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Ein großes Spektakel:

 

Hochzeit auf Italienisch

Es war ein strahlender Tag Ende Mai, als meine Freundin Kerstin und ich nach einem Einkaufsbummel in Hamburg im Straßencafé saßen und eine Latte Macchiato tranken. Den ganzen Tag über war sie mir schon merkwürdig erschienen, und so fragte ich sie, „Eh, irgendwas ist doch, komm schon, raus mit der Sprache!“ Kerstin lief rot an, druckste ein wenig herum, aber dann weihte sie mich endlich ein: Ihr Freund hatte ihr einen Antrag gemacht!

„Hey, das ist ja großartig!! Wann ist es so weit?“, jubelte ich. „Ach, so einfach ist das nicht“, entgegnete sie. Denn Kerstins Freund Vincenzo ist Sizilianer. Und seine große Verwandtschaft erwartete natürlich eine standesgemäße Hochzeit. Auf Sizilien, wo sonst?

Und so begannen die Vorbereitungen mehr als ein ganzes Jahr vor dem geplanten Termin. Der Papierkrieg war weniger schlimm, als erwartet. Kerstin brauchte als deutsche Staatsbürgerin ein Ehefähigkeitszeugnis ihres Standesamtes, dazu eine beglaubigte Übersetzung ins Italienische. Die Trauung sollte in der Kirche von Vincenzos Heimatdorf stattfinden. In Italien kann der Pfarrer den standesamtlichen Akt mit der kirchlichen Trauung verbinden. Schnell hatte man sich auf einen Termin im nächsten August geeinigt.

Doch die Enttäuschung kam, als Vincenzo das Ristorante am Meer, dass die beiden sich für die Feier ausgesucht hatten anrief: Der Termin war bereits gebucht. Mehr als ein Jahr im Voraus, und schon gab es fast keinen hochzeitsfreien Samstag mehr! Ein Termin im September war noch frei, und so wurde die Hochzeit eben auf den September verschoben.

Ich staunte nicht schlecht, als Kerstin mir berichtete, dass das Ristorante für die Hochzeit einen Pavillon für 200 Gäste aufstellen würde. 200 Gäste? Ja, erklärte sie mir, das sei für eine italienische Hochzeit eigentlich noch wenig. Ich musste schlucken, als ich mir die Kosten vorstellte, und als sie mir dann sagte, dass für die Hochzeit etwa 30.000 € veranschlagt seien, da musste ich mich erst einmal hinsetzen.

Dann erklärte sie mir, dass die Sizilianer sehr viel Wert auf Tradition legten und die Hochzeit eines der wichtigsten Ereignisse im Leben sei. Der weitverzweigte Familienclan und die Freunde müssten eingeladen werden, weil die Beleidigung sonst als quasi tödlich aufgefasst werde. Eine kleine Hochzeit im engsten Kreise komme daher nicht in Frage, auch auf die Kirche könne nicht verzichtet werden, denn im traditionsverankerten Italien ist die Kirche noch immer ein unverzichtbarer Bestandteil des Alltags. Kerstin ist eigentlich konfessionslos, doch der italienische Pfarrer war hier weit großzügiger als es ein deutscher wäre: Er fragte gar nicht erst danach.

Nun galt es, eine Menge von Kleinigkeiten zu organisieren, damit am großen Tag auch alles passt. Eine Stretchlimousine wurde für das Brautpaar gebucht, mit einem Floristen wurde der Blumenschmuck für Limousine, Kirche, Pavillon sowie den Brautstrauß ausgehandelt. Eine Band wurde für die Feier engagiert, ein Friseur und eine Kosmetikerin verpflichtet, die die Braut vor der Hochzeit herrichten sollten. Mit dem Ristorante wurde ein Menü mit 8 Gängen ausgehandelt, das sei noch wenig, erfuhr ich von Kerstin. Auch der Fotograf wurde gebucht, er würde den ganzen Tag anwesend sein und wunderbare Alben erstellen. Tja, das konnte man wohl auch erwarten, denn für seinen Service verlangte er schlappe 2.500 €.

Ihr Brautkleid ließ sich Kerstin bei einem Besuch auf Sizilien von einer Schneiderin anfertigen. Hier konnte sie nun ausnahmsweise einmal sparen, denn es war deutlich günstiger, als was man hierzulande so sieht. Außerdem entsprach es genau ihren Vorstellungen, es wurde ja extra für sie genäht.

Endlich war es so weit. Das Jahr war wie im Fluge vergangen, und nun flog ich nach Sizilien! Als enge Freundin von Kerstin durfte ich im Haus ihrer angehenden Schwiegereltern übernachten und so war ich am großen Tag von Anfang an dabei.

Zum Frühstück gab es, wie in Italien üblich, nur einen Cappuccino und ein Hörnchen. Kaum waren wir fertig, da schellte es und der Fotograf stand vor der Tür. Ich war etwas verwundert, es war schließlich noch sehr früh und Kerstin war noch nicht im Entferntesten fotofertig. Nun, schon wieder lernte ich etwas Neues: In Italien ist es obligatorisch, dass ein Video erstellt wird, während die Braut fertiggemacht wird. Quasi eine Dokumentation der Brautentstehung. Ich fand die Vorstellung abwegig, um nicht zu sagen, gruselig, aber Kerstin wusste, was auf sie zukommen würde, hatte sich damit arrangiert und trug es mit Fassung.

