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Es bleibt in der Familie: Die Mafia
Wie der Begriff „Mafia“ entstand, darüber streiten sich die Geister. Es gibt die verschiedensten Theorien. So könnte er vom Arabischen „Maha“ abstammen, dieses Wort bezeichnet eine Höhle, und „mafie“ nannte man in Sizilien als Schutzräume dienende Höhlen in der Gegend von Trapani. Möglich wäre aber auch der Ursprung in den arabischen Wörtern ma hias – Zerstörer, mahfil – Versammlungsort, oder mu afir – Schutzgeber. Ein sizilianisches Dialektwort, „mafiusu“ bedeutet so etwas wie arrogant, selbstsicher.
Die Wurzeln der Mafia findet man auf Sizilien. Sie entstand im 18. und 19. Jahrhundert. Im Königreich Süditalien war Willkür an der Tagesordnung. Sizilien hatte zu dieser Zeit fast immer unter Fremdherrschaft gestanden und war als ferne, uninteressante Provinz behandelt worden. Großgrundbesitzer hatten das Landesinnere unter sich aufgeteilt. Als es dann jedoch Mode wurde, den Hauptwohnsitz in Städte wie Neapel oder Palermo zu verlegen, stellten sie Sicherheitsmannschaften ein, um ihre Landbesitze während ihrer Abwesenheit zu schützen. Die Führer dieser Truppen, die „Gabelloti“, gewannen zunehmend an Macht und Einfluss und pachteten oft selbst das Land von den jeweiligen Großgrundbesitzern, um es an einfache Bauern weiterzuverpachten. Da bedingt durch die Abgeschiedenheit und die Insellage die staatliche Kontrolle weit entfernt war, bauten die Gabelloti ihre Macht mit den Jahren immer mehr aus. Diese Abwesenheit der staatlichen Sicherheit machte die Entstehung der Mafia erst möglich. Die Gabelloti zwangen die Bauern, einen Teil der Ernte als Schutzgebühr („pizzu“) abzugeben und sorgten im Gegenzug für Sicherheit vor den immer häufiger herumziehenden Räuberbanden. Sie schützten auch die Ernteprodukte und transportierten diese in die Städte, wo sie enge Kontaktnetze aufbauten. Dadurch stieg ihr Ansehen bei den einfachen Bauern, die sie auch bei anderen Problemen und Fragen zu Rate zogen. Mit kriminellen Methoden verdrängten sie schließlich die Großgrundbesitzer und zwangen diese, ihr Land billig zu verkaufen. Und Käufer waren natürlich die inzwischen zu Geld gekommenen Gabelloti selbst.
Die Eingliederung Siziliens in den italienischen Staat 1861 sorgte keineswegs für Besserung. Die starken Familienverbände der Gabelloti empfanden die italienischen Gesetze als unerhörte Einmischung, die Wehrpflicht, das Steuersystem, das Justizwesen, all diese Dinge waren unerträglich für sie und führten zu einer weiteren Stärkung der mafiösen Strukturen. Die Mafiosi hielten auf Sizilien die Stellung als inoffizielle Gesetzgeber, Richter und als Exekutive, die vor Gewalt nicht zurückschreckte, um die gesellschaftlichen Werte und Strukturen zu erhalten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein akzeptierte der Staat diese Lösung und arbeitete mit der Mafia zusammen. In der Folge unterliefen Mitglieder der Mafia die staatlichen Institutionen und festigen ihr Machtposition und die ihrer Clans, indem sie Staatsvertreter an sich banden. Die Mafia war mittlerweile fest in der sizilianischen Volkskultur verankert.
Erst den Faschisten gelang es, das Machtmonopol der Mafia aufzubrechen, da sie selbst nicht vor äußerster Gewaltanwendung zurückschreckten. Innerhalb weniger Jahre gelang es Mussolini und seinen Gefolgsleuten, die Mafia in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen. Der totalitäre Staat hatte die Rolle der Mafia übernommen, denn die Mafia ist im Grunde eine Extremform des Rechtskonservatismus, bei der Rechtsstaatlichkeit und freie Marktwirtschaft abgeschafft sind. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes trat die Mafia schnell wieder an dessen Stelle. Denn ihre Existenz beruht auf einer im Volk fest verwurzelten Mentalität, die von einer Aversion gegen staatliche Ordnung geprägt ist.
