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Felis Romanis: Die Katzen von Rom - Feuilleton

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Felis Romanis: Die Katzen von Rom

Rom ist aus vielen Gründen berühmt und bietet seinen Gästen zahllose Attraktionen der verschiedensten Art. Im vergangenen Jahrhundert ist eine weitere Attraktion hinzugekommen, die letztlich auch durch das Engagement Prominenter wie der 1973 gestorbenen Schauspielerin Anna Magnani, deren bewegtes Leben wir bereits in einem anderen Artikel schilderten, zur Legende geworden ist: Die wilden Katzen von Rom.

Stolz schlendern sie auf Samtpfoten durch die Ausgrabungsbezirke, aalen sich auf Säulenrümpfen in der Sonne und entzücken die Touristen, die von den tierisch aufgepeppten Fotomotiven begeistert sind. Stets sind sie präsent, wenn man genau hinhört, so vernimmt man zwischen dem Geknatter der Vespas, dem Geschrei der Souvenirverkäufer und dem Dröhnen der Motoren immer auch das Miauen und Fauchen der zahllosen Katzen. Sie sind aus dem Stadtbild Roms nicht mehr wegzudenken.

Selbst die Stadtverwaltung hat die Bedeutung der „felis romanis“ erkannt und sie als „Kulturgut“ unter Schutz gestellt. Wer Katzen misshandelt, wird nun entsprechend bestraft, wer eine Katze überfährt und dies nicht meldet, kann wegen Fahrerflucht belangt werden.

Nach Schätzungen besiedeln bis zu 300.000 Katzen die Innenstadt von Rom, mindestens die Hälfte davon hat kein Zuhause. Die genaue Zahl weiß niemand, denn es hat noch keine Zählung der Tiere gegeben, die in wilden Kolonien auf dem Kapitol, im Kolosseum, auf dem Forum Romanum, auf den Kaiserforen oder wo immer sich ein Refugium bietet leben. Besonderen Ruhm genießt die Katzenkolonie am Largo Torre Argentina, einer Ausgrabungsstätte, die wie eine Oase inmitten chaotischer Verkehrsströme erscheint.

Große und kleine Katzen, alte und junge in allen erdenklichen Farbvariationen tummeln sich hier, viele von ihnen zeigen die Spuren nächtlicher Kämpfe wie eingerissene Ohren, fehlende Augen und dergleichen. Manche humpeln auf drei Beinen oder haben nur noch einen Stummelschwanz. Ihr Fell ist oftmals räudig und filzig und auf jeden Fall voller Flöhe.

Dieses sichtbare Katzenelend hat schon seit Jahrzehnten Tierschützer auf den Plan gerufen. Wie einst Anna Magnani, so kommen auch heute noch Tierfreunde und bringen regelmäßig Futter. Seit den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wird über diese „Katzenmütter“, die „gattare“, berichtet, denn meist sind es Frauen, die sich der wilden Streuner annehmen und mehr oder weniger regelmäßig Nahrung bringen.

So kann man alte, dunkel gekleidete und ärmlich wirkende Frauen beobachten, die einen Topf Spaghetti am Rande der Abzäunung zum Forum Romanum auf einen großen Plastikteller leeren und sofort von einer Heerschar miauender Minitiger umringt sind. Man mag sich ausmalen, dass diese Nudeln auf dem eigenen Tisch der alten Frau fehlen werden, dass sie sich das Katzenfutter im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde abspart. Und doch steht sie dabei, wenn ihre „tesorini“, ihre Schätzchen, futtern und lächelt glücklich.

Und selbstredend fehlt den Katzenmüttern das Geld für tierärztliche Behandlungen oder gar Kastrationen ihrer Pfleglinge. Deshalb begannen 1994 zwei Frauen, die Opernsängerin Silvia Viviani und ihre Freundin Lia Dequel, damit, das Engagement für die Katzen zu organisieren. Sie nahmen sich der Katzen am schon erwähnten Largo Torre Argentina an.

Der tragische Höhepunkt der Geschichte des Largo Torre Argentina war die Ermordung des Gaius Julius Caesar, die entgegen landläufiger Meinung keinesfalls im Senat, sondern hier, in der alten republikanischen Tempelanlage, stattfand. Die Ruinen zählen zu den ältesten antiken Monumenten in Rom und wurden seit 1929 ausgegraben. Wegen ihres Alters liegen sie ca. 5 Meter unterhalb des Straßenniveaus.

Schnell begannen streunende und ausgesetzte Katzen die grüne, verkehrssichere und menschenleere Insel im Herzen Roms zu besiedeln. Und ob es Caesar, der angeblich ein Katzenhasser war, gefallen hätte, dass sich jetzt an just der Stelle, wo er einst seinen Meuchlern zum Opfer fiel, ein dicker schwarzer Kater in der Sonne labt, mag dahingestellt bleiben.

Als Viviani und Dequel ihre Arbeit begannen, bewohnten ca. 100 Katzen den Largo Torre Argentina. Doch die Population wuchs schnell, denn die Tiere waren natürlich nicht kastriert, außerdem kamen ständig neu ausgesetzte Miezen hinzu. Jede Katze des Largo hat einen Namen erhalten, der ihre unverwechselbare Identität symbolisiert.

