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Eine Knutschkugel zum Verlieben: Der Fiat 500 - Feuilleton

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Eine Knutschkugel zum Verlieben: Der Fiat 500

Verwinkelt und steil ziehen sich schmale Gassen durch die mittelalterliche Altstadt irgendwo in Italien. Eng schmiegen sich die Häuser zusammen und bilden schattigen Schutz vor der Hitze des Sommers, vor den winterlichen Unwettern. Ein romantisches Ambiente, das manchen Bewohner moderner Siedlungsblöcke sehnsuchtsvoll seufzen lässt. Doch in den alten Häusern wohnen Menschen, und wir sind in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine neue Zeit ist angebrochen, Mobilität für jedermann revolutioniert die Welt. Ein Auto muss her, aber wie soll ein Auto durch diese engen Gassen passen?

Italiens Antwort auf den VW Käfer ist die Lösung für jedes räumliche Problem: Der legendäre Fiat Nuova 500. Mit sagenhaften 2,97 m Länge sowie einer Breite und Höhe von nur 1,32 cm lässt er sich durch jede Gasse quetschen, findet Platz in der kleinsten Lücke, wuselt sich geschickt an den ausgewachsenen Autos im dichten Stadtverkehr vorbei und passt viermal in den Platz, den eine große Limousine benötigt. Er ist die ideale Lösung für Italiens enge Straßen aber er ist noch viel mehr als das: Er ist ziemlich billig und ermöglicht Mobilität für jedermann, er hat trotz seiner inzigkeit genug Platz für eine kleine Familie und vor allem: Er sieht unwiderstehlich knuffig aus. Die Deutschen taufen ihn liebevoll auf den Namen „Knutschkugel“.

Da verzeiht man ihm, dass er technisch nicht gerade pompös ausgestattet ist. Der Nuova 500 ist der Nachfolger des Fiat 500 aus den vierziger Jahren, der in Italien den Spitznamen „Topolino“ trug, was „Mäuschen“ heißt aber auch der italienische Name von Mickey Mouse ist, mit der ihn einige äußere Ähnlichkeiten verbinden. Er ist deutlich größer und wirkt ungelenker als sein winziger Nachfolger, den Fiat ab 1957 zu bauen begann.

Der erste Nuova 500 hatte einen luftgekühlten Heckmotor, der bei einem Hubraum von 479 cm³ und 13,5 PS eine Spitzengeschwindigkeit von sage und schreibe 84 km/h erreichte. Seine Türen öffneten nach hinten, sogenannte „Selbstmördertüren“, die später aus Sicherheitsgründen verboten wurden. Die Fenster ließen sich nicht herunterkurbeln, brauchte man in der sommerlichen Hitze etwas Abkühlung, so standen nur die ausstellbaren Seitenfensterchen zur Verfügung oder die Luftschlitze im Armaturenbrett, von denen Schläuche zu Schlitzen in der Karosseriefront führten und den Fahrtwind ins Auto transportierten. Allerdings gab es ja auch das große Faltdach, dass der Nuova 500 standardmäßig hatte, zunächst in einer langen Version, die bis zur Heckklappe reichte, später in einer etwas kürzeren. So ließ er sich bei sommerlicher Hitze ratzfatz in ein Cabrio verwandeln.

Im Winter sah es dagegen spartanischer aus. Eine Heizung gab es nämlich nur gegen Aufpreis. Auch Rücksitze wurden nur gegen Aufpreis angeboten, serienmäßig gab es eine Art teppichbezogener Bank. Auch eine Tankuhr gab es nicht, die Scheibenwischer liefen nicht automatisch und wollte man die Scheibe reinigen, so musste man einen Gummiball am Armaturenbrett zusammenquetschen, was dafür sorgte, dass Wasser aus der Scheibenwaschanlage spritzte. Dafür kostete er aber eben auch nicht viel Geld. 1958 musste man in Deutschland für die Basisversion 2.990 DM hinlegen, laut Wikipedia entspricht das nach heutiger Kaufkraft und inflationsbereinigt 6.400 €.

Schon 1957 gab es einen stärkeren Motor, der immerhin 15 PS leistete und die Knutschkugel auf 90 km/h beschleunigte. 1965 mussten die Ingenieure aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen das Design des „Cinquecento“ überarbeiten, denn die „Selbstmördertüren“ wurden verboten. Der Kleine erhielt jetzt normale nach vorne öffnende Türen, im Zuge dessen musste auch die Karosserie verändert werden. Das Dach, das vorher nur aufgesetzt gewesen war, wurde nun fest mit der Karosserie verbunden, dadurch bedingt wurde das Faltdach deutlich verkürzt. Das Cabriofeeling war nun nicht mehr so ausgeprägt, was aber dem Zeitgeist durchaus entsprach, denn feste Dächer waren jetzt schick.

Das F-Modell von 1965 kam mit 18 PS nun immerhin auf 100 km/h und bot jetzt auch Druckknöpfe zum Verschließen des Wagens. Nebenbei wurde für betuchtere Kunden ab 1968 auch eine Luxusversion angeboten, die sich in erster Linie durch die Verarbeitung von viel zierendem Chrom auszeichnete.

Für alle, die mehr Platz benötigten, gab es seit 1960 auch eine Kombiversion, die sogenannte „Giardiniera“ (Gärtnerin). Die Ingenieure kippten kurzerhand den Motor auf die Seite und hatten – schwupps – einen großen Kofferraum, den man durch Umkippen der Rücksitze noch zusätzlich erweitern konnte. Eine solche Giardiniera war auch der letzte Fiat 500, der 1976 vom Band lief. Die Produktion wurde eingestellt, der Fiat 500 war nicht mehr zeitgemäß. Seine Erfolgsstory schloss er mit insgesamt 3.702.078 verkauften Exemplaren ab.

Doch in den Herzen seiner zahlreichen Fans lebt die Knutschkugel weiter. Davon zeugen zahlreich Clubs in ganz Europa. Fiat versuchte es ab 1992, mit dem „Cinquecento“ an den Erfolg anzuknüpfen. Doch der war einfach nur pragmatisch, er besaß keinerlei Merkmale, die ihn zum Kultobjekt hätten werden lassen. Die Produktion wurde bereits 1998 wieder eingestellt.

Doch so, wie VW sich mit dem New Beatle auf seinen Verkaufsknüller der Vergangenheit zurückbesann, erschufen auch die Autobauer aus Turin ein Revival: Exakt 50 Jahre nach der Erstvorstellung des Nuova 500 am 4. Juli 1957 in Turin stellten sie das Retromodell Fiat 500 am 4. Juli 2007 ebenfalls in Turin vor. Die Idee scheint nicht die schlechteste zu sein, denn schnell kam die Produktion nicht mehr hinter der Nachfrage her. Zeitgemäß ist er eine Nummer größer als sein legendärer Vorfahr und bietet entsprechend leistungsstärkere Motorvarianten. Seine serienmäßige Ausstattung ist geradezu spektakulär gegenüber seinem Vorgänger. Und trotzdem: Den Kultstatus und die Begeisterung der Fans wird dem Nuova 500 keiner nehmen können. Denn was sind die winkeligen Gassen der italienischen Altstadt mit Nissan Micras und Ford Kas gegen die witzigen, winzigen und so typisch italienischen Autochen?

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