Die sich wandelnden gesellschaftlichen Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten dafür, dass auch die Mafia sich wandelte. In Norditalien und in Mitteleuropa wurden Arbeitskräfte gesucht, und viele sizilianische Bauern sahen darin ihre Chance zu einem Neuanfang. Sie verließen ihre Heimat und damit ihre Abhängigkeit von der Mafia. Die Mafia orientierte sich nach dem Vorbild der amerikanischen Mafia um und verlagerte ihre Aktivitäten in die Städte. Hier nutzte sie den einsetzenden Bauboom für ihre Geschäfte und spezialisierte sich unter anderem auf die Abzweigung von Entwicklungsgeldern der Regierung in Rom und der EU. 1950 führte die italienische Regierung die sogenannte Südkasse zum Aufbau des „Mezzogiorno“ ein, die die Wirtschaft subventionieren und öffentliche Dienstleistungen finanzieren sollte. Bis 1984 flossen ca. 120 Mrd. Euro in diese Kasse, die zum Reservoir für die Symbiose von Mafia und Politik wurde. Die Mafia entschied, wer die lukrativen Aufträge erhielt und kassierte eifrig mit. Wer mit der Mafia zusammenarbeitete, wurde reich, wer das nicht tat, hatte verloren. So wurde auf Sizilien Land urbar gemacht, Wälder wurden aufgeforstet, 18.000 Kilometer Straßen gebaut und weitere 22.000 Kilometer modernisiert, Wasser- und Stromleitungen wurden gelegt, Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser errichtet. Leider hatte die Kasse im Jahre 1984 12 Mrd. Euro Schulden, denn alle Projekte waren auf rätselhafte Art und Weise mindestens 70 % teuer als geplant ausgefallen. Der Zugang zu öffentlichen Geldern hatte die Gewalt als Machtmittel der Mafia abgelöst. Seit den 80er Jahren hat die Mafia ein undurchschaubares Kartell von Baufirmen aufgebaut, das die Bauausschreibungen auf Sizilien komplett kontrolliert. Das größte Projekt der Gegenwart ist die 5 Mrd. Euro teure Brücke, die Sizilien mit dem Festland verbinden soll und zu großen Teilen durch EU-Mittel für Infrastrukturverbesserung finanziert wird.
Ziel der Mafia ist es, mit schlichten Worten gesagt, sehr viel Geld zu verdienen. Dieses Geld beschafft sie sich neben der Abschöpfung öffentlicher Subventionen mit kriminellen Aktivitäten wie dem äußerst lukrativen Drogenhandel, daneben Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Waffenhandel und Ähnlichem. Das wiederum macht es erforderlich, Einrichtungen zur Geldwäsche aufzubauen, sei es im Baugewerbe, auf dem Immobilienmarkt, in der Müllwirtschaft, der Gastronomie, im Bankwesen oder in anderen Sektoren. Mit diesen Einrichtungen nimmt die Mafia am normalen Wirtschaftsleben der Gesellschaft teil und wird somit zu einem nicht unbedeutenden Wirtschaftsfaktor des Landes. Allein in Italien soll sie jährlich 100 Milliarden Euro erwirtschaften, doppelt so viel wie der Fiatkonzern. Die Mafia schafft Verbindungen zu nationalen Politikern und sorgt dafür, dass staatliche Aufträge nach ihren Maßgaben vergeben werden oder öffentliche Stellen in ihrem Sinne besetzt werden. Auf diese Art unterwandert sie die Gesellschaft immer weiter, so lange ihr nicht Einhalt geboten wird. In Italien bringt die konsequentere Vorgehensweise gegen die Mafia in den letzten Jahren vermehrt Erfolge, jedoch erschwert die zunehmende Internationalisierung der Mafia ihre Bekämpfung. Die Regierung von Berlusconi tat im Übrigen einiges, um die Bekämpfung der Mafia zu erschweren. Das geschah durch neue Gesetze, die die Verfahren erschwerten, und durch die Streichung von Mitteln für die Mafiaverfolgung. So wurden z.B. die gepanzerten Limousinen und Bodyguards der wichtigen Ermittler abgeschafft.