Die beiden Tierschützerinnen erhalten Unterstützung vom italienischen Tierschutzverband, Touristen spenden Geld und mittlerweile kommt die Hilfe auch über das Internet, wo Patenschaften für einzelne Katzen übernommen werden können oder Tiere in ein neues Zuhause vermittelt werden. So ist es möglich, zumindest der Kolonie am Largo eine medizinische Grundversorgung zukommen zu lassen und die Population durch Kastrationen im Rahmen zu halten.

Aufgrund dieses Engagements und der daraus resultierenden wachsenden Bekanntheit entwickelte sich die Katzenkolonie am Largo zur Touristenattraktion. Am Eingang hängt ein Poster des - mittlerweile verschiedenen - Katers Damocle, der zum Fotomodel avancierte, weil er aufgrund einer Krankheit den Kopf immer etwas schief hielt und deshalb so possierlich aussah. „Please help us“, miaut der Kater vom Poster hinunter dem Betrachter entgegen.

Der chronische Geldmangel brachte die Organisatoren der Katzenkolonie am Largo sowie zweier weiterer Katzenasyle in Rom auf eine Idee: Sie begannen, „Katzenführungen“ anzubieten. Die ungewöhnliche Tour durch Rom dauert zwei Stunden, wird samstags in italienischer, englischer und auf Anfrage auch in deutscher Sprache angeboten, ist kostenlos und führt zu den Plätzen, an denen einst die römischen Imperatoren und heute die Katzen herrschen.

Und natürlich hofft man auf eine kleine Spende am Abschluss, wenn die Touristen die schönsten Katzenmotive mit ihren Kameras verewigt haben und nicht nur Informationen, sondern auch witzige und skurrile Anekdoten über die Katzen Roms mit nach Hause nehmen.

Denn die Versorgung der Katzen ist teuer. Zwischen 350 und 500 von ihnen bewohnen heute allein den Largo Torre Argentina, sie verspeisen 90 Kilo Fleisch und Haferflocken pro Woche, denn das Mäuseangebot ist der Nachfrage längst nicht mehr gewachsen. Wöchentlich kommen bis zu 17 Tiere hinzu, die abgegeben oder nachts einfach in die Gräben der Anlage geworfen werden. Und die meisten Kosten verursacht natürlich die medizinische Versorgung und Kastration der kleinen Wilden.

Die Winternächte in Rom sind kalt und feucht, viel älter als fünf Jahre werden die meisten Katzen nicht. Trotz Impfungen und Kastrationen sind bis zu dreißig Prozent aller römischen Katzen mit Katzenaids infiziert (zum Vergleich: In Bayern sind es nur zwei Prozent). Katzenaids ist nicht auf den Menschen übertragbar, im Gegensatz zur Toxoplasmose, die zu Schäden beim ungeborenen Kind führen kann. Da auch diese Infektionskrankheit unter römischen Katzen grassiert, müssen sich werdende Mütter in Rom einmal monatlich darauf testen lassen.

Doch die Katzen gehören zu Rom wie das Kolosseum und der Petersdom. Ursprünglich kamen sie wohl nach den römischen Eroberungszügen zusammen mit Beutestücken und Sklaven aus Ägypten, denn im Land der Pyramiden wurden sie domestiziert. Vielleicht aus alter Verbundenheit mit dieser Herkunft lebt heute eine der größten Katzenkolonien an der römischen Cestiuspyramide und auf dem bei dieser gelegenen Cimitero Acatolico, dem „Nichtkatholischen Friedhof“, über dessen morbiden Charme wir schon in einem anderen Artikel berichtet haben.

Die römischen Katzen liegen in Hauseingängen, sie streunen durch staubige Straßen, sie streiten sich auf dem Mausoleum des Augustus, sie ruhen unter Triumphbögen, sie fauchen in den Farnesischen Gärten und stolzieren über marmorne Balustraden. Zu ihren Lieblingsplätzen gehören die noch warmen Kühlerhauben gerade abgestellter Autos. Sie schleichen sogar durch die Gänge und Krankenzimmer der Universitätsklinik. Und mit katzenhafter Eleganz und Souveränität erobern sie das Herz der Menschen.

Denn die Römer haben ihre Katzen zu lieben gelernt. Als einzige Stadt der Welt hat Rom, zugegebenermaßen nach aufgeregten Diskussionen im städtischen Parlament, mittlerweile eine „Beauftragte für die Rechte der Tiere“. Doch ist die Stadt trotz dieses augenscheinlichen Bekenntnisses zu ihren Katzen nicht zu besonderer finanzieller Unterstützung bereit. Zwar bietet die Stadt zumindest kostenlose Kastrationen an, doch müssen die Helfer sechs Monate lang auf einen Termin warten. Bis dahin ist der nächste Wurf längst da und die nächsten vierbeinigen Patienten kommen auf die Warteliste.

Aber Rom wäre nicht mehr Rom ohne seine samtpfotigen Bewohner und ohne seine anrührenden Gattare, die früher oft belächelten Katzenmütter, die doch das Mitgefühl und die Liebe zur Kreatur in der römischen Seele symbolisieren.

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