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Ein Fürst unter den Denkern: Niccolò Machiavelli
Viele verbinden den Namen Niccolò Machiavelli mit einem skrupellosen, gewaltverherrlichenden Staatstheoretiker. Die Ideen seines Hauptwerks „Il Principe“- „Der Fürst“ wurden oft missbraucht, um Diktaturen und Gewaltherrschaften zu rechtfertigen, so zum Beispiel von den Nazis. Doch ist es nicht richtig, dieses Werk aus dem Kontext seines Gesamtwerks sowie der politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit heraus isoliert zu betrachten. Um Sätze wie: „Die Menschen sind entweder liebenswürdig zu behandeln oder unschädlich zu machen; denn wegen geringfügigen Unrechts rächen sie sich, und werden sie von schwerem betroffen, so können sie es nicht; man muss also die Menschen dann schon so verletzen, dass man ihre Rache nicht zu fürchten hat“ besser verstehen zu können, muss man sich mit dem Umfeld, in dem sie entstanden, vertraut machen.
Machiavelli lebte zur Zeit der Renaissance in Florenz und war ein typischer Intellektueller seiner Epoche. Am 3.5.1469 wurde er als Sohn eines Juristen geboren. Die Familie war nicht sehr wohlhabend, legte aber großen Wert auf Bildung. Es wurde sparsam gelebt, damit Geld übrig blieb, welches in Bücher investiert wurde. Sein Vater unterhielt eine kleine Bibliothek, die dem Sohn früh Zugang zu einer humanistischen Bildung verschaffte. Der Junge lernte Latein, die finanziellen Verhältnisse verwehrten ihm jedoch ein Studium.
Das Italien dieser Tage war aufgeteilt in zahlreiche Stadtstaaten, Teilstaaten, Zwergkönigreiche, Fürstentümer und den Vatikanstaat, zwischen denen politische Unruhen und endlose Verwirrung herrschten. Daneben existierten mit dem Frankreich Ludwigs XII und dem Spanien Ferdinand von Aragoniens mächtige und große Staaten, die die italienischen Länder von außen bedrohten. In Florenz herrschten die Medici, doch war ihre Machtposition nicht unangefochten. Während noch Girolamo Savonarola versuchte, die Republik Florenz nach strengen christlich-moralischen Prinzipien zu revolutionieren, wurden die Medici im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Spanien auf italienischem Boden 1494 vertrieben. Nur fünf Tage nach der Hinrichtung Savanarolas am 23.5.1498 wurde Machiavelli zum Kanzleisekretär ernannt. Seine Behörde war für Innen- und Verteidigungspolitik zuständig, diplomatische Missionen führten Machiavelli in den nächsten 14 Jahren an zahlreiche Königs- und Fürstenhöfe, so zu Ludwig XII nach Frankreich, zum Habsburger Kaiser Maximilian, zur römischen Kurie und zu dem berüchtigten Tyrannen und Usurpator Cesare Borgia in die Romagna.
1512 kehrten die Medici nach Florenz zurück. Machiavelli geriet unter den Verdacht, an einer Verschwörung teilgenommen zu haben, wurde verhaftet und gefoltert. Nachdem sich seine Unschuld herausgestellt hatte, verbannte man ihn auf sein kleines Landgut in Percussina, etwa 15 Kilometer südlich von Florenz. Hier begann er mit der Arbeit an seinem Fürsten, gleichzeitig begann er eine umfangreiche Arbeit über die ersten zehn Bücher des Titus Livius. Auf diese beiden Werke folgten noch eines über die Geschichte von Florenz und „Von der Kriegskunst“. Als die Medici 1527 erneut aus Florenz vertrieben wurden, ersuchte Machiavelli um Wideraufnahme in den Staatsdienst. Man verdächtiget ihn jedoch der Kollaboration mit den Medici und lehnte ab. Wenige Tage später starb Machiavelli, vermutlich an den Folgen einer Bauchfellentzündung. Er wurde in der Florentiner Kirche Santa Croce beigesetzt.