In der Welt der Mafia hat sich die Familie zur dominanten gesellschaftlichen Organisationsform entwickelt. Der harte Kern dieser Familienclans besteht aus der engen Verwandtschaft, durch strategische Heiraten, Patenschaften und Gefolgschaften entstanden und entstehen jedoch verzweigte Verflechtungen. Blutsverbindungen sind entscheidend, geschäftliche Interessen gelten demgegenüber als untergeordnet für das Zugehörigkeitsgefühl. Neben der biologisch verwandten Familie spielen die Verflechtungen mit politisch einflussreichen Personen eine große Rolle. Die Mitglieder einer Familie haben einen strengen Codex einzuhalten und sind ihrem Clanchef zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Im Gegenzug garantiert der Patron Schutz und Hilfe für seine Untergebenen. Je größer deren Zahl ist, desto größer ist sein Einfluss. Verstöße gegen die Regeln dieser Bosse werden aufs strengste geahndet. Die einzelnen Bosse wiederum unterstehen einem Oberboss, dem sog. capo dei capi. Nach dem blutigen Mafiakrieg, der sich in den 80er Jahren in Palermo zutrug und mehr als 300 Tote forderte, übernahm Salvatore „Totò“ Riina aus Corleone diese Rolle. Nach dessen Verhaftung übernahm Bernardo Provenzano die Führung, der jedoch 2006 selbst verhaftet wurde. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt, ob es einen neuen capi dei capi auf Sizilien gibt. Die Stadt Corleone hat jedenfalls Palermo als Hauptstadt des organisierten Verbrechens auf Sizilien abgelöst. Sie genießt den traurigen Ruf, eine der gewalttätigsten Städte der Welt zu sein. So wurden hier allein zwischen 1944 und 1948, als nach Ablösung der Faschisten die Macht neu aufgeteilt wurde, 153 Morde verübt.
Die Mafia ist eine patriarchalische Organisation. Frauen haben in der „Onorata Società“, der „Ehrenwerten Gesellschaft“, nichts verloren. Ein charismatisches Auftreten und große Gewaltbereitschaft waren von Anfang an Grundvoraussetzungen für eine gehobene Karriere bei der Mafia. Eine starke Persönlichkeit und eine autoritäre Ausstrahlung sorgen für Respekt und hohes Ansehen unter der Bevölkerung. „Omertà“ – Schweigen – und „Vendetta“ – Rache – sind die wichtigsten Grundregeln, die ein Mafioso einzuhalten hat. Ein ordentlicher Mafioso ist ein „uomo d´onore“, ein Ehrenmann, der mit seinem Wort für die Vertragstreue steht. Er ist gewaltbereit und setzt die Gewalt zur Abschreckung, zur Anhebung seines Ansehens oder gegen Konkurrenz ein. Mit großzügigen Gesten und „kostenlosen“ kleineren Gefälligkeiten erhöht er seine Reputation. Er tritt streng religiös auf und achtet auf den guten Ruf seiner weiblichen Familienangehörigen, insbesondere in sexueller Hinsicht. Er lügt Mitglieder seiner Familie nicht an und schweigt über die Mafia, koste es, was es wolle. Er ist elegant, pragmatisch und zurückhaltend. Wechsel unter den jeweiligen Familien finden nicht statt. Die Mafiamitgliedschaft gilt lebenslänglich. Die Rache bei Verstößen gegen den Ehrenkodex beziehungsweise Kämpfen der Familien untereinander ist blutig und unerbittlich.
Als Mafia oder „cosa nostra“ im eigentlichen Sinne kann eigentlich nur die sizilianische Mafia bezeichnet werden. Doch bildeten sich im armen, wirtschaftlich unterentwickelten Süditalien einige Ableger der Mafia heraus. In Neapel ist das die Camorra, in Kalabrien die gerade hierzulande ins Gerede gekommene Ndrangheta, deren Name auf das Altgriechische „andragathos“ zurückgeht, was so viel wie „mutiger Mann“ bedeutet. Die Existenz der Ndrangheta ist seit 1861 aktenkundig. Relativ jung ist die erst 1983 in Apulien entstandene Sacra Corona Unita. In den USA agiert die Cosa Nostra, auch „The Syndicate“ genannt, deren Mitglieder sizilianischer Herkunft sind und die seit den 20er Jahren den dortigen Kern des organisierten Verbrechens mit so legendären Bossen wie Al Capone, Lucky Luciano oder Vito Genovese bildete. Sie blühte während der Zeit der Prohibition mithilfe von Alkoholschmuggel auf und machte durch blutige Gemetzel zwischen den einzelnen Clans auf sich aufmerksam, wie das Sankt-Valentins-Tag-Massaker von 1929, um das Billy Wilder 30 Jahre später die Filmlegende „Manche mögen´s heiß“ herumgesponnen hat.
Es ist üblich geworden, auch andere kriminelle Vereinigungen aus „Mafia“ zu bezeichen, wenn sie nach ähnlichen Strukturen funktionieren wie die Namensgeberin. Das gilt für die japanische Yakuza wie für die chinesischen Triaden, das Cali-Kartell Kolumbiens, die Pruszkow-Mafia in Polen, die russische oder die türkische Mafia. Zurück zur Übersicht |