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Ein echtes Stück Fußballkultur: Panini - Feuilleton

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Ein echtes Stück Fußballkultur: Panini

Nein, wir werden jetzt keinesfalls über Brötchen berichten. Es geht vielmehr um eine einfache, doch geniale Idee, die zwei Firmengründern zu Riesenerfolg verhalf. Warum diese beiden Brüder mit Nachnamen ausgerechnet Panini - also „Brötchen“ - hießen, wissen wir allerdings auch nicht.

Und gerade in den Tagen der Fußballweltmeisterschaft stehen sie wieder an vielen Kassen bereit: Die kleinen Tütchen mit Klebebildern, die man in ein entsprechendes Sammelalbum einkleben muss, und gerade jetzt blühen sie in ihrer populärsten Form – als Bildchen von Fußballern. Der große Reiz liegt darin, dass man nicht weiß, welche Bildchen sich in der gerade erworbenen Tüte befinden, bis man sie geöffnet hat, und wenn die Wundertüte dann enttäuschenderweise Bilder enthält, die man schon längst hat, dann floriert der Tauschmarkt allerorts. Denn es sind keineswegs in erster Linie Kinder, die dem Sammel-, Tausch- und Einkleberausch verfallen sind.

Wie so oft bei einer großen Erfolgsgeschichte fing alles ganz klein an. Die zwei italienischen Brüder Panini begannen mit einem Zeitungskiosk in Modena im Jahre 1945. Neun Jahre später, 1954, gründeten sie ihren eigenen Zeitungsvertrieb.

Die Idee mit den Klebebildern wurde erstmals 1961 realisiert, als der gerade gegründete Panini-Verlag ein Stickeralbum mit Bildern italienischer Fußballmannschaften herausgab. 1974 erschien die erste Panini-Sticker-Ausgabe in Deutschland, und auch hier wurden die Fußballbilder der große Renner. Daneben gibt es mittlerweile aber noch viele andere Sammelalben, am erfolgreichsten nach dem Fußball sind Motive von Disney und von Barbie, denn auch Mädchen sammeln und kleben gerne, nur eben nicht unbedingt Bilder von Fußballern.

1988 wurde die Firma Panini erstmals verkauft und wechselte danach noch mehrfach die Besitzer. Sie expandierte weltweit und entwickelte sich zur Panini-Gruppe, die ihre Produkte – vornehmlich Sticker und Comics – in 110 Ländern unter die Kinder und Jugendlichen wirft. Dafür sorgen knappe 600 Mitarbeiter, die immerhin einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro erwirtschaften. Sitz der Firmenzentrale ist nach wie vor das norditalienische Modena (die deutsche Niederlassung befindet sich in Nettetal bei Düsseldorf). Und nach wie vor werden die Sammelbilder von der „Fifimatic“, einer einst von einem der Paninibrüder erfundenen Packmaschine, eingetütet.

Heute ist Panini Weltmarktführer für Sammelbilder und der viertgrößte Verlag für Jugendzeitschriften Europas.

So beliebt ist Panini in Italien, dass im Januar 2006 sogar eine offizielle Panini-Briefmarke herausgegeben wurde, denn die „Calciatori“, die italienischen Flussballbildchen, wurden 45 Jahre alt! Der Minister für Kommunikation präsentierte die neue Briefmarke im Rahmen einer Feierstunde in Anwesenheit des Geschäftsführers von Panini.

Die Fußballweltmeisterschaft ist naturgemäß die Zeit, in der Panini einen Riesenreibach macht. Panini versteht es, das unschuldig-kindliche Image zu pflegen und der Niedlichkeitsfaktor ist besonders hoch, wenn erwachsene Menschen Bildchen von Fußballern tauschen. Denn während zu normalen Zeiten vornehmlich Kinder ihr Budget an Taschengeld in Sammelbilder von Pokemon oder Harry Potter investieren, beginnen zur Fußballweltmeisterschaft auch diejenigen zu sammeln, die sich sonst eher für abstrakte Kunst interessieren.

Kühl betrachtet sind Panini-Alben eigentlich eine vortreffliche Kapitalanlage. Vollständige Alben der Fußballweltmeisterschaft 1970, damals mit Pelè und dem jugendlichen Beckenbauer (noch ein Kaiserlein), erzielen heute bei eBay vierstellige Beträge und selbst unvollständige Hefte bringen noch beachtliche Summen ein.

Waren es 1970 noch nur 271 Sticker, so fasst das Album zur Fußballweltmeisterschaft 2006 nun 596 Bilder und einen Spezialsticker (Jens Lehmann), so viele wie nie zuvor. Neben den einzelnen Spielern aus 32 Nationen gibt es Mannschaftsfotos, Stadien, Maskottchen und die beliebten glitzernden Wappen. Die Tüten mit den Sammelbildern gibt es in Zeitungs- und Spielzeugläden, an Tankstellen und Kiosken, insgesamt an rund 70.000 Verkaufsstellen in Deutschland. Das Sammelheft ist für den günstigen Preis von einem Euro erhältlich. In jeder Sammelbildertüte zu 50 Cent findet man fünf Bilder. Theoretisch müsste man also mit 120 Tütchen sein Album befüllt haben, das dann übrigens mit schlappen 61 Euro einen stolzen Preis erreicht hätte. Aber so läuft das natürlich nicht.