Neben den genannten Werken hinterließ er eine Abhandlung über die italienische Sprache, den Entwurf einer Verfassung für Florenz, einen Roman, mehrere Komödien, Novellen, Gedichte und Briefe. Erscheint sein Werk zunächst widersprüchlich, erarbeitet er doch in den „Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius“ die Vorzüge der Republik, um im Fürsten das Idealbild eines mächtigen Alleinherrschers zu zeichnen, so erschließt sich der Zusammenhang, wenn man Machiavellis Geschichtsauffassung vor dem Bild der Zustände seiner Zeit betrachtet.
In Machiavellis Vorstellung sieht der Ablauf der Geschichte aus wie eine Sinuskurve, die im Wesentlichen drei Zustände durchläuft. Zunächst ist da das Chaos, ein rechtsfreier Raum, in dem Anarchie und Krise herrschen. Aus dem Chaos erhebt sich ein Anführer, der mit fester Hand für Recht und Ordnung sorgt. Dieser Anführer wird wiederum abgelöst durch die Republik, in der sich die Bürger mit dem Gemeinwesen identifizieren und in der der höchste Entwicklungsstand erreicht ist. Zu irgendeinem Zeitpunkt schlägt dieser Idealzustand jedoch um, ein Verfall der Sitten setzt ein und zieht den Verfall der ordnenden Institutionen nach sich. In der Folge entsteht wieder das Chaos – und so weiter.
Die treibenden Kräfte in dieser Sinuskurve nennt er „virtù“ und „fortuna“. Virtù bezeichnet die politische Virtuosität, den Tatendrang, der eine Person oder ein Volk zu politischer Macht führt. So ist ein mächtiger politischer Führer von starker virtù gekennzeichnet, ein Volk, das von virtù beseelt ist, strebt nach Expansion wie das römische Reich oder weltpolitischen Einfluss wie das Amerika unserer Tage. Fortuna hingegen ist der Zufall, der unberechenbare Faktor, der das politische Geschehen beeinflusst. Hat beim Aufstieg der Sinuskurve aus dem Chaos hin zur Republik virtù die Oberhand, so beeinflusst eine starke fortuna ihren Abstieg zurück ins Chaos.
Die geschilderten Zustände im Italien zu Machiavellis Zeit entsprechen dem Tal der Sinuskurve, dem Chaos. Machiavelli jedoch wünschte sich für Italien Stärke und Einheit, und um dieses Ziel zu erreichen schien ihm ein starker und charismatischer Führer, wie er ihn im Fürsten schildert, unumgänglich. Es wird ihm vorgeworfen, eine Gebrauchsanleitung für Despoten verfasst zu haben, doch gibt es auch Stimmen, die meinen, sein Buch sei nichts anderes als Kritik an den Despoten seiner Zeit, indem er deren Vorgehensweise auf nüchterne und sachliche Art schildert und somit bekannt macht. Im Hinblick auf seine gesamte Staatsphilosophie erscheint diese Interpretation allerdings zweifelhaft. Tatsache ist, dass Machiavellis trockener Stil, mit dem er Herrschaftssicherung mithilfe von Gewalt empfiehlt, sicherlich seinem Schutz vor den Mächtigen diente. Es scheint wiederum auch schlüssig, dass er sich von Lorenzino de´ Medici, dem er seinen Fürsten widmete, die nötige Stärke erhoffte, um Italien zu einem einheitlichen Nationalstaat zu verhelfen.
