterweise aberkannt. Bei der EM 2004 mussten die Italiener, obwohl ungeschlagen, weil sie nach Punkten unterlegen waren schon nach der Vorrunde abreisen.

Seit 2004 trainiert Marcello Lippi die Italiener, die 2006 zum 16. Mal an einer WM teilnahmen. Der erfahrene Trainer gewann mit Juventus Turin schon einige Titel. Nach der verpatzten EM hat er die Mannschaft verjüngt und aus der Defensive geholt. Die Stars der Mannschaft sind Torwart Gianluigi Buffon, die Abwehrspieler Fabio Cannavaro und Alessandro Nesta, die Mittelfeldspieler Francesco Totti und Andrea Pirlo sowie der Stürmer Alessandro del Piero.

Zu gönnen ist den Italienern der erneute WM-Erfolg. Denn die Attraktivität der italienischen Spitzenliga schwindet. In diesem Jahr sind die Zuschauerzahlen um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Die Gründe hierfür liegen sicherlich zum Teil bei den exorbitant hohen Eintrittspreisen. Außerdem werden die unzureichenden Zustände der Stadien beklagt, die zu alt sind und den UEFA-Normen nicht mehr entsprechen. Ein Ausbau der italienischen Stadien wäre dringend geboten, denn Italien bewirbt sich um die Europameisterschaft 2012. Doch kein einziges italienisches Stadion erfüllt bislang die erforderlichen Kriterien der UEFA. Da aber die Stadien meist in dicht besiedelten Stadtteilen oder gar historischen Zentren liegen, sind die Möglichkeiten für den Umbau sehr begrenzt. Die in den letzten Jahren zunehmenden Gewalttätigkeiten in den Stadien schrecken zudem viele Zuschauer ab. Und letztlich ist es bequemer und billiger, sich das Spiel gemeinsam mit Gleichgesinnten zu Hause oder noch lieber in der Lieblingsbar im Fernsehen anzusehen.

Zudem ist zwischen den einzelnen Vereinen ein finanzielles Ungleichgewicht entstanden, das dafür sorgt, dass Clubs mit geringerer wirtschaftlicher Kraft nicht mehr mithalten können. Der Mailänder Club Milan zum Beispiel hat in Silvio Berlusconi einen mächtigen Mäzen, der gewaltige Summen in den Verein investiert. Solche Ungerechtigkeiten gegenüber ihren eigenen Lieblingsvereinen enttäuschen und frustrieren die Tifosi, die Fans, zu Recht. Vielleicht trägt Berlusconis Partei auch einfach nur wegen dessen Affinität zum Fußball den klassischen Schlachtruf „Forza“ als Namen?

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