Panini dementiert die sich hartnäckig haltenden Gerüchte, die einzelnen Spieler seien keineswegs in gleichen Mengen gerecht auf die Tütchen verteilt, aufs Energischste. Es muss also ein unglücklicher Zufall sein, dass der Sohn unserer Nachbarn letzthin über den vierten Philipp Lahm enttäuscht war, während ihm Ronaldinho noch immer fehlt. Denn ein ausgeklügeltes und selbstverständlich geheimes System sorgt, so heißt es, dafür, dass alle Spieler gleich oft in den Handel kommen. Allerdings geistert inzwischen eine „Studie“ durchs Internet, die die nicht ganz von der Hand zu weisende Argumentation vertritt, dass Sammler bei ungleicher Verteilung der einzelnen Bilder mehr Geld in die Vervollständigung ihrer Sammlung stecken müssten, was durchaus in den wirtschaftlichen Interessen des Verlages läge. Das augenzwinkernde Fazit des Verfassers dieser „Studie“ ist, dass dies in letzter Konsequenz zur Verarmung der Gesellschaft und zu einer Kapitalkonzentration im Panini-Konzern führe.

Die Bekanntheit des einzelnen Spielers und die Häufigkeit seines Vorhandenseins bestimmen die Tauschpreise auf dem Schulhof. Die Schulhofbörse hat heute jedoch Konkurrenz im Internet bekommen, wo der Tauschhandel zurzeit floriert. Getauscht werden muss, sonst wird es richtig teuer. Denn anfangs, wenn das Heft noch leer ist, macht es Spaß, die Tüten zu öffnen und neue Bilder einzukleben, je voller das Album aber wird, desto größer wird der Frust, weil man nur noch Doppelte herausholt. Wer es sich leisten kann, kauft die letzten 50 fehlenden Bilder einfach direkt auf der Website von Panini, wobei der eigentliche Reiz aber doch irgendwie fehlt und hartgesottene Sammelfans diese Vorgehensweise als Frevel betrachten.

Panini ist auch gerne bereit, bei der Suche nach fehlenden Raritäten aus der Vergangenheit behilflich zu sein. Das kann man aber auch erwarten, denn alleine zur letzten Fußballweltmeisterschaft in Japan/Südkorea verkaufte Panini in Deutschland 30 Millionen Tüten. Dieses Ziel war auch für 2006 angestrebt, bis Juni waren aber schon mehr als 100 Millionen Tüten ausgeliefert worden und 4,5 Millionen Alben im Umlauf. Die ausgelassene Fußballpartystimmung, die Deutschland erfasst hat, wird mit gigantischem Run auf die Fußballbildchen sicherlich dafür sorgen, dass auch bei Panini die Partystimmung immer ausgelassener wird. Nur die Mexikaner und die Italiener toppen die Deutschen bisher in ihrer Sammelleidenschaft, was sich in diesem Jahr allerdings ändern könnte.

Ganz so einfach ist die Produktion für Panini aber nicht. Vor der Drucklegung müssen die Lizenzen von der Fifa, von den Nationalmannschaften und von den einzelnen Spielern eingekauft werden. Hiermit beginnt Panini schon ein Jahr vor der Meisterschaft, wenn das Teilnehmerfeld noch gar nicht festliegt. Es ist aber schon vorgekommen, dass Panini das Einverständnis der Spieler, nicht aber ihres nationalen Verbandes hatte. In der Folge wurden die Bilder der Spieler zwar gedruckt, doch trugen sie neutrale T-Shirts, nicht die Nationaltrikots. So tragen im Album 2006 Beckham und Kollegen langweiliges Weiß statt ihrer englischen Nationaltrikots mit den drei Löwen und auch das Mannschaftsbild fehlt.

Auch den umgekehrten Fall hat es schon gegeben: 2004 verweigerte Oliver Kahn die Lizenz und fehlte deshalb im Album, obwohl er die Nummer eins im deutschen Tor war. Dumm gelaufen, 2006 gibt es zwar Platz für ihn im Album, aber nicht im Tor. Die nach der kurzfristigen und überraschenden Entscheidung Jürgen Klinsmanns schnell noch hinterher gedruckten Bilder von Jens Lehmann empfiehlt Panini einfach irgendwo hinzukleben (nur wahre Kahn-Hasser werden es wagen, ihn einfach über Oliver Kahn zu kleben), denn der Platz für Lehmann fehlt im Album. Und Lehmann fehlt auch in den Tüten, weshalb die nachgedruckten Bilder großzügig verteilt wurden, um die verstörten Sammler zu beruhigen. Mittlerweile werden sie allerdings nicht mehr einfach so verteilt und können nur noch teuer dazu gekauft werden (ab 4,99 Euro pro Bild).

Die Sammelleidenschaft, die wie eine Sucht zu sein scheint, hat sogar schon für eine erste politische Panini-Affäre in Deutschland gesorgt: Bei einer Debatte über Hartz IV im Landtag von Nordrhein-Westfalen klebte der CDU-Bauminister Panini-Bilder in sein Sammelalbum, woraufhin die Grünen empört eine offizielle Anfrage an die Regierung stellten, ob denn das Einkleben von Panini-Bildern zu den Arbeitspflichten eines Ministers gehöre. Nun denn, hoffen wir, dass der Minister wenigstens die deutsche Mannschaft vollständig zusammenbekommen hat und nicht so viele Holländer übrig hat, die hierzulande angeblich vermehrt zu bekommen sind. Und dass er das Tauschen auf die Sitzungspausen verschiebt.

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