Nach Machiavellis Postulat ist der Alleinherrscher über die ethischen Normen gestellt und kann sich jederzeit über die Moral hinwegsetzen, wenn dies dem Wohle des Gemeinwesens und dem Aufbau einer politischen Ordnung dient. Der Alleinherrscher erhebt sich nach Machiavellis Vorstellung aus einem Volk von Menschen, die unmoralisch und schlecht sind, außerdem unfähig, sich selbst aus der Krise zu befreien. „Denn von den Menschen kann man im Allgemeinen das sagen: Sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, scheuen die Gefahr und sind gewinnsüchtig.“
Um seine Macht zu festigen, soll der Fürst also Rücksichtslosigkeit und Gewalt anwenden wo es nötig ist, und zwar kurz und heftig, da solche Schläge schneller in Vergessenheit geraten als mildere, jedoch länger anhaltende. „Beim Raub eines Staates muss der Eroberer alle Schandtaten überdenken, die er notwendig verüben muss, und sie auf einen Schlag erledigen, um sie nicht jeden Tag wiederholen zu müssen.“ Er empfiehlt dem Fürsten, dafür Sorge zu tragen, dass er nach Möglichkeit geliebt und gefürchtet wird, da es jedoch schwer sei, beides zu vereinen, sei es wichtiger, dafür Sorge zu tragen, gefürchtet zu werden. Allerdings muss er auch dafür sorgen, nicht gehasst zu werden, da Hass den Rückhalt im Volk gefährdet. Sein Wort soll er halten, wenn es ihm zum Vorteile dient, ist dem nicht so, soll er es brechen. Seine politische Taktik soll sich nur auf die Macht konzentrieren. Zwar soll er sich dem Anschein nach moralisch verhalten, doch soll er sich von der Moral umgehend abkehren, wenn die Umstände es erfordern.
Diese scheinbar grausamen Verhaltensweisen meint Machiavelli jedoch nicht als Freibrief für den persönlichen Gewinn des Fürsten. Vielmehr haben sie stets dem Gemeinwohl zu dienen mit dem Ziel, einen geordneten Rechtsstaat zum Wohle der Bürger aufzubauen. Ist dieser entstanden und gefestigt, so soll das Bürgertum selbst die Macht in Form der höchsten Entwicklungsstufe, der Republik, übernehmen. Denn Machiavelli selbst war überzeugter Republikaner. Im Gegensatz zum Despoten, der stets mehr sein persönliches Wohl als das der Allgemeinheit im Auge hat, handelt die Republik im Idealfall zum Wohle der gesamten Gemeinschaft. Jeder einzelne Bürger muss ein Interesse daran haben, dieses Wohl zu erhalten und zu mehren. Ist diese Gemeinschaft von einem starken gemeinsamen virtù beseelt, erreicht sie den Gipfel der Sinuskurve. Machiavelli nennt als Beispiel Rom, das als Königreich groß wurde, als Republik den Höhepunkt seiner Macht erreichte und unter den dekadenten Cäsaren dem Untergang geweiht war.
In Machiavellis gesamtgesellschaftlichem Bild ist die Religion wichtig, um Sittlichkeit und Moral zu gewährleisten. Die katholische Religion lehnt er jedoch strikt ab, da sie zu Demut und Passivität erziehe, was der virtù entgegenstehe. Außerdem erkannte er in dem pompösen Prunkgehabe der katholischen Kirche seiner Zeit eine Hauptursache für den Sittenverfall.
Insbesondere, da man seinen anderen Werken lange Zeit keine Beachtung schenkte, wurde Machiavelli oft fehlinterpretiert und heiß debattiert. Schon früh entwickelte sich ein „Antimachiavellismus“, dem Kleriker, Adelige, Freidenker und Ethiker anhingen. Friedrich der Große verfasste einen leidenschaftlichen „Antimachiavell“, obgleich er selbst es wohl verstand, die von Machiavelli geschilderten Methoden anzuwenden. Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Situation Deutschlands der Italiens zur Zeit Machiavellis glich, wurde Machiavelli von deutschen Denkern wie Fichte, später auch Hegel, Herder und Nietzsche entdeckt. Laut Leopold von Ranke diente Machiavellis staatsphilosophische Idee allein der ersehnten Heilung Italiens, dessen Zustand ihm so furchtbar erschien, dass er keine andere Möglichkeit sah, als ihm Gift zu verordnen. Vielleicht beschreiben Machiavellis eigene Worte die Situation am besten: Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist. Zurück zur Übersicht |