Und so ging es los: Der Friseur und die Kosmetikerin rückten an und zupften und steckten und pinselten schier endlos lange an Kerstin herum. Die Schneiderin persönlich überwachte, dass das Kleid auch richtig saß. Dazwischen wirbelte die aufgeregte Schwiegermutter herum, der Fotograf filmte unentwegt, während ich zusammen mit Kerstins Schwester etwas ratlos abseits auf einem Stuhl saß und das Geschehen beobachtete.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich die Erlösung: Sie waren fertig! Strahlend stand Vincenzo im feinen Zwirn unten am Treppenabsatz und erwartete die prächtig herausgeputzte Kerstin mit einem Traum von einem Hochzeitsstrauß. Glücksbeseelt stiegen die zwei in die bereitstehende Limousine, die über und über mit Blumen geschmückt war, immer verfolgt vom Fotografen mit Kamera im Anschlag.

Die kleine Kirche quoll über vor Menschen in Festtagskleidung, als wir ankamen. Ich fand einen Platz hinten links in der Ecke, während das Brautpaar würdevoll nach vorne schritt. Von der Predigt verstand ich nicht allzu viel, aber auch für die deutschen Gäste war gesorgt, denn es lag für jeden ein Heftchen aus, in dem die Texte sowohl in Deutsch als auch in Italienisch abgedruckt waren. Das Eheversprechen gab Vincenzo auf Deutsch und Kerstin auf Italienisch, was ich wirklich rührend fand.

Strahlend verließen die „sposi novelli“ – die Frischvermählten – die Kirche, um draußen von lachenden Gästen mit Bergen von Reis, Konfetti und kleinen Geldmünzen beregnet zu werden. Mit der Limousine ging es zum Ristorante, gefolgt von einer riesigen Delegation, eine endlose Autoschlage setzte sich in Bewegung.

Der große weiße Pavillion öffnete sich zum strahlend blauen Meer hin, eine wirklich romantische Kulisse für die Hochzeitsfeier. Zum Empfang gab es einen Aperitivo und Häppchen, während die Band fröhliche italienische Lieder anstimmte. Das Brautpaar eröffnete die Feier mit einem Tanz und ich beobachtete verwundert, dass währenddessen einzelne Gäste den beiden Geldscheine mit Nadeln an die Kleider steckten. Ich verdrängte aber den befremdenden Gedanken an eine Nachtbar und tröstete mich damit, dass die irrsinnigen Kosten damit zumindest in kleinen Teilen wieder ausgeglichen würden…

Kaum war der Tanz beendet, da erhoben sich die italienischen Männer – und es waren viele Männer -, legten die Hand auf die Brust und intonierten aus voller Kehle die italienische Nationalhymne. Als sie fertig waren, erhob sich stürmischer Beifall, begleitet von Jubelrufen „viva gli sposi“ - „es lebe das Brautpaar“, und immer wieder der lauthals gebrüllten Aufforderung: „Baci, baci!!!“ – „Küsse, Küsse!!“ Als ein junger Italiener auf Vincenzo zustürmte und ihm die – bestimmt teure – Krawatte abschnitt, dachte ich schon, ich sei versehentlich auf Weiberfastnacht gelandet. Doch wurde ich belehrt, dass es sich hier um eine weitere Tradition handelte: Die Krawatte wurde in kleine Stücke geschnitten und an die Gäste verkauft, der Erlös ging an das Brautpaar. Nun ja, irgendwie muss das Geld ja reinkommen…

Die Stimmung war laut und lebensfroh, so blieb es die ganze Zeit. Ich fand´s herrlich, aber nicht alle anwesenden deutschen Gäste schienen hierfür Verständnis zu haben. Ich erhaschte einen Blick auf Kerstins Großmutter, und die sah wirklich nicht gerade begeistert aus.

Der Nachmittag verging mit dem üppigen Menü, das gereicht wurde, zwischen den Gängen wurde getanzt, gejubelt und gesungen. Zum Schluss gab es noch Torte und Sekt, obwohl doch mittlerweile alle mehr als satt sein mussten. Bereits gegen 20 Uhr wurde die Feier durch einen weiteren symbolischen Akt beendet: Das Brautpaar zerschmetterte seine Sektgläser. Die Zahl der Scherben soll der Zahl der Jahre entsprechen, die das Paar zusammen verlebt. Nun, es waren so viele Scherben, dass sich Kerstin und Vincenzo keine Sorgen zu machen brauchen.

Zum Abschied erhielt jeder Gast ein kleines Tütchen mit bunten Zuckermandeln, so verlangt es der Brauch auf Sizilien. Außerdem gab es für jeden ein Foto mit dem Brautpaar. Die Trauzeugen, Kerstins Schwester und Vincenzos Bruder, erhielten ein noch größeres Geschenk, eine Wanduhr aus bunter sizilianischer Keramik, ich war ehrlich gesagt froh, dass mir das erspart blieb.

Kerstin und Vincenzo fuhren nach Hause, um sich rasch umzuziehen. Denn gleich ging es weiter in die Flitterwochen, kurz vor 23 Uhr startete ihre Maschine von Catania.

Und wenn wir heute zusammen im Straßencafé sitzen, dann lassen wir gerne noch einmal diesen aufregenden Tag Revue passieren. Wir lachen herzlich, wenn wir an das ganze Spektakel um die Herrichtung der Braut denken und das zugehörige Videodokument, das wir uns nicht oft genug ansehen konnten. Kerstins Ehe wurde vom deutschen Standesamt übrigens problemlos anerkannt. Sollten die beiden mal Kinder haben, dann werden diese automatisch die deutsche und die italienische Staatsbürgerschaft haben. Vielleicht erlebe ich dann eines Tages noch eine sizilianische Kindstaufe?

von Almut Irmscher
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